12

Freiwilligendienst: Die Nöte sind selbst herbeigeführt und die Debatten im Kern nur wenig ehrlich!

.Bundeswehr in Afghanistan. Foto: ©Bundeswehr/Linden

Es gibt in jeder Woche Dinge mitzuerleben, die lassen einen schlicht staunend zurück.

„Die Wohlfahrtsverbände blicken mit Skepsis auf die Pläne von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zur Einführung eines freiwilligen Wehrdienstes.

“Bei allem Respekt vor neuen Ideen und vor dem Schutz der Heimat sollten wir nicht vergessen, dass es bereits gute Angebote gibt, sich im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhalts einzubringen”, sagte Caritas-Präsident Peter“, berichtet heute zum Beispiel das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Moment mal! War da nicht erst vor wenigen Tagen ein Vorstoß in Richtung einer Wiedereinführung der Wehrpflicht groß in den Medien?

Liest man nicht auch ständig von großen Nachwuchssorgen vieler Hilfs-Organisationen wie Feuerwehr, Rotes Kreuz, THW usw. in diesem Lande?

Ganz ehrlich, es ist schlicht nicht zu begreifen, in was für eine Bredouille sich unser Land in dieser Frage gebracht hat. Selbst für einen in diesem Themenbereich relativen Laien wie mich war doch schon bei der Abschaffung der Wehrpflicht direkt zu erahnen, dass das gravierende Auswirkungen auf weite Gesellschaftsbereiche haben würde.

Und dann war es den vielen Experten in diesem Bereich nicht möglich das Land auf die Auswirkungen besser vorzubereiten, als man das aktuell erkennen muss?

Ganz egal wie man persönlich in Bezug auf eine Wiedereinführung einer allgemeinen Wehrpflicht steht, egal wie und ob man bereit ist sich freiwillig für dieses Land einzusetzen, es hätte doch klar sein müssen, dass die Abschaffung der ‚Pflicht’ zu Wehr- oder Ersatzdienst große Konsequenzen in diesem Bereich mit sich bringen würde.

In meiner Generation (Jahrgang 1971) war es noch Usus, dass die ‚Jungs‘ nach der Schule bzw. Ausbildung einige Zeit im Dienste für die Allgemeinheit verbringen würden.

Warum das nur die Jungs betraf, nun, darüber habe ich mich vor rund 30 Jahren auch schon mächtig aufgeregt und mich dabei mit der einen oder anderen Mitschülerin kräftig verkracht, als es für meine Kumpels und mich nach dem Abi darum ging eventuell ein Jahr (oder sogar mehr) auf dem Weg zur Ausbildung ‚zu verlieren‘, und für die Mädels eben nicht.

Doch eines hatte diese Tradition ja unbestritten für sich: Alle Organisationen zwischen Bundeswehr, THW, Feuerwehr, Krankenhäuser, Rollender Mittagstisch etc. hatten ein Heer von billigen Arbeitskräften, auf jedes Jahr aus Neue die zurückgegriffen werden konnte.

Und rückblickend, möchte ich persönlich diese Zeit auch gar nicht missen. Ich war damals für neun Jahre Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr an meinem Wohnort, habe dort etliche interessante Dinge gelernt und beobachtet. Meine Schulkameraden, egal ob sie zum ‚Bund‘ gingen, oder lieber ‚Urinkellner‘ im nächstgelegenen Krankenhaus gespielt haben, sahen das überwiegend ähnlich.

Wenn jetzt, ein paar Jahre nach Abschaffung bzw. Aussetzung der Wehrpflicht darüber gejammert wird, dass nicht genügend Kräfte zur Aufrechterhaltung dieser fielen Hilfsarbeiten mehr greifbar sind, dann muss das erstaunen.

Egal wie sich Annegret Kramp-Karrenbauer da auch positioniert, solange es keine klare Regelung gibt, wie es sie früher gab, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur Stückwerk bleiben.

Der Kampf um die wenigen ‚Freiwilligen‘, die bereit sind diese Tätigkeiten zu erledigen, wie er aktuell mitzuverfolgen ist, ist sowohl völlig unnötig als auch im Kern nur wenig ehrlich.

Bei einer entsprechenden Entlohnung und/oder einer guten beruflichen Perspektive zum Beispiel, würde jede dieser Organisationen leicht ausreichend Freiwillige für sich gewinnen können.

Nur dazu war man ja schon vor Jahren vielfach nicht bereit. Damals half nur ‚Zwang‘. Seit der weg ist, fehlt es halt auch automatisch an vielen Stellen an Bewerbern.

Die jungen Leute sind in Mehrheit ja nicht ganz blöde. Zum Glück, möchte man anmerken! 😉

 

RuhrBarone-Logo

12 Kommentare zu “Freiwilligendienst: Die Nöte sind selbst herbeigeführt und die Debatten im Kern nur wenig ehrlich!

  • #1
    Berthold Grabe

    Es gehört seit 40 Jahren zur deutschen Politik, das die Dinge nie zu Ende gedacht werden bzw. opportune Beweggründe bewusst vermieden darauf den Blick zu richten. und zwar je nach politischer Klientel.
    Die Konservativen häufig in unschönen Nebenwirkungen des Kapitalismusses, die SPD ursprünglich bei unschönen Nebenwirkungen des Sozialstaates und ab Schröder den ungehemmten Großkapitalismusses von dem sie existentiell abhängig geworden ist und mit ihm im Bette liegt.
    Die Grünen bei sämtlichen Ökothemen bei denen sie jede Vernunft ausblenden, wenn sie die Erwartungen gar nicht erfüllen können.
    Was niemand zugeben will, ist die Tatsache, das die Sozialdienste nie ausreichend Einkommen gemäß Bedarf an Personal zahlen werden. Es ist schlicht nicht vorhanden, weil es nicht produktiv genug ist, sondern konsumtiv. die Privatisierungen haben das Problem daher massiv verschärft, weil nun zusätzlich Unternehmerlöhne mehr Geld herausziehen als früher.
    Was wir brauchen sind gemeinnützige Organisationen mit einem Heer von Hilfskräften, die nur über verpflichtende Dienste zur Verfügung gestellt werden können.
    Aber auch das kostet Geld beim Staat, das die Umverteilungspolitiker lieber in Strukturen verblasen, die Ihnen eine wenig mehr Macht und Pfründe im Gegenzug liefern

  • #2
    thomas weigle

    @ Berthold Grabe Wenn sie jetzt noch das Problem der unschönen Verteilung des Reichtums angesprochen hätten, wäre es `ne runde Sache geworden. Warum haben sie es außen vor gelassen?

  • #3
    Philipp

    @ thomas weigle

    Zitat thomas weigle: "Wenn sie jetzt noch das Problem der unschönen Verteilung des Reichtums angesprochen hätten …"

    ist doch "schön", i.e. "gewollt": die Schere zwischen Arm und Reich kann gar nicht weit genug auseinandergehen. Nur so haben wir in Deutschland unbegrenzt billige Arbeitssklaven, die uns in der Welt wettbewerbsfähig machen.

  • #4
    Helmut Junge

    Je größer die Schere zwischen Arm und Reich, desto mehr Schancen gibt es für die Barmherzigkeit.

    "Was wäre die Barmherzigkeit ohne die Armut?" (Helmut Junge)

  • #5
    Berthold Grabe

    @thomas weigle
    weil ich der Meinung bin das diese Strukturprobleme erst mal nichts mit der Reichtumsverteilung zu tun haben.
    Sondern unsere umverteilende Sozialpoliitk der Hauptgrund für diese Schere darstellt, neben der Globalisierung .

  • #6
    thomas weigle

    @ Berthold Grabe Da kommen wir nicht zusammen. Haben nicht just eine erkleckliche Anzahl von Milliardären genau in diese Richtung der ungleichen Reichtumsverteilung argumentiert und höhere Steuern für sich gefordert?

  • #7
    Philipp

    @ Berthold Grabe

    ich bin ganz Ihrer Meinung: Deutschland sollte endlich damit aufhören, Menschen zu alimentieren, die nichts zur Wertschöpfung beitragen: weg mit dem Sozialstaat!

  • #8
    ke

    Auch bei mir gab es die Wehrpflicht. Ich hätte gerne darauf verzichtet.
    Ich konnte nie verstehen, dass die Gleichberechtigung nicht so weit geht, auch Frauen einzuziehen.
    Seit diesen Erfahrungen ist für mich das Thema Gleichberechtigung ein ständiges Cherry-Picking.

    Ich bin grundsätzlich für eine verkürzte Wehrpflicht. Wer mehr Freiwillige in die Organisationen etc. haben will, muss entweder den Staat zurückfahren, so dass die Menschen zwangsläufig eine Gemeinschaft bilden müssen, die sich gegenseitig hilft. Aktuell gibt es das noch auf dem Dorf. Oder aber das Ehrenamt stärker gesellschaftlich Anerkennen und insbesondere Hürden aus dem Weg räumen.

    Corona hat ja auch gezeigt, dass der Staat wenig Support für viele freiwillige Organisationen bieten konnte. Es wurden alle Basis-Infrastrukturen heruntergefahren. Die Nutzer und ihre Angebote interessierten nicht. Hauptsache die Verwaltung ist im Winterschlaf.

    Jugendarbeit etc. braucht Engagement. Aktuell ist das immer schwerer zu finden.

    Eine Zwangsarbeit jenseits eines Wehrdienstes für alle Geschlechter muss auf jeden Fall vermieden werden. Es tut jungen Menschen auch nicht gut, für einen Mini-Lohn Dienste zu schieben, wie das aktuell einige OBs meinen.

  • #9
    Berthold Grabe

    #6 thomas weigle,
    In Deutschland wird das immer gleichgesetzt mit mehr Verteilungsgerechtigkeit, das Gegenteil ist aber der Fall. Steuern können nur in Form höherer Einkommensteuern verteilungsiwrksam sein.
    Allerdings sind die Möglichkeiten, die man zur Vermeidung nutzen kann und als Unternehmer auch nutzen muss Legion.
    Einziger Ausweg wären hohe Löhne, die aber erfordern Hoheit über die Grenze, um sie nicht mit internationalem Kostendruck unterbieten zu können.
    Letztlich ist unser starker Export das Hauptproblem, er begünstigt zwar die Branchen, die davon profitieren, benachteiligt aber alle anderen und die hohe Konzentration in der ExportIndustrie sorgt für hohe Vermögensungleichheit, weil je höher die Konzentration, desto weniger Menschen profitieren vom Reichtum, weil Löhne nur Kosten darstellen und Wettbewerb über die Erträge für die Eigentümer stattfindet, seit der Durchsetzung des Neoliberalismusses.
    Letztlich eine perverse Verzerrung des Marktzweckes.

  • #10
    Berthold Grabe

    @Philipp
    ich bin nicht per se gegen den Sozialstaat, im Gegenteil, aber er ist uferlos geworden und bietet mehr Projektionsfläche für profilierungsüchtige Politiker als echten sozialen Ausgleich, mehr theoretisch idealistische Forderungen, als reale Hilfe.
    Es fehlt leider jegliche Effizienzkontrolle aus dem System selbst, es gibt nichts,was z.B. in der Wirtschaft der Markt darstellt, als unbarmherzige Effizienzkontrolle.
    Weil die Definition von Erfolg im Sozialwesen praktisch keine objektiven Bewertungsmaßstab liefert.
    Das ist jader Grund warum auf sozialem ethischen und ökologischen Gebieten sich immer mehr tummeln. Es wird nicht wirklich besser und die Masse an Dummschwätzern kann noch weniger aussortiert werden als in der Ökonomie.
    So gesehen ist Reichtum unser Fluch, weil dadurch soviel Geld in diese Bereiche fleißen kann, ohne das sich die Spreu vom Weiten trennt.
    Man könnte auch sagen der Grenznutzen des Geldes wird mit zunehmenden Finanzmitteln immer geringer und daher zwangsläufig das Geschrei größer. Umverteilung schafft daher ab einem gewissen Punkt vor allem Gruppen die davon leben, aber keine Abhilfe.
    Und die kosten dafür werden mit realtiv niedrigen Nettolöhnen anderswo finanziert.

  • #11
    Philipp

    @ Berthold Grabe

    ein Zitat, Zitat Berthold Grabe, "uferloser Sozialstaat", zerstört den Wirtschaftsstandort Deutschland.

    Wir haben in Deutschland mittlerweile genug Arbeitskräfte – auch durch Zuwanderung aus Krisengebieten –, die für jeden Lohn jede Arbeit annehmen, wozu leisten uns wir da noch einen "Sozialstaat"?

  • #12
    Berthold Grabe

    @Phillip
    kurz gesagt, weil wir keine amerikanischen Verhältnisse wollen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.