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Krupp von der Wiege bis zur Bahre

Alfred Krupp überblickt die Kettwiger Straße. (Bild: Sebastian Weiermann)

Alfred Krupp überblickt die Kettwiger Straße. (Bild: Sebastian Weiermann)

Bei ThyssenKrupp rumort es derzeit gewaltig. Konzern- und Aufsichtsratschef sind innerhalb kürzester Zeit zurückgetreten. Die Politik appelliert an die soziale Verantwortung des Unternehmens. Ein guter Grund, um einmal nach Essen zu blicken, die Stadt, wo für Krupp vor mehr als 200 Jahren alles angefangen hat, und in der der Konzern bleibende Spuren hinterlassen hat.

Wer sich mit der Firma und der Familie Krupp auseinandersetzen will, der fängt am besten im Essener Süden an. Hier, mit einem traumhaften Blick auf das Tal der Ruhr und den Baldeneysee, liegt die Villa Hügel. Sie ist das Symbol des Kruppschen Selbstverständnisses. „Der Hügel“, wie das Areal von vielen Essenern noch heute ehrfürchtig genannt wird, ist am besten über seine eigene Bahnstation zu erreichen. 1890 ließ Friedrich Alfred Krupp die Bahnstation errichten, damit Gäste der Familie keine zu weite Anreise hatten. Über einen eigenen Eingang konnten die Gäste der Krupps vom Bahnsteig direkt in den Park der Villa gelangen. Aber auch die normale Essener Bevölkerung profitierte vom Bahnhofsbau der Industriellenfamilie. Für sie verkürzte sich der Anfahrtsweg an die Ruhr und den später aufgestauten See. Ein Erholungsparadies für die Menschen aus dem Essener Norden, der über Jahrzehnte von Zechen und Fabriken geprägt war. Krupp, das gehörte zur Firmentradition, war immer darauf bedacht, für die eigenen Arbeiter Annehmlichkeiten bereitzustellen, von denen bis heute viele Essener Bürger profitieren. Der Bahnhof an der Familienvilla ist in diesem Kontext nur ein winziges Detail.

Die Villa Hügel (Bild: Sebastian Weiermann)

Vom Bahnhof kommend dauert es eine Weile, bis Besucher die Villa Hügel in den Blick bekommen. Sie ist umgeben von einem Park, der das Ausmaß von 39 Fußballfeldern hat und im englischen Stil gestaltet ist. Wenn die Villa dann zu sehen ist, bekommen Besucher einen Eindruck, welche Bedeutung die Krupps sich zugemessen haben. Mit 8.100 Quadratmetern und 269 Zimmern ist die Villa etwa doppelt so groß wie das Weiße Haus in Washington. Seit 50 Jahren wird sie von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung verwaltet, die in einem Nebengebäude ihren Sitz hat. Die Villa beherbergt heute eine Dauerausstellung zur Geschichte der Firma Krupp und wechselnde Kunstausstellungen. Derzeit werden Werke des aus Bottrop stammenden und später unter anderem in Yale lehrenden Künstlers Josef Albers gezeigt. Die beiden Ausstellungen werden von unterschiedlichen Besuchergruppen besucht. Während es bei Albers international zugeht, Gespräche auf Englisch, Spanisch und Niederländisch zu hören sind, sind die Besucher der Krupp-Ausstellung eher älter und stammen offensichtlich aus der Region. Während einer Führung beginnen zwei ältere Herren eine Fachsimpelei mit dem Ausstellungsführer. Besucher oder Führer anzusprechen ist für Journalisten allerdings tabu. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung möchte, das sich Besucher „ungestört“ auf dem Gelände aufhalten können. „Vertreter der Medien“ sollen, „gleichgültig, um welches Thema es sich handelt“, auf eine „Ansprache von Besuchern“ verzichten. Die Stiftung, die immerhin größter Einzelaktionär von ThyssenKrupp ist, ist derzeit in der Kritik. Die Rücktritte von Heinrich Hiesinger und Ulrich Lehner, dem Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerns, lassen sie in keinem guten Licht dastehen. Lehner hatte in einer Erklärung zu seinem Rücktritt geschrieben, das „Vertrauen der großen Aktionäre“ für die Gestaltung der Zukunft von ThyssenKrupp, sei nicht in dem Maße gegeben, dass er dem Aufsichtsgremium weiter vorsitzen könne. Dabei mahnte er an, dass eine Zerschlagung des Konzerns zum Verlust vieler Arbeitsplätze führen würde. Dies sei „weder im Sinne des Stifters, noch im Sinne unseres Landes“. Der Krupp-Stiftung sitzt seit dem Tod von Berthold Beitz, der bei Krupp in den 1950er das Ruder übernahm, die Rektorin der Technischen Universität Dortmund, Ursula Gather, vor. Daran, dass ihr der Zusammenhalt von ThyssenKrupp am Herzen liegt, gibt es zunehmend Zweifel.

Eine, die auch an Ursula Gather zweifelt, ist Rixa Gräfin von Schmettow. „Ob die Frau Gutes im Sinn hat?“, fragt sie sich. Die 80-jährige Gräfin lebt seit 45 Jahren auf der Margaretenhöhe, einer Wohnsiedlung, mit der Krupp Stadtgeschichte geschrieben hat. 1906 stiftete Margarethe Krupp aus ihrem Privatvermögen 50 Hektar Land und eine Millionen Mark. Daraus sollte eine Wohnsiedlung, die heutige Margaretenhöhe, entstehen. Anders als bei den zahlreichen, auch heute noch gut erhaltenen Werkssiedlungen war die Margaretenhöhe eine Siedlung, die auch für die restliche Bevölkerung offenstand. Architekt Georg Metzendorf errichtete hier die erste Gartenstadt in Deutschland, deren Wohnungen nach modernsten Standards ausgerüstet wurden. Rixa von Schmettow kann stundenlang über die Margaretenhöhe erzählen.

Rixa Gräfin von Schmettow (Bild: Sebastian Weiermann)

Auf jede Frage antwortet sie detailliert. An diesem Samstag im Juli sitzt sie, Zeitung lesend vor dem Museum am Brückenkopf, an der Pforte zur Margaretenhöhe. Sie ist eine der ehrenamtlichen Betreuer des Museums, das die Geschichte der Siedlung darstellt. Finanziert wurde das Museum auch aus Mitteln der Krupp-Stiftung. Zur Eröffnung 2006 war auch Berthold Beitz da, erinnert sich die Gräfin. Beitz habe sie auf ihren Namen angesprochen und erwähnt, dass sein Vater wohl unter einem ihrer Vorfahren im Ersten Weltkrieg gedient habe. „Beitz hatte ein hervorragendes Langzeitgedächtnis.“, erzählt Rixa von Schmettow. Er habe die soziale Verantwortung des Konzerns auch noch ernst genommen. An Managern wie Gerhard Cromme, der für die Fusion mit Thyssen verantwortlich war, lässt sie kaum ein gutes Haar. Der und andere hätten Beitz übervorteilt. Krupp und Essen, dass sei lange nicht mehr dasselbe, was es einmal war. Früher hätte es geheißen, dass man „von der Wiege bis zur Bahre“ Kruppianer sei. Doch heute sei das anders. Die Firma habe viel Bleibendes in der ganzen Stadt hinterlassen. Eine Schule und ein Krankenhaus tragen heute noch den Namen Krupp. Das Krankenhaus wird auch von der Krupp-Stiftung betrieben.

Welche Rolle Krupp auch heute noch in Essen spielt, kann man in der zentralen Einkaufsstraße in der Innenstadt sehen. Über sie wacht ein Denkmal von Alfred Krupp. Alfred war der Krupp, der die Firma groß gemacht hat, er erfand die nahtlosen Radreifen für Eisenbahnen, die auch heute noch zentraler Bestandteil des Logos von ThyssenKrupp sind. Mit ihm wuchs die Stadt. Silke Lenz, Pressesprecherin der Stadt Essen, drückt die Bedeutung des Unternehmens für die Stadt so aus: „Mit kaum einem anderen Namen ist die Stadt Essen so verbunden wie mit dem Namen Krupp. Name und Unternehmung stehen als Symbol für die Industrialisierung Essens.“ Auch heute noch ist die Stiftung Finanzier für zentrale Kultureinrichtungen der Stadt. Das Folkwang-Museum wurde komplett von Krupp finanziert. Auch der zentrale Saal der Essener Philharmonie heißt nicht ohne Grund Alfried-Krupp-Saal. Doch Krupp fungiert in Essen nicht nur als Sponsor und Namensgeber für zahlreiche Einrichtungen. Die Innenstadt dehnt sich immer mehr in Richtung Nordwesten aus, wo jahrzehntelange die Gussstahlfabrik die Keimzelle des Unternehmens bildete, kann jetzt jeder die nachindustrielle Nutzung alter Werkshallen bestaunen. Ein Musicaltheater und ein großes Möbelhaus befinden sich am Berliner Platz in den alten Industriegebäuden. Es ist der raue Charme, der sich an so vielen Orten im Ruhrgebiet finden lässt, wo aus den Stätten der Kohle- und Stahlproduktion heute Kultureinrichtungen, Einkaufstempel oder Freizeitstätten geworden sind.

Das Stammhaus Krupp, direkt neben der neuen Konzernzentrale. (Bild: Sebastian Weiermann)

Ein gänzlich anderes Bild gibt dagegen die 2010 im Herzen des alten Konzerngeländes errichtete neue ThyssenKrupp-Zentrale ab. Moderne Bürogebäude, wie man sie in jedem gewerblichen Neubaugebiet findet, stehen hier in lockerer Formation nebeneinander. Am Samstagnachmittag ist das Gelände menschenleer, nur ein junges Paar sitzt knutschend auf einer Bank vor der Konzernzentrale. Um ungestört zu sein, haben sie sich einen guten Ort ausgesucht, zufällig kommt hier fast niemand vorbei. Aber auch an diesem heute eher steril wirkenden Ort spiegelt sich die lange Geschichte von Krupp in Essen wieder. Auf einer Wiese am Rand des Geländes befindet sich das Stammhaus Krupp. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es 1961 zum 150-jährigen Firmenjubiläum wiederaufgebaut. Von dem kleinen Fachwerkhaus hat man einen schönen Blick auf die neue Konzernzentrale. Dort wird in den kommenden Wochen und Monaten darum gerungen, wie es mit dem Großkonzern weitergeht. Finanzinvestoren wie Cevian und Eliot wünschen sich eine Zerschlagung des Unternehmens. Sie hoffen, mit den profitablen Unternehmensteilen höhere Dividenden einfahren zu können. Über 200 Jahre Tradition in Essen spielen für sie dabei keine Rolle. In der Stadt bangen nun viele. Der Konzern war immer der Wachstumsmotor der Stadt, hat aus einem landwirtschaftlich geprägten Städtchen eine großindustrielle Stadt gemacht. Ob der nächste Wandel zum hoch spezialisierten Technikstandort gelingt, steht in den Sternen. Sollten tausende Arbeitsplätze im Ruhrgebiet wegfallen, hätte die Region, die sowieso unter einem großen sozialen Gefälle leidet, ein weiteres Problem.

Teile dieser Reportage sind bereits am Donnerstag unter dem Titel „Thyssenkrupp: Eine Stadt kämpft um ihr industrielles Herz“ in der Südwest Presse erschienen.

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