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Kay Voges bekommt ein Klo

Klo zum Selberbasteln

Im Sommer vergangenen Jahres musste das Schauspiel Dortmund sein Haus in der Innenstadt verlassen und in die provisorische Spielstätte „Megastore“ in Hörde umziehen. Im November 2016 sollte es zurück gehen, doch daraus wurde nichts. Der Neubau des Werkstätten- und Bürotraktes neben dem Schauspielhaus verzögerte sich, weil im Untergrund alte Fundamente aufgetaucht waren, mit denen niemand gerechnet hatte. Intendant Kay Voges musste daraufhin seinen Spielplan über den Haufen werfen und für den Megastore neu planen. Nun vermeldeten die Zeitungen der Funke-Gruppe, dass eine weitere Verzögerung ansteht und Kay Voges und sein Ensemble auch die Spielzeit 2017/18 noch im Provisorium verbringen müssen. Passend dazu fiel dort in den letzten Tagen auch noch die Heizung aus, um gleich mal zu zeigen, welche Herausforderungen auf das Theater zukommen.

Nun könnte man sagen: Hat doch alles bisher super geklappt. Kay Voges hat mit enormer Kreativität die Potenziale des Provisoriums ausgenutzt und neben vielen anderen mit der Borderline-Prozession eine der aufregendsten Produktionen im deutschsprachigen Raum gezeigt. Zudem hatte er doch selbst einmal geäußert, dass er sich vorstellen könne die „Diva“, wie er den Megastore nennt, nach der Rückkehr ins Schauspielhaus weiter als Außenspielstätte zu behalten. Aber eben als zusätzliche Spielstätte für besondere Projekte. Als einzige Bühne ist die Blechhalle eigentlich völlig unzureichend: An der Decke kann keine Technik untergebracht werden, einen Schnürboden gibt es sowieso nicht, Neben- oder Seitenbühnen, Drehbühne, alles Fehlanzeige. Bespielt werden kann immer nur einer der beiden Räume, Parallelvorstellungen sind wegen fehlender Schalldämmung nicht möglich. Im Winter ist es zu kalt, im Sommer wird die Blechkiste zum Backofen. Ein Provisorium eben.

Soviel Charme es hat, dass der Zuschauer am Abend an den mitten im Raum gelagerten Bühnenbildern anderer Produktionen vorbei geht, mit noch einer weiteren Spielzeit dürfte der Platz knapp werden und nicht alles kann man mit aufblasbaren Festzelten und Würsten wie „Kasimir und Karoline“ ausstatten. Noch nehmen die Zuschauer den nicht ganz
unbeschwerlichen Weg ins Industriegebiet auf sich. Vielleicht schafft es die DEW21 ja im nächsten Jahr sogar, die Ansage im Bus dahingehend zu ändern, dass an der Haltestelle „Pferdebachtal“ auf den Zugang zum Megastore verwiesen wird. Grundsätzlich wird das aber an der Situation nichts ändern, dass ein Provisorium auf Zeit mit jeder unerwarteten Verlängerung dieser Zeit unerträglicher wird. Und dann stellen sich schnell die Fragen, ob Kay Voges, der in Dortmund zu einem der spannendsten jungen Intendanten Deutschlands geworden ist, nicht doch das nächste Angebot annimmt, ob sein hervorragendes Ensemble, das kaum über Spitzen verfügt, weil es durchgängig auf exzellentem Niveau spielt, ihm nicht bald unter den Fingern wegbröselt, weil es halt nicht zum angenehmsten gehört, auf eiskaltem nackten Betonboden zu proben und zu spielen.

Kulturdezernent Jörg Stüdemann hat sich redlich bemüht, sein Problembewusstsein und seine Solidarität mit dem Schauspiel zu zeigen. Richtig geklappt hat das allerdings nicht. Die Übernahme der Mietkosten für den Megastore von 180000 Euro für die nächste Spielzeit hat er dem Haus zugesichert. Es soll auch einen Container für Duschen und einen mit Klos geben. Und auch die Brandschutzertüchtigung des Baus – die bisher bestehende Ausnahmeregelung ist auf so lange Zeit nicht haltbar – will die Stadt tragen. Hier wird es ironisch, denn wegen des Brandschutzes musste am Theater in der Innenstadt abgerissen werden. Das ist alles sehr nett von der Stadt Dortmund. Es zeigt allerdings auch, dass das Interesse an der neben der Oper derzeit meistbeachteten Kulturinstitution der Stadt offensichtlich nicht allzu groß ist. Dafür, dass Kay Voges Dortmund wieder auf die Theaterlandkarte Deutschlands zurück geholt hat, scheint die Stadt nicht allzu viel Verständnis zu haben. Längst hätte dem Haus der Etat erhöht werden können, um nicht das Risiko einzugehen, dass sich wichtige Ensemblemitglieder an größere Häuser verabschieden, weil es ihnen zu viel wird, jeden Abend auf der Bühne zu stehen und noch mehrere Produktionen gleichzeitig zu proben. Das ist nur auszuhalten, weil der Intendant die Stimmung am Haus hoch hält und die Arbeit künstlerisch herausragend ist. Beides jedoch ist fragil und von den Umständen abhängig. Die sind im Megastore allerdings alles andere als optimal. Eine zusätzliche Kloschüssel macht da nicht wirklich etwas besser. Wenn der Rat der Stadt Dortmund jetzt nicht umgehend signalisiert, dass er bereit ist, alles für die Verbesserung der Situation zu tun und dafür auch ordentlich Geld in die Hand zu nehmen, könnte es ganz schnell vorbei sein mit einem Theater, das überregionale Bedeutung hat. Kay Voges braucht Dortmund nicht, aber Dortmund ganz sicher Kay Voges. Und das gilt auch für Merle Wasmuth und Carlos Lobo, Julia Schubert und Ekkehard Freye, Andreas Beck und Friederike Tiefenbacher, für Frank Genser und Bettina Lieder, Björn Gabriel und Sebastian Kuschmann, Uwe Rohbeck und Uwe Schmieder, für Marlena Keil, Caroline Hanke und Eva Verena Müller. Sie alle könnten überall im deutschsprachigen Raum leicht ein Engagement bekommen. Die Stadt Dortmund sollte es nicht soweit kommen lassen, dass jemand beginnt, ernsthaft darüber nachzudenken. Das kann nur verhindert werden, wenn Ulrich Sierau, Jörg Stüdemann und der gesamte Rat nun schnell und tatkräftig zeigen, dass sie verstanden haben, welche Bedeutung das Schauspiel Dortmund für die Stadt hat. Kay Voges hat bewiesen, dass er bereit ist, im Provisorium Megastore eine Chance zu sehen, nun muss die Stadt auf ihn zugehen und ermöglichen, dass das so bleibt und dafür wird mehr nötig sein als nur eine Dusche und ein Klo.

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