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Heisterhagen in Herne: „Sozialdemokraten sollen Politik für ihre Wähler machen, nicht für sich selbst“

Frank Baranowski, Hendrik Bollman und Nils Heisterhagen in Herne

Der Sozialdemokrat Nils Heisterhagen ist der zurzeit der wichtigste Kritiker seiner Partei. In Herne stellte er gestern die Thesen seines Buchs „Die liberale Illusion“ vor und diskutierte mit dem Chef der Ruhrgebiets-SPD, Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski.

Nicht in Dortmund, nicht in Bochum und nicht in Essen fand die erste Diskussion mit Nils Heisterhagen über sein Buch „Die liberale Illusion“ im Ruhrgebiet statt, sondern im Volkshaus Röhlinghausen in Herne auf Einladung des dortigen SPD-Ortsvereins. Das ist nicht nur ein Beleg für die intellektuelle Trägheit der großen SPD Unterbezirke im Ruhrgebiet, sondern zeigt auch, dass dort, wo ehrenamtliche Sozialdemokraten und keine bezahlten Funktionäre das Sagen haben, die SPD noch immer eine lebendige und an Debatten interessierte Partei ist.

An die hundert Besucher kamen gestern Abend in den eher tristen Saal des Volkshauses, die meisten schon etwas älter, aber sie waren nicht unter sich: Auch Jusos waren da. Wie es sich gehört, saßen sie links vor dem Podium. In Röhlinghausen schätzt man noch die Tradition.

Und zu der, das sagte der örtliche SPD-Vorsitzende Hendrik Bollman gleich zu Anfang, gehöre auch der Streit: „Die SPD ist nicht nur Willy Brandts Kniefall in Warschau und die Ablehnung der Ermächtigungsgesetze durch Otto Wels. Über Entscheidungen wie die Bewilligung der Kriegskredite 1914, das Godesberger Programm oder HartzIV gab es immer Debatten, das war alles umstritten und diese Debatten sind auch ein wichtiger Teil unserer Geschichte.“

Dann stellte Nils Heisterhagen die Kernthesen seines Buches vor. Im Sinne von Ferdinand Lassalle müsse die SPD wieder verstehen, dass „alle große politische Aktion in dem Aussprechen dessen, was ist, beginnt.“

Und vieles sei nun einmal nicht so, wie es Parteispitze und Fraktion in Berlin nach außen präsentieren würden: „Viele Menschen brauchen mehrere Jobs um durchzukommen, fast die Hälfte aller Arbeitsplätze sind nicht mehr tarifgesichert, die Mieten steigen und Menschen arbeiten unter prekären Bedingungen.“ Die SPD, das ist eine These Heisterhagens, müsse in sozialpolitischen Fragen wieder nach links rücken, müsse den Kapitalismus stärker kritisieren, sich wieder mit den Arbeitgebern anlegen und auch auf Umverteilung setzen. Das Geld, das der Staat zum Beispiel durch eine höhere Erbschaftssteuer einnehmen würde, könnte dann für Schulen und Bildung ausgegeben werden. Auch ein anderes Vorhaben, das Heisterhagen anregt, würde viel Geld kosten. Die SPD solle sich nicht in erster Linie für eine Grundsicherung einsetzen, sondern für eine Existenzsicherung: „Das Arbeitslosengeld I muss verlängert und erhöht werden.“

„Linker Realismus“ nennt Heisterhagen seine Agenda und zu der gehört nicht nur eine linke Sozial-, Wirtschafts- und Bildungspolitik.

Vieles, was heute in den Bereich linker Moden gehört, kritisiert er in seinem Buch: Fragen der postmodernen Identitätspolitik, Debatten über Trans-Gender-Toiletten und politisch korrektes Benehmen würden vor allem die Funktionäre an der Parteispitze interessieren: „Wer als Referent mit einem A16 Gehalt in Berlin lebt, für den ändern sich einfach die Themen, die wichtig sind.“ Und dann vergesse man schnell, wie schlecht es vielen Menschen mit wenig Geld geht und hält auf einmal postmoderne Identitätspolitik für ein wichtiges Thema. „Sozialdemokratische Funktionäre sollten keine Politik für sich selbst machen, sondern für die „kleinen Leute“, von denen Johannes Rau einmal sagte, dass die SPD ihre Schutzmacht sei.“

Realismus fordert Heisterhagen auch in der Migrationspolitik. Man müsse die Konflikte klar benennen und nach Lösungen suchen. Sie zu ignorieren sei fatal. Die SPD sei früher nie eine Partei der offenen Grenzen gewesen, ihre Haltung sei immer gewesen, Einwanderung nüchtern und ohne Ressentiments zu betrachten. „Politik bedeutet am Ende Gesetze und staatliches Handeln. Nur über Moral zu reden, ist keine Politik.“

Heisterhagen forderte auch, dass die SPD wieder ein positives Verhältnis zu Industrie und Technik entwickeln müsse. Was im Moment in Berlin zu 5G gemacht werde, sei ein Trauerspiel.

Als dann Frank Baranowski zu Heisterhagen auf die Bühne kam, wurde schnell klar: In den meisten Fragen sind sich der Intellektuelle und der Praktiker einig. Zwischen ihnen gab es keinen Streit, sie kamen, wenn auch wohl auf unterschiedlichen Wegen, in den meisten Fragen zu denselben Erkenntnissen. Angesichts der Probleme mit Zuwanderern aus Südosteuropa bezeichnete Baranowski die Aufnahme von Rumänien und Bulgarien als Fehler und warnte davor, diesen im Fall von Serbien zu wiederholen. „Wenn ich über die Probleme, die wir in Gelsenkirchen mit Zuwanderung aus Südosteuropa haben, mit Europaabgeordneten rede, höre ich: „Das ist der Preis, den man zahlen muss.“ Das kann doch nicht die Antwort sein.“

Baranowski ist ein zurückhaltender Politiker, der seine Worte meist sehr genau abwägt. Gestern ging er in die Offensive: Er kritisierte SPD-Finanzminister Olaf Scholz für seine Schwarze-Null-Politik, die sich kaum von der seines Vorgängers Wolfgang Schäuble unterscheide: „Da habe ich von einem sozialdemokratischen Finanzminister etwas anderes erwartet.“  Für das nördliche Ruhrgebiet forderte er eine Universität, die Region brauche dringend die wirtschaftlichen Impulse, die von so einer Ansiedlung ausgingen.

Wichtig war Baranowski auch die Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes: „In jeder Familie müssen Kinder mindestens einen Menschen erleben, der am Morgen aufsteht und zur Arbeit geht.“

Auch die anschließende Diskussion zeigte, dass Nils Heisterhagen mit seinen Thesen zwar bei den Funktionären der Partei aneckt, er verlor nach Erscheinen seines Buches sogar seinen Job als Grundsatzreferent bei der SPD-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag, aber die Basis der Partei ihm durchaus folgen kann. Und die weiß in Herne noch ziemlich genau, wie man als Sozialdemokraten erfolgreich sein kann: 34,2 der Zweitstimmen holten die Genossen hier bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Weniger als früher, aber doch deutlich mehr als auf Bundesebene.

Von Herne und Heisterhagen zu lernen, könnte also für die SPD heißen, wieder siegen zu lernen.

Aber natürlich steht es den Funktionären frei, ihre Partei auf unter zehn Prozent zu führen, wie es schon ihren Genossen in Frankreich, Griechenland und den Niederlanden gelang.

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21 Kommentare zu “Heisterhagen in Herne: „Sozialdemokraten sollen Politik für ihre Wähler machen, nicht für sich selbst“

  • #1
    Ke

    Wie man kann man wg dieser Thesen fast de Job verlieren?
    Die Grundrichtung ist richtig und nachvollziehbar.

    Vermutlich sieht das die Partei-Elite aus der Einhornwelt wirklich anders. Dann sind auch die Wahlergebnisse berechtigt.

  • #2
    Arnold Voss

    Fast alle Funktionäre vor allem auf Landes- und Bundesebene sind z.b. Hausbesitzer und profitieren von steigenden Mieten und Grundstückspreisen. Sie wohnen erst recht nicht in Migrantenvierteln und in der Nähe von Flüchtlingsheimen. Ihre Einkommen sind dauerhaft gesichert und ihre Pansionen und Renten liegen weit über dem Durchschnitt der Bevölkerung. Da kann man schon mal die Verhältnisse der "kleine Leute" aus den Augen verlieren.

  • #3
    Pan Pawlakudis

    Ich habe Heisterhagens Buch gelesen: einfache, unakademische und in einer für jeden verständliche Sprache, richtig gute Manöverkritik, nicht übertriebene Anamnese. Exakt DAS gefällt nicht! Ist doch scheißegal, ob es gefällt! Ich würde sagen, er und Marco Bülow – sowie jeder Heisterhagen und jeder Marco Bülow – verlassen geschlossen die SPD, lassen die Seeheimer und andere Kompetenzsimulanten im Regen stehen und gründen sich neu.

    Frank Baranowski dagegen braucht nur das Eine: Mut!

  • #4
    Wolfram Obermanns

    Liest sich plausibel.
    Skeptisch bin ich aber doch, denn ‚Wer Kümmerer wählt, wird Kummer bekommen". Die SPD begann als die Partei der Aktiven unter den "kleinen Leuten", aber diese politisch Aktiven unter den "kleinen Leuten" sind praktisch ausgestorben. Die Wahrnehmung der Wähler auch durch Heisterhagen als hilfsbedürftige Klientel wirkt dem entsprechend entmutigend, entmündigend und entsolidarisierend.

    Die Frage, welche Qualität die Arbeit des Dienstleistungsprekariats hat und welcher Anteil am zu verteilenden Ertrag ihm fairer Weise zusteht, bleibt unbeantwortet. Almosen hingegen sind keine sozialdemokratische Größe.
    Diese fordert Heisterhagen auch gar nicht sondern "Bildung". Nichts für ungut, aber wir haben knapp 25% struktureller Analphabeten, die die Schule verlassen. Die Frage wie groß rein intelektuell ein Sockel an Analphabeten rein kognitiv zu erwarten ist, wird nicht einmal gestellt, dabei würde die Antwort schon mal erreichbare Ziele definieren. Wenn dann dazu ausgerechnet Vertreter der SPD zu Lasten bildungsfernerer Schichten eine bewährte Lehrmethode (Rechtschreibfibel) mit Scheinargumenten abwehren, da sie mittelständischen Selbstverwirklichungsidealen entgegensteht, sollte auch dem ambitionierten Sozialdemokraten klar werden,
    1. Repräsentanz ist etwas anderes als ein Klientenverhältnis,
    2. die SPD ist personell entkernt.

    Immerhin stimmt m.E. die Analyse einer ideologischen Seitwärtsbewegung der Sozialdemokratie, die sich mit substituierenden Ideen und Identitäten aufbläst und über Wasser zu halten versucht.

  • #5
    walter stach

    Stefan Laurin,
    interessanter Bericht/Kommentar.

    Anmerkungen dazu:

    Die Heisterhagens, die Bülows, die……" sind nicht mehr und nicht weniger als einige von vielen Protagonisten einer zutiefst verunsicherten SPD, die sich zwar mit Stolz ihrer Geschichte bewußt ist (beser wohl "sein sollte") und das trotz mancher Irrungen und Wirrungen im großen wie im kleinen, im Personellen im Inhaltlichen-, der aber seit Jahren ein Leitbild fehlt und dementsprechend gesetzte strategische Ziele, mit denen "man" Menschen, vor allem junge Menschen, für lange Zeit für sich gewinnen, ja begeistern könnte.

    Mit einer Diskussion wie die von gestern in GE, so interessant und so kommentierungswürdig sie auch erscheinen mag, lassen sich "junge Menschen" nicht für die SPD gewinnen, geschweige denn, für eine sozialdemokratische Politik und eine sozialdemokratische Partei begeistern.

    PS
    1.
    Wie mehrfach bei ähnlichen Gelegenheit angemerkt, gibt es mittlerweile viele bedenkenswerte Ideen und Anregungen in der Partei und von Außen mit dem Ziel, vor allem junge Leute nicht nur kurz-, sondern mittel- und langfristig für die SPD, für sozialdemokratischen Ziele zu gewinnen -z.Teil widersprüchliche, z.T. "unausgegoren", allesamt im Detail kontrovers diskutiert, aber bisher ohne ein hinreichendes innerparteiliches Bemühen, über Diskussionen -auch an der Basis- d e n
    gemeinsamen sozialdemokratischen Nenner zu finden.

    Ich gehöre jedenfalls zu denjenigen, die daran zweifeln, ob mit (alleinigen?) Änderungen der Politik in einzelnen Sachfragen oder ob mit einer "optimierten Informations- und Kommunikationsarbeit" die SPD es schaffen wird, namentlich für jüngere Menschen und damit über den Tag hinaus wieder interessant zu werden oder sogar sie begeistern zu können für…….

    Leider treibt mich mit Blick auf Bülow. auf Heisterhagen , auf……..der Gedanke um, daß es ihnen weniger um das Schicksal ihrer SPD gehen könnte, sondern primär "um sich selbst", um öffentliche Aufmerksamkeit für sich, weil……? Da mag es mehrere und unterschiedliche Gründe geben.
    Sorry -gegenüber Bülow/Heisterhagen-, daß mich diese Gedanken umtreiben; sie , also meine Gedanken-könnten insofern irre sein.

    2.
    Damit ich nicht mißverstanden werde:
    2.1
    Gut so aus meiner Sozi-Sicht, , daß innerparteilich diskutiert wird wie gestern GE, zumal ich zwar einige "einschlägie" Ideen habe und diese in die innerparteiliche Diskussion einzubringen versuche, primär mit Blick auf die jungen Menschen und die Zukunft der SPD bzw. mit Blick auf die Zukunft sozialdemokratische Leitideen in den nächste (2o/3o ?) Jahren, ich jedoch keineswegs über ein Patenrezept zu verfügen meine, dessen Beachtung "meiner " SPD helfen könnte, z.B. 2050 noch (oder wieder) ein politisch relevante Größe zu sein -in Deutschland und gemeinsam mit "Gleichgesinnten" in Europa.

    2.2.
    Ich habe vor X-Jahren ‚mal angeregt, in den Ortsvereinen, Stadtverbänden mündlich/schriftlich
    -oder wie auch immer-, jede Genossin, jede Genossen zu bitten, sich zu fragen: "Warum bin ich (noch oder gerade jetzt ) Mitglied der SPD?" Die" eigenständige" Suche nach der Antwort auf diese Frage könnte jedem Parteimitglied helfen, losgelöst von allem Vorgedachten, von allem Vorgetragenen , sich "eigenständig" mit der Frage zu befassen, was derzeit die SPD ausmacht, was sie ausmachen sollte und was sie sein sollte mit Blick auf junge Menschen und auf z.B. das Jahr 2o5o. Und im Austausch so entstandener Einsichten würde jedem, nicht nur den sog. Funktionären bewußt, wie vielschichtig, ja wie gegensätzlich die einzelnen Positionen der Parteimitglieder sind und daß es schon deshalb nicht einfach ist und nicht einfach sein wird, Leitbilder und strategische sozialdemokratische Ziele zu entwickeln und festzulegen, für die sich junge Menschen gewinnen oder gar begeistern lassen. "Man" wird dabei sogar erkennen, daß es nicht einmal ganz einfach ist, bei der Suche nach Antworten auf aktuelle politische Fragen einen gemeinsamen politischen Nenner zu finden.

    Stefan Laurin,
    insofern , so scheint mir, mag ein Slogan wie "Sozialdemokraten sollen Politik für die Wähler machen nicht für sich selbst" öffentlichkeitswirksam sein, er mag auch allgemeinen Beifall in einer SPD-Veranstaltung finden, ja finden müssen, da er nicht ‚mal ansatzweise Widerspruch herausfordern kann, aber ob damit….???-sh. meine Bemerkungen vorab.-

  • #6
    ke

    @4 W Obermanns:
    Sie sprechen ein Kernproblem des Ruhrgebiets an, das auch in vielen anderen Gegenden vorhanden ist.

    Der "Kümmerer" als Versorger. Ich hatte meine ersten Kommentare unter "keine Eigenverantwortung" geschrieben, weil ich bei dieser "Wir versorgen dich"-Haltung Bluthochdruck bekomme. Das ist schlechte Entwicklungshilfe und keine Hilfe zur Selbsthilfe. Eine hohe Abi-Quote und geringe Abbrecher-Quote bei sinkenden Standards ist auch kein Überlebensmittel für die globalisierte Welt.
    Ja, wir brauchen Bildung und Verantwortung. Jeder muss auch gefordert werden. Hierfür kann er auch gefördert werden. Das ist das, was jeder selbstbewusste Arbeiter/Dienstleister auch tun wird.
    Es ist auch der Leitsatz von H4 gewesen.

    Aktuell haben wir auch das Problem, dass der Bevölkerungszuwachs insbesondere im Bereich der unteren Lohngruppen zu massiven Konkurrenzsituationen führte, die sich bei den Gehältern und bei den Wohnungen bemerkbar machen. Dass führende SPD Politiker wie in der bayrischen Wahl das bestreiten, ist nicht nachvollziehbar. Das ist einfachste Mathematik und Wirtschaftskunde. Aktuell ist die Antwort von Frau Nahles die großzügige Versorgungsspende des Staates als Bürgergeld. Ein Teil der Menschen wird aufgegeben. Das wird so nicht gesagt. Er kann sich ohne Druck von Sanktionen selber verwirklichen. Sind wir in Berlin?

    Die Elite lebt als Anwälte, Ärzte oder im öffentlichen Dienst. Das sind alles Reservate, die gut reguliert, z.T. mit festen Gebührenverordnungen funktionieren. Diese Welt kennt die Globalisierung kaum.
    Wir brauchen unterschiedlichste Berufe, jeder muss von seinem Lohn leben können. Die Gesellschaft hilft in Notlagen, aber erwartet auch berufliches und steuerliches Engagement.
    Dieses Sozialsystem kann auch nicht ohne Zugangsbeschränkung funktionieren. Das gilt für jede Versicherung.

    Mit den Gendersternchen Konzepten des Herrn Bülow hat eine simple Politik mit dem selbstbewussten Staatsbürger nichts zu tun.

  • #7
    Werntreu Golmeran

    Was ich nicht verstehe ist, dass hier zunächst von allen, besonders von Herrn Laurin, auf Herrn Bülow herumgehackt wurde und jetzt Herr Heisterhagen gehypt wird. Worin unterscheiden die beiden sich denn? Ausser Schule, Uni, Gewerkschaft und Partei hat Herr Heisterhagen ja auch nichts vom Leben gesehen, könnte man mit Herrn Laurin argumentieren. Mich stört das nicht, aber bei Herrn Bülow wurde das hämisch bekrittelt. Das Problem der Linken bei der SPD ist einfach, dass die nie fähig waren, sich ordentlich zu organisieren. Anfang des Jahres vor der GroKo Abstimmung gab es vom Forum DL-21 keine irgendwie sichtbaren Aktivitäten. Ich hatte damals auch diverse Leute angesprochen und angeschrieben, von denen ich zum größten Teil gar keine Antwort bekommen habe. Und wenn ich mit jemanden ins Gespräch kam, hieß es immer, aber wenn der mitmacht, dann mache ich nicht mit. Den X solle man auf gar keinen Fall ansprechen, das wäre verbohrt. Den Y nicht, der würde immer nur reden und nichts machen…. Oder, das sei ja alles gut und richtig, aber der Mike Groschek, der mache das doch eigentlich ganz gut und wäre ja ein guter Vorsitzender… Da gäbe es noch Schlimmere… Der einzige, der die Gunst der Stunde genutzt hat, ist Herr Kutschaty, der sich den Fraktionsvorsitz geschnappt hat, obwohl er gar nicht vorgesehen war.

  • #8
    Thomas Weigle

    Ich lese heute, dass Herr Bülow zwar studiert hat, aber ohne Abschluss geblieben ist, auch eine Ausbildung als Journalist habe er nicht beendet. Oha!!
    Als ein gewisser Elmar Brok 1975 von der Bielefelder CDU als Bundestagskandidat aufgestellt wurde, hämte die NEUE WESTFÄLISCHE über den "teuersten Arbeitslosen" in Deutschland, da Herr Brok 20 Semester Jura ohne Abschluss aufwies. Die Aufregung war der CDU so peinlich, dass man eine erneute Kandidatenwahl ansetzte, ein anderer Kandidat wurde gewählt. Brok selbst machte dann eine , nun ja, Ausbildung als Journalist, sitzt seit 79 im EP.
    Wenn die von mir erwähnte Meldung richtig ist, dann allerdings verstehe ich nicht, warum man ihn als Kandidaten aufstellte. Nix gelernt, aber im BT.

  • #9
    ke

    @8 T Weigle.
    Ausbildung, Studium etc. wen interessiert es, wenn der Kandidat seinen Wahlkreis oder seine Partei überzeugt? Der Bundestag sollte auch einen Querschnitt der Bürger repräsentieren.

    Lächerlich wird es nur, wenn Ministerien Hochschulabschlüsse von ihren Mitarbeitern fordern, aber der Minister ohne Abschluss ist. Meistens wird dann in der Biographie auf "hat x Semester studiert" verwiesen. Das klingt auch nach viel Bildung. Mehr Semester = Noch mehr Bildung gilt ja im Regelfall nicht.

  • #10
    walter stach

    Thomas Weigle,
    ich bin dagegen, die Qualifikation für ein politisches Mandat -im Rat, im Landtag, im Bundestag, im EU-Parlament nach Schulabschluß, (erfolgreichem/erfolglosem) Studium oder/und nach beruflicher (oder nicht beurflicher)Tätigkeit zu beurteilen.
    Die (Aus-) Wahl eines Kandidatn -in den Gremien der Partei, dann wie im Falle Bülow. direkt durch die Wähler- hängt ausschließlich davon ab, auf welche Kritierien der einzelne Wähler -in der Partei und bei der Direktwahl durch die Bürger – seine Entscheidung stützt. Und diese Kriterien lassen sich nicht obketivieren und schon gar nicht als objektiv "richtig" oder als "falsch" werten.
    Wenn z.B. jemand gewählt wird weil er sympathisch wirkt, weil er offen ist für das Gespräch mit jedermann, weil charakterlich überzeugt, weil er rhetorisch gut drauf ist, weil er sich "kümmert" um die Sorgen des sog. kleinen Mannes, weil er fleißig arbeitet für seine (potentiellen) Wähler, aber keinen Hochschulabschluß hat oder keine berufliche Tätigkeit nachweisen kann, dann….? Wer ist dann legitimiert, dem Wähler und dem Gewählten vorzuwerden, eine falsche Wahl getroffen zu haben?
    Insofern, so meine ich, sollte bei der Diskussion über den (bisher sozialdemokratischen ) direkt gewählten Bundestagsabgeordneten der fehlende Studien- bzw.der fehlende Berufsabschluß kein relevantes Kriterium sein, über seine Qualitäten als MdB zu urteilen, wohl seine im Mandat erbrachten Leistungen -quantitativ / qualitativ.

    Auf einem anderen Blatt steht, daß zu den für mich wichtigen Kriterien für meine Wahlentscheidung -vor allem in den Parteigremien bei der Kandidatenaufstellung- eine mehr jährige berufliche Tätigkeit gehört -weniger der Nachweis eines abgeschlossen Hochschulstudiums.
    Aber, wie angemerkt, daß ist ein für mich wichtiges Kriterium. Das kann nicht und das muß nicht auch für andere Wähler der Fall sein. Und dieses für mich wichtige Kriterium ist bekanntlich keine Garantie dafür, daß der Gewählte sein Mandat zu meiner Zufriedenheit wahrnimmt.

    Im übrigen:
    Wenn ich mich nicht irre, ist der Elmar Brock mittlerweile eine der führenden politischen Persönlichkeiten im EU-Parlament (in der…..(?) Fraktion, zu der u.a. die CDUler zählen.
    Geht doch oder?
    Persönlich halte ich vom EU-Spitaeznpolitiker ElmarBrox allerdings wenig -bis nichts.

  • #11
    Robin Patzwaldt

    Ich denke auch, dass man nicht unbedingt ein abgeschlossens Studium vorweisen können muss um gebildet zu sein, Thomas. War es nicht ohnehin so, dass ein Großteil der Bundestagsabgeordneten usprünglich Lehrer sind? Auch nicht gerade die ‚Könung der Schöpfung‘ 😀

  • #12
    Werntreu Golmeran

    @Thomas Weigle

    Sie befinden Sich in guter Gesellschaft. Ich kannte mal einen Rechtsanwalt in Berlin, der war vor der Wende Abteilungsleiter im Justizministerium der DDR, ein ganz intelligenter Mann und hervorragender Jurist, der echauffierte sich auch immer, wenn die Rede auf Joschka Fischer kam, dass der Fischer ja gar nichts richtiges gelernt hätte, die Schule geschmissen, kein Abitur und dann noch die Lehre nicht beendet…

  • #13
    Thomas Weigle

    Als Lehrer gehst durch eine harte Schule, im Wortsinne,Robin. Nicht unbedingt im Studium, jedenfalls als ich studierte, aber spätestens in der 2. Ausbildungsphase, wenn Idealismus auf Wirklichkeit trifft. Auch die ersten Jahre sind hart, viel leichter wird`s auch später nicht. Vielleicht sind deshalb zu viele Lehrer in den Parlamenten.
    Wie groß der Unterschied zwischen Studium und Beruf ist, merkte ich besonders von 90-93 als ich in Dortmund berufsbegleitend Sonderschulpädagogik studierte. Zwischen Beruf und Studium lagen Welten, nicht nur die ca 100 Km zwischen Bielefeld/Halle und Dortmund.
    Aber quasi direkt von in den Sand gesetzten Studien-bzw Ausbildungsgängen in den Bundestag zu wechseln, finde ich absurd, ist kein Lorbeerblatt. Weder für den betreffenden Politiker noch für die Partei, die ihn aufstellt. Man sollte schon etwas beruflichen Background haben, will man Menschen und eigene politische Ziele überzeugend vertreten.
    Das gilt natürlich auch für Elmar Brok, von dem ich genau wie @Walter Stach nix halte.
    Ein fröhliches FORZA SGE aus OWL.

  • #14
    Ke

    Geht es um Lebenserfahrung jn der realen Welt oder um ejn Studium?
    Bspw Politikwissenschaft , Job in der Stiftung oder im Büro beim Abgeordneten …
    Also ein typischer Politikerlebenslauf

  • #15
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Robin Patzwaldt: Es geht nicht um einen Abschluss, es geht um Lebenserfahrung ausserhalb der Politik.

  • #16
    ruhrreisen

    Baranowski: ,,,"Wenn ich über die Probleme, die wir in Gelsenkirchen mit Zuwanderung aus Südosteuropa haben, mit Europaabgeordneten rede, höre ich: „Das ist der Preis, den man zahlen muss.“ Das kann doch nicht die Antwort sein.“
    WAS ALSO wäre die Antwort mit der folgenden Konsequenz und wieso wurde hier nicht wenigstens von Journalisten nachgefragt???
    Seit 2013e wird um das Thema Roma drumrum geschwafelt. Heute nennen sie sie Rumänen und Bulgaren. die sich aber als Volk ausgerechnet von der Ethnie diskriminert sehen und nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden wollen. Die sich übrigens selbst nicht durchgehend Roma, sondern Zigeuner nennen. Auch das haben noch nicht alle von uns gerne als Gadze – Bauer, Taugenichts bezeichneten Deutschen begriffen. Denn sie kommen längst nicht nur aus Bulgarien und Rumänen, sondern aus Serbien, Kosovo, Moldawien, Polen über Belgien, Niederlande, England…usw…usf.
    Und solange die EU zulässt, dass nicht nur in ihren Ländern billigst produziert werden kann, sondern ausgerechnet arme Analphabeten mit tradierten Ritualen aus den letzten Jahrhunderten sich gerade hier in Massen ansiedeln, wo Industrien zusammenbrachen und Strukturwandel längst nicht vollzogen ist – könnte man meinen: Da steckt System hinter.

  • #17
    Thomas Weigle

    @ Werner Golmeran#12 Na und? Immerhin hat der von mir durchaus nicht sonderlich geschätzte Joschka ein paar Monate bei Opel am Band geschafft, so um 1970 oder etwas später. Da hat er gemerkt, wie hart die Arbeitswelt ist und hat ganz schnell in Sack gehauen und auf Steinewerfer umgeschult.

  • #18
    Arnold Voss

    Thomas, heute wirft Joschka mit Gedanken, und da ist er weitaus besser als als Steinewerfer. 🙂

    https://www.swr.de/swr2/kultur-info/buch-joschka-fischer-der-abstieg-des-westens-kritik/-/id=9597116/did=21295486/nid=9597116/1b28fxl/index.html

  • #19
    Thomas Weigle

    Ich habe das Buch dieser Tage in unserer Stadtbücherei schon mal in der Hand gehabt, Arnold. Dann werde ich es mal ausleihen. und zumindest anlesen

  • #20
    Bebbi

    Auch wenn in neoliberalisierten Hochschulen nur zählt, ob man den Abschluss gemacht hat, kann auch ein Studienabbruch Ausdruck eines individuellen Bildungsweges sein. In den Bundestag gehören Leute mit möglichst vielfältigen Biografien. Nicht der einzelne Partei-Karrierist ist das Problem, sondern wenn das eine dominante Gruppe wird.

  • #21
    ke

    @20 Bebbi:
    Ja, es kann vieles sein, und ich finde es auch gut, dass versch. Lebensläufe im Bundestag vertreten sind.

    Ein fehlender Abschluss nach vielen Jahren Uni zeigt für mich zuerst, dass ein Durchhaltewille fehlte. Die Laufbahnen, die ich kenne, waren eher eingeschriebene Studenten ohne Uni-Bezug.
    Status Student klingt immer noch ganz gut. Im Detail muss dann geklärt werden, was diese Personen in der Zwischenzeit gemacht haben. Hier kann es dann viele individuelle Laufbahnen geben, die auch alle interessant sein können.

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