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„Hallo Stuttgart, ich komme aus der Zukunft“

Dinkel – In Stuttgart sehr beliebt!


Am Mittwoch veranstaltete die Stuttgarter Straßenzeitung Trott-War den Fachtag „Gedruckt oder Digital –  Aktuelle Herausforderungen für klassische und alternative Medien“, auf dem ich neben Bertram Scheufele von der Uni-Hohenheim und Joe Bauer, einem ehemaligen Redakteur der Stuttgarter Nachrichten, einen Vortrag halten durfte. Hier könnt ihr ihn nachlesen.

Mein Vortrag ist mit der Überschrift “Blogs oder Papier – Konkurrenz belebt das Geschäft?” angekündigt. Dahinter steht ein Fragezeichen.  

Um es kurz zu machen: Blogs sind keine ernstzunehmende Konkurrenz für Tageszeitungen und in wenigen Jahren wird kaum noch eine Tageszeitung auf Papier erscheinen.  

Blogs sind eine wunderbare Sache. 2007 haben wir das Blog Ruhrbarone gegründet. Die Ruhrbarone haben 10.000 Leser am Tag, veröffentlichen mehr als 2000 Beiträge im Jahr und werden von Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Magazinen zitiert. Wir konnten zum Teil international Themen setzen: Wir berichteten als erste über den Auftritt einer Band auf dem Festival Ruhrtriennale, die dem antisemitischen BDS nahesteht, dessen Ziel die Vernichtung Israels ist. Nach unserer Berichterstattung trat eine SPD-Abgeordnete vom Posten der Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses des NRW-Landtags zurück – sie hatte einmal einen Neonazi als Mandanten. Über das zwielichtige Finanzgebaren einer rechten Liste in zahlreichen Städten Nordrhein-Westfalens konnte man zuerst bei uns lesen.  Ein Bericht über ein Flugblatt auf einem Server der Linkspartei in Duisburg, auf dem Davidstern und Hakenkreuz zu einem Zeichen zusammengeführt wurden, schaffte es in eine Bundestagsdebatte. 

Wir sind also seit über zehn Jahren recht erfolgreich. Trotzdem sehen wir uns nicht als Konkurrenz zu den Tageszeitungen – weder regional, wo es die sich in einer tiefen Krise befindenden Westdeutsche Allgemeine Zeitung und die Ruhr Nachrichten gibt, und schon gar nicht bundesweit. 

Wir machen die Ruhrbarone vor allem, weil wir daran Spaß haben. Und wir berichten über Themen, die uns interessieren. Wir machen das mit einer, wie ich finde, ansehnlichen Qualität, die man natürlich immer verbessern kann und wenn wir wollen, liegen wir nicht hinter den Kollegen der anderen Medien. 

Aber mit der Arbeit einer traditionellen Redaktion hat das alles nicht viel zu tun und wir können und wollen solche Redaktionen auch nicht ersetzen.  

Redakteure der Lokalredaktionen nehmen für ihre Leser jeden Tag zahlreiche Termine wahr, sie sitzen in Ratssitzungen und dokumentieren, was dort besprochen und entschieden wird, auch wenn es langweilig ist. Sie besuchen Konzerte und Theateraufführungen, die sie nicht interessieren. Und all das ist wichtig und macht die Qualität einer Lokalredaktion aus. Ich habe noch nie ein Blog gesehen, das in dieser Breite eine solche Arbeit abliefert. Wenn sich lokale Blogs auf Themen konzentrieren, können sie mit Tageszeitungen nicht nur mithalten, sie können besser sein. 

Aber sie sind nicht in der Lage, das Leben in einer Stadt so gut abzubilden, wie es eine komplette Redaktion kann. 

Blogs ergänzen eine traditionelle Berichterstattung, können, wie wir es im Bereich von Livetickern getan haben, auch Maßstäbe setzen, sie sind eine Ergänzung, keine Alternative. Das ist auch der Grund, warum Blogs deutlich kleiner sind als konventionelle Medien – sehr viel kleiner. Wir haben um die 300.000 Visits im Monat, die Funke-Gruppe, zu der die WAZ gehört, alleine in NRW 72 Millionen.  

Es wäre vermessen, trotz unserer erfolgreichen Arbeit, auf die ich stolz bin und die mir Einladungen zu so schönen Veranstaltungen wie heute beschert, von Konkurrenz zu sprechen.  

Und Papier? Von dem kann man sich langsam verabschieden. In den kommenden Jahren werden die meisten Zeitungen ihre gedruckten, täglichen Ausgaben einstellen. Es scheint sich ein Modell herauszukristallisieren: Unter der Woche findet die Berichterstattung online statt, am Wochenende erscheint dann eine opulente Sonntagszeitung. Die tägliche Druckausgabe lohnt sich für die Verlage immer weniger. Dafür gibt es viele Gründe: Die Auflagen brechen wegen der Konkurrenz im Fernsehen und im Internet ein, der Zeitungsvertrieb, den ja Boten leisten, ist seit der Einführung des Mindestlohns teurer geworden, die Werbung ist eingebrochen. 

Die Abonnenten von Tageszeitungen sind relativ alt und es ist nicht despektierlich gemeint, aber: Sie sterben den Zeitungen weg. 

Dass Zeitungen Leser und Werbung im Printbereich verlieren, wäre kein Drama, wenn sie im Internet Geld verdienen würden. Weil die Produktion und der Vertrieb von Online-Ausgaben deutlich günstiger ist als der von gedruckten Zeitungen, kein Papier, keine Boten, keine Druckereien, keine Grossisten, würden auch geringere Umsätze ausreichen, um Redaktionen und Verlage zu finanzieren. 

Das Geld mit der Werbung machen im Internet vor allem die großen Plattformen wie Facebook und Google. Die meisten Verlage, die mit ihrem digitalen Geschäft Geld verdienen, tun dies vor allem mit nichtjournalistischen Angeboten wie Dienstleistungen oder Kleinanzeigen – die immerhin früher einmal ihren festen Platz in Zeitungen oder Magazinen hatten. 

Nur ganz wenige Zeitungen wie die New York Times haben bislang erfolgreiche Online-Geschäftsmodelle entwickelt und verdienen im Internet so viel Geld, dass sie sogar ihre Redaktionen ausbauen können. Aber der New York Times steht der Weltmarkt offen – bei keinem deutschsprachigen Medium ist das der Fall. Das wird sich auch nicht viel ändern, wenn Übersetzungssoftware in ein paar Jahren dafür sorgt, dass es egal ist, in welcher Sprache ein Text geschrieben ist. Global gesehen sind Deutschland und Europa Provinz, die Musik spielt in Asien und den USA. Auf den Weltmarkt zu setzen, wie es die New York Times kann, wird leider für die allermeisten keine Alternative sein. 

Es ist bedauerlich, aber viele Tageszeitungen nähern sich Blogs insofern an, dass sie ihre Geschäftsmodelle verloren und noch kein neues gefunden haben. Die meisten Blogs außerhalb der USA hatten noch nie eines – zumindest, wenn sie sich an die Regeln hielten und auf die Trennung von Redaktion und Anzeigen Wert legen. 

Von ganz wenigen Ausnahmen wie dem hochprofessionellen und auf seine technikaffine Zielgruppe konzentrierte Blog “Mobilegeeks” abgesehen, verdienen wir alle kein Geld. Die Zahlen, die auf Veranstaltungen genannt werden, sind es nicht wert, behalten zu werden. Oft kommen sie von Unternehmen, die Blogs Vertriebsmodelle verkaufen wollen. Die Ruhrbarone machen mit Werbung und Spenden einen Umsatz von gut 200 Euro im Monat. Wie Blogs, die nur einen Bruchteil unserer Leser haben, auf tausende Euro Gewinn im Monat kommen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. In fast allen Fällen werden die genannten Zahlen schlicht Lügen sein. 

Es müssen also neue Wege gefunden werden, professionellen Journalismus zu finanzieren – auf allen Ebenen.  

Die Leser müssen sich klar machen, dass Qualität Geld kostet. Die Angebote der meisten Verlage für Online-Abonnements sind fair und liegen um die zehn Euro im Monat. Für das Geld, für das man heute eine Printausgabe bekommt, erhält man Zugriff auf drei bis vier Onlineausgaben. So günstig wie heute war guter Journalismus noch nie.  

Vielleicht sind aber auch zusätzliche Angebote in der Art von Netflix oder Spotify nötig – wobei Spotify auch ein abschreckendes Beispiel ist, denn die Musiker verdienen dabei nur sehr wenig. 

Eine andere Idee, sie ist bei uns im Blog entstanden, könnte es schaffen, ausreichend Geld für kleinere journalistische Projekte zusammenzubekommen: Wenn Journalismus ebenso als gemeinnützig anerkannt wäre wie Kultur oder Sport, wären spenden- oder mitgliederfinanzierte Angebote denkbar. Vor allem auf dem Land oder in Stadtteilen könnte so zumindest eine unabhängige Basisberichterstattung gesichert werden. 

Was es meiner Ansicht nach nicht geben darf, ist eine Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Systems. Medien, in deren Gremien Politiker oder Verbände sitzen, sind nicht unabhängig. Abhängig sollte Journalismus nur von den Lesern, den Nutzern sein. Von niemandem sonst. 

Nun noch einen Ausblick in die Zukunft. Die Bundesrepublik befindet sich noch immer in einem Aufschwung, der vor fast zehn Jahren begann und nun enden wird. Die lange wirtschaftliche Aufschwungphase, die ungewohnt niedrige Arbeitslosigkeit – all das hat nichts daran geändert, dass sich viele Medien in einer wirtschaftlichen Krise befinden. 

Wenn jetzt das Wachstum nachlässt, wird sich die wirtschaftliche Krise ausweiten. 

Und sie wird, betrachten wir die prognostizierten Entwicklungen, besonders massiv die Automobilindustrie dieses Landes betreffen, dessen Zentrum Stuttgart ist. Auch wenn alles gut geht, werden ein Drittel der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie allein durch die technische Umstellung von Verbrennungs- auf Elektromotoren wegfallen, und niemand kann garantieren, dass es gut ausgeht und die hiesigen Hersteller ihre Marktanteile in einer radikal veränderten Verkehrswelt behaupten können. 

Ich komme aus dem Ruhrgebiet, der ärmsten Region Deutschlands. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen: Hallo Stuttgart, ich komme aus der Zukunft, denn vor gut 50 Jahren war das Ruhrgebiet das wirtschaftliche und technologische Herz der Bundesrepublik. 

Vielleicht kommt es in Schwaben nicht so schlimm. Die Struktur hier ist mittelständischer, das Bildungsniveau höher als im Ruhrgebiet, und auch die hiesigen Politiker scheinen im Schnitt etwas fähiger zu sein als die Unsrigen es waren. Aber auch hier wird es Umbrüche geben. Und sie werden sich auf die Medien auswirken. Wer Angst um seinen Job hat, wer ihn verliert, wird sein Abo kündigen. Und er wird es, auch wenn sich seine wirtschaftliche Situation wieder verbessert, wahrscheinlich nicht wieder abschließen. Sie haben wunderbare Zeitungen in einer hohen Qualität. Die Stuttgarter Zeitung, die Schwäbische – sie sind herausragend.  

Aber werden sie ihre Qualität halten können, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld verschlechtert? Dass es bei uns keine Zeitungen auf dem Niveau gibt, hat, neben der Unfähigkeit der Besitzer der Funke-Mediengruppe, mit der Armut der Region zu tun. Die Kolleginnen und Kollegen bei der WAZ sind sicher nicht die schlechteren Journalisten, aber nach unzähligen Sparrunden und einem massiven Stellenabbau sind die Redaktionen ausgelaugt. Qualität kostet Geld – und je weniger in Redaktionen investiert wird oder investiert werden kann, umso schlechter wird die Qualität. 

Die Krise der Medien könnte also auch hier eskalieren. Es wäre gut, wenn sich Journalisten und Verleger anschauen würden, was bei uns passiert ist. Nicht um zu lernen, das geht von den Verlegern im Ruhrgebiet so wenig wie von den Politikern und Unternehmern. Nein, schauen Sie sich an, welche Fehler bei uns gemacht wurden und wiederholen Sie sie bitte nicht. Seien Sie klüger, bereiten Sie sich besser vor, entwickeln Sie bessere Ideen und Konzepte, um mit der Krise umzugehen. Sie schaffen das schon, denn ich weiß: Sie können alles – außer Hochdeutsch. 

Vielen Dank.

 

  

 

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