Es gibt nur eine Freiheit – und die entspringt dem Westen

Bücher Foto: Laurin


Als „Mosaikrechte“ der kulturellen Hegemonie von links-rot-grün trotzen – darauf lässt sich wohl die Idee der „alternativen“ Buchmesse
SeitenWechsel herunterbrechen, die am Wochenende zum ersten Mal in Halle stattfand. Doch wie verhält sich das Liberal-Konservative zum rechten Rand? Und bedeutet die Ablehnung des Konzepts „Brandmauer“, dass man jede Hemmung gegenüber Rechtsextremen verlieren muss? Von unserem Gastautor Tizian Sonnenberg.

Einer Analyse der Welt  zufolge profitierte die Buchmesse SeitenWechsel davon, dass rechte Verlage auf den großen Messen in Leipzig oder Frankfurt regelmäßig mit Antifa-Protesten konfrontiert waren und die Veranstalter ihnen in der Folge keinen Raum mehr gaben. Susanne Dagen, Verlegerin (Edition BuchHaus Loschwitz) und Kommunalpolitikerin (früher Freie Wähler, heute AfD), sah darin eine Marktlücke aufkeimen und beschloss, selbst eine Messe zu initiieren, auf der die Außenseiter wieder ihre Werke präsentieren dürfen.

Das Mosaik

Heraus kam ein Potpourri aus liberalen bis rechtsextremen Verlagen, Zeitungen und Buchhandlungen: Angefangen bei freiheitlich-konservativen Plattformen wie Kontrafunk, der Achse des Guten und Tichys Einblick, über rechte Publikationsorte wie Junge Freiheit oder Tumult, bis hin zum populistischen Jugendmagazin Krautzone, dem verschwörungsideologischen Compact-Magazin und dem neurechten Kreis rund um Jungeuropa und dem Antaios-Verlag. Immerhin wurde dem Verlag Sturmzeichen, der Werke der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck sowie das Heft Nationaler Sozialismus heute vertreibt, die Teilnahme verweigert.

Bürgerlich-mittige Häuser wie Westend oder LangenMüller waren zwar nicht mit eigenen Ständen, wohl aber mit Regalen vertreten. Zur Ansicht und zum Verkauf ausgestellt waren ebenfalls populäre Werke zur Causa Cancel Culture und woker Elite, zum Beispiel Julia Ruhs’ „Links-grüne Meinungsmacht – Die Spaltung unseres Landes“ und Ulf Poschardts „Shitbürgertum“. Auch liberale bis gemäßigt rechte Autoren wie Alexander Wendt, NIUS-Politikchef Ralf Schuler und der ehemalige NZZ-Kolumnist Alexander Kissler waren auf Podien vertreten. Exemplarisch für die Bestätigung der Hufeisen-Theorie war die Präsenz des Ahriman-Verlags, der freudo-marxistische Literatur herausgibt, sowie die Lesung des stramm antiimperialistischen Ex-Parteilinken Diether Dehm.

Dagens Impuls, das gesamte rechte Spektrum abzubilden, ging auf: Zu verzeichnen waren 91 Aussteller und ein reger Besucherandrang – von circa 5.000 im Vorfeld verkauften Tickets war die Rede. Rund um das Messegelände beteiligten sich zudem etwa 600 Menschen auf drei Kundgebungen unter dem Motto „Rechte Buchmesse stoppen“.

Doch was treibt Verlage und Medien, die sich unmissverständlich auf die Seite des Westens (zu dem Israel gehört) und der Aufklärung stellen (Achse des Guten, NIUS, Tichys Einblick), dazu, sich gemeinsam mit jenen zu präsentieren, die das Trio infernale Russland, China, Iran bewundern (unverblümt: das Compact-Magazin, subtiler Weltwoche) oder den Liberalismus selbst als menschliche Anmaßung denunzieren (z.B. Bendel, W., 2018: Aristokratie. Eine Streitschrift. Jungeuropa Verlag oder Krah, M., 2023: Politik von rechts. Ein Manifest.: Antaios Verlag)?

Politisch Heimatlose auf Orientierungssuche

Selbstredend existiert eine Repräsentationskrise konservativer und rechter Positionen in den öffentlich-rechtlichen Medien sowie in der staatlich geförderten Kultur- und Literaturlandschaft. Das hängt zum einen mit stark linksautoritär und postmodern ausgerichteten Studiengängen zusammen, deren Absolventen schließlich in wortführenden Redaktionen und Verlagshäusern landen; zum anderen mit einem Zeitgeist, der eine bestimmte Nachfrage erzeugt – hier das Bedürfnis nach postkolonialer Weltdeutung, dort das entsprechende Angebot. Umgekehrt führt dann auch die Dauerbeschallung mit antiwestlichen Schuldnarrativen und dekolonialer Selbstkritik zu moralischem Druck: Lesen fungiert hier als Bußübung.

Gleichzeitig lässt sich eine Inflation des Begriffs „rechts“ feststellen, durch die inzwischen selbst liberal-konservative Positionen in die Schmuddelecke gerückt werden. Beispiele hierfür sind das Akronym „AFDP“ oder die Instrumentalisierung des Migrationspakets von Merz als Vorwand für die „antifaschistischen“ Massendemonstrationen der Brandmauer. Erinnert sei erneut daran, wie Islam- und Migrationskritik per se als rassistisch diffamiert werden und jede positive Bezugnahme auf Nation oder Familie als „völkisch“ gilt. Außerdem ist es politisch legitim, rechts zu sein.

So stehen irgendwann auch Verlage vor der Entscheidung: „Wenn die nicht mehr mit uns wollen müssen wir halt zu denen, die noch mit uns wollen.“ Hätten die etablierten Buchmessen ihnen nicht die Plattform entzogen, müssten die gecancelten Verlage nicht die wenigen Gelegenheiten wahrnehmen, die ihnen noch bleiben. Auch an den Wahlergebnissen zeigt sich ja, dass die Strategie Brandmauer – Ausschluss, Distanzierung, keine Zusammenarbeit – die AfD nicht verkleinert, sondern verdoppelt hat.

Auf die Frage hin, wie sich SeitenWechsel zu dem vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften Antaios-Verlag verhält, antwortete Dagens Pressesprecher gegenüber dem MDR sinngemäß: Man wolle die Besucher nicht entmündigen – sie können selbst entscheiden, was sie lesen oder hören wollen. Da ist was dran: Rechtsextreme sind bei aller Kritik keine virenbefallenen Superspreader, deren bloß räumliche Nähe bereits zur Infektion führt.

Auch das Gefühl, seine Meinung nicht mehr ausdrücken zu können, seltener das zu lesen, was mit der eigenen Wahrnehmung der Wirklichkeit korrespondiert, oder den Eindruck zu haben, dauerhaft belehrt zu werden, hat sicherlich für viele Besucher die SeitenWechsel-Messe attraktiv gemacht.

So konstatiert Journalist Marc Reichwein in der Welt: „Wer mit Besuchern spricht, sei es in der Catering-Schlange oder am S-Bahnsteig, bekommt mehr als einmal zu hören, dass viele Anwesende von den öffentlich-rechtlichen Medien enttäuscht sind, von der Politik, von tonangebenden linken Milieus, die Deutschland bis in die Ämter hinein beherrschen. Auch davon, dass viele Medien bestimmte Themen seit Jahren ungenügend adressieren. ‚Für mich hat es mit der Kölner Silvesternacht angefangen‘, ‚für mich mit Corona‘, ‚für mich mit der völlig verfehlten Energiepolitik, die jetzt zu einer Deindustrialisierung Deutschlands führt und unseren Wohlstand auffrisst‘. Drei typische Stimmen für das Publikum auf dieser Messe.“

Man kann den gesellschaftlichen Stimmungswechsel – eine Dynamik, zu der die SeitenWechsel-Messe sicherlich dazugehört; manche nennen ihn „Vibe Shift“, andere sprechen vom beginnenden Zeitalter des „Post-Woke“ – auch als Chance begreifen. Das zeigen Stimmen aus der bürgerlichen Mitte, wie etwa Journalist Jan Fleischhauer im Podcast based, Episode #45, die meinen, das Pendel dürfe nach einem Linksdrall selbstverständlich auch wieder nach rechts ausschlagen, um sich schließlich in der Mitte einzupendeln. Ebenso vertreten ein paar undogmatische Linke die Ansicht, man müsse teilweise eher rechter Politik zustimmen – etwa illegale Migration stoppen –, um am Ende zu einem humanen, am Individuum orientierten und auch von links akzeptierten Asylrecht zurückzufinden.

Prüfsteine

„Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Um sie zu stoppen, muss man ihnen recht geben, wo sie recht haben, und sie dort kritisieren, wo sie die Wirklichkeit verzerren.“ bemerkte bereits 2016 der Philosoph Michael Schmidt-Salomon vor dem Hintergrund des auskommenden Rechtspopulismus.

Weil links-grün wiederholt unbequeme Tatsachen tabuisiert, können die Rechten das entstandene Vakuum nutzen und häufig Diskurshoheit beanspruchen. Um aufzuzeigen, welche Versäumnisse den Linken anzulasten sind, wo die Rechten tatsächlich punkten können, sich aber wiederum auch verrennen, werden im Folgenden die zentralen Streitfelder fragmentarisch skizziert. Dabei spielt die Buchmesse selbst eine untergeordnete Rolle, die dort verhandelten Themen hingegen sehr wohl. Es gilt, das größere Ganze – the bigger picture – in den Blick zu nehmen, um zu dechiffrieren, wo Liberal/Konservativ/Rechts endet und der Extremismus beginnt.

Dass der Islam und manch eingewanderte vormoderne Kultur Gewaltprobleme haben, bedeutet keinesfalls, dass Muslime nicht zu Deutschland gehören oder sich Migranten trotz „Kulturdiskrepanz“ nicht anpassen können und uns für immer „kulturfremd“ bleiben. Mit dem Islam und der Neuen Rechten ist das sowieso so eine Sache: Der rechtsreaktionäre Flügel prangert den sogenannten Liberalismus einer rechtspopulistischen Islamkritik an. Sie – die Neue Rechte –, gibt an einigen Stellen sogar zu, dass sie mehr gemein hat  mit islamischer Zucht und Ordnung, mit Kopftuch und männlichem Familienoberhaupt, als mit Minirock und Gleichberechtigung. Auf in sozialen Medien geteilten SeitenWechsel-Fotos waren einige Buben zu sehen, selbstinszeniert als stramme Kerle, die – das unterstelle ich ihnen – den Islam eher wegen seines Männlichkeitskultes beneiden, als ihn aufgrund von Wertekonflikten ablehnen. Stellvertretend für dieses Schisma der Rechten steht das Podium „Islam – kooperieren oder bekämpfen?“ mit Maximilian Krah und Tim Krause auf dem Schnellroda-Sommerfest 2024.

Somit ist auch die Rezeption von „kultureller Identität“ in der Rechten von Belang. Während die postmodernen Linken mit westlichen, meinetwegen auch abendländischen Ligaturen tabula rasa machen wollen und denken, die völlige Entfaltung des Individuums sei ohne eine Verständigung auf Gemeinsamkeiten möglich, wenden sie wiederrum bei ethnischen und sexuellen Minderheiten ein Gruppendenken an. Auch lässt sich eine linksgeprägte Abwertung der eigenen Kultur und Aufwertung der Fremden beobachten. Rechte hingegen möchten das nationale Wir, kollektive Wurzeln und eine Ontologie des Selbst revitalisieren. Zum einen sind da die Wertkonservativen à la Leitkultur und Verfassungspatriotismus, zum anderen jene völkischen Ethnopluralisten, die Kultur rassisch fixieren und eine unüberbrückbare Trennung zwischen „raumeigenen“ und „raumfremden“ Kulturen diagnostizieren.

Plump gefragt: Was machen wir dann mit einem hierhin migrierten Iraner, der klarer verinnerlicht hat, was Freiheit, Eigenverantwortung und Gleichberechtigung bedeuten als ein autochthoner Deutscher? Soll er vor die Tür gesetzt werden (Remigration), nur weil er mehr Perserteppiche in der Wohnung hat und sein Safran-Konsum höher ist als der von Tante Lisbett? Und überhaupt: Der Westen ist eine Idee. Zwar im Okzident entstanden, weil Judentum und Christentum die Basis für humanistische Werte gelegt haben, doch zeigen weltweite Säkularisierungsbewegungen, dass er nicht geographisch beschränkt ist. Wer meint, Menschen – ob aus Orient oder Okzident – seien ihrer Kultur nach unveränderlich so oder so und könnten mit universellen Menschenrechten nichts anfangen, oder wer etwa Genitalverstümmelung als Folklore abtut, der erklärt im Grunde, dass die Gattung Mensch nicht als Einheit existiert und die Anlage zur Vernunft aus „rassischen“ Gründen verstellt sei – für mich persönlich ist das eine Disqualifikation ins Abseits.

Wenn nicht schon die fragwürdige Integrations- und Migrationspolitik, so war spätestens das deutsche Coronamanagement für viele Menschen ein Wendepunkt. Was sie erlebten, war ein übergriffiger Staat, der bis in soziale Umgangsformen und die körperliche Selbstbestimmung hineinregierte. Panik wurde zur Regierungskommunikation, Angst zum Herrschaftsmittel. Die Entzweiung der Bevölkerung – „der Mensch ist dem Menschen ein Virus“ – zeigte sich in Personen, die ihr Gegenüber oder sich selbst als Gefahr wahrnahmen; in Alten, die vereinsamten, in Kindern, die fürchteten, Eltern oder Großeltern anzustecken. Maßnahmen wirkten unverhältnismäßig, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit willkürlich und Impfungen wie ein großes Experiment. Risiken und Nebenwirkungen wurden bagatellisiert, Impfgeschädigte nicht rehabilitiert, Ungeimpfte zu Bürgern zweiter Klasse erklärt.

Die Herrschaftskritik war neben der Religionskritik einst eine Domäne der Linken. Doch auf sie war bei Corona kein Verlass. Im Gegenteil avancierten die Linken, bis auf wenige Ausnahmen, gar zur Vorhut staatlicher Grenzüberschreitungen. Freie Medien wie die Achse des Guten, Tichys Einblick oder später NIUS gewannen auch deshalb an Zuspruch, weil sie den Benachteiligten eine Stimme gaben, lange bevor auch WELT, NZZ oder BILD zaghaft begannen, über das erlittene Unrecht zu berichten. Den bürgerlichen Freiheitsrechten und einem Wahrheitsanspruch verpflichtet, nahmen erstere dabei heftige Diffamierungen in Kauf. Das ist ihnen hoch anzurechnen.

Doch jede Impfung (z.B. MMR oder HPV) pauschal abzulehnen, wie das Compact-Magazin es tut, oder regierungsseitige Gesundheitsempfehlungen grundsätzlich, wie manch Libertärer, als Bevormundung zu deuten, geht zu weit. Hier verläuft die Grenze zwischen liberaler Kritik an autoritären Eingriffen und extremistischer Paranoia.

Wo wir schon beim Thema staatlicher Machtüberdehnung sind: Ein großer Verdienst der liberal-konservativen und freien Medien der letzten Jahre war es, die Machtkonzentration eines woken Establishments in Politik, Medien und Kulturlandschaft offenzulegen. Eigentlich auch ein klassisch linkes Thema – doch die Linken hatten wiedermals versagt. Die liberale Kritik an Cancel Culture und der Eindimensionalität der veröffentlichten Meinung darf jedoch nicht in ein spiegelverkehrtes Canceln umschlagen – etwa gegen Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen, Religionskritik am Christentum oder sachliche Sexualaufklärung. Der Unsinn der Einen entschuldigt nicht den Schwachsinn der anderen.

Das zeigt sich ebenfalls exemplarisch am Umgang mit der LGTBQ-Bewegung: Statthafte Kritik wendet sich gegen das neue Schubladendenken im Containerbegriff „Queer” und gegen die Aushöhlung von Frauen- und Homosexuellenrechten im Namen des Transaktivismus. Die reaktionäre Rechte hingegen lehnt TQ aus denselben Gründen ab, aus denen sie LGB ablehnt: Sexuelle Abweichler werden gebrandmarkt, weil sie angeblich die Geschlechterverhältnisse degenerieren, Tugenden und Sitten bedrohen und die traditionelle Familie gefährden.

Apropos Familie – auch ein Thema, das die Rechte groß verhandelt: Man kann fehlende politische Anreize zur Familiengründung kritisieren und davor warnen, die demografische Krise durch Zuwanderung aus geburtenstarken Kulturkreisen kompensieren zu wollen. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine Familie zwangsläufig aus Mann, Frau und Kind mit einer klaren Rollenverteilung aus Ernährer und Erzieherin bestehen muss. Warum nicht Kitas ausbauen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und homosexuellen Paaren die Adoption ermöglichen? Kita-Betreuung und Regenbogenfamilien können auch bestens ohne staatliche Indoktrination und queere Ideologie auskommen. Oft sind es gerade Homosexuelle, die die schärfsten Kritiker von Trans-, Queer- und Genderparadigma sind.

Als vorerst letzter Punkt, an dem sich die Spreu vom Weizen trennt, bleibt Israel: Die gegenwärtige Linke zeigt sich israelfeindlich bis antisemitisch und geriert sich lieber als Kumpanin islamistischer Kräfte des globalen Südens denn als Verteidigerin der Moderne.

Liberal-Konservative wissen, dass Israel auch unsere Freiheiten verteidigt und einen wichtigen Verbündeten im Nahen Osten darstellt. Rechte wiederum schätzen Israels militärischen Heroismus und seine kulturelle Resilienz. Bei der Neuen Rechten kippt die Haltung allerdings: Sie ist klassisch antiwestlich und sieht in Israel – ähnlich wie die Linke – einen Brückenkopf des „dekadenten Liberalismus” im ansonsten harmonischen Orient. Hier gesellen sich altbekannte antisemitische Ressentiments hinzu: Während jeder andere Nationalismus gutgeheißen wird, gilt der israelische als illegitim, da Juden, vorgestellt als Kosmopoliten, angeblich unfähig seien, einen Staat zu errichten. In dieser antisemitischen Ecke ist erneut das Compact-Magazin um Jürgen Elsässer federführend. Elsässer sendete Solidaritätsgrüße an die Gazaflotte, beklagt den Einfluss der „Israel-Lobby“ in den USA und feiert den Sieg antizionistischer Politiker wie Mamdani in New York, während er israelfreundliche Rechte wie Tommy Robinson attackiert. (alle Belege auf X)

Hinzu kommt das, was manch deutsche Rechte als „Schuldkult“ betiteln: Israels Existenz erinnert permanent an die eigene Vergangenheit, was ein unverkrampftes Verhältnis zum deutschen Nationalismus verstellt. So erklärte Gauland als „Überraschungsgast“ auf der SeitenWechsel-Bühne in Halle erneut seine berüchtigte Vogelschiss-Aussage: „Man darf ein Volk wegen zwölf Jahren nicht für alle Zeit abschreiben.“ (WELT, s.o)

Es gibt nur eine Freiheit – und die entspringt dem Westen

Der Knackpunkt jeder politischen Allianzbildung sollte die Gretchenfrage „Wie hältst du es mit dem Westen?” sein. Auch wer die moralinsauren Exzesse in der Ukraine-Berichterstattung satthat, muss sich nicht gleich auf die Seite Russlands schlagen.

Freiheit – ein Begriff, den auch die identitäre Rechte für sich beansprucht – bedeutet Abwesenheit von Zwang und nicht Rückfall in vormoderne Naturzwänge. Wie soll eine Buchmessen-Initiatorin auch glaubhaft den Westen verteidigen, wenn sie selbst einer Partei angehört, die gerade mit Vollgas in Sympathien Richtung vormoderner Romantik und asiatischer Despotie abdriftet? (siehe Chruppalla zuletzt bei Lanz)

Mich beschleicht ein Gefühl, dass die Kritik an der Erosion des Westens an sich selbst verrückt geworden ist und sie – die Zivilisationsmüden – nun, ganz im Stil Nietzsches, stoßen wollen, was eh schon im Fallen begriffen ist. Es geht nicht um Kontaktschuld im Sinne von: „Weil ihr euch mit den Falschen ablichten lasst, seid ihr selbst das Problem.“ Die Ablehnung gegenüber der allgegenwärtigen Distanziereritis ist nachvollziehbar. Redaktionen und Verlage müssen sich eben an ihren Inhalten messen lassen, und dabei die Grenzen scharf ausloten.

Auf X ist zu sehen, wie Neonazis und Rechtsextreme bereits versuchen die Messe als ihren Erfolg zu verbuchen, während Liberal-Konservative und politisch Heimatlose dahinter verschwinden. Ja, auch auf den traditionellen Buchmessen stellen Lobbyorganisationen autoritärer Un-Staaten, wie etwa das iranische Holocaustleugnerregime, ihre Pamphlete aus, wo sich linke Verlage überhaupt nicht abgrenzen.

Den prowestlich gesinnten, freien Medien stünde es jedoch gut zu Gesicht, angesichts der SeitenWechsel-Messe in der Sache weiterhin präzise Trennlinien zu ziehen. Vielleicht meint Peter Grimm auf der Achse des Guten genau das, wenn er schreibt: „Natürlich fanden sich in dieser Messehalle unter Ausstellern und Besuchern auch so einige, in deren Armen ich weder liegen, noch sie jemals in den Arm nehmen möchte.”

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Werbung