Israelhetze pünktlich zum 9. November

Über Viktoria Waltz, Raumplanerin an der Uni Dortmund, habe ich ja schon einmal geschrieben. Pünktlich zur Pogromnacht hat Waltz ihre Webseite aktualisiert.

Heute vor 70 Jahren begann in Deutschland eine neue Phase der Judenverfolgung. Herschel Grynszpan, von den Nazis vertrieben und verzweifelt in Paris gestrandet, erschoss den Nazi-Diplomaten Eduard von Rath. Für die Nazis der langersehnte Anlass, Syngogen zu schänden, Juden zu ermorden und Geschäfte zu plündern. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Ausschreitungen am 9. November – dem Tag der Reichspogromnacht. Sie war der Auftakt zum Holocaust. Für Viktoria Waltz ein willkommener Anlass, sich Gedanken zu dem Satz "Nieder wieder Faschismus -Nie wieder Krieg" zu machen. Und wenn sich Waltz Gedanken zum Faschismus macht, ist sie natürlich schnell beim Thema Israel: "Wer aber ernsthaft meint: "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" – der kann unmöglich für gut heißen, was der heutige jüdische Staat Israel im Nahen Osten repräsentiert."

Und dann zählt sie auf:
"Führung von sog. Präventiv Kriegen (Übergriffe auf die 67er palästinensischen Gebiete, Ägypten, Syrien, Libanon)" – Gerade so als ob die arabischen Staaten niemals Israel angegriffen hätten. Noch heute wird Israel beinahe täglich mit Raketen beschossen.

"Einführung von Sippenhaftung (Ganz Gaza wird als Geisel genommen)" – Vielleicht würde es Gaza besser gehen, wenn es sich nicht auf die Seite des Hamas-Terrors gestellt hätte? Auch etwas weinger Korruption soll sich ja lohnen.

-"Verleitung zum Hass auf Palästinenser,  bestenfalls Ignoranz gegenüber ihnen in den Schulen und – – Anonymisierung der Palästinenser als ‚Nicht Juden‘, Araber."- Sorry, Palästinenser sind Araber. Vor der islamisierung der Politik war der Panarabismus die politische Ströumung in der Region. Wikipedia: " Der Begriff „Palästinenser“, unter dem man heute die Mitglieder einer selbständigen politischen Einheit versteht, existiert in dieser Bedeutung erst seit Anfang der 1970er Jahre."

Natürlich haben in dem Text auch ncoh die USA ihr Fett wegbekommen – alles andere wäre ja auch verwunderlich. Islamkritik wird als Rassismus dargestellt – nur dumm, das der Islam keine "Rasse" ist, sondern eine Religion, der Menschen auf allen Kontinenten anhängen. Natürlich wird die Kritik an Ehrenmorden und Zwangsheiraten als übertrieben und polemisch dargestellt. Und natürlich spricht sich Waltz auch gegen den Antisemitismus aus – man will ja seinen Job im öffentlichen Dienst nicht gefährden. Ist der Text von Waltz grenzwertig, zumal zu dem Zeitpunkt und unter Berücksichtigung des Bezuges, in den er sich stellt? Nein, er ist nicht grenzwertig, er ist weit jenseits jeder akzeptablen Grenze.

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Arnold Voß
Arnold Voß
14 Jahre zuvor

Waltz hat sich lange in und für Palästina bzw. für die Palästinenser engagiert. Ich glaube sie tut es auch heute noch. Da ist, aus menschlich nachvollziehbaren Gründen, keine neutrale geschweige den faire Position zu Israel (mehr) möglich. Antizionismus gehört dann zur (geliehenen) Identität und mischt sich gefährlich mit Antisemitismus ( was sie für sich selbst natürlich vehement bestreiten muss). Beides zusammen erleichtert jedoch den Umgang mit den palästinensichen Kooperationspartner und Freunden erheblich. Hätte sie sich genauso in Israel bzw. für die Israelis engagiert, wäre sie wahrscheinlich heute eine genauso undifferenziert glühende Zionistin.

Börje Wichert
Börje Wichert
14 Jahre zuvor

Ich kenne Israel und viele Israelis aus eigener Erfahrung gut, so wie Frau Waltz Palästina und Palästinenser kennen mag. Die Kenntnis der Verhältnisse muss aber nicht zwangsläufig zu einer blinden Solidarität mit der einen oder anderen Seite in einem Konflikt führen. Gerade gute Freundschaften müssen auch fundierte Kritik aushalten können. Dadurch werden sie nämlich erst wertvoll.

Arnold Voß
Arnold Voß
14 Jahre zuvor

Da gebe ich ihnen absolut recht! Aber wenn sie dort Projekte, und sei es auch nur studentische, machen wollen, dann reichen Freunde eben (leider) nicht aus. Was allerdings nichts entschuldigen soll, was aber einiges vielleicht erklären könnte.

Im übrigen neigt vor allem die lebenslang verbeamtete deutsche Linke jeder Coleur zur Übersolidarisierung mit allem und jedem , was irgendwie einen anerkannten Opferstatus einzunehmen in der Lage ist. Damit will ich mich keineswegs über das Leiden auf palästinensischer Seite lustig machen. Im Gegenteil. Aber so etwas wie kritische Solidarität fordert auch unbedingte Fähigkeit zur Selbstdistanz und Selbstkritik derer, die aus gutem Grund Solidarität üben wollen.

Dirk E. Haas
Dirk E. Haas
14 Jahre zuvor

Wie gehabt: Klare Fronten, tiefe Gräben, ?Hetze? hier, ?Verleitung zum Hass? dort ? die Wirklichkeit vor Ort ist sehr viel komplizierter, und genau dort ? und nicht in deutschen Gesinnungsblogs ? werden auch die Lösungen entstehen (www.jungle-world.com/artikel/2008/45/28633.html).

Viktoria Waltzs Verzweiflung über die Situation in Gaza und im Westjordanland ist verständlich, aber das fortwährende Klagen darüber, dass jede Kritik am staatlichen Handeln Israels mit dem Vorwurf des Antisemitismus beantwortet wird, ist eine Sackgasse (und manövriert auch noch die Soli-Bewegung für Palästina in eine Opferrolle): Erstens wird sich am Antisemitismus und seinen Diskursen in Deutschland so schnell nichts ändern (und die pälastinensische Bevölkerung hat sicher nicht die Zeit, darauf zu warten, bis sich das mal geändert haben wird), zweitens ist der Nahostkonflikt nicht dadurch gelöst, dass man Israels Politik ungehindert kritisieren darf.

Israels Politik kritisieren, das besorgen viele Israelis schon selbst. Und sie knacken politische Routinen und entwickeln daraus (siehe ?Ir Lekulanu?) progressive politische Fantasie, wenn auch zunächst nur auf lokaler Ebene. ? Wo ist das Pendant auf der palästinensischen Seite?

Dennoch, Stefan, ist die Headline ?Israelhetze pünktlich zum 9. November? von ähnlicher Instinktlosigkeit wie der Versuch, den Jahrestag der Reichsprogromnacht für Israel-Kritik zu instrumentalisieren; die Judenhetze der Nazis hat mit Viktorias Blogeintrag genauso wenig zu tun wie israelische Politik mit Faschismus.

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