Jon Spencer: The Blues is Number One!

Jon Spencer: ein Virtuose mit Kaputtnik-Genen
Jon Spencer: ein Virtuose mit Kaputtnik-Genen

Jon Spencer ist zurück! Er präsentiert einen Zaubertrank aus Rhythm & Blues, Garagenpunk, subversiven Dance-Grooves und Sci-Fi-Skills.
 Vor ein paar Wochen war er noch in England im Vorprogramm der Melvins zu sehen, nun kommt Jon Spencer für zwei Shows nach Deutschland (Münster & Köln). Live stellt er erstmals sein Album „Sings The Hits“ vor, welches im nächsten Jahr erscheinen wird.

Dieser Mann hat innerhalb der Musikgeschichte ein paar kleine Extraseiten mitgeschrieben. Zum Beispiel im Jahr 2000. Damals ist das letzte Boss-Hog-­Album für die kommenden zwei Dekaden erschien, und Sängerin Cristina Martinez posierte auf dem bei­liegenden Poster im Leoparden­bikini. Sie sah damals aus wie die New-York-City-Version von Betty Page. Dieses Poster hing viele Jahre bei vielen Musikliebhabern an der Wand. Und natürlich war diese Überfrau mit einem ganz besonderen Typen liiert: Mr. Jon Spencer. Der war innerhalb von Boss Hog nicht nur der Sparringspartner, er gründete bereits Jahre zuvor mit Ex-Sonic-Youth-Drummer Bob Bert die kongeniale Noise-Rock-Band Pussy Galore im Herzen von New York – und startete damit eine der unglaublichsten Underground-Rock-Karrieren.

Mit Judah Bauer und Russell Simins als Stammformation wartete Jon Spencer im Jahr Eins nach Pussy Galore 1992 mit der Blues Explosion auf, um mit einem anders gearteten Konzept die Spielkarten nochmal neu zu mischen. Hieß es bei Pussy Galore noch, die ursprüngliche Idee von Rock’n’Roll in 10.000 Einzelteile zu zerbomben, so gab man sich Jahre später mit Boss Hog gemäßigter, quasi wie ein Fuzzrock-Version der Cramps; gerade auch, weil beide Bands aus coolen Pärchen bestehen. Mit der Blues Explosion sollte Jon Spencer nochmals ein Puzzle-Spiel mit ganz fein sondierten Zutaten beginnen, was zudem in der großartigsten Band seines Lebens mündete: die Blues Explosion war Mitte der Neunziger eine der coolsten Bands weltweit und gehörte mit Recht zur Schrägfürsten-Elite.

Doch in der Rückschau sind nicht alle Jon Spencer-Alben ein zündender Chinakracher aus Explosion und Blues: Hier und da klingt es doch nicht mehr so frisch, wie in der Erinnerung vermutet. Wo das 1996er Album dieses Trios „Now I Got Worry“ heißt, begannen hier die ersten Abstriche im Minusbereich; denn es ist zu sehr wie fragmentarisch dahingekrizelte Skizzen mit schnellem Stift arrangiert. An anderer Stelle wirkt der 1998er Output „Acme“ als zu leicht ausrechenbar und manchmal sogar ideenarm. Fast so, als wollte die Blues Explosion sich in die Kreise von altersschwachen Rolling Stones-Fans (und Rolling Stone-Leser) begeben. So bleibt vor allem die Platte „Orange“ aus dem Jahr 1994 eindeutig als Blockbuster hochexplosiver Kräfte vor dem inneren Auge stehen.

Dieses Album sollte noch heute mit einem Grammy aus Blut, Schweiß und Plateausohle ausgezeichnet werden. Denn hier wurde das Vampirblut von James Brown, die mit Lehm und Matsche geschwängerten Siebenmeilen-Stiefel von Muddy Waters, der durch den Telefonhörer geschnodderte Halbtongesang von Beck, 1970er Jahre-String-Arrangements von Helmut Zacharias, die beseelte Plastiklederjacke von Shaft, das Groove-Know-How vom Wu-Tang Clan und der authentische Forscherdrang von Daniel Düsentrieb gut zusammengerührt und deftig abgeschmeckt.

Die besondere Attraktivität dieser Platte liegt in ihrem Galerie-Charakter. Man wechselt die Ausstellungsräume, und findet in jedem Zimmer eine neue Stilprägung vor. War man bei „Dang“ noch im Detroiter MC5-Rockland, ist man mit „Very rare“ ein Zimmer weiter schon bei spätsiebziger New Wave-Klamotten britischer Prägung angelangt, und mündet mit „Orange“ im locker aus der Hüfte geschossenen P-Funk-Salon. Und gerade in den Jahren zwischen 1994 und 98 waren Live-Konzerte von Jon Spencer gigantische Explosionen. Ob sein heiß erwartetes Album an diese Glanztaten noch einmal heranwachsen kann? Warten wir es mal mit viel Vorfreude ab. Nun kommt der große Gitarren- und Theremin-Magier ganz kurz entschlossen auf Deutschlandtour und macht gleich zwei mal halt in Nordrhein-Westfalen:

07.11. Münster – Gleis 22
08.11. Köln – Helios

Dir gefällt vielleicht auch:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Werbung