„Die Sprache der Kunst ist Englisch“ – oder wie ich einmal der politischen Korrektheit bezichtigt wurde.

Es gibt Veranstaltungen mit einem besonders hohen Grad an  niveauvoller Geschwätzigkeit bei gleichzeitig überproportionalen Erleuchtungsanteilen. Dazu zählen auf jeden Fall kollektiv organisierte und moderierte Gespräche über Kunst.

In diesem Fall über die Emscherkunst, denn gestern wurde im Nordsternpark endlich der Katalog zur Ausstellung präsentiert. Auf meine Frage, wieso der Katalog in Deutsch und Englisch nicht auch eine türkische Übersetzung zumindest der wichtigsten Texteile enthält, bekam ich dort zwei der Welt mitteilenswerte Antworten.

Die eine von Professor Petzinka. Die lautete sinngemäß: Im Ruhrgebiet werden mittlerweile über 100 Sprachen gesprochen, da müsste man entweder in alle Sprachen übersetzen  oder aber nur  in Englisch. Auf meinen Hinweis, dass in der Stadt New York noch viel mehr Sprachen als im Ruhrgebiet gesprochen würden, aber mittlerweile mehr als 40% der Einwohner spanisch als  Muttersprache hätten, und deswegen alle wichtigen Mitteilungen dort in englsch und spanisch  gemacht würden, bekam ich keine Antwort.

Genauer gesagt bekam ich sie nicht von ihm sondern von einem der vielen anwesenden Kunstprofessoren, namens Prof. Dr. Huber. Während ihn Professor Petzinka dankbar anstrahlte wollte mir der  auch als renommierter Künstler bekannte Mann offensichtlich unmissverständlich deutlich machen, dass allein meine Frage schon eine Beleidigung seines erkenntisgesättigten Verstandes sei. Und er wollte dabei offensichtlich auch noch witzig sein.

„Ich als bekennender Bayer kann auf diesem Podium einfach mal politisch unkorrekt sein und muss deswegen ohne wenn und aber klarstellen: Die Sprache der Kunst ist Englisch.  Aus und Punkt!“ Im inoffiziellen Teil der Veranstaltung teilte mir der Mann im Vorbeigehen noch mit, dass der Katalog eigentlich nur in Englisch hätte verfasst werden müssen, weil eigentlich auch  Deutsch nicht die Sprache  der Kunst sei.

Meine Antwort, dass die Sprache der Kunst nur die Sprache der Künstler sein kann und dass das Englische nicht deswegen schon die Sprache der Kunst ist, weil sie zur Zeit die Rolle einer Weltsprache einnimt, bekam der Mann natürlich nicht mehr mit.  Ich fragte mich dann, was und in welcher Sprache z.B. Pablo Picasso oder Frida Kahlo oder Leonardo Da Vinci zu Herrn Huber gesagt hätten. Aber was sind die gegen einen deutschen Kunstprofessor von dem ich im Internet keinen einzigen von ihm selbst verfassten englischen Text gefunden habe. Aber vielleicht habe ich nicht lange genug gesucht.

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13 Kommentare

  1. #1 | Bertrand sagt am 20. August 2010 um 11:51 Uhr

    https://home.earthlink.net/~lrbacich/_images/calvinhobbs.jpg

    sorry for the bad image quality. It reads:

    Calvin: This is my latest snow sculpture.

    Hobbes: Where?

    Calvin: All of this!

    Hobbes: But you didn’t do anything.

    Calvin: Right. Art is dead. There’s nothing left to say. Style is exhausted and content is pointless. Art has no purpose. All that’s left is commodity marketing.

    Consequently, I’m signing this landscape. And you can own it for a million Dollars.

    Hobbes: Sorry … it doesn’t match my furniture.

    Calvin: The problem with being Avant-garde is knowing who’s putting on who.

  2. #2 | Arnold Voss sagt am 20. August 2010 um 15:21 Uhr

    Tank´s for this fucking good comment!

  3. #3 | helmut Junge sagt am 20. August 2010 um 16:03 Uhr

    Ich les grad die Werbung auf dieser Seite:
    „See more ideas to make cities livable“ von einer niederländischen
    Gesellschaft.
    Für diese Gesellschaft ist der Markt günstiger, wenn sie mehr Menschen anspricht.
    Darum wirbt sie hier in Deutschland. (in Enlisch)
    Muß ja wohl funktionieren, sonst würden die das doch nicht machen.
    Könnte es nicht sein, daß die Veranstalter „Emscherkunst“ nicht ebenso glauben,
    daß sie mit Englisch erfolgreicher sind, weil sie marktorientiert an Besucherzahlen denken, und daß türkisch sprechende Besucher nicht in ihrem, am Marktanteilen ausgerichteten Denken, keine hohe Quote haben.
    Wer glaubt, daß Kultur wichtig für die Persönlichkeitsbildung junger Menschen ist,
    denkt natürlich, daß sie allen Menschen so nahe gebracht werden sollte, wie es nur geht. Solche Menschen haben natürlich das Recht, bei Veranstaltungen, die von Steuergeldern finanziert werden, ein Konzept, das diesen Punkt nicht berücksichtigt, auch heftigst zu kritisieren. Wichtiger wäre natürlich, daß diese Kritik von der benachteiligten Zielgruppe kommt, denn es sind auch ihre Steuergelder.
    Aber wenn ich dann selber gefragt würde, käme ich vielleicht zu dem Schluß, daß Englisch immerhin die Chance bietet, über den deutschen Tellerrand hinaus zu blicken. Und das ist ein Wert, den man überhaupt nicht hoch genug einschätzen kann.

  4. #4 | JK sagt am 20. August 2010 um 16:25 Uhr

    In Istanbul hat man das ganz einfach gelöst. Deutsch Englisch Türkisch. 3 Sprachen zur Auswahl und irgendeine davon wird man ja schon sprechen.

    Die ganze Kulturhauptstadt wird da unten anders gefeiert. Man merkt das da etwas ist. Hier merkt man nichts, es ist einfach so wie immer. Man kann ja noch nicht mals etwas auf Türkisch anbieten.

  5. #5 | Peter Erik Hillenbach sagt am 20. August 2010 um 16:47 Uhr

    We should rather think about a „Professor Petzi & his Who-Bear“ comic instead of Calvin and Hobbes. Petzi & Who-Bear should act like Winnie the Pooh and Piglet and experience some remarkable adventures in the foreign land of Artistan, maybe the first episode playing in M’Scha Valley (= Emschertal, Copyright Perik) where they encounter Turkish concept artists arguing about Denglish catalogue texts. How about that?

  6. #6 | Dirk Haas sagt am 20. August 2010 um 21:50 Uhr

    Ha, Petzinka, Kunst, Nordsternpark … dazu passt eine schöne Realsatire, die letztens die Runde machte:
    https://www.facebook.com/video/video.php?v=129221467102471

    Wer RUHR.2010 verstehen will, muss das gesehen haben (-:

  7. #7 | Links anne Ruhr (21.08.2010) » Pottblog sagt am 21. August 2010 um 09:24 Uhr

    […] Emscherkunst: „Die Sprache der Kunst ist Englisch“ (Ruhrbarone) – […]

  8. #8 | Arnold Voss sagt am 21. August 2010 um 10:24 Uhr

    @ Helmut Junge #3 @ JK #4

    Natürlich bin ich der Meinung, dass ein Katalog zur Emscherkunst auch in Englisch geschrieben werden muss, weil diese Sprache zur Zeit als Weltsprache fungiert und die Kulturhauptstadt bzw. die Ausstellung die ganze Welt ansprechen soll und will. Deswegen habe ich ja auch nicht gefragt ob statt Englisch sondern ob zusätzlich zum Englischen auch das Türkische die Sprache der Wahl sein sollte, da es die Muttersprache der bei weitem größte Migrantengruppe in der Emscherzone ist. Das einer der Partner-Kulturhauptstadt Istambul ist, käme dabei als Grund noch hinzu, wäre für mich aber nicht ausschlaggebend.

    Das eigentlich Idiotische an diesem Satz war allerdings, was übrigens nicht heißt, dass ich den Mann der ihn so apodiktisch gesprochen hat, für einen Idioten halte, ganz im Gegenteil, und mal abgesehen davon, ob die Aussage richtig oder falsch ist: Er kann und konnte logisch korrekt nur in Englisch gesagt werden. Und zwar in einem perfekten Hochenglisch, wobei die Frage ist, ob es das amerikanische oder das englische Englisch zu sein hätte. Nimmt man zusätzlich an, dass der Satz auch inhaltlich richtig ist, dann könnte darüber auch nur in perfektem Hochenglisch diskutiert werden.

    Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass auch nur einer der auf der Veranstaltung Anwesenden dazu in der Lage gewesen wäre. Mich eingeschlossen, obwohl ich mich in dieser Sprache fließend unterhalten kann. Allerdings nur in der amerikanischen Fassung.

  9. #9 | Arnold Voss sagt am 21. August 2010 um 10:52 Uhr

    @ Dirk Haas #6

    Danke, ich kannte diesen link noch garnicht. Er sagt allerdings alles über die durchaus dubiose Rolle Petzinkas bei der Kulturhauptstadt aus. Das alte Ruhrgebiet eben, in dem eine Hand die andere wäscht. Daran hat sich auch während der Kulturhauptstadt offensichtlich nichts geändert. Ganz im Gegenteil.

    Grundsätzlich habe ich allerdings nichts gegen einen Herkules oder eine Banane oder Ähnlichem auf einem der vielen klassischen Ruhrtürme. Ganz Im Gegenteil. Ebenso habe ich nichts Grundsätzliches gegen die Ausstellung „Emscherkunst“ einzuwenden.

  10. #10 | Arnold Voss sagt am 21. August 2010 um 11:02 Uhr

    @ Peter Erik Hillenbach # 5

    That´s a fucking great idea.

  11. #11 | Dirk Haas sagt am 21. August 2010 um 12:56 Uhr

    @Arnold (#9): Die intellektuelle Schlichtheit, mit der Karl-Heinz Petzinka and his Malerfürst den Turmbau zu Gelsenkirchen (samt Götterliebling Herkules) begründen, will ich gar nicht thematisieren (das Interview ist da entwaffnend genug).

    Bemerkenswert ist das feudalistische Grundmotiv des gesamten Projekts, das die Autoren von eiskellerberg.tv im begleitenden Text richtigerweise auch besonders herausgestellt haben.

    Bemerkenswert allerdings auch, wie sich das Ruhrgebiet eine bereits seit langem in Düsseldorf herumgeisternde Idee, die Lüpertzschen „Königskinder“ auf den Dächern zweier, von Petzinkas Büro entworfener Wohntürme …
    https://www.duesseldorf.de/planung/projekte/wohnbau/koenigskinder/index.shtml … als essentiellen Beitrag zur hiesigen Kulturhauptstadt hat verkaufen lassen.

  12. #12 | Arnold Voss sagt am 21. August 2010 um 13:27 Uhr

    Das Problem dieser intellektuellen Schlichtheit ist ihre alles noch verschlimmernde Verbindung zur Borniertheit. Im Letzteren gibt es dann auch eine enge Verbindung zum verbeamteten Kunstintellekt alias Huber. Was der Mann uns ja eigentlich sagen wollte ist: Wer des Englischen nicht mächtig ist hat zur Kunst sowieso nichts zu sagen geschweigen kann er sie angemessen verstehen oder produzieren.

    Die ganze bildungsbürgerliche und sehr deutsche Dummheit/Arroganz kann in einem Satz nicht klarer auf den Punkt gebracht als in eben diesem, den ich hier von diesem Mann in der Überschrift zitiert habe.

    Was uns dieser selbstverliebte Kunstprofessor allerding damit noch sagen wollte, gefällt passionierten Schönrednern/schwätzern wie Petzinka noch viel besser: Kunst kann nur ernst genommen werden, ja ist nur dann Kunst, wenn sie internationale Anerkennung findet.

    Da freut sich dann auch so jemand wie Professor Florian Matzner, der Kurator der Emscherkunst, denn er hatte auf die Frage einer Zuhörerin, wieso kein einziger im Ruhrgebiet lebenden und arbeitenden Künster bei der Emscherkunst mitwirken konnte/durfte in einer Weise rumgeeiert, dass es eine wahre intellektuelle Freude war, ihm – der ansonsten einen durchaus klugen Eindruck machte -dabei zuzuhören. Aber das ist ein anderes Thema.

  13. #13 | Papa Bär sagt am 27. August 2010 um 11:13 Uhr

    Kunst ist nicht das Produkt, sondern die Vermarktung desselben. Wenn Kunst nicht im Museumskeller verstauben soll muss sie dem Betrachter nahegebracht werden. Und je elitärer und arroganter diese Vermarktung stattfindet, desto kleiner wird der Kreis derer, die daran partizipieren. Dann allerdings muss auch die Frage erlaubt sein, wer denn diesen ganzen Kulturzirkus mit seinen Steuergeldern finanziert und ob diese möglicherweise breite Masse nicht auch einen Anspruch auf Beachtung hat. Und nicht nur die gepflegte Langeweile kleiner Eliten spektakulär vertrieben wird.

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