Juden im deutschen Fußball, Teil 5

Im DFB-Fußballmuseum. Foto: Robin Patzwaldt

Heute nun der nächste Teil der Serie ‚Juden im deutschen Fußball‘ unseres Gastautors Thomas Weigle:

Betrachtet man den jüdischen Fußball während der NS-Zeit, so sind es nicht nur die immer härteren Brutalitäten der Nazis, die die Sportausübung der ausgegrenzten Juden behinderten, sondern auch die Tatsache, dass Fußball fast nur dort möglich war, wo es größere jüdische Populationen gab, nicht aber oder kaum auf dem flachen Land. 

Die NS-Mehrheitsgesellschaft war nur zu einem geringen Teil aktiver Täter, selbst in der Reichspogromnacht. Aber sie duldete das verbrecherische Geschehen und wurde damit zum Komplizen von Verbrechern, die ihre Taten „als höchste Form des Humanismus“ darstellten, da sie „Menschen in erhaltenswerte Reine und nicht erhaltenswerte Reine“ aufteilten( V. Grossmann).  Den zu  „Unreinen“ erklärten jüdischen Deutschen standen nur wenige Sportstätten zur Verfügung  und man kann sich vorstellen, in welchem Zustand Fußballplätze waren, die von mehreren Vereinen genutzt werden mussten, zumal auch den auch finanziell bedrängten Juden oftmals die Mittel fehlten, die genutzten Plätze vernünftig zu restaurieren.

Leider ist die Quellenlage in dieser causa schlecht, die NS- Presse berichtete nicht über den jüdischen Sport, in den staatlichen Archiven finden sich in der Regel nur Polizeiberichte. Jüdische Quellen sind ebenfalls rar, waren die Nazis doch bemüht, nicht nur die Juden zu vernichten, auch ihre Archive wurden oft ein Raub der von den Nazis entzündeten Flammen. Also bleibt die Frage, wie erinnert man? Muss man, wie Johann von der Gathen schreibt „immer wieder neue Geschichten erzählen, um Schicksale erfahrbar zu machen?“ Angesichts der Äußerungen des AfD-Nazi-Studienrates Höcke aus Thüringen, der bis zu seiner Wahl im hessischen Schuldienst tätig war, ist diese Frage aktuell wie eh und je.

Heute soll es hier um einige Vereine  im engeren „Sendebereich“ der Ruhrbarone gehen, in dem es mit Hakoah(= Kraft) und Schild Bochum, JJV Buer BK/Makkabi,Hakoah und Schild Dortmund, BK, ITUS und Schild Duisburg, Hakoah Essen, BK Hamborn, ITUS und Schild Herne, Schild Gelsenkirchen,  Hakoah und Schild Oberhausen, Jüdischer Sportverein Wanne Eikel und dem Schild Witten Vereine gab, in denen Juden, beschränkt durch vielerlei staatliche und gesellschaftliche Sanktionen , Fußball spielen konnten. Insgesamt waren in „Westdeutschland“ (weitgehend das heutige NRW) 57 jüdische Vereine am Ball.

Die  Vereine aus Bochum Dortmund, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen sollen hier kurz vorgestellt werden. In einer weiteren Folge soll dann auf einige Schicksale jüdischer Fußballer und Funktionäre aus dem Ruhrgebiet eingegangen werden, stellvertretend für all die, die als „SPORTLER IM JAHRHUNDERT  DER LAGER“ wie ein Buchtitel von Blecking/Pfeiffer formuliert, gequält und ermordet wurden. Oder rechtzeitig auswandern konnten.

Die erfolgreichste Mannschaft aus dem Ruhrgebiet war Schild Bochum, die 33/34  westdeutscher Meister wurden, im Halbfinale um die deutsche Schild-Meisterschaft dem Frankfurter Schildteam unterlag. In der folgenden Saison nahmen die Bochumer an den Rundenspielen des Ruhrbezirks teil, die Meisterschaft wurde um einen Punkt verpasst. 1935 war mit 257 Mitgliedern jeder vierte Bochumer Jude Mitglied bei Schild, die Spiele des Vereins waren ein Höhepunkt des immer mehr eingeengten Lebens der Juden in Bochum. Nachdem ihnen das Gastrecht bei Preußen Bochum gekündigt worden war, spielten sie nun auf einem eigenen Sportplatz in Hamme, regelmäßig vor mehreren 100 Zuschauern. Sportlich lief es nicht so gut wie zuvor, man verlor das westdeutsche Endspiel gegen Bonn 0:3. Ein Jahr später stand man als westdeutscher Meister im Halbfinale der Reichsmeisterschaft – 2:6 gegen die Hamburger Schildfußballer. In der folgenden, letzten Saison verfügten die Bochumer über keinen eigenen Sportplatz mehr, sie genossen Gastrecht bei den Gelsenkirchener Sportfreunden. Dennoch gelang endlich der große Wurf: 4:1 im Endspiel um die Reichsmeisterschaft gegen Stuttgarter Verbandskollegen. Die Meisterfeier in Bochum war dann quasi Höhe-und Endpunkt jüdischen Sports in Bochum, zwei Spiele konnten noch ausgetragen werden, nach der Reichspogromnacht ließen die Nazis u.a. jüdischen Sport in jeder organisierten Form verbieten.  Ein weiterer düsterer Meilenstein auf der immer breiter werdenden Straße in den Holocaust.

Nicht ganz so erfolgreich war man in Dortmund, immerhin gewann man die 1938 die westfälische Bezirksmeisterschaft. Sportlich erfolgsmäßig war`s dass für die Dortmunder, die aber noch im Oktober 1938 in Fredenbaum eine eigene Sportanlage eröffneten. Das 1:3 im Einweihungsspiel gegen die Bochumer Nachbarn ist zugleich das letzte.

Eine Besonderheit ist aus Duisburg zu verzeichnen. Dort gab es einen 1926 gegründeten jüdischen Verein, Bar Kochba, der nicht ein Sportverein für Juden, sondern ein jüdischer Verein sein wollte. Ungewöhnlich war, dass sie zeitweise an den Meisterschaftsspielen des 8. Bezirks des ATSB teilnahmen. ungewöhnlich deshalb, weil der ATSB sämtliche Unterschiede der Religion in seinen Reihen als überwunden ansah.  BK Duisburg wurde wahrscheinlich 1933 aufgelöst, zusammen mit dem ATSB. Die Spieler wechselten wohl zu ITUS Duisburg, der sich dem Makkabäerverband anschloss, eine deutliche Hinwendung zum Zionismus. Sportlich war man erfolgreich, man wurde westdeutscher Meister im Makkabäerverband. Auch den Makkabäern machte der durch die Nazis verursachte Platzmangel Schwierigkeiten, im westdeutschen Verband standen nur Plätze in Köln und Duisburg zur Verfügung, so dass dort die Rundenspiele stattfanden. Für die Duisburger ist als letztes Spiel ein 1:1 gegen Hakoah Köln im Juni 1937 überliefert. Ob und wie es bis zur Reichspogromnacht weiterging, lässt sich nicht mehr feststellen.

Schild Gelsenkirchen gehörte zu den mittelgroßen Vereinen im Schild-Verband mit mehreren Abteilungen. Die Fußballabteilung konnte ab Frühjahr 1934 eine 1. und 2., sowie eine Schülermannschaft stellen. Der größte sportliche Erfolg war die Meisterschaft des Bezirkes Ruhr/Westfalen 1934/35. Das Endspiel um die westdeutsche Meisterschaft ging allerdings mit 4:5 gegen Schild Bonn verloren. Die jüdischen Sportler Gelsenkirchens konnten 1934 das „Haus Berta“ in Schermbeck als Ferienheim mieten, in dem viele jüdische Kinder aus dem ganzen Reich „unbeschwerte Ferientage verbringen konnten.“ Das Haus wurde 1937 von der Gestapo besetzt und zerstört.

Hakoah Essen, dessen Aufnahmegesuch in den 20ern vom WSV abgelehnt wurde(siehe Teil 4), konnte 1936 die westdeutsche Makkabi- Meisterschaft gewinnen, was vom MAKKABI u.a. damit erklärt wurde, dass die Elf „nicht in so starkem Maße unter der Abwanderung zu leiden habe wie die anderen Vereine.“ Dafür hatte zu Beginn der 1000 Jahre die Essener Hitlerjugend für 15 Monate das vereinseigene Sportlerheim besetzt, was selbst zu dieser Zeit noch illegal war und über das Ende der Hakoah Essen lesen wir in den Erinnerungen von Fritz Lewissohn und damit soll die heutige Folge schließen:  „In der Kristallnacht 1938 wurde die Turnhalle von den Nationalsozialisten vollständig zerstört.. Damit fand auch jede sportliche Betätigung ihr Ende. Die noch in Essen verbliebenen Funktionäre des Vereins wurden verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht, das nur wenige überlebt haben. Damit hatte eine ausschließlich auf freiwilliger Mitarbeit langjährige Tätitigkeit, die allein vom Idealismus für die Sache des jüdischen Sports getragen war, ihr jähes Ende gefunden. In der Geschichte der jüdischen Sportbewegung aber wird Hakoah Essen stets einen ehrenvollen Platz einnehmen.“

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