In der Bundesliga mehren sich kurz vor dem 4. Spieltag die Fragezeichen

Ist Xabi Alonso als Bayer Leverkusen-Coach schon ein Meistertrainer? | Foto: DONOSTIA KULTURA / wikipedia / CC BY-SA 2.0

Heute abend treffen sich Bayern und Leverkusen zum ersten Schlagabtausch des vierten Spieltags. Ist das schon ein erster Indikator in Richtung Meisterschaft? Oder noch zu früh? Thommy Junga und Peter Hesse haben die Glaskugel aus dem Schreibtisch von Mario Basler befragt. Außerdem wird über die allgemeine Ausrichtung des DFB und die Vermarktung von DAZN und Sky debattiert. Und wer neuer DFB-trainer werden könnte. Wie immer beinhart vorgestellt mit sehr konkreten FC Münchhausen-Vorgleichen.    

Thommy Junga: DAZN, SKY und Telekom greifen immer tiefer ins Portemonnaie. Will man die ersten drei Ligen schauen, ist man monatlich locker 60,00 € los. Dazu kommen noch exklusive Übertragungen für Champions-League-Partien bei Amazon Prime. Im nächsten Jahr werden die Vermarktungsrechte wieder neu vergeben. Kühlt sich der Markt ab oder befürchtest Du, die Fans zahlen die Quittung für das Wettbieten?

Peter Hesse:
Die vermeintliche Alternativlosigkeit des Kapitalismus ist ja nur da, weil der Kapitalismus selber nicht die Alternative ist. Und dieses ewige Wettbieten um die „goldene Ananas“ ist endlich. Der Soziologe Wolfgang Streeck hat schon häufiger orakelt, dass das Ende unseres Wirtschaftssystems ausgemacht ist. Es geht nur noch um die Frage des „Wie“. In meiner Filterblase haben sich schon viele Kumpels von der Bundesliga abgewendet. Als Mesut Özil noch bei Arsenal war, habe ich mal ausgerechnet, dass er in einem Monat mehr verdient hat, als meine Eltern als Sekretärin und Industriekaufmann in ihrer kompletten Lebenszeit. Neymar mit seinem 150 Millionen-Gehalt in der saudischen Liga bei Al-Hilal bekommt in etwa drei Tagen das, was meine Eltern in 45 Arbeitsjahren verdient haben. Niemand bekommt diese Zahlen gerade gebogen, aber keiner sollte sich wundern, wenn Angebot und Nachfrage nicht mehr den Konsumenten erreichen.

Wer folgt beim DFB auf Rudi Völler? / Quelle: Wikipedia, Foto: Fuguito, Lizenz: CC-BY-SA 4.0

Thommy Junga: Stichwort Amazon: Die WM-Doku „All or Nothing“ über den müden Auftritt der deutschen Nationalmannschaft in Katar hat große Wellen geschlagen – besonders amüsiert sich die Fußballwelt über die Motivationsfilmchen mit Graugänsen. Kaum wurde uns nochmal das winterliche Wüsten-Gestümper gegen Japan im ersten Gruppenspiel vor Augen geführt, da befördert die Duplizität der Ereignisse mit dem neuerlichen Debakel gegen Japan eben jenen Bundestrainer vor die Tür, der anscheinend gern bei eigener Führung in der Kabine die Mannschaft runterputzt. Soweit ich weiß, ist Flick der erste Bundestrainer, der entlassen wurde. Alle anderen hatten zumindest vordergründig den Anstand von selbst zu gehen. Jetzt geistern viele sehr verschiedene Kandidaten durch die DFB-Hallen in Frankfurt – wer soll Deutschland in die Heim-EM führen?

Peter Hesse: Es gibt nur einen Rudi Völler – einen Rudi Völler! Aber das die altgediente Tante Käthe lieber in Gänseschritten Richtung Altenteil tapert, ist auch für mich mehr als verständlich. Ich glaube Nagelsmann ist noch zu jung für so einen Job – und selbst der mittlerweile 74jährige Otmar Hitzfeld steht nicht mehr zur Verfügung. Na klar würde ich mir auch Kloppo wünschen – wer nicht? Doch der hat in Liverpool noch einiges zu tun. Als erste Entscheidung halte ich es für wirklich großartig, dass der DFB auf der Oliver Bierhoff-Position nun Andreas Rettig einsetzt. Es dreht sich beim großen Ballsport-Verband alles immer nur um DFL und Bundesliga – dabei gibt es 7,3 Millionen Mitglieder mit sehr vielen Vereinen. Und in Mannheim, Meppen und Marktheidenfeld wird auch Fußball gespielt – das wusste Bierhoff scheinbar nicht. Mir sagte kürzlich der Präsident vom FC Marl: „Es ist gut möglich, dass wir bald nicht mehr die geeigneten Personen dafür finden, die sich Woche für Woche für ihren Verein aufopfern – das macht heutzutage keiner mehr.“ Denn neben ihrem 40-Stunden-Woche im Job, hast du nochmal weitere 30 Ehrenamt-Stunden im Verein. Es wäre toll, wenn auch ein DFB-Trainer dafür Verständnis hätte, was so an der Basis los ist. Magath oder Matthäus sind das aus meiner Sicht nicht. Vielleicht Christian Streich, aber der ist ja mit dem SC Freiburg verheiratet. Und selbst an Louis Van Gaal glaube ich auch nicht so richtig…

adidas brachte mit dem FC Bayern München in den 1970er Jahren das Sport-Sponsoring auf ein neues Level | Foto: Foto: wikipedia / Rolf Horsmann / CC BY-SA 4.0

Thommy Junga: Heute Abend topspielt Bayern gegen Bayer. Es wird medial wieder viel reingepumpt in diese Partie: Duell der Supertaktiker mit Tuchel und Alonso, des Rekordmeisters gegen den Herausforderer auf Augenhöhe – gefühlt fällt in dieser Partie schon die Vorentscheidung über das Meisterrennen. Es besteht mal wieder die Gefahr dass diese Partie viel zu sehr hochgejazzt wird und am Ende die Bergblumen auf dem Wiesn-Trikot der Bayern das Spektakulärste waren. Oder täusche ich mich und uns erwartet der aufregende Auftakt zur Titeljagd?

Peter Hesse: Im Mai verkündete der FC Hollywood einen Jahres-Umsatz-Rekord von 835 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2018/19 hatte der Klub seinen letzten Rekordumsatz in Höhe von 750,4 Millionen Euro erzielt. In den Jahren dazwischen sorgte die Corona-Pandemie für finanzielle Einbußen. Sicher wird bald das Milliarden-Level geknackt werden. Nur muss man die PS auf die Fahrbahn bekommen – während in England und Saudi-Arabien die Transfersummen explodieren, braucht es natürlich auch an der Säbener Straße Geld, um seine Profis mit ausreichend Money in der Spur zu halten. Mit dem Blick aus der letzten Saison halte ich neben den Bayern aktuell auch Red Bull Leipzig für einen Titel-Aspiranten. Leverkusen traue ich auch einen CL-Platz zu, aber warten wir mal ein paar Wochen ab. Thomas Tuchel ist immer für eine „Überraschung“ gut – vielleicht gibt es auch bald wieder eine neue „Theateraufführung“ beim FCB. Wundern würde mich das nicht…

Mario Basler – ein Dampfplauderer wie aus dem Lehrbuch des FC münchhausen | Foto: wikipedia / Stefan Breding / CC BY-SA 3.0

Thommy Junga: Es stellt sich immer mehr heraus, dass die vollmundig angekündigte Transferkommission des FC Bayern in den letzten Wochen schön an der Nase durch die Manege geführt wurde. Allerlei prominente Namen – insbesondere aus der Premierleague – wurden öffentlich durch die bayerischen Dörfer getrieben und am Ende fand bis auf Mittelstürmer Harry Kane kein wirklich großer Name seinen Weg nach München. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, der eine oder andere Kandidat und dessen Berater hatten die solvente Fußballprominenz aus Bayern nur als profundes Druckmittel in anderweitigen Vertragsgesprächen benutzt. Selbst Tuchels 1-b-Sechser-Lösung Palhinha hat nach seinem Kurzausflug an die Säbener Straße seinen Vertrag in Fulham verlängert. So wirklich viel Angst und Schrecken scheint die mit Rummenigge und Hoeneß bestückte Transfer-Taskforce in Europa dann doch nicht verbreitet zu haben.

Peter Hesse: Bayern ging am Stock, als Lewandowski weg war – und in Dortmund gab es das gleiche Problem, als Erling Haaland weg war – Spieler aus dem obersten Regal haben in der Bundesliga keine Zukunft mehr, sie werden einfach weggekauft. Wenn heute Harry Kane auf Victor Boniface trifft, ist es das Duell des zweitbesten Torschützen der Premier-League-Geschichte gegen den aktuellen Torschützenlisten-Anführer der Bundesliga. Gerade bei hoch gejazzten Erwartungen halte ich ein maues 0:0 nicht für ausgeschlossen. Vermutlich wird Mario Basler kurz nach Spielende noch einen Bonmot aus der „Alter-Weißer-Mann“-Schublade ziehen, die das eigentliche Spiel ins Schatten stellen könnte. Aber warten wir mal ab: denn erstens kommt es anders, als zweitens, als man denkt. Du siehst: auch ich habe den Schlüssel von Mario Baslers Schreibtisch…

Julian Draxler im Dress der Nationalelf | Foto: Michael Kranewitter Quelle: Wikipedia Lizenz: CC-by-sa 3.0/at

Thommy Junga: Zunächst hatte er sich noch etwas geziert – wohl immer noch im Glauben an die eigene Qualität auf ein alternatives Angebot hoffend – nun wird es aber wohl spruchreif: Julian Draxler hat dem Al-Ahli FC in Saudi Arabien seine Zusage über einen Wechsel gegeben. Es fließen dem Vernehmen nach über 20 Millionen Euro Ablöse und das Gehalt des gebürtigen Gladbeckers dürfte saudi-üblich absurde Dimensionen haben. Mir dreht sich da immer der Magen und ich denke, dass da jemand gerade seine sportliche Hochphase verfeuert. Es scheint allerdings auch so zu sein, dass viele europäische und sogar englische Klubs zuvor abgewunken haben, als sie die Gehaltsvorstellungen nach ein paar Jahren Paris gehört haben. Demut war gestern, oder?

Peter Hesse: Zwischen 2015 und 2017 spielte Julian Draxler beim VfL Wolfsburg. Eine Bekannte von mir war damals Marketing-Mitarbeiterin eines Charity-Unternehmens und wollte Julian dafür als Repräsentanten gewinnen. Sie googelte nach einem passenden Restaurant im Wolfsburger Umland für das Gespräch und machte einen Vorschlag per Whatsapp. Julian antwortete, sie solle zu ihm nach Hause kommen. Er hätte einen angestellten Koch, der zuhause für das Meeting etwas Leckeres vorbereiten würde. Damals war Julian Anfang 20 und bewohnte ein unglaubliches Haus mit gleich mehreren Haus-Angestellten. Wenn du schon in so jungen Jahren mit dem goldenen Löffel gepampert wirst, ist es kein Wunder, wenn die Reise in Richtung Gold und Honig weiter geht. Mickey Beisenherz sagte mal kürzlich im „Apokalypse & Filterkaffee“-Podcast: „Die Droge Fußball ist nach wie vor geil. Aber der Dealer, der den Stoff verkauft, ist ein abartiges Monster.“ Das kann man natürlich so sehen.

Die Belange des Amateur-Fußballs kommen beim DFB zu kurz. Im Bild das Frauen-Fußball-Team des FC Marl 2011 | Foto: Peter Hesse

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