Kulturpass: Mangas statt Documenta?

Ruru-Haus der Documenta in Kassel Foto Jonas Dörge

In dem 2012 erschienenen Buch „Der Kulturinfakt“ schlugen die vier Autoren, Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Armin Klein und Stephan Opitz, eine Umstellung der Kultursubventionen vor: Statt Schauspielhäuser und andere ebenso große wie teure Kultureinrichtungen zu finanzieren solle der Staat Kulturgutscheine an Menschen ausgeben, die sich die Eintrittspreise nicht leisten können. Alle anderen sollen die vollen, nicht mehr durch Zuschüsse gedrückten, Preise zahlen. Und die würden steigen: Jede einzelne Karte für Theater-, Ballett- oder Konzertaufführungen wird zum Teil mit mehreren hundert Euro bezuschusst. Wer aber zum Beispiel eine Karte für ein Popkonzert kauft, muss den marktüblichen Preis zahlen.

In Frankreich hat Präsident Macron einen Kulturpass für Jugendliche und junge Erwachsene eingeführt. Sie können das Geld ausgeben, für was sie wollen, nur Netflix und Prime sind tabu. Profitiert haben davon in Frankreich vor allem die kleinen Buchhandlungen, wohl auch, weil es wegen Corona kaum Konzerte gab. Und was kauften die Kids? Asterix und Mangas. „Ob Sie sich für Filme, Romane, Museen, Mangas, Videospiele, Rap oder Metal interessieren oder für all dies gleichzeitig, wir haben für Sie den Pass Culture entwickelt.“ hatte Macron den Jugendlichen im vergangenen Jahr via TikTok zugerufen und seine Botschaft kam an.

Macron hat also einen Schritt in die Richtung getan, die vor zehn Jahren im „Kulturinfarkt“ vorgeschlagen wurde. Die Idee ist zutiefst demokratisch. Sie sieht den Staat nicht mehr als den großen, weisen Lehrer, der durch Förderung bestimmt, was die Bevölkerung zu sehen hat, sondern nimmt ihre kulturellen Bedürfnisse ernst und unterstützt die Menschen dabei, diese Bedürfnisse auch befriedigen zu können. Die Idee verdient es ausgebaut zu werden. Das Geld dafür ist da. Ein Kulturpass für Schüler, Studenten und alle, die wie Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge und die Bezieher kleiner Renten, ließe sich durch Einsparungen bei den Kultursubventionen einsparen. Mangas statt Documenta, eine arme Rentnerin, die sich den Wunsch erfüllen könnte, Helene Fischer live zu sehen oder Studenten, die sich mehr Bücher leisten könnten, all das wäre keine kulturelle Horrorvision. Kulturgutscheine verbinden die soziale Verantwortung mit der Marktwirtschaft.

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4 Kommentare

  1. #1 | Wolfram Obermanns sagt am 6. Februar 2022 um 14:20 Uhr

    Das bedenkenswerte Ansinnen blendet die Probleme einer Kultur ohne Kulturgeschichte und damit fehlender kontextualisierter Rezeption aus.
    "Ins Feuer mit Kant, der rassistische Ideen geteilt!"?

    Am Ende steht dann die soziale Frage, ob so nicht einer Zweiteilung der Gesellschaft das Wort geredet wird.

  2. #2 | paule t. sagt am 6. Februar 2022 um 15:44 Uhr

    Wäre es nicht einfacher, den ärmeren Bevölkerungsteilen einfach so das entsprechend Geld zu überweisen?
    Das würde auch "die soziale Verantwortung mit der Marktwirtschaft" verbinden, und der Staat wäre sogar noch deutlicher nicht der "Lehrer, der durch Förderung bestimmt, was die Bevölkerung zu sehen hat".

    Denken Sie mutiger und konsequenter, Herr Laurin!

  3. #3 | Thomas Schweighäuser sagt am 7. Februar 2022 um 17:25 Uhr

    Dass Theater nicht "zum marktüblichen Preis" ihre Preise gestalten können, hat nichts mit den Theatern zu tun, sondern dem Markt, der das Schwierige, Sperrige nur schwer überleben lässt. Ein Staat, der keine Kunst fördert, hat irgendwann keine Kunst mehr, ja nicht einmal mehr eine Kunst, über die sich "Ruhrbarone" echauffieren können. Dann wird die Rentnerin, der in paternalistischer Manier vorgeschrieben wird, sie solle die Helene Fischer gut finden, keine Gelegenheit mehr haben, stattdessen in die Oper zu gehen.
    Aber wer den "Kulturpass" als zusätzliches Sponsoring der Kulturindustrie haben möchte, kann das gerne fordern. Es ist nur Unsinn, diese Subvention auf Kosten der Theaterförderung finanzieren zu wollen.

  4. #4 | Philipp sagt am 8. Februar 2022 um 10:17 Uhr

    Das Interessante an einem solchen Vorschlag ist ja, dass er offenbaren würde, wie wenig wettbewerbsfähig die deutsche Kulturwirtschaft ist. Und dabei geht es gar nicht mehr um den ewig krankelnden deutschen Film, sondern vielmehr um die Videospielbranche, die Film, Buch, Musik wirtschaftlich weit in den Schatten stellt (die Ruhrbarone hatten mal eine schöne Grafik dazu?)

    Wie man erfolgreich Videospiele entwickelt kann man übrigens von den Polen lernen: Von der Reihe "The Witcher", dem hervorragenden "This War of Mine" und aktuell "Dying Light 2", welches derzeit die Steam-Charts anführt.

    Aber bei Videospielen! und dann auch noch aus Polen!! rumpft nicht nur der deutsche Feuilleton die Nase. Na ja. Eventum praecedit superbia?

    @Thomas Schweighäuser

    Die deutsche Theaterlandschaft wird in den nächsten Jahren und Jahrzenten massiv unter Druck geraten.

    1. Spardruck durch Corona
    2. Vergreisung des Publikums
    3. Skandale um Macht- und Sexualmissbrauch noch und nöcher, während man gleichzeitig schreit: "Aber wir sind doch die moralische Anstalt!" . Da kommen mittlerweile sogar der TAZ arge Zweifel: https://taz.de/Machtmissbrauch-am-Theater/!5772533/
    4. Kultureller Bedeutungsverlust: Angehende Deutsch- und Französischlehrer interessieren sich nicht mehr für Theater, klären Sinnfragen anderswo und die jährlichen Dramatikerpreise finden unter ferner liefen statt.

    Was der Kirche widerfährt, kann auch dem Theater widerfahren: Sinnsuche im Digitalzeitalter findet anderswo statt.

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