Künast gegen Wowereit – Dieser Wahlkampf bestimmt nicht nur die Zukunft der Hauptstadt

Wenn ich in Berlin gewesen wäre, dann hätte ich von meinem Loft-Büro im Wedding direkt auf den Gebäudekomplex  schauen können, in dem die Berliner Grünen den Nominierungsparteitag für Renate Künast veranstaltet haben. Es sind die ehemaligen BVG Werkstätten die zu Zeit mit dem Geld der Lottostiftung zum Zentrum für zeitgenössischen Tanz ausgebaut werden. 100% Zustimmung für ihre Kandidatur fuhr sie ein und setzte lauthals auf Sieg. Damit ist der Berliner Wahlkampf eröffnet.

Wowereit hat schon  viel früher seine erneute Kandidatur verkündet. Seine Ambitionen auf eine mögliche SPD-Kanzlerkandidatenschaft liegen offensichtlich seit längerem auf Eis. Seine darauf zurückgeführte  und von den Medien immer wieder behauptete  Amtsmüdigkeit hat ihm aber bislang nicht sonderlich geschadet. Mit der nun offiziellen Kandidatur  von Renate Künast  wird sie jedoch, egal ob real oder nur gefühlt,  ab sofort zu Ende sein. Zum ersten Mal hat Wowereit einen ernst zu nehmen Gegner, und wenn er verliert ist es auch mit seinen Bundesambitionen aus.

Renate Künast, obwohl nicht in Berlin geboren und aufgewachsen sondern im Ruhrgebiet, gilt als waschechte „Berliner Schnauze“. Was nicht verwunderlich ist, denn wenn es zwei  Menschengruppen in deutschen Landen gibt die sich mental und vom sprachlich Duktus erstaunlich ähnlich sind, dann sind es die Ruhris und die Hauptstädter.  Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Berliner sich zur Zeit auf dem  auf- und die Revierbürger trotz allem Kulturhauptstadtgeschwurbels immer noch auf dem absteigenden Ast befinden.

Wichtiger aber für den Ausgang der Wahl ist, dass die Berliner mehrheitlich  der Überzeugung sind,  dass sie ihren Wiederaufstieg eben diesem  „Und das ist gut so“ Wowereit verdanken. Er personifiziert das neue Berlin wie Niemand anders, egal ob er sich dabei gerade müde fühlt oder nicht. Er hatte nicht nur den ganz persönlichen  Mut sich als schwul zu outen sondern auch den politischen Mut zu einer Koalition die sich in Deutschland bislang aus gutem Grund nur wenige trauen. Die damit verbundene politische und mentale Integrationsleistung im wiedervereinigten Berlin wird ihm jedoch einmal historisch als eine seiner größten politischen Leistungen angerechnet werden.

Deswegen ist, obwohl die Grünen zu  Zeit auch in Berlin auf ihrem Allzeithoch schweben, das persönliche politische  Risiko für Frau Künast nicht zu unterschätzen. Sie hat es  durch ihre Sieg-und-nur-Sieg-Position obendrein ohne Not erheblich erhöht. Die Berliner sind aus ihrer wechselvollen Geschichte besonders misstrauisch gegenüber Leuten, die nur dann  für sie aktiv bleiben wollen, wenn sie zu den Gewinnern gehören.  Sie wollen dass man ohne Wenn und Aber zu ihnen und ihrer Stadt steht. Und sie haben es verdient.

Inhaltlich, und da hat die CDU in ihren ersten Verlautbarungen recht, hätten die Grünen in der Regierungsverantwortung in Berlin nicht allzu viel anders gemacht, als die jetzige rot-rote Koalition. Wahrscheinlich hätten sie auch die Stadtautobahn weiter gebaut und beim Projekt Media Spree haben sie sich sowieso nicht mit Ruhm bekleckert. Es ist also ein Kampf innerhalb des Lagers links von den Christdemokraten, das  in der Hauptstadt sowieso schon seit längerem das kulturelle und politische Sagen hat.

Aber da geht es um nicht weniger als den Führungsanspruch. Und das nicht nur in Berlin sondern im ganzen Land. Berlin ist hier „nur“ der erste Aufschlag  und das in einer Zeit in der die Grünen nicht nur die SPD zu überholen beginnen sondern Anstalten machen, auch wieder zur Bewegungspartei zu werden. Nicht umsonst wurde das Parteitreffen  im Wedding um einen Tag verschoben, damit die Delegierten und vor allem die Parteiprominenz sich auch mal wieder als Straßenkämpfer präsentieren konnten.

Gegen eine Atompolitik die durch die von purem Lobbyismus getriebene  Dummheit und Dreistigkeit dieser Bundesregierung  diesen rigorosen Protest geradezu herausfordert. Stuttgart scheint nur der Anfang gewesen zu sein. Deutschland gerät (wieder) in Bewegung und das wird am Berliner Wahlkampf nicht spurlos vorbei gehen. Der nun beginnende, von zwei auch deutschlandweit  als prominent, eloquent und beliebt geltenden Politikern  geführte  Streit  über die Zukunft der Hauptstadt wird nicht ohne Wirkung auf die Politik in ganzem  Land bleiben und umgekehrt. Egal wie er stimmenmäßig ausgeht.

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6 Kommentare

  1. #1 | Thomas sagt am 8. November 2010 um 14:12 Uhr

    Arnold, ich finde die Kandidatur von Renate Klasse,

    Besagt sie doch endlich:

    Wir wollen nicht nur das Stück Schokolade, wir wollen den ganzen Riegel.

    Also das Argument vom ganzen Kuchen.

    Eine andere Kodderschnauze aus Oberhausen, Bärbel Höhn, hat das ja nicht durchgebracht.

    Übrigens seh‘ ich das oben eingestellte Lilabild als sehr ironisch an, ich wußte gar nicht, daß die gute alte Renate blaue Hanseatinnenaugen hat und das auch noch mit gleichfarbigen Pullundern zu betonen vermag.

    Früher kam die ja nur eher monochrom daher:

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/80/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0117-025,_Berlin,_Pressekonferenz_Totalverweigerer.jpg

  2. #2 | adolf t sagt am 8. November 2010 um 15:22 Uhr

    soso,
    der revierbürger hat also auf einem absteigenden und der berliner auf einem auf einem aufsteigenden ast platz genommen.

    was kann denn damit gemeint sein?

    mein alter kollege aus pankow der vor einem halben seinen job verloren hat und dem jetzt hartz IV im nacken sitzt – wohl eher nicht.
    oder meinst Du die illustere gesellschaft mit der ich vor ein paar tagen in der kulturhauptstadt(!) eine ateliereröffnung ausgelassen gefeiert habe – wohl auch nicht.
    ich wünsche dem autor in zukunft möglichst viele insperierende stunden in seinem aussichtsreichen weddinger büro-loft.
    wenn es ihm damit besser geht soll er auch weiter standhaft den geist einer neu entstehenden metropole ignorieren.
    wer allerdings fußball und bier spannender findet als clubmate und promipolitiker der hat im ruhrpott von allem mehr als er braucht.

    glückauf!

  3. #3 | Arnold Voß sagt am 8. November 2010 um 19:49 Uhr

    @ Adolf T

    Berlin wächst während das Ruhrgebiet schrumpft. Dank des permamenten Zuzugs junger Leute. Berlin hat ein Nachtleben das in Europa seines Gleichen sucht während das Ruhrgebiet sich freuen kann, dass wenigsten im Bermudadreieck in Bochum die Bürgersteige nicht zur Beginn der Dunkelheit hoch geklappt werden. Berlin war schon und wird wieder Metropole und das Ruhrgebiet klebt sich krampfhaft diesen Titel an, weil das sonst nicht mal der Ruhri selber glaubt.

    Ich bin einer von Geburt und ich weiß wovon ich rede. Ich lebe und arbeite schon über zehn Jahre an beiden Orten und schätze die Qualitäten beider Agglomerationen, gerade weil sie so unterschiedlich sind, sehr. Genau deswegen weiß ich auch, dass das Ruhrgebiet nie eine Metropole wird.

    Der Witz ist nur, dass es das auch gar nicht werden muss, um spannend und attraktiv für Menschen von außerhalb zu sein. Ganz im Gegenteil. Oder glaubt Irgendjemand, dass z.B. weniger Leute das Weltkulturerbe Zollverein besuchen, wenn das Ruhrgebiet sich nicht mehr Metropole nennt?

  4. #4 | adolf t sagt am 9. November 2010 um 18:23 Uhr

    @a.voss

    aus jemandem der sich ruhri nennt kann man vielleicht echt keinen metropolen-bewohner machen – zustimmung!

    das nachtleben auf europa-niveau geht mir hinten vorbei, solange ich an einem meiner lieblingstresen morgens noch freundlich geweckt werde.
    auch das die einzelnen dörfer berlins momentan mal besser kooperieren als die der metropole-ruhr ist mehr ansporn als für immer gegeben.
    man verschone Unser revier allerdings unbedingt von,
    touris die mit dem lonley planet auf szene suche gehen,
    mit der polit, party und sonstigen prominenz,
    mit nazi-geprägtem unterklassen fußball,
    mit darmlosen currywürsten,
    mit erwachsenen leuten die noch immer an zweitwohnsitze glauben(sorry!)

    nenn es wie Du willst, es ist noch immer 5mio groß, manchmal steht auf der autobahn denn es gehört zusammen – es hat alles was man braucht.

    mit freundlichem gruß.

  5. #5 | altautonomer sagt am 10. November 2010 um 09:38 Uhr

    „Inhaltlich, und da hat die CDU in ihren ersten Verlautbarungen recht, hätten die Grünen in der Regierungsverantwortung in Berlin nicht allzu viel anders gemacht, als die jetzige rot-rote Koalition.“

    Richtig! Schauen wir doch nur nach Hamburg und ins Saarland. Die im Saarland mit der CDU in der Landesregierung koalierenden Grünen
    haben in der letzten Sitzung des Bundesrates gegen eine Beteiligung dieser zweiten Kammer wegen der Verlängerung der Laufzeiten für AKW gestimmt.

    Die Grünen Radikalopportunisten gehen den Weg aller Bananen: Heute grün, morgen gelb (FDP mit Fahrrad), morgen schwarz. Sie sind für mich eindeutig eine Pro-Atom-Partei.

  6. #6 | Arnold Voss sagt am 10. November 2010 um 10:49 Uhr

    @ Adolf T

    „nenn es wie Du willst, es ist noch immer 5mio groß, manchmal steht auf der autobahn denn es gehört zusammen – es hat alles was man braucht.“

    Ich nenne es am liebsten Stadt und nicht Revier oder Gebiet und diese Stadt hat genau deswegen etwas ganz besonderes weil sie riesengroß und interessant, aber trotzdem keine Metropole ist.

    Ansonsten wohne ich schon seit meinem 27 Lebensjahr nicht mehr nur an einem Ort. Bin ich weder stolz drauf, noch hat es sonst was zu bedeuten. Meine Art zu leben und zu arbeiten hat das einfach so mit sich gebracht.

    freundlichen Gruß zurück

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