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Israel-Kritik: Wenn das Hobby zum Beruf wird

Das Blog als Referenz: Christoph Sydow

Einer der Autoren des Spiegel-Artikels über das Engagement jüdischer Organisationen gegen die BDS-Kampagne schätzt jenseits seines Spiegel-Jobs die publizistische Nähe zu Personen, die kopftuchkritische Konferenzen unterbinden wollen oder die BDS-Kampagne rechtfertigen. Und nein, das ist keine klandestine Verschwörung. Das ist Alttag in deutschen Medien. Unser Gastautor Ralf Fischer hat das alles einmal aufgeschrieben.

Es klang beinahe wie das übliche Raunen aus irgend einem x-beliebigen antisemitischen Chat. „Ein deutsch-jüdischer und ein proisraelischer Verein“ hätten – „mit fragwürdigen Methoden“ – im deutschen Bundestag ein enges Netzwerk gespannt und Einfluß auf die Abgeordneten ausgeübt. Insgesamt sechs
Autoren des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel recherchierten die Story mit dem Titel „Wie zwei Vereine die deutsche Nahostpolitik beeinflussen wollen“ über die Bemühungen für ein Vorgehen gegen die antisemitische BDS-Kampagne durch den Bundestag. Heraus kamen drei Seiten über eine angebliche „subtile Einflußnahme“, deren Beweis die Autoren schuldig blieben. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.

Einer der sechs Autoren des Artikels, ist Christoph Sydow. Sydow ist seit mehr als zehn Jahren nebenher als politischer Aktivist aktiv. Gemeinsam mit Christoph Dinkelaker und Robert Chatterjee gründete er 2005 eine Plattform für „junge Wissenschaftler und Journalisten“ mit dem Schwerpunkt Naher und Mittlerer Ostens.  Ihr Name: Alsharq. Als Beweggrund für die Gründung gab Sydow in einem Interview mit dem Grimme-Online-Blog vor sechs Jahren an, „dass Nah-Ost-Nachrichten in deutschen Medien häufig verkürzt, beziehungsweise aus einer eurozentristischen Perspektive vermittelt werden“. Aus dem Blogprojekt entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine Nichtregierungsorganisation mit über 100 Mitgliedern, die auch Bildungsangebote vermittelt. In diesem Jahr fusionierte der von Sydow gegründete Verein Alsharq mit dem Verein LIQA und firmiert nun unter dem Namen dis:orient.

Auf dem Blog von Alsharq, der sich mit tagespolitischen Themen zumeist aus dem Nahen Osten befasst, veröffentlichte unter anderem der Politwissenschaftler Zuher Jazmati mehrere Beiträge. Bundesweit bekannt wurde Jazmati als Anmelder einer Kundgebung, die sich gegen die Konferenz „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“, veranstaltet vom „Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam“, richtete. Die Kampagne unter den Hashtags #schröterraus und #wirbleibenlaut vertrat er in der Öffentlichkeit als Sprecher.

Im März 2018 formulierte Jazmati in einer Broschüre, die der in Berlin ansässige Verein Inssan veröffentlichte, nicht nur seine Kritik an der „sogenannten liberalen Moschee“ in Berlin, die „Menschen mit Niqab und Burka“ ausschließen möchte. In seinem Beitrag „Der weiße Schatten hinter dem Regenbogen“ stellt er sich klar gegen die wenigen marginalisierten Vertreter eines liberalen Islam und delegitimiert ihre Versuche, die religiösen Vorschriften zumindest in das 20 Jahrhundert zu überführen. So plädiert er dafür, dass „eine religiöse Inklusivität von queeren Muslimen nicht auf dem Rücken von marginalisierten Frauen im Deckmantel pseudo-liberaler Argumentationen“ passieren darf. Im Klartext: Kleidervorschriften, wie das von Feministen geforderte Verbot für Kinder ein Kopftuch zu tragen, reproduzieren laut dem Politwissenschaftler nur das, „was man angehen möchte und kritisiert“.

Auf seinem Blog veröffentlichte dis:orient aktuell eine Art Werbebotschaft für die stark in Bedrängnis geratene BDS-Bewegung . Der Autor, Christoph Dinkelaker, der für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Ostjerusalem und am Willy Brandt Center Jerusalem gearbeitet hat, versucht sich in einem Artikel darin, eine offensichtlich gegen jüdisches Leben gerichtete Bewegung vom Antisemitismus frei zu sprechen. Dieser Akt funktioniert nur durch einen altbekannten Taschenspielertrick. Mehrfach betont der studierte Islam- und Politikwissenschaftler, dass der Kampf gegen den Antisemitismus wichtig sei. Gleichzeitig weist er aber im besten deutschen Oberlehrerton darauf hin, dass der Kampf gegen den Judenhass, „nicht instrumentalisiert werden“ darf, „um notwendige außenpolitische Debatten im Keim zu ersticken“. Dies sei dann „kein Ausdruck von deutscher Verantwortung gegenüber Israel, sondern Deutschland-zentriert, überheblich und kontraproduktiv“.

Angeblich führe laut Dinkelaker „der oberflächliche Umgang mit BDS dazu, dass ein gesamter Denkansatz im israelischen-palästinensischen Konflikt – nämlich gewaltfreier, nicht-diplomatischer Aktivismus – dämonisiert wird“. Was genau der Autor unter dem Label „nicht-diplomatische Aktivismus“ versteht, bleibt vage. Aber wenn Dinkelaker rhetorisch in seinem Artikel fragt „welcher Handlungsspielraum“ den Palästinensern bleibe, „wenn die rechtsgerichtete Regierung Netanjahu keinerlei Interesse an einer auf UN-Resolutionen basierenden Verhandlungslösung zeigt und sowohl Gewalt als auch Gewaltfreiheit verurteilt werden“, lässt dies tief blicken. Den jüdischen Staat zu boykottieren, scheint ihm auf jeden Fall angemessen.

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5 Kommentare zu “Israel-Kritik: Wenn das Hobby zum Beruf wird

  • #1
    EinLipper

    Der Spiegel rutscht eben gerade stark nach links und da darf es nicht wundern, dass dabei auch der alte linke Antisemitismus wie fröhliche Urständ feiert. Wahrscheinlich steigt dann auch Jakob A. wieder ein, sowas könnte ihm ja gefallen.

  • #2
    Jens

    Naja. Dieser sogenannte ‚linke‘ Antisemitismus wurzelt in Wirklichkeit in einem sehr bürgerlichen Antikapitalismus. Und der war schon immer antisemitisch.

  • #3
    Gerd

    "Aber wenn Dinkelaker rhetorisch in seinem Artikel fragt „welcher Handlungsspielraum“ den Palästinensern bleibe, „wenn die rechtsgerichtete Regierung Netanjahu keinerlei Interesse an einer auf UN-Resolutionen basierenden Verhandlungslösung zeigt …"

    Ist der dumm oder will der uns für dumm verkaufen? Es sind die Araber/Palästinenser, die sich seit eh und je Verhandlungen verweigern.

  • #4
    x

    Die Linke muß gemäß Marx’scher Doktrin alles Übel dieser Welt gänzlich in der abendländischen Kultur (Kapitalismus) suchen und finden. Um das sozialistische Paradies einrichten zu können, wird diese Kultur systematisch zerstört – aufgepeppt mit Strategien der Frankfurter Schule. Mit diesen Denkfiguren im Kopf müssen alle nicht-europäischen Kulturen jedenfalls und immer eine ganz tolle Sache sein.
    Das hat auch für den Islam zu gelten – so menschenverachtend, freiheitszerstörend, bevormundend, unterdrückerisch, gewalttätig und totalitär er bei nüchterner Überprüfung auch sein mag. Seine Vertreter, also die Muslime, sind keinesfalls Träger einer eigenständigen Ideologie (und damit verantwortlich für ihr Tun), sondern Opfer – wie El Ghazzali schreibt – Opfer vom „westlichen Imperialismus“ und deshalb muß die Linke auch gegen die „richtigen Unterdrücker“ vorgehen, sprich „die politische Rechte“.Der von den Linken zusammengebastelte Mustermuslim wird dann hoffiert und herumgereicht, während Islamkritiker wie el Ghazzali scharf angegriffen werden.Islam und linke Ideologie – zwei totalitäre Glaubenssysteme, deren Vertreter den Ausgang aus dem Gefängnis ihrer Denkschablonen nicht finden können und wollen.

  • #5
    Heiner Schmitz

    Besser lassen sich in diesen Kommentaren undifferenzierter und rechter Gesinnungen kaum dokumentieren. Das sehr eingeschränkte Denkmuster wird wirklichem Antisemitismus nicht gerecht und zeugt von großer Ahnunglosigkeit und wenig Information. Unsere Gesellschaft sollte auf der Hut sein vor diesen gesteuerten Meinungslegionären, um nicht wieder eines Tages sagen zu müssen: Das haben wir nicht gewusst.

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