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Keine Zielgruppe für schnellere Pferde

Sindelfingen liegt in Baden-Württemberg - Foto: Frank Augustin/agora42

Was ist das für ein Magazin, das mit Goethes Faust Kreditverbriefung erklärt und dessen Name sich nur mithilfe der griechischen Antike und Douglas Adams verstehen lässt? Eine vierköpfige Redaktion in Sindelfingen gibt seit vergangenem Jahr die Zeitschrift agora42 mit Titeln wie „Schulden und Sühne“ heraus – ein Magazin für Philosophie, Ökonomie und Leben. Bonus-Track: Zehn Fragen an den Chefredakteur Frank Augustin über Verantwortung, Finanzen und fehlende Werbeanzeigen.

Auf dem deutschen Zeitungsmarkt konkurrieren im weltweiten Vergleich die meisten Titel um potentielle Leser. Zudem besitzen 90 Prozent der Haushalte kein Zeitungsabonnement. Einer solchen Ausgangslage zum Trotz gründete das junge Quartett im vergangenen Jahr das Magazin agora42. Allein auf die Substanz ihres Konzeptes vertrauend ließen sie sich nicht vom viel beschworenen „Magazinsterben“ oder der Wirtschaftskrise abschrecken. Stattdessen begann das Team auf einem der größten und härtest umkämpften Zeitungsmärkte der Welt, unerschrocken über philosophische und makroökonomische Themen zu schreiben.

Fast drohte Verzweiflung, als sowohl in Sindelfingen als auch in Böblingen alle Postfilialen Betriebsversammlung hatten und sich die Auslieferung der aktuellen Ausgabe um einen Tag verzögerte. In der vierköpfigen Redaktion hat man ein feines Gespür für Themen, was auch die Leser zu wissen scheinen. Das Team, bestehend aus Frank Augustin, Patricia Nitzsche, Wolfram Bernhardt und Nazim Cetin, will zeigen, wie viele Verknüpfungen zwischen Ökonomie und Philosophie im Alltag möglich sind. Die Autoren sind der Ansicht, die Welt sei komplex und werde nicht von RTL dargestellt.

Attische Demokratie und Douglas Adams

Schon allein der Name des Magazins ist klärungsbedürftig. Das altgriechische Wort ἀγορά (Muttersprachler und Bildungsphilister betonen die dritte Silbe) bezeichnete in der griechischen Antike einen zentral gelegenen Versammlungs- oder auch Marktplatz. Hier hatten die freien griechischen Bürger die Möglichkeit, sich zusammenzufinden, um regen Austausch über politische, philosophische und juristische Themen zu betreiben. Die Agora war der Platz, an dem intellektuelle Diskurse entstanden. Die Zahl 42 stellt eine Anspielung auf Douglas Adams Kultbuch „Per Anhalter durch die Galaxis“ dar. Ein von Außerirdischen erbauter Super-Computer mit dem viel versprechenden Namen „Deep Thought“ spuckt auf die Frage aller Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest die kryptische Antwort „42“ aus.

Kontroverse Meinungen, überraschende Perspektiven

Der Chefredakteur des Magazins, Frank Augustin, studierte Geschichte und Philosophie in Stuttgart und arbeitete vor seiner Tätigkeit für agora42 für das Journal für Philosophie „der blaue reiter“. Augustin sorgt dafür, dass die trockenen Theorieanteile auch für Nicht-Ökonomen und –Philosophen verständlich werden. „In der Ökonomie geht es nicht nur um bloße Zahlen, sondern auch um Philosophie. Gerade die Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass Theorie-Modelle an ihre Grenzen geraten können. Denn der Mensch handelt nicht immer klug und rational. Es ist wichtig, umzudenken, und auch ein neues Menschenbild zu entwickeln.“ Der 40-Jährige sagt, er wolle nicht über Chancengleichheit sprechen, wenn die Grundkoordinaten falsch sind. Nazim Cetin, der Herausgeber des Magazins, sprach im vergangenen Jahr beim Philosophischen Café im Hegel-Haus Stuttgart zum Thema „Philosophie und Psychologie der Finanzmärkte“. Wolfram Bernhardt studierte International Business Administration an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt. Eigentlich arbeitet er als Unternehmensberater bei der Kürn Cetin Capital AG. Auf die Idee zu agora42 sei die Gruppe gekommen, als man erkannte, dass Großbritannien mit „The Economist“ etwas habe, das in Deutschland noch fehlen würde, so Bernhardt. Er hofft, das Magazin werde auch in fünf Jahren noch kontroverse Meinungen und überraschende Perspektiven präsentieren und aktiv an der öffentlichen Meinungsbildung teilnehmen.

Kein binäres Entweder-Oder

Neben Vorreitern wie dem Glocalist Magazine und der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu) ist agora42 das vierte Magazin für Wirtschaftsethik, das auf dem deutschen Markt erhältlich ist. Im Einstiegsteil des Magazins werden immer die wichtigsten Grundannahmen des jeweiligen Magazinthemas in Essayform erklärt, damit auch Fachfremde einen Zugang zum diskutierten Themenfeld des Hefts möglich ist. Weil die Macher komplexe Sachverhalte nicht auf simple Schlagzeilen reduzieren wollen, gibt es zum Ausgleich der Bleiwüste ein entzerrtes und lesefreundliches Layout. Wer die Welt jedoch gerne auf ein binäres Entweder-Oder reduziert, dem ist von diesem Magazin abzuraten. Einfache Antworten werden in den Beiträgen nicht gegeben. Jedes Heft steht unter einem bestimmten Hauptthema, dem Interviews oder Artikel von Gastautoren zur Seite gestellt werden. Die aktuelle Ausgabe des Magazins trägt den Titel „Krieg light“.

Nicht werbetauglich, weil zu kritisch?

Im Magazin finden sich kaum Werbeanzeigen. Vielen potentiellen Werbekunden seien die Inhalte von agora42 zu kritisch, so die Redaktion. Deswegen laute ihr Urteil meist: nicht werbetauglich. Gefördert, etwa durch Stiftungen, wird das Printmedium bisher nicht. Die Zeitschrift der DESA GmbH, erscheint in zweimonatigem Rhythmus bundesweit mit einer Auflage von 10.000 Stück. Für die nächste Ausgabe ist ein Interview mit Günter Wallraff, dem zum Teil umstrittenen Urvater der Sozialreportage, angekündigt – Norbert Blüm hatte kurzfristig abgesagt. Kritisches und Humoristisches kommt im Magazin nicht zu kurz, sondern wird stattdessen kombiniert. So erfährt der Leser in der Rubrik „Gedankenspiele“, dass dem US-Agrarkonzern Monsanto nicht nur 90 Prozent aller genmanipulierten Pflanzen gehören, nein, Monsanto habe nun sogar ein Patent auf zwölf Sexualstellungen angemeldet. In einer Kolumne erklärt Elke Hoff, die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP, welche Vorteile eine Freiwilligenarmee gegenüber der Wehrpflicht biete.

Ich -Ausgeburt des Marktes?

Thematisch widmete sich die Redaktion in einer der vergangenen Ausgaben schon dem „Ich – Ausgeburt des Marktes?“ oder beackerte Fragestellungen zur „Vernunft“. Politisch wollen sich die Macher mit ihrem Magazin jedoch nicht einordnen lassen. Nur in einem Punkt beziehen sie dann doch Stellung: „Wir sind mit der Volkswirtschaftslehre, die zum großen Teil von der Profitmaximierungslogik der BWL dominiert wird, nicht einverstanden.“ Die Frage danach, wie der Mensch der Ökonomie am meisten nutzen könne, sei ebenso zentral wie bedenklich geworden. Ökonomische Argumente werden ihrer Ansicht nach oftmals vorschnell ins Feld geführt, um andere Theorien auszuhebeln und ihren Deutungsansprüchen das Wasser abzugraben.

Foto: Frank Augustin/agora42

Es folgt das Interview mit dem Chefredakteur des Magazins, Frank Augustin:

Welches Konzept liegt dem Magazin zugrunde?

agora42 ist ein Magazin für Ökonomie und Philosophie. Es geht darum, das „große Ganze“ unserer durch und durch ökonomisch bestimmten Gesellschaft in den Blick zu nehmen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Wir bemühen uns darum, diese Zusammenhänge anhand einfacher Beispiele verständlich zu machen. Wichtige wirtschaftliche Begriffe werden in vom Text gesonderten Layoutelementen („Infoboxen“) erläutert.

Welche Zielgruppe wollen Sie mit ihrem Heft ansprechen und wer liest es tatsächlich?

Im Gegensatz zum üblichen Vorgehen haben wir uns nicht an einer Zielgruppe orientiert. Wir machen einfach das, was uns notwendig und richtig erscheint. Entsprechend sind die Leser der agora42 nicht einzuordnen; es sind Menschen, die die Zeit, in der sie leben, verstehen wollen – auf der Höhe der Zeit sein wollen.

Gab es eine Marktlücke für ein Magazin wie Ihres?

Wir halten es da mit Henry Ford, der sagte: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt ,schnellere Pferde’“. Anders gesagt: Wir machen die Marktlücke auf.

Was unterscheidet agora42 von Magazinen wie „The Economist“?

Nun, da ist zunächst die Höhe der Druckauflage zu nennen, welche die unsrige (noch) um 1.410.000 Exemplare übersteigt. Davon abgesehen verwenden wir besseres Papier und haben das bessere Layout. Und, nicht zuletzt, bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung: In der agora42 geht es, viel mehr als im Economist, um die Vermittlung von Grundwissen – es wird also erst die Möglichkeit geschaffen, den Economist richtig zu verstehen.

Rentiert sich ein solches Projekt finanziell?

Josef Ackermann wird auf der nächsten Bilanzpressekonferenz ausführlich darüber berichten.

Trägt man als Redakteur eines Magazins mit wirtschaftsethischen Inhalten eine besondere Verantwortung?

Begriffe wie „ethisch“ sind inhaltsleer geworden. Mit Ethik lässt sich heute noch die größte Ausbeutung bemänteln. Uns geht es darum, erst wieder die Grundlagen dafür zu schaffen, sinnvoll über Ethik, über richtiges und falsches Handeln sprechen zu können.

Lässt sich gesellschaftliche Wirklichkeit durch die Beschäftigung mit philosophischen Fragen verändern? Reicht es aus, die Welt anders „zu sehen“, um realen Wandel zu bewirken? Und: Welchen Beitrag leisten Sie in dieser Hinsicht mit Ihrem Magazin?

Die „Wirklichkeit“ ist ja nichts an sich Existierendes. Was wirklich ist, wird dadurch wirklich, dass an eine bestimmte Wirklichkeit geglaubt wird. So existieren beispielsweise die „Marktgesetze“ nur deshalb, weil Menschen an solche „Gesetze“ glauben und sich dementsprechend verhalten. Insofern ist die Sichtweise gerade das Entscheidende. Darum geht es in der agora42.

Steckt in jedem Mensch auch ein „homo oeconomicus“?

Gegenfrage: was ist der Mensch? Warum sollen wir versuchen, uns krampfhaft eine Definition des Menschen aus den Fingern zu saugen? So wenig, wie er nur ein Wirtschaftsmensch ist, ist er durch eine andere Definition festzulegen. Wir sollten uns mehr darum kümmern, endlich die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen herbeizuführen.

Was bedeutet Ihnen das Projekt persönlich?

Kein Kommentar. Wir dürfen unsere Lebenspartner nicht eifersüchtig machen.

Sind Ihren potentiellen Werbekunden die Inhalte des Magazins wirklich zu kritisch, betreiben Sie zu wenig/keine Werbekunden-Akquise oder woran liegt es, dass man in Ihrem Magazin so wenig Werbung findet?

Bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht um unsere eigene Einschätzung, sondern um jene einiger Fachleute. Aber die agora42 ist ja ein noch junges Magazin, es kann sich also auch um einen Vorwand handeln – man setzt lieber auf „Bewährtes“ und wartet ab.

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2 Kommentare zu “Keine Zielgruppe für schnellere Pferde

  • #1
    Arnold Voß

    „Die schlimmste Wirkung des Kapitalismus ist, dass man glaubt, alles, was man bezahlen kann, gehöre einem.“

    Martin Walser

    “ Erst wenn man richtig reich ist weiß man, dass man für Geld nicht alles kaufen kann“

    Jack Nicholson

  • #2

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