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Für das Ruhrgebiet waren die 10er ein verlorenes Jahrzehnt

Ruhr2010 Eröffnung

Für das Ruhrgebiet begann die nun ablaufende Dekade mit einem großen Fest. Der Winter hatte die Region fest im Griff und es lag seit Wochen Schnee, als am 9. Januar mit einem großen Fest auf Zollverein die Kulturhauptstadt 2010 eröffnet wurde. Tausende spazierten trotz der eisigen Kälte über das ehemalige Zechengelände im Norden Essens, begeisterten sich an Lichtinstallationen und Walking-Acts und genossen ein schönes, großes Fest. Mit dem Kulturhauptstadtjahr begannen die 10er im Ruhrgebiet. Als der damalige Bundespräsident Horst Köhler sie eröffnete war schon klar, dass sich viele Hoffnungen, die in den Jahren zuvor mit diesem Event verbunden waren, nicht erfüllen würden: Die Städte im Ruhrgebiet hatten es verpasst, den Nahverkehr zu verbessern, verloren sich in einem Veranstaltungskleinklein, der von Dieter Gorny und ECCE in Aussicht Aufbruch der Kreativwirtschaft hatte sich schon vor Partybeginn als leeres Versprechen erwiesen und wesentliche Teile dessen, was die Kultur im Ruhrgebiet ausmachte wurden geflissentlich von den Kulturhauptstadtmachern ignoriert. Statt auf die selbstorganisierten Uni-Radios zu setzen, holte man für ein Jahr die Macher von ByteFM is Revier, es gab kein Festival mit den international erfolgreichen Heavy-Metal-Bands wie Sodom, Kreator oder Grave Digger und auch um eine Integration der erfolgreichen Festivals der Region in das Programm wie Juicy Beats oder Bochum Total kümmerte sich niemand. Stattdessen setzte man auf den Berliner Techno-Zombie Loveparade. Als bei der im Juli in Duisburg wegen Planungsfehlern und einer kopflosen Durchführung 21 Menschen zu Tode kamen und sich über 500 verletzten, war es mit der Feierei vorbei. In den Jahren danach wurden noch Millionen für das längst vergessene Stuss-Projekt Lab2010 ausgegeben – eine ebenso teure wie öde Newsseite des bis heute noch vor sich hinvegetierenden European Center for Creative Economy.

Wirtschaftlich waren die 10er im Ruhrgebiet wie im ganzen Land wirtschaftlich gute Jahre. In allen Städten sank die Arbeitslosigkeit. Doch es gelang dem Ruhrgebiet nicht, den Abstand zu anderen Ballungsgebieten zu verringern: Überall war die Zahl der neuen Jobs größer als hier und so steht das Ruhrgebiet nach zehn Jahren Boom im Vergleich schlechter da als vorher Die Wachstumsphase konnte nicht genutzt werden. In der nun beginnenden Dekade könnte sich das als fatal erweisen: Kommt es zu den erwarteten Strukturbrüchen, könnte das Ruhrgebiet endgültig zum Slum der Bundesrepublik werden. Auf dem Weg dahin hat es in den vergangenen zehn Jahren große Schritte gemacht. Dass die Städte in nahezu allen Rankings die letzten Plätze belegen, ist auch das Verdienst der Politik im Revier und der Menschen, die sie unterstützen. Von Teilen des traditionell mittelständischen Südens des Reviers abgesehen haben nur Essen, Dortmund und Bochum eine Chance, den Kopf halbwegs über Wasser zu halten. Diese Städte werden sich künftig mehr und mehr vom Rest des Ruhrgebiets absetzen, um von ihm nicht hinab gezogen zu werden. Es kann gut sein, dass wir in zehn Jahren vom Ruhrgebiet in der Vergangenheitsform reden.

Daran hat der Regionalverband Ruhr einen großen Anteil: Mit Heinz-Dieter Klink (SPD) und Karola Geiß-Netthöfel (SPD) wurde er in den 10ern von ambitionslosen Verwaltungsgespenstern ohne Idee und Durchsetzungskraft geführt. Dass er die ihm 2009 übertrage Regionalplanung gegen die Wand fuhr zeigt die strukturelle Unfähigkeit dieser Institution, mit der viele im Jahrzehnt zuvor noch große Hoffnungen verbanden. So gut es war, den grünen Planungsdezernenten Martin Tönnes in die Wüste zu schicken, so wenig reichte dies als Konsequenz aus dem Komplettversagen des Verbandes aus. Der Regionalverband Ruhr wird im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Dass es ihn zum 110. Jubiläum in seiner heutigen Form noch gibt, ist weder sicher noch wünschenswert.

In den 10er Jahren verbanden viele Menschen mit der Idee eine einigen Ruhrgebiets große Hoffnungen. Aus dem Haufen erfolgloser Städte, dass war ihr Wunsch, sollte eine Stadt entstehen, die es irgendwann schaffen könnte, auf Augenhöhe mit Berlin oder Hamburg zu kommen. Das mag unrealistisch gewesen sein, aber es setzte viel Engagement und Ideen frei. Die Gründung dieses Blogs 2007 wäre ohne dieses idealistischen Überschuss nicht geschehen. Davon ist in den 10ern nichts übriggeblieben. Eine Diskussion über die Zukunft des Ruhrgebiets gibt es ebenso nicht mehr wie den Glauben daran. Viele kluge Menschen stimmen mit dem Umzugswagen ab und verlassen das Ruhrgebiet. Eine Region hat nur Zukunft, wenn die Menschen ihre Träume und Wünsche mit ihr verbinden. Das tun sie im Ruhrgebiet schon lange nicht mehr.

 

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4 Kommentare zu “Für das Ruhrgebiet waren die 10er ein verlorenes Jahrzehnt

  • #1
    Heiner Schernbeck

    Viele Leute "stimmen mit dem Umzugswagen" – raus aus NRW – ab? Kann sein. Dafür wandern wesentlich mehr Leute aus aller Welt und ohne Habe ein.

  • #2
    ke

    Wir habe noch die Meisterschaften des BvBs.
    Der Phoenix-See wurde zu Beginn des Jahrzehnts geflutet.
    Wir hatten die Ruhr2010.

    Nur was kommt danach?
    Bahnen, die jetzt schon bei leicht negativen Temperaturen nicht fahren und ständige Dauerbaustellen, bei denen kein Fortschritt erkennbar ist. Der Weg über den Rhein ist beschränkt, weil die Brücken nicht tragen. …..
    Die Jobs mit gut organisierten Belegschaften und hohen Löhnen verschwinden.
    Die Landesregierung ist eher still, abgesehen von irgendwelchen Clan Razzien. Vermutlich will Herr Laschet Kanzler werden und vorher keine Fehler machen. Also Stillstand. Zumindest diesbzgl. wäre er also ein geeigneter Nachfolger der Kanzlerin.

    Gefühlt geht es wieder abwärts. Jetzt kann man natürlich versuchen, die Olympischen Spiele zu erwerben, aber das will vermutlich keiner aus der Bevölkerung.

    Final müssen wir uns selber helfen und Eigeninitiative zeigen. Die Unis/Schulen produzieren genügend Absolventen. Da muss einfach das Unterehmertum gefördert werden.

    Alternativ müssen wir uns für bessere Anbindungen ans Rheinland einsetzen, damit das Revier wenigstens als Schlafstadt fürs Rheinland geeignet ist.

  • #3
  • #4
    Wolfram Obermanns

    Die Möglichkeiten und Perspektiven zur Zeit der Kulturhauptstadt haben sich für mich derart gründlich verflüchtigt, daß ich von der Tatsache von lediglich 10 vergangenen Jahren überrascht worden bin.
    Die Ära Kraft war, meiner Meinung nach vorhersehbar, verlorene Zeit für das Land. Wobei es unfair wäre dies allein an ihrer Person festmachen zu wollen. Kraft mit ihren unbestreitbaren politischen Talenten war wohl das Beste, was die SPD für das Amt zur Verfügung hatte. Es hat um die anstehenden Aufgaben anzupacken, aber bei Weitem nicht gereicht.
    Defizite der Regierung Rüttgers, die in den 7 Jahren danach einfach weiter gelaufen sind, wie z.B. die personelle Unterbesetzung in Planungsämtern, so daß bereit stehende Mittel nicht abgerufen werden konnten, müssen nun bei weitaus größerem Fachkräftemangel korrigiert werden. Auch andere Baustellen sind durch die verlorenen Jahre nicht kleiner oder leichter geworden.

    Man mag zur Laschet-Regierung stehen wie man will, sollte aber bei aller Kritik auch eine plausible Alternative nennen können. Vornahme, dessen Haushalt mit Ansage als verfassungswidrig kassiert worden ist, ist für die SPD mit das beste, was sie bundesweit hat. Die Grünen versuchen nach dem Löhrmann-Desaster, die sich bei der Fälschung von Personalstatistiken zur Schönung der miesen Bildungsbilanz erwischen ließ, einen Neustart mit Leuten, denen es bislang nicht gelingt irgendwie über den eigenen Dunstkreis z.B. in die Bundespolitik der eigenen Partei zu wirken.

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