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Krise, Kreativwirtschaft und Simulation

Unter dem neuen Intendanten Kay Voges könnte das Theater Dortmund zu spannendsten Bühne der Ruhrgebiets werden. In dem Stück Stadt ohne Geld wird die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit mit Lässigkeit übersprungen. Ein Gewinne für das Publikum – aber nicht immer für die Protagonisten.

Dortmund ist Pleite und man weiß gar nicht mehr so genau, wie Pleite die Stadt ist. Immer wieder verkündet das Rathaus neue Horrorzahlen. 138 Millionen mächtig soll das Defizit im städtischen Haushalt in diesem Jahr sein. Aber die Zahl ist schon ein paar Tage alt. Rechnen wir also damit , dass sie bald überraschend nach oben korrigiert werden muss.

Das hat natürlich Folgen. Für die Menschen, die sich auf ihre Stadt nicht mehr verlassen können und letztendlich für ihre Steuern immer weniger Leistungen erhalten   – aber  auch für die Kunst. Die hat sich immer stärker den Geflogenheiten des Marktes unter zu ordnen.  Das wird dann auch noch als Zukunftschance verkauft und nennt sich dann Kreativwirtschaft. Kreativwirtschaft – über den Begriff wird in dem Stück wunderbar hergezogen. Das gefakte Institut für Urbane Krisenintervention (ifuk)und sein dynamischer Mitarbeiter Hendrik Feldkamp führen durch den Abend. In kleinen Szenen und Einspielern wird das Geschwätz der Gornys und Fesels entlarvt. ifuk – das könnte auch das berüchtigte ECCE, das Europen Center for Creative Economy sein. Allerdings ist das ifuk professioneller im Auftritt. Das ifuk verkündet all die Sprechblasen des Struktuwandels durch Kreativwirtschaft, all das Gelaber der Kulturhauptstadt über den Wandel durch Kunst und die Kunst des Wandels und des Wandels durch Wandel und was sich die PR-Agenturen noch so haben einfallen lassen. Und stellt es bloß.

Das Stück ist schnell – Szene reiht sich an Szene. Und beinahe jede trifft. Selbst als Verkäufer der Obdachlosenzeitung Bodo auf die Bühne kommen, ist das nicht peinlich. Etwas anders sieht das aus, wenn die Hausbesetzer des UZ mit einer simulierten Besetzung der Bühne den Protest vollends zur Polit-Darstellung werden lassen. Die UZ-Leute nutzten die Gelegenheit noch nicht einmal, um gegen die Stadt oder ECCE zu protestieren – mit denen sie sich ja  in Pseudo-Verhandlungen befinden – sondern argumentieren gegen das fiktive ifuk. Da ist das Stück selbst kritischer, treffender und besser. Aber vielleicht wollten Kay Voges und die Macher von kainkollektiv und sputnic uns ja auch noch etwas über Protestsimulation im 21. Jahrhundert erzählen. Sollte das so  sein – es wäre es ihnen  gelungen.

Hingehen.

Übrigens: Es hätte Dortmunds Kulturdezernenten Stüdemann gut zu Gesicht gestanden, die Premiere zu besuchen.

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12 Kommentare zu “Krise, Kreativwirtschaft und Simulation

  • #1
    Dirk Haas

    IfuK kann man lustig finden oder nicht; schade ist es, wenn die Initiative für ein UZ sich und ihr Anliegen offensichtlich nicht allzu ernst nimmt. Das ist der wesentliche Unterschied zu z.B. „Not in our Name, Marke Hamburg“ – dort ist nichts simuliert oder „ironisch“.

  • #2
    crex

    @ dirk haas: warum man ifuk „lustig“ finden kann, der UZDO protest aber „ernst“ sein muss, bleibt hierbei dein geheimnis. in meiner lesart versucht die initiative einen spagat und ist ständig hin- und hergerissen zwischen moderatem protest und radikaler kritik

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  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Dirk: Das ich diesen Tag noch erleben darf: ich stimme Dir voll und ganz zu. Das war Protestsimulation und wer so etwas macht, nimmt sich selbst nicht ernst. Und darf auch nicht überrascht sein, wenn er nicht mehr ernst genommen wird. Die werden noch Danke sagen, wenn sie den Kakao trinken dürfen, durch den sie von der Stadt gerade gezogen werden.

  • #5
    U.

    Hmmm,

    saßen Sie im Publikum? (Das kann ich mir kaum Vorstellen bei dem was Sie schreiben)

    Ich schon und ich fand den Redebeitrag der UZDO Dame, wenn auch etwas geschwollen und lang, doch sehr treffend, natürlich musste man darüber nachdenken, platte Sprüche ala „Die Stadt ist doof weil…“ waren da natürlich eher nicht zu finden.
    Aber jeder, der nicht krampfhaft versucht das Haar in der Suppe zu finden (und sich deshalb der verschiedenen, sehr augenscheinlich angewandten, sprachlichen Stilmittel verschließt), kann eigentlich die Aktion der UZDO-Initiative so nicht kommentieren. Ganz davon ab das natürlich ECCE und die Politik der Stadt Do auch nur ein Symptom für das eigentliche Problem sind.

    Und zu Ihrer Aussage:
    „Das war Protestsimulation und wer so etwas macht, nimmt sich selbst nicht ernst.“

    Kann man zum einen nur sagen: Na wenn Sie das sagen MUSS es ja so sein.

    Und zum anderen muss man fragen: Haben Sie persöhnlich und die UZDO Initiative (oder teile davon) eine Vorgeschichte die Sie irgentwie erzürnt?
    Denn irgentwie riechts hier nach Revanchismus.
    Anders kann ich mir Ihre Beiträge nicht erklären.

    Schade, da is man hier eigentlich meistens mehr gewohnt.

  • #6
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @U: Nein, es gibt keine belastende Vorgeschichte. Ich fand und finde die Essener und Dortmunder Initiativen sehr sympathisch. Und ich hätte Protest für angemessen gehalten, angesichts der Verarschung, die gerade durch die Städte und ECCE läuft. Das bedeutet aber, sich nicht zum Teil einer Inszenierung zu machen sondern Inszenierungen durcheinander zu bringen(Nicht nur im Theater). Ich habe auch kein Haar in der Suppe gesucht – das Stück ist klasse und das habe ich ja auch geschrieben. Nur den UZDO-Auftritt fand ich daneben. Und man kann die Zustände in Dortmund auch elaborierter beschreiben als mit „Die Stadt ist doof…“ Aber man kann den Unfug, den UZDO am Mittwoch getrieben, hat sicher auf irgendeiner Meta-Ebene erklären und gut finden. Nur auf dieser Meta-Ebene wird keine Politik gemacht.

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  • #8
    Ole Herbström

    Nur der Vollständigkeit halber: Das Stück wurde inszeniert von dem freien Regieteam „kainkollektiv“ (www.kainkollektiv.de) und der Künstlergruppe „sputnic“ (www.sputnic.tv). Insgesamt 18 Veranstaltungen wird es in der Reihe „Stadt ohne Geld“ geben, bei der Economy Death Match nur der Auftakt war…
    Mehr Infos unter: www.stadtohnegeld.de

  • #9
    Dirk Haas

    @#2 (crex): IfuK ist Theater (und wird als solches auch aus dem städtischen Kulturetat finanziert), UZDO ist es nicht (und zwar unabhängig von der Frage, ob die UZ-Aktivisten für ihren Auftritt zumindest ein ordentliches Honorar kassiert haben).

    Hätte die Initiative bspw. das Haus für 48 Stunden besetzt, um dort das zu tun, was sie in einem UZ zu tun beabsichtigen (oder hätte Kay Voges den Aktivisten sein Haus aus solidarischem oder programmatischem Kalkül genau dafür 48 Stunden lang zur Verfügung gestellt), wäre die Diskussion eine andere und wäre die Aktion auch als politisch wahrgenommen worden.

    Bis zum Ende der „Stadt ohne Geld“-Reihe ist aber genügend Zeit, solche Schwächen vergessen zu machen.

  • #10
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  • #12
    Online Weber

    Die Krise soll vorbei sein, aber ich glaube das wird noch weiter Finanzielle Schwierigkeiten geben. Der Volk kriegt das am meisten zu spüren. Was meinen Sie was wie noch alles ertragen müssen?

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