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Eschhaus-Duisburg: Wenn die roten Grosseltern erzählen

Helmut Loeven Eschhaus


Einstige AktivistInnen des legendären Duisburger Jugendzentrums Eschhaus diskutierten einen Einblick ihr damaliges Engagement – und gaben damit jungen Leuten in der einzigen deutschen Großstadt ohne soziokulturelles Zentrum Tipps und Traditionen auf den langen Marsch.

„Am Anfang waren Schwangerschaften“ erinnert sich Elke Fritzen, „mit 15, 16 waren damals viele junge Frauen schwanger.“ Und Elke Fritzen half sich selbst und anderen: „Wir haben Ärzte besorgt, rund ein halbes Dutzend waren das letztlich.“ Ein Schwangerschaftsabbruch war ja Anfang der Achtziger Jahre quasi illegal, der Paragraph 218 sanktionierte das unerbittlich. So kam Elke Fritzen in die Kreise der AktivistInnen, die sich seinerzeit für das Eschhaus als unabhängiges Jugendzentrum stark machten, die Liegenschaft lag in einem alten Fabrikgebäude in der Duisburger City. Jetzt macht sie unabhängige Sozialarbeit im Armutsstadtteil Hochfeld, zu ihren kommunalen Verdiensten gehört die Etablierung eines Frauenhauses. Und sie wurde mal zur Fraktionsvorsitzenden der Duisburger Grünen.

Auch Helmut Loeven war von der Pike auf dabei. „Als einziger vom ersten bis zum letzten Tag: Wir trafen uns vorbereitend mit 50 Leuten, selbst die Falken waren dabei, aber wir wollten Verbands- und Parteiunabhängig bleiben.“ Loeven eröffnete im Eschhaus den ersten linken Buchladen Duisburgs, noch heute führt er ihn in Duisburg-Neudorf als Buchhandlung Weltbühne weiter.

1975 also traf das Bestreben der bunten Schar nach einem unabhängigem Jugendzentrum auf das Wohlwollen prosperierenden Kommune. Es waren Duisburgs goldene Jahre, es waren die Jahrzehnte der 68er, es waren Jahre des kulturellen Aufbruchs. Die Stadt zahlte Miete, Heizkosten und Veranstaltungszuschuss für das weiträumige Gebäude einem Veranstaltungsaal im ersten Stock, mit Gruppenräumen und einem riesigen Café im Erdgeschoss.

„Es war die Zeit, in der die SPD Demokratie wagen wollte“, verortet der dritte Ehemalige auf der Podiumsdiskussion, Wolfgang Esch, im zwischengenutzten Laden 47 in der Duisburger Altstadt diese Blüte. Der pensionierte Stadtbeamte leitet jetzt eine „verarmte Stiftung“, wie er sagt.

Im Erdgeschoss des Eschhauses traf sich jeweils Samstag Abends die Dissidentenjugend Duisburgs zum Rockcafe: Die Fete machte den grössten Bierumsatz von Diebels Alt weltweit, erzählt man sich noch heute.    

Dazu regelmässiger Konzertbetrieb – etwa mit Weltstars wie Peter Brötzmann, Alexis Corner, Helge Schneider und später den Kassierern. Natürlich liess sich auch Peter Burschs Duisburger Krautrock-Band Bröselmaschine nicht zweimal bitten.

Ganz zweifelsfrei war der Laden auch seiner Zeit voraus: Jenseits von Melkweg und Paradiso in Amsterdam, ebenfalls verbandsunabhängige Vereinsgründungen, wurden im Ruhrgebiet gerade erst weitere Zentren erkämpft.

Während in Duisburg mit zunehmenden Fremdeln der kommunal mehrheitlich regierenden Sozialdemokraten die soziokulturelle Blüte zu Ende ging. Massgeblich Schuld daran zugewiesen wird auch einem Kulturdezernenten, der die Facharbeiter-Stadt auf Hochkultur orientieren wollte.

1987 war dann mit dem Eschhaus Schicht.

Seit Jahrzehnten also steht Duisburg als einzige soziokulturelle Großstadt ohne soziokulturelles Zentrum da. 

Generationen und Legionen von AktivistInnen wurden frustriert und zerschlissen, Häuser besetzt und nicht gehalten, neue Standort wurden erwogen und verworfen.

„Bei Soziokultur denkt man in Duisburg an barfüssige, ungewaschene Hippies“, werden Einschätzungen aus der Stadtverwaltung kolportiert.

„Uns wird die Situation so schwierig wie möglich gestaltet, das zieht sich endlos“, sagt die Aktivistin und Künstlerin Luise Hoyer, die sich mit anderen Unentwegten vergeblich seit Jahren an der Etablierung eines neuen Ladens unter Einbezug der Kommunalverwaltung abarbeitet.

Gleich wohl erkennen die AktivistInnen jetzt einen Lichtblick: Unlängst hat sich ein Immobilienbesitzer an sie gewandt. In Rathausnähe bietet er ein komplettes Stockwerk von 600 qm mit mehreren Räumen sowie einen Kellerraum von ca 200 qm. 

Zehn Monate lang wollen die Unverdrossenen diesen Standtort am Stapeltor 6 erproben, sie würden ihn vorher ehrenamtlich renovieren. Doch sie brauchen natürlich Geld – und das erwarten sie von der Stadt Duisburg, die sich in ihrem aktuellen Kulturentwicklungsplan auf ein soziokulturelles Zentrum festgelegt hat:

63.000 Euro müssten bezuschusst werden, für Umbau und Einrichtung etwa (8000) und vor allem für die Warmmiete (30.000 für zehn Monate).

Zur Stunde steht in den Sternen, ob die Stadt zu zahlen geneigt ist.

Was denn die Soziokultur-Senioren für die aktuelle Lage an Tipps hätten – das frug man sie zum Abschluss der Diskussionsveranstaltung.

Es sprach, Helmut Loeven, der praktisch auch schon, wie das Eschhaus im Ort Legendenstatus hat:

Er möchte nicht als Besserwisser erscheinen, sagte der Buchhändler, aber er rate, eingedenk der aktuellen Lage, eher zu kleinen und feinen Lösungen als zu einer grossen wie die seinerzeit mit dem Eschhaus.

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4 Kommentare zu “Eschhaus-Duisburg: Wenn die roten Grosseltern erzählen

  • #1
    Ricardo

    "einzigen deutschen Großstadt ohne soziokulturelles Zentrum" – Äh, und Dortmund?

  • #2
    Helmut Junge

    Ach Thomas Meiser, den Helmut Loeven kenne ich viellicht von der SDAJ, wir haben darüber 2018 gesprochen, aber es ist zu lange her. wir kennen aber gemeinsame Bekannte. Ich bin früh nach der Hochzeit nach Gelsenkirchen gezogen, kam als Familienvater zurück und war lange parteilos, bis ich Elke und später dich bei den Grünen kennenlernte.
    Die Eschhausperiode? Dazu war ich zu lange raus in GE und hatte später Familie im Norden, also weit weg. Elke war übrigens in meinem Lager bei den Grünen. Heute sind wir ja alle raus und nix zählt mehr. Mit Elke komme ich oft auf Kunstausstellungen zusammen, und mit Helmut Loeven mache ich im Mai eine Aktion in Dinslaken Lohberg. Eigentlich sind es seit jahrzehnten immer die gleichen Leute mit denen man zusammen kommt. Irgendwie merkwürdig.

  • #3
    Christian Otto

    Ich bin der "Immobilienbesitzer", schön, dass ihr über den aktuellen Stand berichtet. Vor Jahrzehnten
    war ich selbst in einem selbstverwalteten Kulturzentrum dabei, weiß also, was auf mich zukommt…….
    Ich hoffe, die Leute von der Initiative für ein soziokulturelles Zentrum bekommen die Unterstützung der Stadt Duisburg, sonst muss ich auf der Fläche Luxuslofts einrichten :-). bitte berichtet weiter.

    Christian

  • #4
    karlotta

    Vielen Dank für den interessanten Bericht, aber einen Punkt kann man so nicht stehen lassen: Schwangerschaftsabbrüche sind nach wie vor illegal, der §218 besteht weiterhin. Nur unter bestimmten Voraussetzungen bleibt ein Schwanegrschaftsabbruch straffrei.

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