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Kultur in der Krise: Das schweigende Publikum

Christian Miedl – Staatsoper Stuttgart – Luci mie traditrici – Quelle Matthias Baus

Vor kurzem gab es auf Facebook einen gutgemeinten Post: Die Kultur hätte die Pandemie natürlich überlebt, so wie sie auch viel schlimmere Krisen überstanden hat, und nichts, auch nicht die Politik, würde sie beenden können. Es gab sofort beistimmende Worte der Leserschaft. Das war sehr berührend, aber: Beipflichten können hier nur die Konsumenten, weniger die Ausführenden. Von unserem Gastautor Christian Miedl in Kooperation mit dem Opernmagazin.

Gegen Kriege sind die Zeiten jetzt natürlich Pillepalle – aktuell haben 80% der Bevölkerung finanziell keinerlei Einschränkungen. Das Tragen der Maske wird beklagt, was in realiter aber keine existenzielle Einschränkung ist! Mich würden dagegen die Kommentare interessieren, wenn dieselben Leute wie die freischaffenden Opernsänger seit einem Jahr keine Einnahmen hatten und auch keine staatliche Hilfe erhalten haben, sprich, bereits 12 Monate nur Ausgaben hatten, bei Null Einnahmen. Da hilft leider kein Umarmungs-Emoji!

So schön diese Leser-Zustimmung mit der Liebe zur Oper auf den ersten Blick war, so sehr überwiegt bei mir der bittere Beigeschmack, der im Verlauf der vergangenen 12 Monat leider zum Haupt-Geschmack geworden ist. Weiß denn mein so geliebtes Publikum nichts über die tatsächliche aktuelle Situation der vor kurzem noch bejubelten Künstler? Wird das übersehen? Oder greift man eher meinungslos zur CD oder zum gratis Streaming, wenn man nicht ins Theater gehen kann?

Ich selbst könnte im Moment auch einfach zufrieden und still sein, denn ich hatte 2020 trotz gewaltiger Einschnitte und sehr trauriger Absagen das Glück, zumindest einige Male aufzutreten, trotz Corona noch etwas zu verdienen und sehr schöne Erfolge zu erleben, darunter sogar zwei Premieren, an der Stuttgarter Staatsoper und am Staatstheater Braunschweig. Mein Solo-Album „Songs of the Night“ ist letztes Jahr ebenfalls herausgekommen. Neben der Erarbeitung neuer Opernpartien und Lied-Programme mit Bezug auf diese verlust- und sehnsuchtsreiche Zeit, nutze ich die ungewohnt freien Wochen fürs Unterrichten und für die Weiterentwicklung meines Youtube-Reisekanals „Travel Sing Fly“, der immer erfolgreicher wird, und mir als unbezahltes Hobby viel Freude bereitet.

Aber deshalb zu schweigen und sich all dem, was passiert ist, kopflos zu ergeben, wäre zum aktuellen Zeitpunkt genau so falsch wie unwidersprochen hinzunehmen, wenn Menschen (und leider auch solche aus der Branche) sagen: “Die Künstler haben sich ja den Beruf ausgesucht”. Dann sind wir ganz schnell auf US-amerikanischem Niveau, wo die privat finanzierte Metropolitan Opera – bisher ein weltweiter Leuchtturm der Kultur – für über ein Jahr gleich komplett zusperrt, weil sie keinen „Profit“ macht.

Kann man also nach diesen 12 Monaten sagen, dass die Kultur überlebt hat? Heißt das, dass trotz allem alles wieder gut ist? Ist irgendetwas wieder gut und wie zuvor?

 

Parallel-Welten: Die politische und die tatsächliche Realität

Ohne Künstler keine Kunst, ohne Sänger keine Oper, egal wie viele Kulturpolitiker und Verwaltungsdirektoren den Institutionen auch vorstehen mögen. Eigentlich ist das logisch – aber ist es den Entscheidern wirklich in der ganzen Konsequenz klar?

Lockdown, 1. Akt:

Als die Pandemie vor einem Jahr in Deutschland um sich griff, als noch niemand wirklich wusste, was da auf uns zurollt, entschied die Politik richtigerweise, unter anderem auch die Theater und Museen vorläufig zu schließen. Ich kenne keinen Künstler- mich eingeschlossen -, der dem widersprochen hätte, selbst wenn es den Ausfall einer Premiere bedeutete. Es ging um Sicherheit, um ein schnelles Ende der Krise – und außerdem hatte man ja Verträge mit staatlich subventionierten Häusern mit festem Budget. Für freischaffende Gastsolisten kam das erste Erwachen schnell: Theater hielten geschlossene Verträge nicht ein. Verträge wurden ohne Rücksprache massiv verändert, Zahlungen nicht getätigt – und zwar auf Anweisung deutscher Landes- und Kommunalregierungen, während gleichzeitig die Politik öffentlich von umfangreichen Maßnahmen für die Betroffenen sprach. Besonders irritierend war die Erkenntnis, dass diese Maßnahmen für Freischaffende im Theater und Musiktheater überhaupt nicht anwendbar sind und in Wirklichkeit niemand Hilfe erhielt. (*Den Grund dafür, nämlich die rechtliche Sonderstellung von Theater-Gastverträgen, beschreibe ich kurz am Schluss des Artikels.)

Intermezzo:

Nach sehr erfolgreichen Salzburger Festspielen öffneten im Spätsommer wieder viele Opernhäuser und Theater mit hervorragendem Hygienekonzept und entsprechender Zuversicht. Ich hatte das Glück, in jenen wenigen Wochen, in denen gespielt werden durfte, sogar mit einer sehr erfolgreichen Premiere aufzutreten – reines Terminkalender-Glück.

Lockdown, 2. Akt:

Trotz vorbildlicher Hygienemaßnahmen kam sehr schnell der zweite Lockdown „light“ und damit nicht nur die inzwischen berühmte politische Gleichstellung weltweit einmaliger Kulturstätten mit Freizeiteinrichtungen wie Fitnesscentern, sondern auch das Versprechen der November- und Dezemberhilfen für die, die von den Schließungen betroffen sind.

Die Wahrheit ist aber: kein einziger Sänger oder Schauspieler, der vor allem an Opernhäusern und Theatern Gastverträge hatte, hat tatsächlich Anspruch auf diese Hilfen. Grund ist wieder die Sonderstellung dieser Verträge*. Ausländische Tätigkeiten (die Regel im Opernbetrieb) werden ebenfalls nicht anerkannt. Was teilweise von Computersystemen binnen Minuten bewilligt und ausbezahlt wurde, wird wieder komplett zurückgezahlt werden müssen, so wie es bereits bei den Soforthilfen im Sommer 2020 war, die zunächst ausgezahlt und dann wieder eingefordert wurden!

 

„Wie schlimm: Sie können gar nicht auftreten!“

Ich höre nun seit 12 Monaten: „Sie können ja momentan gar nicht singen. Das muss ja ganz schlimm für Sie sein!“ / „Sie müssen sich doch so nach der Bühne sehnen, wo Sie doch so ein Bühnentier sind!“ – Ich finde das wirklich wunderbar, dass mein Publikum mich immer noch kennt! Die Leute denken aber, wir sind bedrückt oder regen uns auf, weil wir nicht auf der Bühne sein können. – Jetzt bin ich mal ganz ehrlich: Ja, ich will singen. Ja, ich will auf der Bühne Bösewichter und Liebhaber spielen. Ja, ich habe einen fantastischen Beruf, für den ich aber auch unglaublich viel geopfert habe. Aber so irre es klingen mag: Auch Künstler haben Lebenshaltungskosten und es geht nun sogar bei uns Künstlern mal ums Geld!

Während 80% der Bevölkerung bis heute finanziell nichts vom Lockdown spüren und wegen entfallener Urlaube und anderer Aktivitäten sogar Kapital ansparen konnten, leben zahlreiche Kollegen bereits seit Sommer 2020 von ihrer Altersvorsorge. Von einem ursprünglich sehr gut gefüllten Terminkalender ist ein Skelett übrig geblieben. Mein Land hat mir ein Berufsverbot auferlegt – und ich bin nicht einmal vollkommen dagegen, denn ich bin ein Verfechter sinnvoller Hygienemaßnahmen. Ich will, dass diese Pandemie endet!

Ich kann wunderbar auch ein paar Monate ohne Bühne verbringen. Ich bin niemand, der sich ununterbrochen profilieren muss, um sich gut zu fühlen. Für mich endet die Bühne mit ihrem wunderbaren Zauber schon immer ganz bewusst am Bühneneingang – und dort beginnt die ähnlich spannende Realität! Aber ich brauche ein gerechtes System finanzieller Entschädigung und Respekt vor meinem Beruf! Die freischaffenden Künstler im Musiktheater – sei es Oper, Operette oder Musical – stehen, wie ihre anderen freischaffenden Theaterkollegen, seit 12 Monaten im Regen. Das betrifft nicht nur diejenigen, die es auch vor der Krise schwer hatten. Alle, von Anfängern zu arrivierten Künstlern mit vollem Terminkalender zu Stars mit Weltkarriere: Niemand von ihnen hat vom Staat bis heute finanzielle Hilfe oder adäquate Ausgleichszahlungen für das auferlegte Berufsverbot erhalten.

 

„Sie haben ja gewählt, Künstler zu sein!“  –  Ja, aber…

Richtig, als Opernsänger hat man sich ausgesucht, Künstler zu sein, mit allen Risiken. Ohne es zu beklagen, füge ich noch hinzu: Ich und wir haben dafür auf so viel verzichtet, wie man für keinen mir bekannten Beruf verzichten muss. Nicht nur dass man von Anfang an das normale soziale Leben auf nahe Null fahren muss, wenn man den Beruf ernsthaft will. Ich zum Beispiel habe nach einem internationalen Wirtschafts-Diplom mit Auszeichnung hohe Karrierechancen aufgegeben, um mich voll auf den Gesang zu konzentrieren. Und ich bin froh darüber, denn das war die richtige Entscheidung! Es ist der Beruf, für den ich (immer noch) brenne! – Aber: Ich habe mir NICHT ausgesucht, in ein System zu fallen, in dem schon im Beginn von Notzeiten Verträge einseitig annulliert oder auf ein Minimalniveau geändert werden. Auf Anweisung von Landes- und Kommunalregierungen wurden Verträge mit Kultureinrichtungen der öffentlichen Hand ohne jede Verhandlung und ohne weitere Diskussion einseitig aufgelöst oder massiv verändert, und das nach einer Friss-oder-Stirb-Methode, die man aus Ländern kennt, in denen eben nicht unsere gepriesene Rechtsstaatlichkeit gilt. Verantwortliche sind wochenlang absichtlich nicht erreichbar. Man verschanzt sich hinter Höherer Gewalt, die bis heute im Fall der politischen Corona-Entscheidungen höchst strittig ist. Länder und Kommunen verbieten Vorstellungen – und zudem dürfen Theater auf ministerielle Anordnung die Künstler, die sie engagiert hatten, nicht oder nur geringfügig entschädigen. Dass das nun schon ein Jahr so geht und zur Normalität wird, macht es nicht weniger schlimm. Dass andere Länder auch nichts zahlen, macht es nicht weniger schlimm. Die Situation ist mit Minimal-Kompensationen nahe an der Unsittlichkeit für zu viele Künstler zur Katastrophe geworden.

 

Ist Hochkultur zu edel, um etwas Profanes wie Entlohnung zu wollen?

Elektra, Siegfried und der ganze Rest der Spitze: Bitte zum Hartz-IV-Schalter!

Ich habe einen Rechtsanwalt, einen Steuerberater, eine hervorragende Zahnärztin, sie gehören aber nach eigener Einschätzung nicht zu den unbezahlbaren Top 2% ihres Berufsstandes. In ihrem Bereich muss man auch nicht zur Spitze gehören, um mit guter Arbeit ein substanzielles Einkommen zu erzielen. Langjährig erfolgreiche Solist*Innen an mittleren und großen Opernhäusern und auf großen Konzertpodien in Deutschland gehören dagegen faktisch zur absoluten künstlerischen Spitze, zu den Top 2% des gesamten Berufsstandes – denn so schwer ist es schlichtweg, in harter Arbeit in Karriere und Können und mit trotzdem noch etwas Glück als Solist bis an eine erstrangige Bühne und auf ein erstrangiges Konzertpodium zu kommen und dort ein Leben lang zu bleiben.

Nur 10% der Gesangs-Absolventen schaffen überhaupt den ersten Schritt zum Solovertrag, nur 5% eine langjährige Solo-Laufbahn. Über 20 Jahre durch alle beruflichen, gesundheitlichen und stimmlichen Unwägbarkeiten erfolgreich auf der Bühne zu stehen, sich in immer anspruchsvolleren Partien über Jahre weiter zu entwickeln und sich dabei mit jeder Vorstellung erneut gegen eine riesige internationale Konkurrenz zu behaupten, ist ein Weg, den nur sehr wenige schaffen.

Ich bin nicht „nur“ Künstler, sondern habe wie erwähnt auch einen substanziellen Wirtschafts-Hintergrund und in beiden Welten Erfahrung. Ich weiß, wie schwer eine Karriere im oberen Management ist, und dennoch unsagbar viel leichter, verglichen mit meinem selbst gewählten Opernbereich – mit sehr viel sichererer Aussicht auf ein hohes Einkommen, bei hoher und verglichen mit meiner Berufssparte doch viel weniger Kompetenz. Durch unermüdliche Disziplin und eine die gesamte Karriere anhaltende, knallharte internationale Auswahl entstehen diese Top 2%. Zur Spitze des Berufsstands zu gehören, garantiert trotzdem nicht ein Spitzeneinkommen, wie es in fast allen Berufen üblich wäre!

Diesen 2% und auch den anderen, für die Opernlandschaft so unglaublich wichtigen, exzellenten 5%, die auf dem steinigen Weg nach oben schon vieles erreicht haben, indem sie bereits einige Jahre auf der Bühne stehen, wurde nun 12 Monate lang von der Politik die Tür zum Ausgang gezeigt: In einer schweren Krise, in der ihre Arbeitsstätten geschlossen wurden und in der allen anderen Berufsgruppen, selbst der sterbenden Hotellerie und Gastronomie, zumindest ansatzweise geholfen wurde, erhielten sie keinerlei Hilfen. Welche Perspektiven gibt das darüber hinaus Berufsanfängern und Absolventen, die bereits internationale Preise gewonnen haben und dennoch, auch ohne Krise, von Vorsingen zu Vorsingen reisen müssen, bis ein erstes Festengagement kommt? All das in einer Krise, die hart ist, die aber der überwältigende Teil der Bevölkerung finanziell gar nicht spürt.

Liebe Politik, liebes Publikum: Ohne die künstlerische Spitze in Zukunft auszukommen, heißt: komplett OHNE professionelle Oper und komplett ohne Konzert auf hohem Niveau, landesweit! Denn nur und allein diese Künstler*Innen, denen aktuell Ausfallzahlungen auf Sozialhilfe-Niveau angeboten werden, können nach vielen Jahren der Erfahrung und Entwicklung die ganz großen Werke auf die Bühne bringen, etwa einen „Ring des Nibelungen“ oder einen großen Verdi, eine „Elektra“ oder eine Uraufführung von Weltrang.

 

Das schweigende Publikum

Ein Kollege hat recht einfach gesagt: Man kann die Pyramiden bestaunen und die tausenden Toten, die beim Bau ihr Leben ließen, komplett ausblenden.

Gut, so weit werden wir am Ende der Krise nicht sein. Aber: Das Schweigen meines, unseres Publikums ist fast zur Unerträglichkeit laut geworden. Seit einiger Zeit stelle ich fest:  Nach Premieren und Vorstellungserfolgen sind die Facebook-Kommentare reichhaltig und erbaulich.

Wie jeder Kollege freue ich mich unglaublich über den Zuspruch von Fans oder Zuschauern, die nach einer Vorstellung begeistert schreiben. Umso irritierender ist, dass es nahezu keine Reaktion des Publikums gibt, wenn Künstler auf die aktuelle Situation hinweisen und klar benennen, wie sehr die Dinge im Argen liegen. Wo ist der Aufschrei des Publikums, das minutenlang Bravos rufen und sich stundenlang über Inszenierungen ergießen kann? Warum sind jetzt alle still, wo man wirklich einmal etwas Wichtiges zu sagen hätte? Warum hat auch das Feuilleton monatelang geschwiegen? Das Fußball-Publikum kämpft lautstark für die Öffnung von Stadien. Politiker zögerten immer noch, die Sporttempel zu schließen, nachdem die Musik in Theatern bereits lange verstummt war – aus Angst vor Unpopularität. Unsere Zuschauer erwähnen dagegen maximal-leise auf Facebook, dass sie das Theater vermissen. Dabei lassen sie denen freie Bahn, die an anderer Stelle überlaut sind. Warum ist das so? Ist der Griff zur Konserve so leicht?

 

Wir sind alle in einem Boot

Publikum, Operndirektionen, Solisten, wir alle wollen ein Ende des Kultur-Embargos, denn auch Streamings können nur ein Abklatsch sein von der Magie einer Live-Vorstellung, in der alles im Moment er- und verklingt. Das unsichtbare Band zwischen Bühne und Publikum im gemeinsamen Raum ersetzen sie nicht. Die Opernhäuser und ihre Direktionen wollen wie wir Solisten einfach Oper machen! Sie haben Gastsolisten engagiert und sie wollen, dass die Gäste zum Einsatz kommen. Sie wollen keine Abwanderung von Künstlern in andere Berufe, wie sie aktuell geschieht. Aber ist der Politik klar, dass ihr Agieren ganz aktuell genau das bewirkt?

Auch Freischaffende brauchen eine Lobby

So lange die freischaffenden Künstler kein gemeinsames Sprachrohr haben, werden ihre Belange irrelevant bleiben. Man konnte immer wieder hören oder lesen: „Sie haben sich ja ausgesucht, freischaffend zu sein.“ – Aber so einfach ist es nicht. Die Verträge fest engagierter Künstler verlängern sich in der Regel immer um ein Jahr. Allein ein Intendanzwechsel kann die Entlassung der ganzen künstlerischen Belegschaft zur Folge haben, unabhängig vom individuellen künstlerischen Niveau. Zudem haben exponierte Stimmfächer langfristig kaum eine andere Wahl, als freischaffend zu arbeiten – und Künstler haben im Festengagement unausgesprochen eine Art „Haltbarkeitsfrist“. Bis zum Rentenalter finden sich kaum Solisten durchgehend in Festanstellung. Das feste Engagement im Ensemble ist heute mehr denn je eine zeitlich befristete Illusion. Insofern gehören alle Opernsänger, ob sie es sich aussuchen oder nicht, ganz oder zeitweise zu den Freischaffenden.

Der Verein „krea[K]tiv – Musiktheater stands up“ hat sich zu Beginn der Pandemie aus Freischaffenden im Bereich Musiktheater gegründet, darunter Opernsänger und Musicaldarsteller, Regisseure, Coaches, Kulturmanager und sogar Agenten. Ziel des Verein ist nicht nur, die durch die Pandemie schmerzhaft offenlegte Sprach- und Machtlosigkeit der Künstler in Zukunft zu vermeiden. Vielmehr hat die Krise deutlich und öffentlich gezeigt, wie viel insgesamt im Argen liegt. Daher hat sich krea[K]tiv zur Aufgabe gemacht, über die Corona-Krise hinaus an einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Absicherung von Bühnenkünstlern zu arbeiten – und ist dabei inzwischen zur wichtigen Adresse für Ratsuchende und zum Informationsaustausch geworden. Im November 2020 wurde der Verein für seine Arbeit bereits mit dem Preis „Bühnenheld*innen 2020“ des Bundesverbandes für darstellende Kunst ausgezeichnet, aber es gibt weiterhin sehr viel zu tun.

In einem Pressetext sagt krea[K]tiv: „Corona zeigt, dass es in allen Ländern neue Mindeststandards für Verträge geben muss, die eine finanzielle Absicherung garantieren. Klauseln, die so ausgerichtet sind, dass bei einem Scheitern des Vertrages (aus welchen Gründen auch immer) die Konsequenzen allein auf den Schultern der Künstler*innen abgeladen werden, darf es in Zukunft nicht mehr geben.“ – International vernetzt und in Zusammenarbeit mit bestehenden Organisationen will man hier zukünftig an praktikablen, fairen Lösungen arbeiten, und das im Dialog mit Opernhäusern und Veranstaltern. Schließlich wollen wir alle dasselbe: Oper und Theater und Kunst!

 

Wohin geht es? Wird es zukünftig mehr Empathie und Solidarität geben?

Ja, wenn man das wüsste… Ich kann mir diese Art der Fairness und des Miteinanders nur wünschen. Das Vertrauen der Künstler in die Institutionen und die Politik wurde stark beschädigt, auf vielen Ebenen. Natürlich überleben Mozart, Bach, Wagner und Strauss. Zahlreiche Kollegen, die alles für die Kunst gaben, haben aber ganz aktuell und ganz live alles verloren, während die Theater-Budgets verlustfrei blieben.

Theater und Museen mögen noch stehen und die darin fest angestellten Menschen auch arbeiten – was aber passiert ist, ist irreparabel. Vielleicht nicht beim Publikum, aber bei den Ausführenden!  Es sind zu viele, deren Kalender entleert wurde, die keine Zahlungen in irgendeiner würdigenden Form erhielten. Zu viele, deren Existenz auf staatliche Verordnung gefährdet oder mittlerweile zerstört wurde! Dabei wäre, gemessen an Unterstützungshilfen für sämtliche anderen Branchen, die Summe, die für die Erhaltung dieses Vertrauens nötig gewesen wäre, verschwindend gering gewesen. Anstatt bis Ablauf der Frist am 30. April die freischaffenden Künstler noch rückwirkend und wie versprochen in die November-/ Dezemberhilfe aufzunehmen, wie es ganz einfach ginge, passiert dies erst jetzt mit der Neustart-Hilfe, die finanziell miserabel ausgestattet ist. – Somit kommt die Hilfe für viele zu spät und die Abwanderung aus dem lange erkämpften und auch ohne Krise bereits sehr schwierigen Beruf ist gewaltig.

Wovor wir alle aufpassen müssen: Die letzte Finanzkrise vor zehn Jahren hat gezeigt, dass europaweit viele kulturelle Einrichtungen im Wieder-Aufschwung aus politischer Kurzsichtigkeit eben NICHT wieder eröffnet werden. Wenn wir die Krise hinter uns haben, besteht die Gefahr, dass die Budgets aller Opernhäuser und Theater nicht hochgefahren werden, um den künstlerischen und seelischen Nachholbedarf zu decken, sondern eingeschmolzen werden, mit Verweis auf die riesigen Defizite, die die politischen Entscheidungen in der Pandemie gebracht haben. Was bringt aber eine für 800 Millionen Euro sanierte Kölner Oper, wenn es kein Geld für diejenigen gibt, die Mozart und Wagner auf der Bühne zum Leben erwecken können?

ch blicke nun auf 20 Jahre Bühnenleben, etwa 50 Opern- und zahllose Konzertpartien zurück. Ich würde mir wünschen, dass jetzt sozusagen Halbzeit ist und ich nun wie geplant in aufregendes, neues Repertoire eintauchen kann, auf das ich in den 20 Jahren leidenschaftlich hingearbeitet habe.

Ich hoffe und wünsche mir, dass es zur zweiten Halbzeit kommt!

Vielen Dank, dass Sie meinen Zeilen bis hierher gefolgt sind!

 

Polemischer Epilog als Notiz an die Politik:

Ist das noch gut oder kann das weg? Es geht auch ohne Hochkultur!

Jetzt noch ein kleiner Nachtrag:

Natürlich können Politiker*Innen auch gern einfach zugeben, was einigen von ihnen derzeit offensichtlich schon auf Zunge liegt und von den Lippen springen möchte: dass sie die Hochkultur nicht wichtig finden. Wenn sie es denn tun: Ich habe nichts dagegen! Es wäre ehrlich und man würde auch wissen, woran man langfristig ist, und was man dem Nachwuchs sagen kann. Dann kann man auch endlich unsere weltweit einmaligen, teuer subventionierten Kunst-Unis schließen und muss nicht Ausnahmetalenten noch unnötige Hoffnungen machen. Diese Jugendlichen kosten sehr viel Geld, das man als Eltern doch viel besser in ein Auto oder je nach Instrument, internationaler Hochschule und Privat-Lehrer sogar in eine Yacht steckt, so wie man es in anderen Ländern auch macht.

ch weiß, man kann sehr gut ohne Hochkultur überleben – so lautet ja das Argument, das immer wieder bemüht wird. Geht in den USA auch, von wo aus seit Jahren großartige Künstlerkolleg*Innen nach Europa streben, ganz ohne Corona. China hatte unter Mao übrigens auch erkannt, dass Kultur unnötig fürs System ist. War ’ne schöne Zeit damals! Wurde dann aber doch revidiert. Ich weiß, das hat aktuell noch rein gar nichts mit uns zu tun und wir leben immer noch im Kultur-Himmel (und Himmel ist was GUTES). Der kleine polemische Reise-Ausflug sei erlaubt – wenn wir schon alle im Lockdown sitzen!

Wenn wir gerade bei China sind: in Harbin, Dalian, Wuxi, Shanghai wurden kürzlich wieder tolle Opern- und Konzerthäuser gebaut – NEU, für europäische Werke! Wahnwitzig!

Ich weiß, in Deutschland werden auch Unsummen für Renovierungen von Opernhäusern ausgegeben – wie schade, dass dann kein Geld für die Ausführenden da ist!

…….Kurze Pause, nur um das mal sacken zu lassen……

ZU DUMM ABER AUCH: WELTWEIT NUR WIR sind das Land von Goethe, Schiller, Eichendorff, Hegel, Kant, Dürer, Cranach, Bach, Beethoven, Brahms, Händel, Schumann, Wagner, Strauss, Orff, Rihm.  Und Österreich dann auch noch von Mozart, Schubert, dem anderen Strauß, Mahler, Schönberg.

Andererseits: Beethoven und Schubert sind 200 Jahre später zwar weltberühmt – aber ihr LEBEN…..??? Meine Güte! Nach heutigen Begriffen waren die ja nun wirklich nicht fürs System relevant. Waren ja aber auch selbst Schuld, Künstler als Beruf zu wählen, und dann auch noch Komponist……!

KOMPLETT SYSTEMIRRELEVANT!

Trump hätte gesagt: LOSER! TOTAL FAILURE!

 

* Verträge der Freischaffenden Künstler an Deutschen Theatern

Warum keine Hilfsmaßnahmen griffen:

Die Hilfspakete des Bundes für Selbstständige und Freischaffende galten bisher aber nur auf Grundlage rein selbstständiger Tätigkeiten vor der Pandemie. Die Gastverträge von freischaffenden Opernsängern und Theaterschauspielern an deutschen Theatern haben jedoch eine Art Zwitterstellung mit Status zwischen Angestelltentätigkeit und Selbstständigkeit.

Sozialrechtlich gelten die Theater-Gastverträge wie Angestellten-Verträge, denn alle Sozialabgaben sind hier fällig. Arbeitsrechtlich werden die Verträge allerdings regelmäßig als selbstständig betrachtet gesehen. Man zahlt also zwar alle Abgaben wie ein Arbeitnehmer, hat aber trotzdem nicht den Schutz eines Angestellten-Vertrags. Freischaffende Künstler im Musiktheater treten in kostenlose Vorleistung, etwa mit der Einstudierung einer Partie, und werden nach relativ geringem Probenentgelt mit einer dann entsprechend höheren Abendgage bezahlt, allerdings nur für tatsächlich erfolgte Vorstellungen. Bei Absage etwa wegen Erkrankung entfällt die Gage zu 100%.

Trotz voller Terminkalender erreichen viele Künstler zudem kaum die erforderlichen Tage für Arbeitslosengeld, da die Theater ihre Gastsolisten oft tageweise an- und wieder abmelden.

Vereinzelt gab es 2020 unterstützende Landesmittel, so eine Art Unternehmergehalt von 1080 Euro in Bayern und Baden-Württemberg, begrenzter die Überbrückungshilfe Plus in NRW. Erst die mit 7500 Euro für 6 Monate (1250 Euro/ Monat) ausgestattete Neustart-Hilfe nimmt seit Januar 2021 bundesweit Künstler mit vorausgegangenen hybriden Gastverträgen bis 14 Wochen Dauer in die Förderung auf – 10 Monate nach den ersten Theaterschließungen.

Zum Autor

Der Bariton Christian Miedl hat am Salzburger Mozarteum Gesang studiert und gleichzeitig an der Universität Passau ein Wirtschaftsstudium mit Spezialgebiet Südostasien absolviert. Beide Studien schloss er mit Auszeichnung ab. Als klar wurde, dass er sein berufliches Leben der Musik widmen will, hat er das Thema seiner Diplomarbeit über die Südostasiatische Finanzkrise geändert und schrieb an der Seattle Opera über die Finanzierung Klassischer Musik in den USA.

Seine inzwischen 20-jährige erfolgreiche Bühnenlaufbahn hat ihn an viele der wichtigsten Opern- und Konzerthäuser der Welt geführt, etwa die Mailänder Scala, die Staatsopern von Stuttgart, München, Hamburg, Wien, die Opern von Lyon, Malmö, Köln, Bonn, Frankfurt, Concertgebouw Amsterdam, Gewandhaus Leipzig, Lucerne Festival, Spoleto Festival USA, Cité de la Musique Paris, Mozart-Woche Salzburg, Suntory Hall Tokyo.

International hat er sich besonders im Bereich der Moderne und Zeitgenössischen Musik einen hervorragenden Ruf erarbeitet, als Solist bedeutender Ur- und Erstaufführungen, u.a. von Morricone, Eötvös, Rihm, Sciarrino und Francesconi. Seine aktuelle CD „Songs of the Night“ verbindet nahtlos Romantik, Moderne und Avantgarde und wurde 2020 bei opernmagazin.de vorgestellt.

Ein großer Teil seiner Freizeit gehört seinem zweisprachigen Youtube-Kanal „Travel Sing Fly“, auf dem er zahlreiche Airlines und Reiseziele weltweit vorstellt und mit Reisetipps zum Fernweh einlädt.

Der Artikel erschien bereits im Opernmagazin

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