Keine Kreislaufwirtschaft ohne ausreichend Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen

 

Jan Jambon und Hendrik Wüst Foto: Laurin


Gemeinsam mit der belgischen Provinz Flandern will Nordrhein-Westfalen zum Zentrum der europäischen Kreislaufwirtschaft werden. Auf einem Kongress in Wuppertal wurden dafür die Grundlagen gelegt.

Anfang November war es soweit: Das Kölner Unternehmen Plastic Fischer sammelte in Asien die tausendste Tonne Plastikmüll ein. „Das entspricht“, sagt Karsten Hirsch, Geschäftsführer und Gründer des Unternehmens, der Menge von 100 Millionen Plastiktüten.“ Das Plastik sammeln die Müllfischer allerdings nicht in Deutschland oder Europa ein. Hier sind die Flüsse längst relativ sauber, und ein großer Teil des Plastikmülls wird gesammelt. „Die beiden schmutzigsten Flüsse der Welt sind der Ganges und der Yamuna in Indien. Hier und an 36 weiteren Flüssen in Indien und Indonesien sammeln unsere Mitarbeiter den Plastikabfall ein,“ sagt der 32jährige Jurist. Das Unternehmen hat mittlerweile 88 Vollzeitarbeitsplätze geschaffen. Die eingesetzte Technologie folgt dem Motto des Unternehmens „Local, Low-Tech, Low-Cost“: An einfachen Barrieren staut sich der Abfall an der Wasseroberfläche und wird von Hirschs Kollegen eingesammelt. „Weil dieser Kunststoff häufig mit Aluminium versetzt ist, kann er leider nicht zur Produktion anderer Produkte genutzt werden. Ideal wäre es ja, wenn aus einer alten Plastiktüte eine neue Sonnenbrille werden würde.“ Aber nutzlos ist der gesammelte Abfall nicht: Er wird in Kraftwerken verbrannt und hilft so mit, dass weniger Kohle verbraucht wird. Seit drei Jahren schreibt Plastic Fischer schwarze Zahlen. Unternehmen wie Covestro, die Allianz oder auch Siemens, das Software bereitstellt, unterstützen die Kölner bei ihrem Einsatz in Asien. Die Kunden des Unternehmens bezahlen pro Tonne Plastik, die in ihrem Namen rausgefischt und bestmöglich verarbeitet wird. Das kann dann in die Nachhaltigkeitsbilanz eingefügt werden, die für Investoren wie Blackrock längst ein zentrales Kriterium bei der Beurteilung der Zukunftsfähigkeit einer Firma sind. Das Unternehmen will weiter wachsen und sucht nach Unterstützern, die helfen Arbeitsplätze zu schaffen und die Ozeane vor Plastik zu schützen.

Ein Faktor für den Erfolg der Kunststoffsammler war die Teilnahme an der Veranstaltung Circular Valley im vergangenen Jahr. Dort wurden wichtige Kontakte geknüpft. 2020 gestartet hat die Initiative Circula Valley, deren Schirmherrin NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) ist, das Ziel, die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Das hat nicht nur ökologische Gründe: Rohstoffe sind teuer, knapp und müssen häufig aus Ländern wie China importiert werden. Kommt es, wie im Falle Russlands nach dem Angriff auf die Ukraine 2022, zu politischen Konflikten, ist schnell die Versorgung mit für die Industrie wichtigen Rohstoffen gefährdet. Einmal im Jahr findet in Wuppertal, dem „Tal der Kreislaufwirtschaft“, das Circular Valley Forum statt, im Laufe des Jahres dann Seminare, Treffen und Schulungen. Über 1000 Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft kamen am 16. November in der prunkvollen Stadthalle Wuppertal zusammen, die ganz nebenbei auch noch einer der besten Konzertsäle Europas ist. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) begrüßte die Teilnehmer. Wüst hatte sich, ganz Ministerpräsident einer schwarz-grünen Regierung, ein denkbar ökologisch korrektes Beispiel für funktionierende Kreislaufwirtschaft zurechtgelegt: „Die Natur hat es perfekt geregelt: Alles ist in einem Kreislauf eingebunden, es gibt keinen Abfall.“ Dahin will man auch in Nordrhein-Westfalen kommen. Vorbild ist die belgische Region Flandern. Dort hat man sich zum Ziel gesetzt, zu einem Vorreiter in Sachen Kreislaufwirtschaft zu werden. Bis 2030 soll der materielle Fußabdruck des Konsums um 30 Prozent zurückgehen. Unrealistisch ist das nicht: Schon heute werden rund um Brügge, Antwerpen und Gent 70 Prozent der gesammelten Abfälle recycelt. In Deutschland wird sogar knapp über 70 Prozent des Siedlungsabfalls wiederverwertet, mehr als die Hälfte des Plastikmülls allerdings verbrannt.“

„Die Region setzt dabei vor allem auf die Agrar- und Chemieindustrie, die beide wirtschaftlich wichtig für Flandern sind: Catalisti ist Spitzencluster für Innovation in der Chemie- und Kunststoffindustrie. In ihm arbeiten über 100 Unternehmen an nachhaltiger Chemie. Im Agrarsektor setzt die Region auf Biotechnologie und Erntetechnik, um mit einem geringeren Ressourcenverbrauch mehr zu produzieren. Flandern erwirtschaftet jährlich 43,1 Milliarden Euro durch Agrarexporte. Gleich zu Beginn des Forums in Wuppertal unterzeichneten Wüst und der flämische Ministerpräsident Jan Jambon eine entsprechende Gemeinsame Absichtserklärung. Nordrhein-Westfalen und Flandern wollen in Zukunft enger im Bereich der Kreislaufwirtschaft zusammenarbeiten. Perspektiv soll aus dem Duo ein Trio werden: Jambon wünschte sich, dass auch die Niederlande in Zukunft mitmachen. Damit die Kreislaufwirtschaft erfolgreich sein kann, machte Harald Schwager, stellvertretender Vorsitzender des Evonik-Vorstandes, klar, brauche es die chemische Industrie, und die benötige ausreichend Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen. Ist das gegeben, sieht Schwager in der Kreislaufwirtschaft gute Perspektiven für den Essener Spezialchemiekonzern: „Circular Economy ist ein starker Wachstumstreiber für Evonik. Sie unterstützt uns dabei, nachhaltig Wert zu generieren. Wir wollen mit unserer Kompetenz in der Spezialchemie die gesamte Industrie zirkulär machen. Mit effizienteren Prozessen und innovativen Lösungen.“

Wie Kreislaufwirtschaft ganz praktisch und für die Verbraucher heute schon erlebbar funktioniert, zeigt das Essener Unternehmen Rhinopaq. Es bietet Mehrwegverpackungen für den Online-Handel an. „Jeder vierte industriell gefällte Baum wird für Verpackungen genutzt“, sagt Mitgründer Matthias Thesing. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese Ressource zu schonen. Verpackungen sollten nicht nur einmal verwendet und dann weggeworfen werden.“ Das Unternehmen ist seit 2021 am Markt und hat eine Verpackung entwickelt, die mit wenigen Griffen einsatzbereit ist und sich ebenso schnell wieder zusammenfalten lässt. Zum Einsatz kommt sie bei Onlineshops wie dem E-Bike-Händler Riese und Müller, dem Mehrwegwindelservice Ananas-Shop und Fairnica, einem Anbieter von Mietkleidung.

Bei diesen Händlern können sich die Kunden bei der Bestellung entscheiden, ob sie nicht lieber eine Mehrwegverpackung nutzen wollen. Für den Händler hat das auch den Vorteil, sagt Thesing, dass er sich den Aufwand dieses Zusatzservices bezahlen lassen kann. Nach Erhalt der Ware falten die Kunden dann den Karton wieder zusammen, werfen ihn in den Briefkasten und er kehrt zurück zu Rhinopaq. „Wir arbeiten mit einer Behindertenwerkstatt zusammen, die für uns die Verpackungen wieder aufbereitet.“ Auch die Kartons werden von anderen Unternehmen hergestellt. „Wir sind ein Zwei-Mann-Betrieb und konzentrieren uns auf die Entwicklung unseres Produktes und der Software, die auf den Shopseiten unserer Kunden eingebunden wird“, erklärt Thesing. Über das Circular Valley Forum bekam das Startup Kontakt zu heutigen Partnerunternehmen und der Wissenschaft. „Es gab Schulungen, an denen wir teilgenommen haben, und wir konnten unser Geschäftsmodell diskutieren.“ Im kommenden November treffen in Wuppertal erneut die großen Namen der Kreislaufwirtschaft auf Startups und Vertreter der Wissenschaft. Und vielleicht wird dann schon die Zusammenarbeit mit den Niederlanden besiegelt.

Der Artikel erschien bereits in einer ähnlichen Version in der Welt am Sonntag

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