Neue Serie: Die Reichsbahn und die jüdischen Bürger (Teil 1)

Gedenktafel zu den Deportationstransporten jüdischer Menschen aus Frankfurt zwischen 1941 und 1945. Quelle: Wikipedia; Foto: Dontworry, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Von unserem Gastautor Thomas Weigle

In dem atmosphärisch dichten und wirklich sehenswerten US-TV Kammerspiel „Conspiracy“ entlässt Kenneth Brannagh als Heydrich die Teilnehmer der Wannseekonferenz u.a. mit den Worten: „Schreiben Sie ihre Fahrpläne.“ Nun, dieser Satz machte allerdings keinen Sinn, den keiner der Teilnehmer konnte oder hatte Fahrpläne (zu) schreiben, denn das Verkehrsministerium und die Reichsbahn waren bei dieser Konferenz am Wannsee, während der die ENDLÖSUNG und ihre Durchführung beschlossen wurde, überhaupt nicht vertreten. Das war auch gar nicht nötig, denn die Fahrpläne waren bereits in Kraft bzw. das dafür nötige und erfahrene Personal stand bereits zur Verfügung. Deportationszüge rollten eh bereits seit Oktober 39 von Wien aus in den besetzten Osten.                   

Es soll in dieser kleinen Serie darum gehen, wie die Reichsbahn zunächst als Deutsche Reichsbahngesellschaft (es wird aber immer von der Reichsbahn(RB) die Rede sein) und ab 1937 als Staatsbetrieb die Vorgaben der neuen Machthaber in Bezug auf die noch jüdischen Staatsbürger umsetzte, wie sie im besetzten Osten von der Zwangsarbeit jüdischer Häftlinge profitierte. Natürlich geht es auch um die freiwillige und große Mithilfe der Reichsbahn bei der Umsetzung des Holocausts. Eine Literaturliste gibt es am Ende der Serie.

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Juden im deutschen Fußball, Teil 5

Im DFB-Fußballmuseum. Foto: Robin Patzwaldt

Heute nun der nächste Teil der Serie ‚Juden im deutschen Fußball‘ unseres Gastautors Thomas Weigle:

Betrachtet man den jüdischen Fußball während der NS-Zeit, so sind es nicht nur die immer härteren Brutalitäten der Nazis, die die Sportausübung der ausgegrenzten Juden behinderten, sondern auch die Tatsache, dass Fußball fast nur dort möglich war, wo es größere jüdische Populationen gab, nicht aber oder kaum auf dem flachen Land. 

Die NS-Mehrheitsgesellschaft war nur zu einem geringen Teil aktiver Täter, selbst in der Reichspogromnacht. Aber sie duldete das verbrecherische Geschehen und wurde damit zum Komplizen von Verbrechern, die ihre Taten „als höchste Form des Humanismus“ darstellten, da sie „Menschen in erhaltenswerte Reine und nicht erhaltenswerte Reine“ aufteilten( V. Grossmann).  Den zu  „Unreinen“ erklärten jüdischen Deutschen standen nur wenige Sportstätten zur Verfügung  und man kann sich vorstellen, in welchem Zustand Fußballplätze waren, die von mehreren Vereinen genutzt werden mussten, zumal auch den auch finanziell bedrängten Juden oftmals die Mittel fehlten, die genutzten Plätze vernünftig zu restaurieren.

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Juden im deutschen Fußball, Teil Vier

Das Berliner Olympiastadion. Foto: Robin Patzwaldt

Unser Gastautor Thomas Weigle beschäftigt sich heute in seinem Beitrag „Juden im deutschen Fußball, Teil Vier“ einmal mehr mit einem sporthistorischen Thema:

Mehrfach hatte ich bei den Ruhrbaronen bereits Gelegenheit, mich als Gastautor mit den dunklen Seiten des deutschen Fußballs zu beschäftigen.

An aller erster Stelle steht da der Umgang mit jüdischen Mitgliedern und die lange Verleugnung des positiven Einflusses jüdischer Spieler und Funktionäre/Sponsoren auf und im deutschen Fußball in der Zeit vor der nationalsozialistischen Machterschleichung 1933.

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BVB: Vier zweitklassige Dortmunder Jahre

Foto: Thomas Weigle
Foto: Thomas Weigle

In seinem heutigen Gastbeitrag erinnert unser Gastautor Thomas Weigle erneut an für viele längst vergessene Fußballzeiten. Folgen Sie ihm heute in die 1970er-Jahre:

Der Sommer 76 war heiß, in Niedersachsen brannten Heide und Wälder, auf dem Nürburgring gar Nicki Lauda in seinem Boliden, und in Nürnbergs Städtischen Stadion  sowie  im Dortmunder Westfalenstadion brannte an zwei Tagen im Juni sogar die Luft. In „Europas Sommer der Dürre“ wurde Fußball noch mehr als sonst zur schweißtreibenden Angelegenheit, auch für die Zuschauer.

Statt sich im Freibad oder in Biergärten zu vergnügen, mussten die Fans in Nürnberg und Dortmund ganz heiße Überstunden schieben, fußballerisches Hitzefrei war  dort  nicht angesagt.  Auch am 23.Juni war es heiß in Dortmund als um 20 Uhr in Dortmund  der Kripobeamte Biwersi aus Bliesransbach das Rückspiel um den letzten freien Platz in der Bundesliga anpfiff. 

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Dortmund: Heute vor 50 Jahren – Der Europapokalsieg des BVB im Jahre 1966

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Foto: Robin Patzwaldt

Unser Gastautor Thomas Weigle taucht heute für uns einmal mehr ab in die Tiefen der Fußballhistorie, und er erinnert uns in seinem Gastbeitrag diesmal an den großen Europapokalerfolg von Borussia Dortmund im Endspiel von Glasgow 1966 gegen den FC Liverpool, auf den Tag genau heute vor 50 Jahren:

„Heute vor 50 Jahren begleiteten nicht nur 6000 Borussen-Fans ihre Elf zum Pokalsiegerendspiel nach Glasgow, sondern auch die guten Wünsche wohl sämtlicher deutscher Fans. Da aller guten Dinge bekanntermaßen drei sind, konnten nun mit den Borussen nach den vergeblichen Versuchen der Frankfurter Eintracht 1960 und der Münchener Löwen im Vorjahr endlich deutsche Fußballer Hand an einen europäischen Cup legen.

Nicht nur die erfolgreichen Auftritte im Europapokal der Pokalsieger sorgten in Dortmund im Frühjahr 1966 für gute Laune und erhöhten Bierkonsum, auch im Bundesligaendspurt galten die Schwarzgelben als der große Favorit, fuhren sie doch als Tabellenführer in der ersten Maiwoche nach Glasgow.

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Der BVB und die Nazis im ‚Dortmunder Wedding‘

BVB-Legende Heinrich Czerkus. Quelle Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei
BVB-Legende Heinrich Czerkus. Quelle Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

Unser Gastautor Thomas Weigle hat sich mal wieder tief in die Sportgeschichte eingegraben. Heute beschäftigt er sich in seinen aktuellen Beitrag „Der BVB und die Nazis im ‚Dortmunder Wedding‘“ mit der Historie von Borussia Dortmund:

„Passend zum gerade stattgefundenen Gedenktag der Befreiung von Auschwitz möchte ich heute über den BVB in jenen 1000 Jahren schreiben, war doch der BVB der erste große Fußballverein, der dieses Thema um die Jahrtausendwende offiziell aufgriff und damit zum Schrittmacher für ähnliche Untersuchungen und Arbeiten in anderen Vereinen und dem DFB wurde.

Das ist gewiss ein Lorbeerblatt, wertvoller als mancher Pokal im Trophäenschrank des BVB, denn es war ein ergebnisoffener Auftrag.

Die Partei des Adolf Nazi war vor der Machtübergabe an sie in Dortmund wahlmäßig nicht sonderlich erfolgreich. Immerhin konnten die Dortmunder Nazis damit renommieren, dass sie 1920 die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Bayerns gegründet hatten. 1929 schaffte es ein Brauner mit 1.8% in den Stadtrat, 1932 erreichte die NSDAP ein zweistelliges Ergebnis, blieb aber deutlich unter dem reichsweiten Ergebnis.

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Walther Bensemann und die europäische Fußballjugend

Walther Bensemann im Jahre 1896. Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei
Walther Bensemann im Jahre 1896. Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

Unser Gastautor Thomas Weigle erinnert in seinem heutigen Gastbeitrag unter dem Titel „Walther Bensemann und die europäische Fußballjugend“ einmal mehr an die Sport- und Fußballvergangenheit:
Wie ja auch hier bei den Ruhrbaronen schon öfters festgestellt, gehörte die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zumindest bis 1970 zu den besonders trüben Kapiteln, auch und besonders im Fußball, wo es sich besonders zog. Umso erstaunlicher ist der folgende Artikel, der im Sportmagazin 20/48 am 18.5.1948 erschien und den ich hiermit einer interessierten Leserschaft in Auszügen nahe bringen möchte und in dem es um ein jährliches Turnier zu Pfingsten geht.
Unter der Überschrift „Dem Gedenken Bensemann“ erinnert man an den Fußball-Kosmopoliten, der das „Ballraufen der wilden Knaben“ nach Deutschland brachte: „Das große internationale Jugendfußballturnier um den Walther-Bensemann Pokal in Wien erweckt die Erinnerung an den großen deutschen Fußball-Pionier und aufopfernden Freund der Jugend. Das Sportmagazin gibt nachstehend aus der Feder Otto Jenners aus Straßburg, bekannt als „Schang“ ein Charakterbild des berühmten Fußball-Weisen: den Alten als Erinnerung, den Jungen als leuchtendes Vorbild.

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Radrennen in Frankfurt abgesagt – ‚Terror im Taunus!‘

Gegendemo FrankfurtNach einem Bombenfund in Oberursel ist das ursprünglich für den gestrigen Freitag geplante internationale Radrennen um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn abgesagt worden. Unser Gastautor Thomas Weigle macht sich in seinem heutigen Gastbeitrag dazu so seine eigenen Gedanken, trauert der abgesagten Veranstaltung nach und wirft einen kurzen Blick in die Zukunft solcher und ähnlicher Veranstaltungen in diesem Lande:

Zum zweiten Mal wurde in diesem Jahr eine Großveranstaltung in Deutschland wegen einer Terrorwarnung bzw. der Aufdeckung eines Anschlages abgesagt. Nach dem Motto, dass es keine 100%ige Sicherheit gibt, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer solchen Absage, zu Mal die Behörden schon einige Zeit das Bombenpärchen im Visier hatten. Und es stellt sich die Frage nach den Folgen.

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Die Akte Purczeld II – Der Genosse Volksbildungsminister und „irre Faschisten“

Statue von Ferenc Puskás in Dudapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Statue von Ferenc Puskás in Dudapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im zweiten Teil seiner ‚Akte Purczeld‘ beschäftigt sich unser Gastautor Thomas Weigle diesmal mit ‚irren Faschisten‘.

In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf seine bereits vor einiger Zeit bei uns im Blog veröffentlichten Texte zur SED-Justiz hinweisen.

 
„..nach mitteilung der kd beeskow hat der minister gen.Lange angeordnet, dasz die 12.Klasse aufgelöst ist und somit keiner der schüler das abitur ablegen kann.“ (Fehler im Orginal vom 22.12.56 Volkspolizei Frankfurt/O.)
Der Freiheitskampf der Ungarn 1956 bewegte natürlich auch die Menschen in der Zone, die nach wie vor unter der Diktatur der Pankower Machthaber litten. Weder gab es demokratische Freiheiten noch ein ausreichendes Angebot an Waren des täglichen Bedarfs, nach wie vor waren Lebensmittel tw. rationiert. Die Kritik an der mangelnden Versorgungssicherheit ließ Hermann Matern ausrasten: “Es muß doch einmal eine Grenze im Nahrungsmittelverbrauch geben. Man kann doch schließlich nicht nur essen, die Bevölkerung isst ihr ganzes Geld auf“, zitiert die „Freie Presse“ im Februar 57 diesen SED-Fachmann für die Alltagsorgen der Arbeiter und Bauern.

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Die Akte Purczeld – Teil 1: Doping

Statue von Ferenc Puskás in Dudapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Statue von Ferenc Puskás in Budapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Unser Gastautor Thomas Weigle beschäftigt sich im heute hier vorliegenden ersten Teil der seines Zweiteilers „Die Akte Purczeld“ mit dem Thema „Doping“:
Die aktuelle und erstaunlich unaufgeregte Diskussion über Doping in der Fußballbundesliga erinnert so überhaupt nicht an die erste Dopingdiskussion im deutschen Fußball Anfang 1957, in der kurzfristig kein Fußballauge trocken blieb und ein übellauniger DFB sehr ernst nahm, was ein gewisser Franz Purczeld Anfang 57 im renommierten France Football zu erzählen wusste.
Immer wieder wurde und wird bis heute darüber spekuliert, ob die Gelbsucht, die einige Mitglieder des 54er DFB-Aufgebotes lange aufs Krankenlager warf, Folge der Verabreichung von Doping gewesen sein könnte. Oder ob die Krankheit Folge von unsauberen Spritzen war, mit denen Vitamin C verabreicht wurde. Immerhin hielten sich acht Spieler im Jänner 55 zu einer „Geheimkur“ in Bad Mergentheim auf. Ob Doping oder nicht Doping, soll hier nicht Thema sein, weil jede Antwort 60 Jahre später letztlich Spekulation ist. Hinzu kommt, dass es seinerzeit keine Dopinglisten gab, aufbauende Mittel galten als nicht verbotene „Hilfsmittel“.

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