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Eine Parallelwelt der Oper – eine Anekdote

Opernhaus -gemeinfrei

Der inzwischen erlangte Stress veranlasste mich, bei der studentisch organisierten Veranstaltungsplanung kürzer zu treten und eine Bleibe in Duisburg zu suchen. Die Universität präsentierte sich den Studierenden zwar als Fahruni, der Einzugsbereich umfasste den Niederrhein, das Ruhrgebiet und reichte hinab bis in das Sauerland und die Eifel, doch eine Nähe zur Bibliothek war mir wünschenswert. Die Öffnungszeiten reichten bis in die späten Abendstunden. Die Abhängigkeit von PKW und Fahrzeiten, zudem vom Elternhaus samt der dortigen sozialen Gepflogenheiten ließ mich ein Zimmer in einem Studentenwohnheim anmieten, in einer Sechser-WG, die sich über zwei Etagen erstreckte. Um das Zimmer aber finanzieren zu können, benötigte ich einen Job.

Einer der WG-Bewohner erfuhr wenige Wochen nach meinem Einzug, dass die damalige Oper Oberhausen – inzwischen ist dort ein Sprechtheater untergebracht – Studenten für die Technik suchte. Ich konnte mir unter der Beschreibung zwar nichts vorstellen, aber es wurde ein monatlicher Lohn in Aussicht gestellt; und die Liebe zur Musik war mir geblieben. Wir stellten uns bei einem persönlichen Besuch vor und bekamen vom Amt der Stadt jeweils einen studentischen Aushilfsvertrag.

Aber ich war in einer krassen Parallelwelt angekommen. Die künstlerisch Beschäftigten stammten überwiegend aus Osteuropa, und der Weg zu einer Anstellung, wurde in der Keller-Kantine erzählt, führte durch das Bett des Intendanten. Wie zur Demonstration lutschte, kaute und aß eine der Tänzerinnen mir direkt am Tisch gegenüber an einer Banane.
Die Utensilien jedes aktuellen Stückes bewahrte man in Fächern hinter der Bühne auf, die an einem großen Flur lagen. Die Teile waren bisweilen riesig, aber nur in Ausnahmefällen schwer. Zunächst galt es zu lernen, wie die Ungeheuer zu packen waren, damit sie transportabel wurden. Morgens waren Proben, abends Veranstaltungen zu betreuen, im Schichtdienst.

Mit Vorliebe sah ich mir die Proben und gespielten Stücke von der Seitenbühne aus an, hinter den schwarzen Schals versteckt. Im Aufenthaltsraum der Techniker wurde indes Bier getrunken, wenn keine Handreichungen oder Szenenwechsel anstanden. Verdi wurde zum Beispiel gegeben, Falstaff. Der Intendant suchte auch nach unbekannten alten Werken, um sie erstmalig aufzuführen.
Spannender waren für mich eingekaufte Musicals: Linie 1, der kleine Horrorladen und die Rocky Horror Picture Show. Diese Musicals begeisterten in der Stadt ein junges Publikum. Als nach einer Aufführung der Rocky Horror Picture Show jedoch dreimal um Zugabe geschrien wurde, bestieg der Intendant die Bühne und stellte unmissverständlich klar: Es handle sich nicht um die Hitparade – ein Pfeifkonzert begann.

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