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Koks und Cola

Koks und Cola Foto: Verlag Emons, Köln, Lizenz: Alle Rechte beim Verlag

Es ist ein visueller Schatz, der im Ruhr Museum in Essen schlummert: Rund drei Millionen Bilder umfasst das Fotoarchiv laut deren Leiterin Sigrid Schneider. Im Internet seien bereits online in der Datenbank 750.000 davon anzusehen. Von unserem Gastautor Tim Walther

Wilfried Kaute, geboren 1948, verbrachte seine Kindheit in den 50er Jahren in Duisburg und sichtete etwa 150.000 Motive aus dieser Zeit im Archiv. Das Ergebnis ist nun in den Buchhandlungen zu sehen: „Koks und Cola“ heißt der im Verlag Emons publizierte Bildband mit 330 Aufnahmen bekannter Pott-Fotografen – eine Hommage an ein Ruhrgebiet voller Dreck, Industrie, aber auch Idylle, Herzlichkeit, Gemeinschaftsgefühl, aufkommendem Wohlstand und Zufriedenheit. Einer Zuversicht, die einen angesichts des heutigen Zustands des Reviers in nostalgisches Schwärmen bringt. Gastautor Tim Walther über eine Zeit, die nie zurückkommen wird – leider.

70 Prozent der im Bildband erscheinenden Fotos sind bisher nie an die Öffentlichkeit, so Sigrid Schneider. Doch wie wertvoll diese sind, zeigt schon die Auswahl von Kaute. Aufnahmen von Industrieanlagen, Lebenswelt inmitten von Arbeit, Konsum und Freizeit, oder Stillleben vor rauchenden Schloten – eigentlich wollte der Wahlkölner einen Film machen. Seine Auseinandersetzung mit dieser Aufbruchszeit im Revier macht er an einem Katalog eines Versteigerungshauses fest, in dem er Bilder von Rudolf Holtappel entdeckte. Der mittlerweile 89-Jährige Oberhausener und Fotograf ist einer der Protagonisten des Bandes. Ein ausgewiesener Vertreter der Zunft, wie er bereits bei der Beteiligung an „Deutschland, Deutschland“ in der Situation Kunst in Bochum-Weitmar bewies. Bei der Buchpräsentation in einer Essener Buchhandlung ist er mit von der Partie.

Der vertiefte Blick, den Kaute auf die 50er Jahre vornimmt, hat organisatorische Gründe: Ab dem 1. Oktober zeigt das Ruhr Museum den zweiten Teil seiner Foto-Schau A bis Z – samt eigener Publikation. Konkurrenz wollte man vermeiden, dennoch tut diese Konzentration der herausragenden Qualität des Buches keinen Abbruch.  Den Bildern vorgeschaltet ist lediglich ein Vorwort von Schneider und kleine beiläufige Geschichten von Kaute, wie etwa der Anblick eines Mercedes-Autohauses in der Essener Lindenallee, in einer Zeit, wo nicht jeder einen Wagen besaß, geschweige denn sich leisten konnte. Oder das Erlebnis zweier Sonnenuntergänge: den natürlichen und den industriellen als glühendes ausgestanztes Metall, das am Abend den Himmel rot färbt.

Fotograf Rudolf Holtappel und Herausgeber Wilfried Kaute Foto: Verlag Emons, Köln, Lizenz: Alle Rechte beim Verlag

Etwa 150.000 Negative hat sich Kaute angeschaut und immer weiter selektiert. Die Frage nach einem Lieblingsbild ist für ihn absurd. „Ein Film zwischen zwei Buchdeckeln“ nennt er das fertige Werk, er hätte wohl gerne noch mehr Sequenzen hinzugefügt. Die Reihenfolge ist weder thematisch noch chronologisch – ein angenehmes Erlebnis für den neugierigen Betrachter. Kaute sieht die 50er Jahre in zwei Phasen, ein sehr verhafteter Anfang durch den Wahnsinn der Nazizeit und einen ab 53/54 relativ schnell beginnenden Wohlstand, der auf Sicherheit und genug Arbeit fußte.

„Sie finden auf den Bildern kein übergewichtiges Kind“, wirft Holtappels Frau bei der Präsentation ein. Als junger Mensch ist man versucht dagegenzuhalten, dass die Wohlstandsentwicklung von damals den heutigen Zuständen den Weg bereitete. Rudolf Holtappel nimmt den Einwurf zum Anlass von der ersten Cola zu berichten, die er 1937 bei einem Schulausflug genoss. Die Cola und Koks im Eimer, die er Kaute überreichte, sind ein amüsantes Geschenk.

In der Diskussion mit den Zuhörern stellt Kaute seine Beziehung zum Revier dar – und geht auch auf die Frage ein, ob es das in den Bildern dokumentierte Ruhrgebietslebensgefühl in der Gegenwart noch gibt. „Ich finde es spannend. Diese Landschaft und Region, die sich wandelte.“ Er glaubt, dass es diese Milieus des Potts noch gibt, und verweist auf die Arbeiten junger Fotografiestudenten. Die Idylle des Ruhrgebiets, ob früher oder heute, hat eben Effekte: „Wir werden zugeschmissen mit romantischen Ruhrgebietsbildern“, ist man sich auch beim Ruhr Museum klar. Holtappel und ein Zuhörer zeichnen ein anderes Bild. Heute müsse man die Menschen und ihre Lebenssituation differenzierter sehen. Die Maschinen sind weg, kein Dreck, kein Staub, keine drei Tage im Monat mehr, wo der Himmel nur blau war.

Holtappel spricht in diesem Zusammenhang von einem psychologischen Protest gegen den Dreck: „Die Menschen haben trotzdem helle Kleidung getragen.“ Die Menschen im Ruhrgebiet seien immer bedauert worden, aber sie hätten genauso ihr Leben genossen, wie anderswo. Eben diese Lebenslust gibt der Bildband authentisch wieder, und machen einen sehnsüchtig in der Gegenwart – nach der guten alten Zeit, als Rot-Weiss Essen 1955 noch Deutscher Meister war, Kioske wie Pilze aus dem Boden sprießen und das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl trotz der Herkunft der Menschen sehr groß war.

„Was ist heute die Psychologie des Reviers?“, stellt ein Zuhörer in den Raum. Die Frage befeuert die bereits fruchtbare Diskussion über das Hier und Jetzt. „Heute bestimmt das Leben der Menschen im Revier eher Existenzangst.“ Hinzukommen eine misslungene Integration vieler Gastarbeiter der Wirtschaftswunderzeit und ein zerbröckeltes Zusammengehörigkeitsgefühl. Dabei ist die Liebe zum Pott eine, wenn nicht die Identifikationsfläche. Einen eigenen Regierungsbezirk gibt es aber immer noch nicht. Warum nur?

Rudolf Holtappel denkt gerne an seine fotografischen Spaziergänge durch Oberhausen-Eisenheim, die Arbeitersiedlung der Gutehoffnungshütte. „Die Menschen hatten ein Bedürfnis gegen den Dreck anzukämpfen“, berichtet er von einer dicken Frau, die neben ihrem Besen sich ausruht. Ihre Arbeit hat sie gemacht, obwohl nach dem nächsten Ausstechen die Terrasse wieder genauso schmutzig sein wird wie vorher. Oder Holtappel berichtet mit rauchiger alter Stimme von einer Kupferhütte an der Essener Straße, wo alle 15 Minuten roter Rauch die Umgebung färbte – je nachdem wie der Wind stand. Man kannte es nicht anders, und seine Frau ergänzt: „Wenn wir im Urlaub in Norddeutschland waren, und man auf dem Rückweg auf der Autobahn diese graue Zone sah, dann war man zuhause.“ Ein Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit.

Dieses Gefühls durchzieht diesen Bildband, er berichtet von alter wirtschaftlicher Stärke im Revier, von Menschen, die der jungen Republik durch ihre Tüchtigkeit und Hingabe den Weg zurück an die Spitze ebneten. Das Buch ist ein Denkmal, für die Bergleute, Hüttenarbeiter, Hausfrauen, aber auch unbekümmert spielenden Kinder, die unsere heutige Wohlstandsgesellschaft erst möglich machten. Ob Verhängnis oder nicht?! Dieses Buch berührt – und wird, wie der Verlag hofft, ein Erfolg (1. Auflage 5000 Stück). So wie es die 1950er Jahre im Revier waren. Ohne Wenn, aber mit vielen Aber.

Infos: http://www.emons-verlag.de/programm/koks-und-cola

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Ein Kommentar zu “Koks und Cola

  • #1
    Martin Böttger

    Ich habe mir das Buch sofort geholt, als ich davon gehört habe und kann das Loblied bestätigen. Allerdings sollte man die Nostalgie nicht übertreiben. Was man auf den Bildern auch gut sehen kann, ist die wahrheitsgemäß dargestelle verklemmte kleinbürgerliche Spießigkeit der Adenauer-Zeit, der die meisten von uns doch sehr gerne entronnen sind. Es war eben früher nicht alles besser, vieles, sehr vieles – man bedenke die ebenfalls in dem Buch sichtbaren Kriegsruinen – war auch viel schlechter.

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