Glyphosat: schmerzhafte Realitäten

2024 wollte RFKjr Glyphosat noch verbieten. Jetzt erklärt er es als unverzichtbar für die Ernährungssicherheit der USA.
2024 wollte RFKjr Glyphosat noch verbieten. Jetzt erklärt er es als unverzichtbar für die Ernährungssicherheit der USA.

Der weltweit prominenteste Advokat für ein Verbot von Glyphosat war lange Zeit Robert F. Kennedy jr. Er nutzte aus, dass eine dubiose Krebsforschungsagentur das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte. In seiner neuen Rolle als Gesundheitsminister der Vereinigten Staaten will Kennedy von einem Glyphosat-Verbot nichts mehr wissen. Neuerdings stuft er Glyphosat als so unverzichtbar für die Ernährungssicherheit ein, dass er den Aufbau eines nationalen Glyphosat-Vorrats empfiehlt.

Wann immer in den Medien vom Herbizid Glyphosat zu hören, zu sehen oder zu lesen ist, fehlt praktisch nie der Zusatz, das Mittel stehe in Verdacht, krebserregend zu sein, oft mit dem Zusatz „nach Aussagen der WHO“.

Mit den Tatsachen hat diese Aussage nichts zu tun. Dutzende Aufsichtsbehörden und internationale Organisationen, darunter auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, haben den Verdacht geprüft und verworfen. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch gibt es weder für Anwender noch für Verbraucher ein erhöhtes Krebsrisiko. Der Hintergrund: Die International Agency for Research on Cancer (IARC), die der WHO angegliedert ist (nicht „die WHO“), hatte Glyphosat 2015 in die Gruppe all der Substanzen und menschlichen Tätigkeiten eingestuft, die „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ sind. In derselben Gruppe (von der IARC 2A genannt) finden sich u.a. die Herstellung von Glas, das Frittieren, die Tätigkeit als Friseur oder Barbier, Nachtschichtarbeit oder Verzehr von rotem Fleisch und Wurstwaren. 

Wie kommt diese Diskrepanz zustande? Das ist einfach zu erklären. IARC bewertet Gefahren; alle anderen die wichtigere Frage nach dem Risiko. Ein Beispiel: 220 Volt-Stromleitungen in Wohnhäusern sind eine erwiesenermaßen tödliche Gefahr; das Risiko, bei normaler Wohnungsnutzung durch einen Stromschlag getötet zu werden, ist dagegen sehr gering. Dafür sorgen u.a. isolierte Kabel, die Verlegung von Leitungen unter Putz, Schutzleiter, Sicherungen und Sicherheitssteckdosen. Das Gleiche gilt für das Fliegen: Wer sich in Alltagskleidung und ohne Sauerstoffflasche in 12.000 Meter Höhe begibt, ist in tödlicher Gefahr. Dennoch fliegen wir, denn das Risiko, auf einer Flugreise zu Tode zu kommen, ist sehr gering.

Zudem muss man wissen, dass die Einstufung von Glyphosat unter dubiosen Umständen zustande kam: Die Agentur unterschlug eine wichtige entlastende epidemiologische Studie an Landwirten – angeblich aus formalen Gründen, weil sie in gedruckter Form erst nach dem Abschluss der Evaluierung erschien – und der Hauptautor und Initiator der Studie wechselte unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung (möglicherweise schon zuvor) als gut bezahlter Gutachter ins Lager der Anwälte, die aufgrund der Klassifikation lukrative Sammelklagen gegen Monsanto (jetzt Bayer) führen.

Zur Realität gehört auch, dass sich kaum ein Medium jemals mit dem Nutzen von Glyphosat beschäftigt oder der Frage nachgeht, warum bislang alle vollmundig angekündigten Glyphosat-Verzichtskampagnen krachend gescheitert sind. Für die meisten Medien ist es immer nur das Gift: schädlich und überflüssig.

Kennedy, die Grünen und der Umweltschutz 

Der prominenteste Anwalt, der gegen Bayer/Monsanto zu Felde zog, war Robert F. Kennedy jr., der jetzige Gesundheitsminister der US-amerikanischen Trump-Regierung. Er galt der europäischen Umweltschutzbewegung wegen seines Eintretens gegen Glyphosat jahrelang als bewundernswerter unbeugsamer Umweltschützer – zumal er auch ein eifriger Verfechter einer „Ernährungswende“ war, wie sie den Grünen vorschwebt: Biokost, Lebensmittel „ohne Chemie“, wenig Zucker, kein Süßstoff, keine Fertiggerichte usw. Sie folgten ihm in seiner Argumentation und stellten jeden seiner Siege vor Gericht als Beweis dafür dar, dass Glyphosat krebserregend sei. Man blendete aus, dass Kennedy Impfgegner ist, antisemitischen Verschwörungstheorien anhängt und abstruse „alternative Fakten“ verbreitet (Chemtrails existieren, Impfungen verursachen Autismus). Die Grünen luden ihn sogar als „Experten“ für ihre anti-Glyphosat-Kampagne ins Europaparlament ein – und kämpfen bis heute mit Kennedys Argumenten gegen Glyphosat. Die Idee, dass seine Glyphosat-Gegnerschaft auf den gleichen tönernen Füßen steht wie seine absurden Thesen über Krebs durch Wifi-Strahlung, Schulmassaker durch Antidepressiva oder IQ-Verlust durch Fluor im Trinkwasser haben weder Die Grünen noch die SPD oder Greenpeace & Co. je in Erwägung gezogen.  

Da ist es eine Ironie des Schicksals, dass ihr Idol, das 2020 wegen seiner Gegnerschaft zur Corona-Impfung bei den Grünen in Ungnade fiel (dass Kennedy schon seit 2005 als Impfgegner öffentlich von sich reden machte, war für die Partei zuvor kein Thema), heute nicht mehr gegen Glyphosat zu Felde zieht. Keine seiner vollmundigen Verbotsforderungen hat er nach seinem Amtsantritt umgesetzt.

Keine Ernährungssicherheit ohne Glyphosat

Schon im Mai 2025 erklärte er: „Es gibt eine Million Landwirte, die auf Glyphosat angewiesen sind. 100 Prozent des Maisanbaus in diesem Land ist auf Glyphosat angewiesen. Wir werden nichts unternehmen, was dieses Geschäftsmodell gefährden könnte.“ Neueste Volte des langjährigen Glyphosat-Gegners, der das Mittel in zahlreichen Interviews nicht nur für Krebs, sondern für nahezu alle chronischen Erkrankungen des Menschen verantwortlich macht: Gemeinsam mit US-Präsident Trump erklärt er Glyphosat zum unverzichtbaren Asset zur Ernährungssicherheit der Vereinigten Staaten. 

Mehr noch: Die Durchführungsverordnung, die RFKjr jetzt verteidigt, fordert sogar eine Produktionssteigerung von Glyphosat-Herbiziden: Weil „Herbizide auf Glyphosatbasis […] eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung des landwirtschaftlichen Vorsprungs Amerikas spielen, indem sie es Landwirten ermöglichen, effizient und kostengünstig Lebensmittel und Viehfutter zu produzieren“. Eine Einschränkung des Zugangs zu Herbiziden, die Glyphosat enthalten, würde „die landwirtschaftliche Produktivität ernsthaft gefährden“. Einmal mehr bewahrheitet sich der Satz der US-Schriftstellerin Ayn Rand: „Wir können die Realität ignorieren, aber wir können die Folgen des Ignorierens der Realität nicht ignorieren.“

MAHA implodiert

Dass die Ankündigung nur zwei Wochen nach dem Start einer neuen Kampagne von US-NGOs gegen Glyphosat kam, empört die MAHA-Bewegung ganz besonders. Sie hatte angeblich Glyphosat sogar in Babynahrung, Bio-Brot und Bio-Wein nachgewiesen (wobei Wein das bekannte Carcinogen Ethylalkohol enthält). Für die MAHA-Bewegung – angeführt vom selbst ernannten „Food Babe“ Vani Hari, dem prominenten Tanzlehrer Jeffrey Smith und der „Moms Against Monsanto“-Gründerin Zen Honeycutt – war das Duo Trump-Kennedy bislang der Hoffnungsträger für ein Verbot von Gentechnik, Pflanzenschutz- und Düngemitteln und für eine „Ernährungswende“ nach dem Vorbild der deutschen Grünen. Jetzt droht die Bewegung zu implodieren.

Die Wahrheit ist: Kennedy ging es nie um Glyphosat oder die menschliche Gesundheit. Er konnte in seiner Zeit als Anwalt Millionen mit der Glyphosat-Hysterie verdienen, die seine Verbündeten aus grünen Parteien, Umwelt-NGOs und Medien bis heute kräftig anheizen. Und er konnte daraus politisches Kapital schlagen, so dass er es zum unabhängigen Präsidentschaftskandidaten brachte. Am Ende wechselte er mit dem Motto „Make America Healthy Again“ ins Trump-Lager und erreichte so sein lange angestrebtes Ziel, Gesundheitsminister zu werden. Und um seinem Unfug über Glyphosat und Impfen die Krone aufzusetzen, propagiert er jetzt auch noch den häufigen Konsum von rotem Fleisch. Das stuft die Krebsforschungsagentur IARC genauso ein wie Glyphosat: „wahrscheinlich krebserregend“. Damit dürfte er für die europäische Umweltschutzbewegung so lange verbrannt sein, bis er wieder als Anwalt arbeitet und die nächsten Chemiekonzerne verklagt.

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