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Kreativitätsindex: Schlechte Noten für das Ruhrgebiet

Im Frühjahr veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die zehn Städte, die beim Roland Berger Kreativindex am besten abgeschnitten hatten. Es war bis auf Mülheim (Dank an Nobby)keine einzige Ruhrgebietsstadt dabei. Damals stellte ich die Behauptung auf, wäre das ganze Ruhrgebiet betrachtet worden, wären wir in die Top-Ten gekommen. Ich habe mich geirrt. Die Wahrheit ist noch viel trostloser, als ich damals gedacht habe, denn mittlerweile liegen die Zahlen für die einzelnen Ruhrgebietsstädte vor und ich konnte mich mit Torsten Oltmanns von Roland Berger über den Kreativindex unterhalten.

Seit ein paar Jahren werden auch im Ruhrgebiet Lokalpolitiker und Wirtschaftförderer ganz wuschig, wenn das Wörtchen Florida fällt. Dabei denken sie nicht in erster Linie an die US-Halbinsel, in der Hemingway so viele Daikiris in sich hinein kippte, bis…

Im Frühjahr veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die zehn Städte, die beim Roland Berger Kreativindex am besten abgeschnitten hatten. Es war bis auf Mülheim (Dank an Nobby) keine Ruhrgebietsstadt dabei. Damals stellte ich die Behauptung auf, wäre das ganze Ruhrgebiet betrachtet worden, wären wir in die Top-Ten gekommen. Ich habe mich geirrt. Die Wahrheit ist noch viel trostloser, als ich damals gedacht habe, denn mittlerweile liegen die Zahlen für die einzelnen Ruhrgebietsstädte vor und ich konnte mich mit Torsten Oltmanns von Roland Berger über den Kreativindex unterhalten.

Seit ein paar Jahren werden auch im Ruhrgebiet Lokalpolitiker und Wirtschaftförderer ganz wuschig, wenn das Wörtchen Florida fällt. Dabei denken sie nicht in erster Linie an die US-Halbinsel, in der Hemingway so viele Daikiris in sich hinein kippte, bis er sich den Schädel wegschoss, sondern an Richard Florida, einen amerikanischen Soziologen. Der prägte den Begriff von der Creativ Class als einem der wichtigsten Wachstumsfaktoren. Florida kam auf deren Bedeutung, als der Suchmaschinenbetreiber Lycos Pittsburg verlies und sich in Boston ansiedelte – obwohl Pittsburgh nach damaligen Maßstäben alles richtig gemacht hatte: Pittsburgh hatte in Kultur investiert, eine gute Uni und die auch im Ruhrgebiet beliebte Industriekultur. Und die Gewerbeflächen waren ebenso preiswert wie die Gewerbesteuer niedrig war. Warum also war Pittsburgh weiter auf der Verliererseite?
Florida stellte die These auf, dass es drei überragende Faktoren gibt, die diese attraktive Zielgruppe, die er als Creative Class bezeichnet, also als die, die Dingen erschafft, anziehen. Es sind die drei T: Talent, Technologie und Toleranz.

Talent
Die Creative Class trifft gerne ihresgleichen: Ingenieure, Softwarespezialisten, Unternehmensgründer, aber auch Künstler bilden einen Pool, in dem Ideen gedeihen. Wichtig ist eine anregende Atomsphäre. Laut Florida bevorzugt die äußerst vielschichtige Gruppe ständig neuer Anregungen. Da gilt die bunte Clubszene mehr als das Opernhaus, muss die Wohnung in einem angesagten Innenstadtquartier liegen und wird Wert auf eine Vielzahl von Sportaktivitäten gelegt, die man alleine unternimmt und nicht im Verein: Mountainbiking, Skaten und Wandern also eher als Fußballspielen und Gymnastik. Wichtig ist nach Florida allerdings, das eine Region für die unterschiedlichsten Lebensphasen Angebote macht: attraktive Immobilienlagen bietet, wenn die Familie gegründet ist und das Haus gebaut wird, es eine gute Kinderbetreuung gibt und gute Schulen. Hier gibt es im Ruhrgebiet erheblichen Nachholbedarf.

Toleranz
Die Kreative Klasse bevorzugt tolerante Gesellschaften. Religiöser Fanatismus, Frauendiskriminierung, Schwulenfeindlichkeit schrecken sie ab. Individualisten benötigen eine Umgebung, in der sich Individuen ausleben können – die Kreative Klasse ist supranational. Engstirniger Nationalismus schreckt ab, ebenso wie künstliche Hürden. Deutschland hat das bei seiner GreenCard erlebt. Die erhofften „Computerinder“ gingen lieber in die USA oder nach Großbritannien. Neben der Sprache waren weniger restriktive Einwanderungsbestimmungen ein wichtiger Grund. Für Florida steht fest: Die USA haben ihre starke wirtschaftliche Stellung auch, weil sie seit Jahrhunderten die besten Köpfe anziehen. Florida glaubt, dass die USA durch die verschärften Einreisebestimmungen nach 9/11 diesen Vorteil aufs Spiel setzen.

Technologie
Auch Technologie ist ein wichtiger Faktor: In den High-Tech Industrien liegen viele der Arbeitsplätze der Kreativen Klasse. Auch gute Forschungseinrichtungen ziehen Talente an. Da in vielen High-Tech Bereichen Experten der unterschiedlichsten Bereiche eng zusammen arbeiten (Bei Computerspielen z.B. Programmierer, Designer und Autoren) ist es für jede Regionen wichtige eine möglichst breite High-Tech und Forschungsbasis zu haben.

Pittsburgh konnte nicht mit Boston mithalten.

Kreativindex
Keine Stadt aus dem Ruhrgebiet schaffte es unter die Top-Ten des Kreativindex von Roland Berger, der die drei Faktoren, Talent, Toleranz und Technologie abfragte – und, so Torsten Oltmanns von Roland Berger, auch als Einheit hätte es das Ruhrgebiet nicht auf einen der vorderen Plätze geschafft. Blöd,  weil seit ein paar Jahren alle Wirtschaftsförderer der Region, angeführt durch den ehemaligen VIVA-Chef Dieter Gorny, bei der Kulturhauptstadt Ruhr zuständig für den Bereich Kreativwirtschaft, die Bedeutung derselben predigen – allerdings häufig eine eher beschränkte Interpretation des Begriffes: Kreativ- wird dabei mit Kulturwirtschaft gleich gesetzt und um die Absurdität noch höher zu treiben, glaubt jede hochsubventionierte Balletttruppe nun, sie sei ein wichtiger Wirtschaftfaktor – was sie ja nur, dank mangelndem Profitstreben nur  sehr indirekt ist. Indirekt ist alles ebenso Wirtschaft wie Kultur und Kommunikation.
Und jetzt kommt eine Studie und wir liegen hinter Mannheim – alle, ohne Ausnahme.
Für Oltmann gibt es dafür gute Gründe – und sie liegen vor allem im Bildungsbereich: Nicht nur das die Zahl der hoch- und gutqualifizierten Personen im Ruhrgebiet unter dem Durchschnitt anderer Regionen liegt. Vor allem das niedrige Bildungsniveau der Migrantenkinder schlägt negativ zu Buche. Oltmann: „Hier gibt es für das Ruhrgebiet einen erheblichen Nachholbedarf. Andere Städte schaffen es deutlich besser, Migrantenkinder zu qualifizieren. Toleranz heißt nicht nur, sich in Ruhe zu lassen, sondern auch Benachteiligte zu unterstützen. Hier hat das Ruhrgebiet große Defizite.“
Die werden auch durch die dichte Theater- und Konzerthauslandschaft nicht wett gemacht – denn die meisten dieser Einrichtung verharren im Mittelmaß. Spezialisierung und Profilierung heißt nach Roland Berger das Erfolgsrezept. „Das Ruhrgebiet müsste sich darauf verständigen, wer was macht – dass dann aber richtig: Mehr Exzellenz und weniger Mittelmaß wäre ein gangbarer Weg.“ Die Dichte der Kulturlandschaft sei gut und auch für Leute wichtig, die nie ein Theater besuchen, aber erwarten dass in ihrer Stadt solche Einrichtungen vorgehalten werden: „Theater, Opern etc. gehören einfach dazu. Auch wer sie nie besucht, will haben dass es sie gibt. Man kann das mit einer guten Universitätsklinik vergleichen: Man will in einer Stadt leben, die so etwas vorhält, auch wenn man nicht krank ist.“

Oltmann riet dann noch im Gespräch, dass das Ruhrgebiet nicht blind andere Städte kopieren soll – und dass so etwas auch nichts bringt: „Das Ruhrgebiet sollte meiner Ansicht nach nicht viel Mühe darauf verwenden, Galerien, Dichter oder Modedesigner anzulocken. Dieser Teil der Kreativen Klasse hat genug Alternativen. Die Region sollte sich eher darauf konzentrieren für Ingenieure und Techniker attraktiv zu sein.“ Um das zu erreichen, sei vor allem ein Ausbau der Bildungseinrichtungen notwendig und damit auch die Förderung der eigenen Jugend (unabhängig der Herkunft!) – und eine tolerante Atmosphäre, denn ein immer größerer Teil der technischen Elite wird aus dem Ausland kommen. Dass das Ruhrgebiet keine internationale Schule hat ist unter diesem Aspekt schlimmer als der Mangel an Tanztheatern.  Auch sollte das Ruhrgebiet sich stärker bewusst werden, was es in Bereichen wie der Szenekultur zu bieten hat: Lebendige Kneipenviertel, eine Clublandschaft etc. sind ebenfalls wichtige Faktoren, die zum Wohlbefinden beitragen. Das Bewusstsein über die Bedeutung solcher Einrichtungen ist nur rudimentär vorhanden. Dortmund wird mit dem Bau eines Einkaufszentrums auf dem Thier-Gelände einen großen Teil seiner Clubkultur ausmerzen.
Das Ruhrgebiet braucht endlich eine Diskussion darüber, welche Lehren es aus Floridas Theorien ziehen möchte, wenn sich schon viele der Verantwortliche auf ihn berufen (Zumeist allerdings ohne ein einziges seiner Bücher gelesen zu haben und wenn man ehrlich ist, reicht die Lektüre von: The Rise of the Creative Class, in dem Florida auch ausführlich auf die sozialen Verwerfungen der Dienstleistungsgesellschaft eingeht). Eine solche Diskussion fand bislang auch in einer interessierten Öffentlichkeit kaum statt. Wir sollten sie beginnen.

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6 Kommentare zu “Kreativitätsindex: Schlechte Noten für das Ruhrgebiet

  • #1
    Jens Kobler

    Die “Diskussion” läuft ja längst. Als boulevardeskes Palaver mit semi-wissenschaftlichen Hintergrund, und vor allem so “Oh, Florida ist toll, der liefert uns Argumente für den Scheich der auf Zollverein investieren soll”. Und: Wenn hier noch mehr Ingenieure und IT-Spezialisten hinkommen und sich die Kulturszene dem auch noch weiter anpasst: Dann geh ich doch spätestens hier weg. Früher war es zumindest einfacher: Da reichten Krupp und Co noch ein Straßenstrich hier und ein Theater da und es musste für den Kultur-Mittelbau nicht ein Florida als Legitimation herangezogen werden…

  • #2
    Arnold Voß

    Man sollte zu Anfang noch mal deutlich machen,was Richard Floridas Kreativitätskonzept von anderen unterscheidet. Er hat nämlich der häufig prekären Gruppe der eher künstlerischen Kreativen (Tänzer, Musiker, Maler, Schriftsteller, usw.) die der durchschnittlich wesentlich besser bezahlten produktionsbezogenen Kreativen (Forscher, Entwickler, Vermarkter, Werber, Designer usw.)hinzugefügt und sie zu einer einzigen ?kreativen Klasse? erklärt, weil sie trotz ihrer unterschiedlichen Lebensbedingungen ähnlich Anforderungen an ihre Lebensumwelt stellen.

    Ob das wirklich so stimmt, wäre noch einmal genauer zu betrachten, denn der prekäre Teil der kreativen Klasse mag zwar an den gleichen Orten leben wollen wie der erfolgreiche Teil, aber er kann die dortigen Mieten meistens nicht (mehr) bezahlen. Zumindest nicht in Hamburg oder München. Zunehmend aber auch nicht mehr in Berlin.Und in New York schon gar nicht. Hier überlegt die Stadtverwaltung zurzeit sogar, jungen ? sprich (noch) nicht erfolgreichen Künstlern – einen Mietzuschuss zu gewähren, damit sie in Manhattan selbst, oder zumindest in der Nähe wohnen (bleiben) können.

    Viel folgenreicher aber ist Floridas Ansatz für die damit zu gewinnenden statistischen Ergebnisse.In gewisser Weise ist mit diesem Ansatz nämlich zugleich sein Erfolg vorweg gesichert.Sehr verkürzt ? und von Florida nicht unbedingt beabsichtigt – handelt es sich dabei nämlich um eine Art selffullfilling prophecy die ? zugegeben sehr vereinfacht – folgendermaßen lautet:Eine Stadt, in der viele faktisch Erfolgreiche und viele potentiell Erfolgreiche zusammen wohnen wird über kurz oder lang selbst erfolgreich.Die Städte müssen also ?nur? die besten Bedingungen für diese erfolgreiche ?Klasse? schaffen und der Rest geht dann wie von selbst. Umgekehrt lässt sich mit diesem Konzept schnell beweisen,dass Städte in denen diese ?Klasse? überdurchschnittlich vertreten ist, auch erfolgreicher sind als die, die nicht darüber verfügen.Und genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Genauer gesagt stellt sich die Frage wer ist jetzt das Huhn und wer das Ei. Die ?kreative Stadt? die die ?kreative Klasse? anzieht oder die ?Kreative Klasse? die eine Stadt zu einer solchen erst macht. Das Beispiel Berlin ist dafür geradezu prototypisch. Vor 10 Jahren hätte Berlin im obigen Ranking wahrscheinlich wesentlich schlechter abgeschlossen als heutzutage. Es hätte also gar keinen Grund für Kreative gegeben, dort hinzuziehen. Aber genau das ist vor allem bei dem Teil der kreativen Klasse geschehen, der weniger erfolgreich ist. Sie sind dort hingezogen obwohl es dort weniger Aufstiegschancen gab als in anderen Städten. Was übrigens bis heute gilt. Nirgendswo werden Kreative,egal welchen Erfolgsgrades, so schlecht bezahlt wie in Berlin.

    Die zweite Frage ist: wie entsteht eigentlich eine ?kreative Klasse? oder ist die einfach immer schon da. Genauer gesagt, kann man Kreativität überhaupt systematisch ?produzieren? und wenn, wie? Und vor allem wo? Die, um die es hier in Berlin, München, Stuttgart usw. geht, kommen ja in der Mehrzahl nicht aus diesen Städten sondern sind Zugezogene.Und zwar in einem Alter in dem sich die Persönlichkeit nicht mehr wesentlich ändert. Kreativ ?geworden? sind sie also nicht in den berüchtigten Hotspots der kreativen Städte sondern, ja wo eigentlich?

    Ginge es also in Ruhr nicht erst mal darum, die hier kreativ gewordenen auch hier zu halten? Und wie macht man das? Der Abgang dieser ?Klasse? aus Ruhr ist nämlich in den letzten Jahrzehnten, nach meiner eigenen Erfahrung,enorm gewesen.Vielleicht sollte man die Zahl erst mal genauer checken und diese Leute systematisch nach ihren Motiven fragen anstatt die hundertste Untersuchung darüber zu veröffentlichen, wie wohl sich die Hiergebliebenen doch in Ruhr fühlen.

  • #3
    Frank

    Ich frage mich, was die Roland Berger Berater in den Stand versetzt, Kreativität zu beurteilen. Das sind Numbercruncher und Prozessfreaks. Die wissen nicht viel über Kreativität. Mir ist jedenfalls keine kreative Leistung dieser Damen und Herren bekannt. Kreative Fähigkeiten spielen in den Unternehmen, in denen sich diese und andere klassische Unternehmensberater tummeln, keinerlei Rolle. (Wie Wolf Lotter es mal formulierte: Wenn ein Konzernvorstand (oder ein klassischer Unternehmensberater) nach etlichen Runden der Umorganisation und Kostensenkungen anschließen an das kreative Potenzial seiner entnervten Mitarbeiter appelliert, klingt das wie eine Rede von Edmund Stoiber.

    Deshalb würde ich mich auch nicht über die Ergebnisse dieses “Rankings” so grämen.

  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Frank: Sie messen Dinge wie Akademikerquote, Patente, Schulabschlüsse etc. Das kann man schon alles objektiv machen.

  • #5
    Arnold Voß

    @ Frank

    Sie mögen für das einzelne Unternehmen recht haben, aber hier werden ganze Städte zum Gegenstand der Untersuchung, sprich kreative Gesamtzusammenhänge.D.h. z.B die Anzahl der dort in kreativen Berufen Tätigen und die Anzahl der dort produzierten kreativen Produkte,die kreativitätsfördernden Rahmenbedingugen usw., nicht die Kreativität einzelner Personen bzw. einzelner unternehmerischer Abteilungen.

  • #6
    Nobby

    ©Stefan. Keine Stadt unter dem Top-Ten? Wenn die Grafik stimmt, sehe ich das kleine Nest Mülheim auf Platz 10. Mülheim ist damit auf Platt 1 unter den Mittelstädten.

    ©Stefan. Da wüste ich aber eine gute Lösung. Das ganze Ruhrgebiet wird nach Essen eingemeindet. Essen wird mit viel Geld aisgebaut. Essen hätte dann drei Bundesligisten. Essen bekäme das einen großen Kopfbahnhof wie München und einen Dom, wie in Köln. Die Vorstadt würde dann den Namen Essen-Dortmund bekommen.

    ©Stefan. Dann könnte Essen auf Platz 1 stehen !!!

    ©Stefan. Da sind wir dabei, das ist prima. Vie…….

    NB

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