
Entwarnung zuerst. Offensichtlich gibt es in Deutschland doch noch genügend Menschen, die geradeaus laufen. Daran hatte ich zuletzt echte Zweifel, wenn ich mir anschaue, was in manchen Kommentarspalten passiert, besonders auf YouTube. Unter Videos rund ums Dschungelcamp stehen Hasskommentare in einer Zahl, die erschreckt, und sie bleiben oft stehen. Nicht selten wird das Ganze sogar angeheizt, weil manche Creator selbst vorweg gehen, mitmischen und so als Multiplikatoren dazu beitragen, einen Menschen zu entmenschlichen.
Die Treibjagd ist eröffnet
Das Ergebnis ist gut zu beobachten. Gil Ofarim wird vielerorts nicht mehr fair kritisiert, sondern zum Freiwild erklärt. Es gelten plötzlich andere Regeln. Das Vokabular wird härter, die Hemmschwelle sinkt, und irgendwie klingt es, als wäre er offiziell zum Abschuss freigegeben. Halali.
Im Camp selbst wirkt es, bei allem Krawall, inzwischen etwas humaner. Spürbar wurde das, nachdem Ariel raus war. Die Schweizerin stichelte immer wieder gegen Ofarim und setzte ihre Angriffe auffällig zielstrebig. Nebenbei lieferte sie diesen Satz, der wie ein unfreiwilliges Selbstporträt wirkt: „Die Erde ist eine Scheibe, ich habe es auf TikTok gesehen.“ Das gern bemühte „Ich bin nur ehrlich“ ersetzt keinen Anstand. Ihr Auftreten wirkte impertinent und übergriffig. Ich jedenfalls werde Formate meiden, in denen sie wieder auftaucht.
Aries ekelhafte Taktik ist zum Glück gescheitert
Natürlich kann man sagen, das sei eben Reality-TV. Trotzdem fällt auf, wie nach Plan solche Attacken wirken. Immer feste auf den, von dem man glaubt, dass er beim Publikum ohnehin unten durch ist. Vielleicht bleiben dann ein paar Stimmen hängen, vielleicht wirkt man stark. Zum Glück ist diese Taktik nicht aufgegangen. Viele Zuschauer merken sehr genau, wann Kritik zur Demütigung wird.
Nach Ariels Abgang verlagerte sich ihre Rolle, wenn auch leiser, vor allem auf Simone Ballack. Sie bohrte weiter, stellte Fragen, die weniger nach Aufklärung klangen als nach moralischer Zwangsführung. Dazu kam Patrick Römer, der ebenfalls nicht akzeptieren wollte, dass Ofarim Grenzen setzt und besonders im Dschungeltelefon zeigte, dass er eher Getriebener ist als ein Charakter. Traurig: Ofarim nannte ausgerechnet Römer einen „Cowboy, einen Typ zum Pferdestehlen“. Was für eine Fehleinschätzung.
Eigenständiges Denken und Fühlen sind keine Voraussetzungen für den Dschungel
Wie wenig Eigenständigkeit die verbleibenden Camper besitzen, wie sehr sie auf Hörensagen und vermeintliche öffentliche Meinung vertrauen, zeigte sich bei der Stöckchenvergabe. Wer hat die Krone nicht verdient? Natürlich Ofarim, darin waren sich alle einig. Derjenige also, von dem nichts kommt, was die Gruppe zersetzen könnte und der bei allen Prüfungen alles gab. Zum Fremdschämen.
Und was ist der Kern der Kritik der Camper? Ofarim soll sich ständig entschuldigen, am besten täglich und am besten bei jedem, der zufällig zuschaut. Diese Vorstellung ist eine Farce. Die Sache selbst ist juristisch längst auserzählt. Im Prozess räumte Ofarim 2023 vor Gericht in Leipzig ein, dass seine Behauptungen nicht stimmten. Das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage beendet und später endgültig eingestellt.
Am besten geht Ofarim von Haus zu Haus und entschuldigt sich bei jedem einzelnen
Im Camp wurde daraus dann die Frage nach der richtigen Form der Entschuldigung. Ballack und Römer forderten sie möglichst direkt an den Hotelmitarbeiter gerichtet. Gleichzeitig betonte Ofarims Anwalt öffentlich, sein Mandant habe sich beim Hotelmitarbeiter entschuldigt, unter anderem vor Gericht. Und er sagte auch, man solle Gil nicht auf diese Sache reduzieren. Wer immer neue Beichten erzwingt, will nicht Aufarbeitung, sondern Vorführung.
Man kann Ofarim kritisieren, man kann ihm misstrauen, man kann sagen, man finde die Geschichte unerquicklich. Alles legitim. Widerwärtig wird es dort, wo Menschen, die mit dem Fall nichts zu tun haben, sich als private Schiedsrichter aufspielen. Dieses moralische Trittbrettfahren hat etwas Gieriges. Und wenn Ofarim dann nicht ständig liefern will, nicht ständig reden will, dann ist das sein Recht.
Hubert Fella bricht als einziger aus – ein bisschen
Ausgerechnet Hubert Fella wirkte im Camp am ehesten wie jemand, der begriffen hat, dass man ein Thema auch ruhen lassen kann. Sinngemäß ließ er durchblicken, Gil sei nun wirklich genug attackiert worden. Man muss diese Weitsicht in einem Format, das von Konflikten lebt, erst einmal hinbekommen.
Ich drücke Gil Ofarim die Daumen. Nicht, weil ich glaube, dass seine lautesten Hater daraus plötzlich etwas lernen. Das werden sie nicht. Aber weil ein Sieg ein Signal wäre, dass die digitale Hetzmeute nicht automatisch die Mehrheit ist. Gil steht tatsächlich im Finale der RTL-Show Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! und hat realistische Chancen auf die Krone. Wenn er sie holt, am liebsten mit einem deutlichen Votum, ärgert das die Hexenjäger. Und wir Normalos wissen dann wieder, wir sind mehr. Wir sind in der wirklichen Welt unterwegs, nicht nur in Kommentarspalten.
