Eine Debatte über die 6-Tage-Woche ist ehrlich und würdigt endlich die Menschen, die den Staat schon heute am Leben halten

Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum Foto: Manfred Kopka Lizenz: CC0


Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lobt die griechische 6-Tage Woche und die Reaktionen fallen wie erwartet aus: Tod & Teufel, Ausbeutung und Sklaverei. Der Versuch, eine unideologische, realitätsnahe und faktenbasierte Grundlage aufzubauen.

Der Marburger Bund stellte bereits 2017 fest, dass quasi jeder Arzt 5-9 Überstunden pro Woche leistet. Im Endeffekt bedeutet das, dass Ärzte bereits heute eine 6-Tage-Woche haben. Im Nachgang der Corona-Pandemie kam es zu einer Zunahme an Todesfällen durch Krebs sowie Herz-Kreislauferkrankungen. Das RKI kam zu dem Ergebnis, dass unterlassene Arztbesuche aus Sorge vor einer Infektion eine der Hauptursachen waren.

Daraus lässt sich eine einfache, aber treffende Beobachtung ableiten: Die Anzahl vermeidbarer Todesfälle korreliert mit der Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen. Um ärztliche Leistungen zu erbringen, sind aber Ärzte notwendig. Was, wenn alle Ärzte nach 40 Arbeitsstunden in den Feierabend gingen?

Kraft des Faktischen gibt es derzeit stillschweigenden Konsens: Über Überstunden spricht man nicht, man arbeitet einfach und politisch-gesellschaftlich wird die Utopie verkauft, es gäbe allgemein eine 5-Tage Woche mit 40 Arbeitsstunden, die Grüne Jugend forderte jüngst sogar die 4-Tage Woche. Aktuell gibt es eine weitreichende Debatte um die Öffnungszeiten von KITAs, hier formiert sich massiver Widerstand gegen etwaige Pläne, die maximale Betreuungszeit zu reduzieren. Der Hintergrund ist der zunehmende Personalmangel in den Kitas. Das Argument der Eltern ist simpel: Wir müssen arbeiten.

Erlaubt sei eine einfache Frage: Angenommen, die Kita hat geschlossen, da einfach niemand mehr zur Betreuung der Kinder anwesend ist. Welchen Wert hat Ihr Rechtsanspruch für Sie persönlich in diesem Moment?
Die Frage muss nun erweitert werden: Die so genannte gesetzliche Hilfsfrist, das ist die Zeit, die zwischen Notruf und Eintreffen der Einsatzkräfte vergehen darf, liegt in Ballungszentren in NRW bei 8 Minuten. Angenommen, Sie haben einen Herzinfarkt, die Rettungskräfte treffen, da Kollegen nach 40 Stunden Feierabend gemacht haben, erst nach 13 Minuten ein. Zu diesem Zeitpunkt sind Sie seit 3 Minuten tot.  Welchen Wert hat die gesetzliche Hilfsfrist für Sie persönlich in diesem Moment?

Die abzuleitende Frage ist also tatsächlich: Welche Opfer sind eine 5-Tage Woche wert? Alle? Darauf kann man sich gesellschaftlich festlegen, muss dann aber auch dazu stehen. Mehr vermeidbare Tote, weniger Versorgung durch Notdienste, weniger Ansprachebereitschaft und längere Reaktionszeiten. Sprich: Weniger Sicherheit. Ähnliche Beobachtungen lassen sich bereits heute auch bei Polizei und Feuerwehr aufstellen und es ist alleine den persönlichen Opfern der Beamten und Freiwilligen zu verdanken, dass das uns bekannte System zumindest hier bis zum heutigen Tage funktioniert. Ähnlich verhält es sich in der Pflege, in der technischen Instandhaltung sowie im Handwerk. Kurzum, für viele existienzielle Berufsfelder ist eine 6-Tage Woche heute bereits der Standard. Denn: Niemand soll unnötig an einem Herzinfarkt sterben. Wer in Notlage ist, dem soll natürlich zeitnah geholfen werden. Das ist Konsens.
Ein Supermarkt muss nicht zwingend bis 22 Uhr geöffnet sein, der Staat bricht nicht zusammen, wenn REWE um 20 Uhr schließt. Der Blinddarmdurchbruch aber führt eben zum Tod und abstrahiert zum Zusammenbruch des Staates. Der behandelnde Arzt hat gar keine Wahl und sein Berufsethos wird immer dazu führen, dem Patienten das Leben zu retten. Also: Dumm, wer Verantwortung übernimmt?
Wieso dürfen sich viele Menschen mit Bürojobs genau der Verantwortung entziehen, während zahllose Menschen den Luxus selbstbestimmt über ihre Zeit zu verfügen gar nicht mehr haben? Mehr noch, wieso dürfen sie den Luxus nutzen, auf Kosten ebendieser Menschen ihr 40-Arbeitsstunden-Leben weiterzuleben? Ich möchte persönlich nicht 6 Tage arbeiten, mir sind die Folgen, auch psychologisch, die eine solche Belastung mitsichbringt klar und aus eigener Erfahrung bekannt. Die arbeitsmedizinische Perspektive mit sämtlichen validen Kontraargumenten möchte ich daher hier bewusst nicht aufmachen. Es ist aber bereits heute abzusehen, dass die Anzahl an Fachkräften zukünftig weiter abnimmt, verbunden mit einer alternden, versorgungspflichtigen Gesellschaft. Hinzu kommt eine bereits heute in weiten Teilen marode Infrastruktur, sprich es besteht nicht nur der Anspruch der persönlichen Versorgung, sondern auch die Frage des technischen Fortschritts und Erhalts Europas. Am Ende bleibt eben eine simple Erkenntnis, es gibt nicht unbegrenzt Personal und nicht unendlich viele Stunden am Tag.
Eine Debatte über die 6-Tage-Woche, idealerweise verbunden mit dem Eingeständnis, dass diese bereits heute für viele Arbeitnehmer gelebte Praxis ist, ist somit einfach ehrlich und insbesondere solidarisch. Das von zahlreichen Kommentatoren mit stammtischartiger Überzeugung kommunzierte „Nein“ löst ja nicht das Problem, sondern verschiebt lediglich die unabdingbare Antwort auf das Problem. Auf dem Weg ist Büro habe ich heute eine Mail erhalten. Ab August werden die Öffnungszeiten der Kita meines Sohnes reduziert. Die aus der Kraft des Faktischen erwachsenden Konsequenzen verschwinden ebenso wenig, wie der unterlassene Arztbesuch bei einem Herzinfarkt.
Und genau deshalb ist die Debatte richtig.

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el_emka
el_emka
18 Tage zuvor

Wie genau es dem überarbeiteten Arzt hilft, wenn alle anderen auch mehr arbeiten, erschließt sich mir nicht ganz. Außer, dass ihm die Arbeit auch langfristig nicht ausgeht, weil noch mehr Menschen stressbedingte Herzprobleme bekommen, aber vielleicht gleicht sich das langfristig mit einer sinkenden Lebenserwartung wieder aus.

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