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Enno Lenze III: IDPs und syrische Flüchtlinge

irakisches IDP-Camp in Kurdistan

irakisches IDP-Camp in Kurdistan

Unser Gastautor Enno Lenze ist in den autonomen Kurdengebieten, die formal noch zum Irak gehören. Die Kurden und ihre militärischen Einheiten, diePeschmerga, bilden eine Front gegen die Terrorgruppe ISIS, die  immer weitere Teile Syriens und des Iraks unter ihre Kontrolle gebracht hat. Enno berichtet über seine Reise in seinem Blog – und als Crosspost auf den Ruhrbaronen.

24.06.2014, IDPs und syrische Flüchtlinge

Heute haben wir mit dem Flüchtlingen in Kurdistan gesprochen. Während bisher hunderttausende aus Syrien hier her flohen, kommen nun hunderttausende aus dem Irak dazu. Korrekterweise sind letztere “internally displaced people” kurz IDPs. Derzeit hat Kurdistan (im Irak) rund 5 Millionen Einwohner und beherbergt zwischen 500.000 und einer Million Flüchtlinge und IDPs. Die Camps werden immer von einem Set von Akteuren betrieben. Alle haben mit der UNHCR zu tun, die kurdische Regionalregierung (KRG) zahlt mehrstellige Millionenbeträge um das ganze zu finanzieren. Einige Camps, die wir nun sahen, werden von ACTED organisiert.

Das IDP Camp wird gerade noch aufgebaut, Bagger planieren die Flächen, Helfer bauen die Zelte, Strom und Wasserversorgung auf und MAG (kommerzieller Kampfmittelräumdienst, der für die Gegenden aus denen die IDPs kommen einen Auftrag hat) verteilt Informationen: Keine Munition aufheben oder aufsägen, einfach MAG anrufen und räumen lassen. Das Problem ist, dass man mit Munition Geld verdienen kann. Und wenn man wirklich nichts mehr hat und verzweifelt ist, dann sägt man auch Mörsergranaten auf um das Innenleben zu verkaufen.

Die Leute hier sind Grundversorgt: Zelte, Wasser, Mehl, grundlegendes Essen und etwas Strom. Im Dank Telecoms sans frontieres gibt es auch bald Kommunikation. Und es ist eben sicher vor der ISIS.

Bedrückend war jedoch die Aussage eines IDP. Er sagte er habe mehr angst vor Malikis (also der irakischen) Armee, als vor ISIS. ISIS würden nicht absichtlich auf die zivilisten schießen, sondern erst mal Fläche einnehmen und nur auf alles schießen, was sie daran hindert. Die irakische Armee schießt hingegen mit Katjuschas auf die Isis Gegenden. Er kam aus der Gegen um Tal Afar („somewhere around tal afar“), was recht viel bedeuten kann. Dort, so sagte er, seien sie vor wenigen Tagen mit Raketen beschossen worden.

Auf dem Rückweg hielten wir nochmal an einer der vollen Tankstellen. Die Leute stehen hier zwei bis drei Stunden an und erhalten dann 30l Benzin. Die Situation soll sich bald verbessern, da man dann mehr Benzin aus der Türkei bekommt. Bis Kurdistan genug eigene Raffinerien hat, wird das Problem bestehen bleiben. Rohöl kann man im Auto nun mal nicht tanken.

Ein junger Mann mit einem neuen Range Rover ließ auch beim Warten den Motor und die Klimaanlage laufen, beschwerte sich aber über das knappe Benzin.

Wir fragten alle, ob sie Angst vor der ISIS habe und dass diese den Krieg nach Kurdistan bringen. Die durchgehende Antwort ist sinngemäß „Nein, wir haben ja die Peschmerga!“. Viele sagten dann noch, dass sie auch jederzeit selber an die Waffe gehen, wenn es nötig wird.

Wie sich die Situation mit der ISIS entwickelt, werden wir ja sehen.

25.06.2014 Halabja und Sulaymania

Halabja Friedhof

Halabja Friedhof

 

Am Morgen des 16. März 1988 flogen gegen 10.35 Uhr mehrere Kampfjets der Irakischen Luftwaffe die Stadt Halabja nahe der Iranischen Grenze an. Sie warfen Giftgas auf die Bevölkerung ab. ca. 5.000 Menschen wurden direkt getötet, weitere 10.000 verletzt oder für ihr Leben geschädigt. Deutsche Unternehmen hatten Saddam dieses Programm maßgeblich aufgebaut. Zu ernsthaften Verurteilungen in Deutschland kam es nicht. Einer der beteiligten Unternehmer, Karl Kolb, hatte jedoch fünf Jahre zuvor das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Wir sahen uns heute Halabja, den Friedhof und das Halabja Monument an. Auf dem Friedhof steht bis heute ein Schild, welches den Anhängern von Saddams Baaht Partei den Zugang verbietet. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt, drum verweise ich an dieser Stelle auf den entsprecheden Wikipedia Eintrag, bzw. einen Spiegel Artikel von 1991.

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Am Abend ging es zurück nach Sulaymania. Diese Gegend war am 29. Februar 1988 ebenfalls mit Giftgas angegriffen worden. Heute steht hier eine wunderschöne Stadt mit 1.5 Millionen Einwohnern und einem Freizeitpark.

Donnerstag, 26.06.2014

Ich habe nun von (fast) zaxo bis Halabja die kurdisch/irakische Grenze besucht, die Front in Mosul, weiter im Norden und in Kirkuk besucht und habe hier keinen Krieg gesehen – nur Peshmerga, die die Grenzen sichern. Die Bevölkerung war zuversichtlich, aber etwas vorsichtig, was Zukunftsprognosen anging. Wir sahen eine Menge Flüchtlinge und IDPs die versorgt werden müssen und auch versorgt werden. Die Lage ist also viel besser, als ich erst befürchtet hatte, aber noch weiss man nicht, wie es endet.

Mâl awa Kurdistan! Ba hîwai dîdareki tr!
Machs gut Kurdistan, bis zum nächsten Mal!
See you next time, Kurdistan!

Mehr von Enno auf den Ruhrbaronen:

 Enno Lenze: Kurdistan – von Mosul bis Kirkuk

Enno Lenze II: “Die Sicherheitslage in Erbil ist etwa wie in Berlin.”

RuhrBarone-Logo

2 Kommentare zu “Enno Lenze III: IDPs und syrische Flüchtlinge

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