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Kreativwirtschaft und Metropolensimulation

Metropolen zeichnen sich dadurch aus, dass sie globale Trends setzen. Andere Städte und Regionen folgen ihnen mit zeitlichem Abstand. Die Kreativwirtschaft war so ein Trend. Und das Ruhrgebiet folgte ihm. Eigene Akzente setzt man anders.

Auf fast jeder Pressekonferenz der Ruhr2010 GmbH zum Thema Kreativwirtschaft taucht diese eine Folie immer ganz kurz auf: Drei Linien sind auf ihr zu sehen, und alle weisen sie nach oben. Sie zeigen das Wachstum der Kreativwirtschaft in Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet und sie dienen als Beleg für das wirtschaftliche Potential dieser Branche. Trotzdem mochte keiner auf dem Podium, dass man sie sich allzu lange anschaute. Denn die Linie mit dem deutlich geringsten Wachstum dieser fabulösen Branche ist die des Ruhrgebiets. Und da die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet trotz der ungeheuren Größe der Region mit fünf Millionen Einwohnern noch hinter vergleichsweise kleinen Orten wie Köln und Düsseldorf zurückliegt, ist sie alles andere als ein Beleg der Stärke. Sie zeigt, was niemand der Verantwortlichen der Ruhr2010 GmbH gerne hören will: Die Kreativwirtschaft hat keine Chance eine bedeutende Grundlage eines wirtschaftlichen Wachstums des Ruhrgebiets zu werden.

Das heißt nicht, dass es keine Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet gibt. Es gibt sie, Tausende arbeiten in dieser Branche. Verlage, Werbeagenturen, Galerien, Designer, Programmierer – sie alle sind Teil eines Branchenmixes, den jede Stadt und jede Region vorzuweisen hat. Überall gibt es  – neben der Kreativwirtschaft – auch zahlreiche Beschäftigte in der Finanzwirtschaft. Sie arbeiten bei Banken und Sparkassen. Verkaufen Versicherungen und Bausparverträge. Und irgendwo findet sich immer jemand, der einem einen Fond verkaufen will. Oder im Außenhandel. In der Logistik. In der Medizin. Doch bei kaum einer Branche ist die Verführung so hoch, sie zur entscheidenden Zukunftsbranche zu machen wie in der Kreativwirtschaft. Dafür gibt es einen Schuldigen, und der heißt Richard Florida.

Florida

Nur selten hat ein von so Wenigen gelesenes Buch den Diskurs in Deutschland bestimmt. Bis heute ist sein Hauptwerk – The Rise of the Creative Class – nicht auf deutsch erschienen. Bei Amazon-Deutschland belegt es denn gerade einmal Platz 7.383 aller englischsprachigen Bücher.

Der US-Politologe  erklärt darin die Kreative Klasse, eine bunte Mischung aus Journalisten, Musikern, Programmierern und Ingenieuren – zu einem der bestimmenden Wachstumsfaktoren von Städten und Regionen. Nur Städte, die es hinbekommen, eine offene, spannende Atmosphäre mit einem breiten Wissenschafts-, Kultur- und Freizeitangebot zu schaffen, schreibt Florida, sind der Lage, die hochproduktiven Leistungsträger anzuziehen. Technik, Toleranz und Talent – so seine These, gehören zusammen.

Dass das Buch Floridas sich vor allem auf die USA bezog, sich gegen die Verschärfung der Einwanderungsgesetze der Regierung Bush nach dem 11. September wandte, nimmt indes hierzulande kaum jemand wahr. Wahrscheinlich will das auch Richard Florida heute gar nicht mehr so genau wissen. Zu gut verdient er mit seinen Vorträgen, in denen er Wirtschaftsförderern und Stadtentwicklern seine Visionen darlegt. Und die hören meist nur, was sie hören wollen: Dass die Kreativen ein ebenso buntes wie finanziell potentes Völkchen sind, das in der Lage ist, aus öden Stadtteilen hippe Szenequartiere zu machen. Natürlich mit sehr vielen Jobs in der High-Tech- und  Medienbranche.

Dass Florida sich über Theater und Konzerthäuser lustig macht und Techno- und Punk-Clubs für bedeutendere Standortfaktoren hält, um die Szene anzuziehen, wird ebenfalls gerne übersehen.

Und dass er in seinem Buch die Lösung der sozialen Frage der schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs anmahnt, hört man auch nur selten.

Diese spannenden Aussagen würden, so man sie akzeptiert, Konsequenzen nach sich ziehen, die politisch nicht gewollt sind. Zum Beispiel für die subventionierte Hochkultur.

Hintergrund

Für das  plötzliche Interesse des Ruhrgebiets am Thema Kreativwirtschaft sind zwei Faktoren ausschlaggebend. Zum einen hat der Hype um das Thema Kreativwirtschaft neue Möglichkeiten eröffnet, an staatliche Zuschüsse zu kommen. Ruhrgebietspolitiker sind hochspezialisierte Experten wenn es darum geht, Fördertöpfe auszumachen und weisen eine hohes Maß an Kreativität auf, wenn es darum geht, an die in ihnen verborgenen Gelder zu kommen. Das andere ist die Hoffnung auf die Revitalisierung als problematisch erachteter Stadtteile und ganzer Industriebrachen.

Ein Beispiel? Lange Zeit hat sich die Stadt Dortmund nicht für das Thema Kreativwirtschaft interessiert. Man setzte, mit Erfolg, auf IT und Mikrosystemtechnik. Die Universität Dortmund wurde auch zur Technischen Universität, um den Anspruch, einer von Deutschlands wichtigsten High-Tech-Standorten zu sein, auch im Wissenschaftsbereich zu untermauern. Das änderte sich, als der damalige Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer erkannte, dass das Wort  “Kreativwirtschaft” der Schlüssel sein könnte, doch noch eines seiner Lieblingsprojekte zu verwirklichen: Er wollte das alte Brauereigebäude U-Turm am Rand der Innenstadt zu einem Museum umbauen. Der Rat der Stadt Dortmund wollte ihm dabei nicht folgen, und auch die Landesregierung erklärte, dass sie ein solches Vorhaben finanziell nicht unterstützen würde.

Als Langemeyer erklärte, statt eines Museums in den Bier-Turm ein Zentrum für Kreativwirtschaft bauen zu wollen, floss auf einmal Geld. Dortmund erklärte, Raum für innovative Unternehmen schaffen zu wollen. Das Grazer Medialab sollte in den U-Turm einziehen. Heute ist klar: das war alles nicht ernst gemeint. Der U-Turm ist ein großes Museum geworden. Nur der Ruhr2010 Abgleger ECCE hat sich dort angesiedelt – und der wird von Steuergeldern genährt.

Die Stadt Bochum nutzte den Kreativwirtschaftshype, um ein altes Zechengebäude an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel mit Landesgeldern zu einem kreativwirtschaftlichen Gründerzentrum umzubauen.

Das andere Stichwort, mit dem sich die Kreativwirtschaftshoffnungen der Region verbinden ist die Hoffnung auf Gentrifizierung. Gentrifizierung – die Verbürgerlichung von Stadtquartieren – gehört weltweit zu den meistdiskutierten Fragen unter Stadtplanern. Für heruntergekommene Stadtteile bedeutet Gentrifizierung Aufwertung, die Verbesserung der Lebensqualität und eine erhebliche Steigerung der Immobilienwerte. Für die alteingesessenen Bewohner solcher Quartiere ist die normale Konsequenz die Verdrängung in andere heruntergekommene Quartiere.

An heruntergekommenen Stadtteilen herrscht im Ruhrgebiet bekanntlich kein Mangel. Was in anderen Städte als Problemviertel gilt, ist hier oft traurige Normalität. Hohe Arbeitslosigkeit, Leerstände, ein unrenovierter Wohnungsbestand, dessen beste Zeiten Jahrzehnte zurückliegen, sind hier keine Seltenheit. Neidvoll blickt man nach Berlin, wo der einst marode Prenzlauer Berg innerhalb von knapp 20 Jahren zu einem  trendigen und teuren Szeneviertel wurde, in der heute die schwäbische Mundart dominiert.

Die Gentrifizeierungsträume der Wirtschaftsförderer befeuerten die Diskussion um die Kreativwirtschaft. Das Ruhrgebiet hat alte, heruntergekommene Stadtteile – also muss da doch was zu machen sein. Man machte sich an die Planung, und wie immer, wenn im Ruhrgebiet etwas geplant wird, geschieht das in einer besonderen Dimension.

Keine Region Deutschlands dürfte heute über so viele Kreativquartiere verfügen wie das Ruhrgebiet. Es gibt sie in Dorsten und Dinslaken. Dortmund, Bochum, Oberhausen, Duisburg und Unna. Essen hat gleich ein halbes Dutzend. Sowohl der im Frühjahr 2010 verstorbene Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr, Hanns-Ludwig Brauser, als auch der für Kreativwirtschaft zuständige Ruhr2010 Direktor Dieter Gorny waren in Gesprächen immer der Ansicht, dass nur drei eine Chance haben werden: Das Dortmunder Kreuz/Klinikviertel, das zum Viktoriaquartier umbenannte Bermudadreieck in Bochum und Essen-Rüttenscheid. Aber, so beide unabhängig voneinander, die Vielzahl der im Rahmen der Kulturhauptstadt erfundenen Kreativquartiere sei ein Kompromiss – anders ginge es im Ruhrgebiet nun einmal nicht. Zu viele Städte wollten mitmachen.

Vor gut zehn Jahren fand noch unter dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Klaus Schwanhold, die Idee soll allerdings von dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück gekommen sein, ein Paradigmenwechsel statt: Förderung sollte kein Wunschkonzert der Städte mehr sein, bei dem die Landesgelder mit der Gießkanne über die Region ausgeschüttet werden, sondern Stärken sollten gestärkt werden.

Die Förderung der Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet war die Rückkehr zur Gießkanne. Jeder bekam etwas ab, ob es Sinn machte oder nicht. Werden wir in fünf Jahren noch etwas über das Kreativquartier Lohberg lesen? Wahrscheinlich nicht.

Mit etwas Glück werden die zu Kreativquartieren umbenannten Szeneviertel ihre Attraktivität halten können – viel mehr wird nicht drin sein.

Denn die Gentrifizierungsträume haben einen unbarmherzigen Gegenspieler – die Wirklichkeit. Dummerweise lässt die sich weder von flotten PR-Sprüchen noch von bunten Broschüren allzu sehr beeindrucken. Und die Wirklichkeit im Ruhrgebiet sieht so aus: Über die Hälfte der Absolventen der Revier-Hochschulen verlässt die Region. Zugleich ist es schwierig, qualifizierte Menschen zum Zuzug ins Revier zu bewegen. Wer einen Job in München, Hamburg, Köln oder Berlin finden kann, lässt sich von Oberhausen, Gladbeck und Erkenschwick nur schwer begeistern.

Das Ruhrgebiet verliert an Einwohnern – von den einstmals sechs Millionen werden in zwanzig Jahren nur noch 4,5 Millionen übrig sein. Für diejenigen, die sich für ein Leben in einem Szenequartier begeistern könnten, gibt es in den wenigen auch heute schon attraktiven Quartieren genug preiswerten Wohnraum.

Die Aufgabe der Stadtplaner im Ruhrgebiet wäre daher nicht von Gentrifizierung zu träumen und so zu tun, als ob das für sie einwichtiges Thema sei. Die Aufgabe der Stadtplaner wäre es, Konzepte für einen gezielten Rückbau der Region zu erarbeiten. Eigene Konzepte müssten her, denn das Ruhrgebiet gehört neben Detroit zu den wenigen schrumpfenden Ballungsgebieten der Welt. Abschreiben geht da nicht.

Ein Problem des Ruhrgebiets ist der Hang seiner Politiker, die eigene Lage schön zu reden. Dass man gleichzeitig die eigene Armut wortreich beklagt und immer weitere Zuschüsse fordert, passt da nur auf den ersten Blick nicht ins Konzept. Die meisten Ruhrgebietsstädte sind längst pleite. Spielräume für eine gestaltende Politik gibt es nur, wenn Geldgeber von Außen, wie die Europäische Union, die Bundesregierung oder das Land dazu bewegt werden können, Mittel zu überweisen oder bei der Verschuldung die Augen zuzudrücken.

Geht es um das Ausgeben des Geldes, konzentriert man sich jedoch nicht auf die größten Defizite der Region wie den Verkehr oder die vielfach maroden Schulen, sondern sieht sich als Wettbewerber anderer Städten – am besten Metropolen. Und natürlich wähnt man sich in solchen Augenblicken auf Augenhöhe.

Den Hang zur Schönfärberei versucht der Initiativkreis Ruhr seit mehreren Jahren durch den Ruhr Index zu durchbrechen. Einmal im Jahr werden die Fort- oder Rückschritte des Ruhrgebiets im Verhältnis zu anderen Regionen seitdem von einem Forschungsinstitut analysiert. Der Index beinhaltet harte Standortfaktoren wie Arbeitsplätze, Verkehr ebenso wie weiche Standortfaktoren. Auch das kulturelle Angebot und das Image der Region werden gemessen. So entsteht eine immer aktualisierte Schwächen-Nutzen-Analyse, aus der sich eine Handlungsanleitung für eine effektive Politik ableiten lassen könnte. Eigentlich.

Denn mit mehr als warmen Worten hat die Politik bislang nicht auf den Ruhr Index reagiert. Das war auch im Vorfeld der Kulturhauptstadt so, als es um das Thema Kreativwirtschaft ging. In Broschüren wurde deren Potential hervorgehoben. Statistiken sollten ihr Wachtumspotential belegen. Schnell wurde auf Pressekonferenzen immer die Power-Point-Folie weiter geklickt, auf der man erkennen konnte, dass die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet in etwa die Größe der Branchen in Düsseldorf und Köln hat – aber deutlich langsamer wächst. Potentiale sehen anders aus.

Doch gab es überhaupt eine Alternative? Konnte das Ruhrgebiet etwas anderes machen, als  sich die Lage der Kreativwirtschaft schön zu reden? Immerhin hatte man mit ihrer Förderung und dem damit angeblich verbundenen Strukturwandel ja die Kulturhauptstadtbewerbung gewonnen?

Ja, es hätte eine Alternative gegeben. Und sie hätte wahrscheinlich sogar zu einer Legitimisierung einer effektiven Politik geführt. Aber daran hatte man kein Interesse. Dabei lag der richtige Weg nur ein paar Internetklicks entfernt.

New York ist eines der traditionellen Zentren der Kreativwirtschaft. Die Musikszene der Stadt ist legendär. Bands wie Velvet Underground, Clubs wie der Club 54 oder das CBGBs setzten Trends. Hip Hop entstand in den schwarzen Ghettos. Die Jazzszene war schon in den 20er Jahren global prägend. Ob in der Literatur, in der Werbung, in der bildenden Kunst: New York setzte und setzt Maßstäbe. Die Stadt zieht Menschen mit Ideen aus der ganzen Welt an. Und natürlich beschäftigt sich New York auch mit dem Thema Kreativwirtschaft.

Aber in den von der Stadt in Auftrag gegebenen und von Unternehmen kofinanzierten Studien zur Lage der Kreativwirtschaft unter dem Titel Creativ New York veröffentlicht das Center for an urban Future eine unangenehme Bestandsaufnahme der Lage der Kreativwirtschaft in New York:

Sicher, so die Autoren der Analyse, New York sei nach wie vor der wichtigste Standort der Kreativwirtschaft in den USA und ihr Wachstum war in der Vergangenheit überdurchschnittlich gewesen.

Aber: Ein großer Teil der neuen Jobs seien auf das Konto von Freiberuflern gegangen und häufig prekär. Die Zahl der Werbeagenturen sei rückläufig, die hohen Mieten würden Berufseinsteigern das Überleben schwer machen. Immer mehr von ihnen würden der Stadt den Rücken kehren. Es sei den Menschen auch nicht mehr zuzumuten, alle paar Jahre mit ihrer Galerie oder Buchhandlung in einen neuen, preiswerteren Stadtteil umzuziehen, wenn die Mieten steigen. Das würden viele Unternehmen nicht überleben. Die Folgen der Gentrifizierung wurden in New York schon problematisiert, als ein Großteil der Politiker im Ruhrgebiet noch nicht einmal ahnten, dass sie bald von Gentrifizierung träumen würden.

Auch Lösungsvorschläge wurden erarbeitet: Die Krankenversicherungssituation der prekär Beschäftigten müsse sich ändern. Gewerkschaften sollten sich der Freiberufler annehmen. Ein Made in New York Label soll bei der Vermarktung helfen. Philantropische Organisationen sollen helfen, Künstlern und jungen Unternehmern günstige Räume zur Verfügung stellen zu können.

Wohlgemerkt, eine solche selbstkritische Analyse stammt von dem stärksten kreativwirtschaftlichen Standort der Welt. Der anscheinend ein großes Interesse daran hat, das auch in Zukunft zu bleiben und deswegen frühzeitig beginnt, seine Schwächen zu analysieren und Handlungskonzepte zu erarbeiten. Übrigens auch auf anderen Feldern: New York hat im Zuge der Wirtschaftskrise die Gefahr der einseitigen Abhängigkeit vom Dienstleistungssektor erkannt und setzt wieder verstärkt auf die verarbeitende Industrie. Berlin folgte mit einem gewissen zeitlichen Abstand und der Initiative für eine “Neue Industrialisierung”.

Aber das nur als Einwurf.

Zu keinen Zeitpunkt machte man sich im Ruhrgebiet die Mühe, zu untersuchen, warum trotz noch immer gut fünf Millionen Einwohnern der Umsatz der vielbeschworenen Kreativwirtschaft nicht höher als in Köln mit gut einer Million und Düsseldorf mit 600.000 Einwohnern ist. Man beschwor lieber die vermeintliche Stärke, als über die Gründe für Abwanderung zu sprechen. Man lobte die eigenen Unternehmen vor Ort, anstatt zu fragen, warum es nicht mehr sind und die vorhandenen nicht eine bundesweit oder international größere Rolle spielen.

Man identifizierte immerhin das Problem fehlender Räume – ohne allerdings bei dessen Bewältigung nennenswerte Aktivitäten an den Tag zu legen.

Anstatt sich um eine ernsthafte Stärken-Schwäche-Analyse zu kümmern und die Unabhängigkeit der Ruhr2010 GmbH zu nutzen, eine Diskussion in Gang zu setzen, ging man den Weg des geringsten Widerstandes:

Man setzte auf eine Öffentlichkeitsarbeit, die weitgehend ohne eine reale ökonomische Basis auskam. Und nutzte nicht einmal den eigenen Etat, um Unternehmen und Machern aus dem Ruhrgebiet die Möglichkeit zu geben, sich im Rahmen der Ruhr2010 zu profilieren.

So holte man den Hamburger Radiosender Byt.FM ins Ruhrgebiet, der sicher, gemeinsam mit Motor.FM aus Berlin, das avancierteste Radioprogramm macht, das private Sender in Deutschland zu bieten haben.

Aber wäre es nicht besser gewesen, mit den verschiedenen Campus-Radios der Region zu kooperieren und vielleicht die Kulturhauptstadt dafür zu nutzen, deren Frequenzen zu erweitern? Momentan dürfen sie nur innerhalb der Stadtgrenzen senden, in denen ihre jeweilige Hochschule sitzt. Gerade im Ruhrgebiet mit seinen Pendlerunis eine unsinnige Beschränkung. Das musikalische und redaktionelle Programm der Uni-Radios ist so gut, dass sie Kooperationspartner von Spiegel.de sind. Ruhr2010 ignorierte sie.

Zu den Besonderheiten der Kulturhauptstadt gehörte auch das Postulieren der Bedeutung der regionalen Kreativwirtschaft bei gleichzeitiger Ignoranz derselben. Sicher, das Ausschreibungsrecht ist ebenso streng wie sinnvoll. Aber es gehört schon sehr viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass eine Kulturhauptstadt Düsseldorf eine Hamburger Leitagentur beauftragen würde. Oder Frankfurt eine Agentur aus München mit einem Auftrag beglückt. Nicht so das Ruhrgebiet: Leitagentur wurde KNSK aus Hamburg, das Lab2010 wurde von Boros aus Wuppertal erstellt und selbst für das Hosting und die technische Umsetzung holte man sich Unternehmen aus Iserlohn und Rostock. Mag sein, dass man damit Weltläufigkeit demonstrieren wollte – aber selbst Gorny ging das zu weit. Er nannte in einem Interview im Herbst 2009 die Auftragsvergabe unglücklich. Da war sie aber schon geschehen.

Die Kreativwirtschaft spielte bei der Kulturhauptstadt eine große Rolle. Allerdings standen bei den Bemühungen nicht die regionalen Vertreter der Branche im Zentrum des Interesses der Beteiligten. Über das Füllhorn staatlicher Subventionierungen erfüllten sich die Städte im Umfeld der Kulturhauptstadt langersehnte Projekte, deren ökonomischer Nutzen mehr als fragwürdig ist. Das U und das zum Musikzentrum mutierte Bochumer Konzerthaus sind hier die prominentesten Beispiele.

Wichtig waren den Kreativwirtschaftsverantwortlichen der Ruhr2010 vor allem die eigenen wirtschaftlichen Interessen. So gründete Dieter Gorny schon vor dem Kulturhauptstadtjahr das European Centre for Creative Economy (ECCE), zu dessen Direktor er berufen wurde. Bernd Fesel, ein ehemaliger Galeristenverbandsfunktionär wurde zu seinem Stellvertreter. Dass Gorny und Fesel keines der selbstgesteckten Ziele in Punkto Kreativwirtschaft erreichten störte niemanden.

Ihre Ziele sind auch längst weit weg von der Unterstützung der Branche vor Ort. Alles soll vernetzt werden. Natürlich international. Diskurse sollen künftig geführt werden. Das klingt beeindruckend, wird aber wohl darauf hinauslaufen, dass sich künftig von Steuergeldern bezahlte Diskursprofis mal hier, mal dort in Europa treffen, um über Kreativwirtschaft zu sprechen. Unternehmen aus der Kreativwirtschaft wird das nicht weiter interessieren. Warum sollte es das auch?

Der Text erschien in ähnlicher Form in dem Buch:

PHÖNIX FLIEG! – Das Ruhrgebiet entdeckt sich neu“
24,95 Euro, Klartext Verlag, Essen

Disclaimer: Mit Arnold Voss und mir  sind zwei Autoren dieses Blogs mit zusammen drei Beiträgen in dem Buch vertreten.

 

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15 Kommentare zu “Kreativwirtschaft und Metropolensimulation

  • #1
    Rheinländer

    Linux und das System KDE hat mit Suse deutsche Wurzen.
    Die NRW- Uni betreiben selbstgeferttigte Edu-Software.
    Aber national gibt es ja zu wenig Informatiker Nachwuchs.
    Eine gutes Ruhr-Linux als Konkurenz zu Apple / Microsoft wäre
    denkbar.
    Aber ich weiss, in Indien und China liegt die Zukunft.
    Nicht nur Kohle, Stahl und Bier sind weg, auch reale Ideen.

  • Pingback: Links anne Ruhr (23.04.2011) » Pottblog

  • #3
    David

    Da ist was dran Rheinländer.

    Suse war zwar aus Nürnberg, bevor es an Novell verkauft wurde.

    Aber ein Projekt wir Ruhr Linux wäre klug um hier Leute anzusiedeln, die was brauchbares für die Zukunft können.

  • #4
  • #5
    LilaLaunebär

    Ich mag ja kritischen Journalismus aber was bringt duns dieser, wenn er ohne Lösungsansätze daherkommt? Was gedenkt der Autor dieses Textes als Vertreter der erwähnten Creativ Class denn nun zu tun für seine Region oder ist der Karren für ihn schon längst an die Wand gefahren und er sitzt selbst schon im langweiligen Düsseldorf?

    Man hat den Eindruck, dass der Diskurs bei der Ruhrgebietspolitik sich vor allem um Schönreden und bei den eher kritischen Zeitgenossen eher um Schlechtreden des Schöngeredeten dreht. Was bringt uns das? Im Übrigen, was lockt denn Unternehmen in die Region? Neben Steuergeschenken, die es hier sicherlich reichlich gibt, doch vor allem ein bestimmtes Image. Standortanalysen nach harten Faktoren machen Manager doch nur im Studium. Wenn sich ein Unternehmen für Düsseldorf entscheidet dann geht es da entweder hin, um der Politik vor Ort in den Hintern kriechen zu können oder weil die Stadt ein positives Bild abgibt. Genau das fehlt im Ruhrgebiet. Wenn es die Jobs gäbe, dann ginge sicher auch nicht die Hälfte der Hochschulabsolventen nach dem Abschluss in andere Städte oder gibt es dazu Erhebungen mit gegenteiligem Ergebnis?

  • #6
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Lilalaunebär: Wenn die Jobs da wären, würden sicher mehr Absolventen bleiben und andere sogar kommen. Den Lösungsansatz habe ich skizziert: Konzentration auf Energiewirtschaft, Logistik und Materialwirtschaft – das was diese Region hier kann. Und auf diese Stärken sollte sie aufbauen. Kreativwirtschaft ist hier nicht mehr als Beiwerk, nur eine Branche unter vielen. (Und um das klar zu machen: Jede Branche, jeder Arbeitsplatz der sich trägt ist wichtig). Meinen Job sehe ich als Journalist nicht darin irgendetwas für irgendwen zu tun, sondern kritisch zu berichten. Und nun zu mir als Angehörigen der „Creative Klass“ (Mein Gott, klingt das bescheuert): Sicher, auch „wir“ spielen eine Rolle im wirtschaftlichen Gefüger der Region – wenn auch eher eine bescheidene. Die Verachtung „meiner“ Branche gegenüber kann man allerdings nicht mehr zum Ausdruck bingen, als durch die Installation von Bernd Fesel und Dieter Gorny als „unsere“ Ansprechpartner. Leute wie Fesel und Gorny sind Spezialisten darin, Mittel für sich selbst aufzutun. „Wir“ dienen nur als Vehikel zum erschnorren öffentlicher Mittel. Und im Übrigen: Warum sollten „wir“ mit Gescheiterten reden? Einen TV-Sender gegen die Wand zu fahren und als Galerist nichts hinbekommen zu haben ist keine sonderlich beeindruckende Lebensleistung. Es ist viel interessanter und auch lehrreicher mit Menschen zu sprechen, die Erfolg haben. Von denen gibt es hier auch ziemlich viele und komischerweise sind sie ganz anders als Gorny und Fesel. Ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat? 🙂

  • #7
    Dieter Carstensen

    Ein sehr informativer Beitrag. Es ist schon erstaunlich, wie manche „Werbestrategen“ mit an den an den Haaren herbeigezogenen Argumenten die Situation des Ruhrgebiets „schön reden“ wollen.

    Ich würde den Menschen im Ruhrgebiet ja wirklich diesen „angeblichen“ Erfolg in der „Kreativwirtschaft“ gönnen, aber wenn er auf Tatsachenverdrehungen beruht und dann sogar noch zum Verlust der eigentlich für diese Region Ruhrgebiet gedachten Fördermitteln an das Umland führt, wie im Beitrag aufgeführt, finde ich es schlimm.

    Was die reale „Kreativwirtschaft“, ihre Förderung und ihre Möglichkeiten angeht, ist es interessant einmal Berlin zu betrachten. Eine Freundin von mir hat 2007 ausgerechnet im „Problemkiez“ Neukölln eine Buchhandlung für gebrauchte Bücher eröffnet, welche dann, auch mit öffentlicher Unterstützung, wie z.B. spezielle Fahrradläden etc. sehr erfolgreich wurde und mithalf, dem „Kiez Neukölln“ nach und nach wieder Hoffnung zu geben.

    Eine wirkliche „Kreativwirtschaft“ würde ich mir auch für das Ruhrgebiet wünschen, aber keine, die nur auf dem Papier besteht.

  • #8
    ruhr_jaeger

    […] Und die Wirklichkeit im Ruhrgebiet sieht so aus: Über die Hälfte der Absolventen der Revier-Hochschulen verlässt die Region. […]

    Woher stammt diese Zahl?

  • #9
  • #10
  • #11
    Wawa

    Stefan Laurin hat in seinem Text den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Kreativwirtschaft ist zwar wichtig, auch im Ruhrgebiet benötigt man Werber, Musiker und Journalisten, aber die Zentren sind woanders, wie in den meisten Branchen auch. Die Verlage sind traditionell in HH und München, die Fernsehsender in Köln und München und die meisten Komponisten haben sich auch eher das südliche Deutschland als Lebensmittelpunkt gesucht (bevor jetzt die Frage kommt: und Berlin? Ja, Berlin müsste als Stadt auch genannt werden, aber diese Stadt hat den Zuzug von nicht prekären Kreativen den Milliarden an Subventionen zu verdanken, die die Stadt noch immer bekommt. Ein Beispiel ist Universal Music, das mit Millionenbeträgen von HH an die Spree gelockt worden ist).

    Die Politiker sollten in dieser Region für die Arbeitsplätze schaffen, die hier leben, und das sind in der großen Mehrheit NICHT Kreative!

  • #12
    Anton Kowalski

    @ Wawa #11
    „Die Politiker“ schaffen erst mal gar keine Arbeitsplätze! Sie können aber verhindern, dass neue entstehen – durch schlechte und nicht voraus schauende Politik zum Beispiel. Ansonsten entstehen Arbeitsplätze durch Investitionen. Als „Abfallprodukt“ von Investitionen in Betriebserweiterungen und Neugründungen. Und durch Umverteilen von Arbeitsvolumen. Zum Beispiel durch Teilzeitarbeit und andere Formen der Arbeitszeitverkürzung.

  • #13
    Urmelinchen

    @ Anton Kowalski
    Dass Politiker keine Arbeitsplätze schaffen, sondern nur Rahmenbedingungen setzen, sollte, so hoffe ich, doch jedem sonnenklar sein. Der Staat ist ja auch nicht Frau Merkel, sondern wir alle, hihi! Dieses jedes Mal in aller Ausführlichkeit zu erwähnen bzw. korrigierend einzugreifen, gibt sicherlich einen Punkt für Genauigkeit, mehr aber auch nicht.

    Ansonsten … dass Aufträge für hiesige (regionale wie kommunale) Projekte an auswärtige Firmen vergeben werden, ist ein ganz typisches Phänomen. Woran liegt’s? Komplexe, weil zu wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen Leute?

    Überhaupt ist mir aufgefallen, dass man hier (die Meinungsmacher und Politiker) im Gegensatz zu den Bürgern immer sein will wie andere, siehe Metropolensimulation (Ein wahrlich schöner Begriff, ist schon in meinem Wortschatz, schwups!) Dieses ewige Vergleichen und Hinterherhecheln führt zu nichts; am Ende scheitert man daran und weiß – und das ist das Schlimmste – immer noch nicht, wer man ist und was man kann.

  • #14
    SK

    Denk´ ich ans Ruhrgebiet in der Nacht, …

    Meiner bescheidenen Meinung nach können sämtliche Vergleiche mit Städten wie Berlin und New York oder sogar Düsseldorf/Köln nur zu äusserst deprimierenden Ergebnissen führen. Dem subkulturellen Anschluss an die Jetztzeit hechelt die „Metropole Ruhr“ um Jahre, eventuell sogar um Jahrzehnte hinterher. Daraus ergibt sich ein fataler Mangel an sog. „Coolness“, der u.a. bei Akademikern bzw. Kreativen eine Sogwirkung in Richtung kulturell relevanterer Städte entwickelt – siehe „Braindrain“.
    Natürlich darf man auch das (fehlende) entsprechende Arbeitsplatzangebot nicht unterschlagen, doch was ist Ei und was ist Henne und was war zuerst da? Da möchte ich doch einmal, die ansonsten eher nicht angebrachte, Analogie zu Berlin herstellen: Wie kann es sein, dass es Unmengen von Kreativen dorthin zieht, wo doch das Einkommensniveau immer noch unter dem Weststandard liegt? Und erst recht in der Blütephase der 90er Jahre, in denen man sich vom Einkommen her betrachtet aber mal erst recht nicht mit anderen Städten messen konnte? Ich habe selber einige Jahre dort gewohnt und habe noch immer viele Bekannte dort. Die könnten in anderen Städten wesentlich mehr verdienen, eventuell sogar komplett dem prekären Freiberufler-Status entfliehen. Aber kaum einer kann es sich vorstellen der subkulturellen Echtzeitmaschine namens Berlin den Rücken zu kehren…
    Und das ist wohl der Punkt, an dem Mr.Florida sich über Theater und Konzerthäuser lustig macht. Mir geht es offen gestanden ebenso. Hochkultur – schön und gut. Aber wenn´s hier wieder nur die 100.000ste Aida Aufführung gibt und generell ein Klientel angesprochen wird, welches tendenziell solide situiert ist, entfährt dem prekären Kreativklässler nur ein müdes Gähnen. Es darf halt gerne auch mal laut und schmutzig sein.

    Ich wohne zur Zeit in Duisburg-Hochfeld, welches ja im Rahmen des 2-3 Straßen Projektes, an dem ich in Mülheim teilgenommen habe, zum angehenden Kreativquartier ausgerufen wurde. OB Sauerland höchstpersönlich sieht dort „einiges in Bewegung“. Wohl war – aber in welche Richtung bewegt es sich? Ich kann dazu nur sagen, daß hier Chancen leichtfertig verspielt werden. Für das Jahr 2011 bekomme ich einen 30% Mietnachlass – einzig nur um bei den bilanzierenden Pressekonferenzen zu verkünden, daß die Hälfte der (kreativen?) Teilnehmer den Kommunen erhalten bleiben. Oh je…
    Dabei ging ich zunächst davon aus, daß man seitens der Stadt/Wohnungsgesellschaft irgendwie angeregt wird Projekte durchzuführen um eine Sichtbarkeit des Potenzials der „neuen, kreativen“ Nachbarn freizulegen. Doch zu meiner Überraschung gibt´s die Mietsenkung einfach so, ohne zu erbringende Gegenleistung. Und die hätte ich durchaus gerne geliefert. Nun, selbstverständlich ist es mir freigestellt mich meiner eigenen Kreativität, im Sinne der Dankbarkeit, zu bedienen – aber das ist ein anderes Thema.
    Aber Sie verstehen was ich andeuten möchte? PK, Bilanz, Realitätsverlust, Chancentod…

    Ach, das Ruhrgebiet – insbesondere Duisburg – liegt mir wirklich sehr am Herzen. Und da bin ich wahrlich nicht der Einzige. Doch ich ertappe mich selbst manchmal bei dem Gedanken, ob ich nicht in Düsseldorf glücklicher, weil kulturell befriedigter wäre.
    Aber mit dem Auto oder der Bahn ist das ja nur ein Katzensprung…

    Schönen Gruß an den Herrn Laurin (großartiger Artikel), vielleicht könnte man ja noch mal auf eine Kippe zusammenkommen.

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