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Lässig in die Ferien


Verdi kündigt Chaos an! Das Gegenteil trifft ein! Die Flughäfen Düsseldorf und

Köln/Bonn bewältigen dagegen Osterreiseverkehr lässig. Woher kommen die Tartaren-
Meldungen vor jedem Ferienstart? Die zwielichtige Rolle des Verdi-Funktionärs Özay
Tarim.Von unserer Gastautorin Canan Gündem.

Wer zu Beginn der Osterferien von den NRW-Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn in
Richtung Urlaub abhob, der rieb sich fast verwundert die Augen. Fast kontemplative
Ruhe zwischen den Flugsteigen. Alle Abfertigungstrecken besetzt. Die Wartezeit
pendelte zwischen drei und acht Minuten. Dabei hatten zahlreiche Medien vorher ein
ganz anders Bild gezeichnet: Die Rheinische Post befürchtete das „Chaos“, der
Düsseldorfer Express wies auf den mit Sicherheit kommenden „Warte-Wahnsinn“ hin.
Immer zitiert in diesen Horror-Szenarien wird der Ver.di Funktionär Özay Tarim. Der
beklagt regelmäßig im Vorfeld der Reisezeit mangelnde Sicherheit wegen überlasteter
Luftsicherheitsassistenten (genannt „LuSis“), den fehlenden Ausbildungsstand oder die
hohe Krankenquote gegenüber den Medien. Und er liefert fleißig so genannte
„Insiderinformationen“ auf die Handys der Journalisten, fotografiert Warteschlangen
oder Aushänge von den Schwarzen Brettern seines Lieblingsfeindes, der
Sicherheitsfirma Kötter.

Die war gerade in 2017 zu recht in der Kritik. Ein – mittlerweile entlassener –
Mitarbeiter am Flughafen Köln/Bonn hatte Zertifikate gefälscht, auch in Düsseldorf kam
es immer wieder zu so genannten Mindergestellungen: zu wenige Mitarbeiter kamen an
die Kontrollstrecken. Hinzu kommt der zu hohe Krankenstand. In schlechten Zeiten
„feierten“ fast 25% der Belegschaft krank. Es kam zu überlangen Wartezeiten. Am 15.
September 2017 kam es zum „Schwarzen Freitag“ am Flughafen Düsseldorf. Die
Kontrollstrecken brachen zu Beginn der Herbstferien unter dem Ansturm zusammen.
Ver.di-Sekretär Tarim absolvierte parallel zum Stress seiner arbeitenden Mitglieder
einen echten Interview-Marathon. Währende die LuSis an den Strecken schwitzten,
sonnte sich Gewerkschafts-Boss Tarim im Kamera-Licht. Ausdauernd machte der
quirlige Funktionär jede Menge Schuldige aus: den Flughafen, das
Bundesinnenministerium, die Bundespolizei und selbstverständlich das
Missmanagement bei Kötter.

Mehr Rückhalt bei den Mitarbeiter erhielt der selbstbewusste Ver.di-Mann ob seiner
zunehmend unkontrollierten Medienoffensive nicht. In der LuSi-Belegschaft sank die
Stimmung. In Betriebsversammlungen redet Tarim zwar viel, bekommt aber immer
weniger Rückhalt. Viele LuSi-Streckenposten sehen zunehmend weniger die
Notwendigkeit einer aggressiven Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber. Die
Tarifverträge sind gut. Die Stundenlöhne beginnen bei 17 Euro. Am Wochenende sind
über 36 Euro drin. Ein LuSi kann bei normaler Auslastung auf über 3000 Euro brutto
kommen. Nicht schlecht für eine angelernte Tätigkeit, für die man nur vier bis fünf
Monate Ausbildung benötigt. Das ist mehr als mancher Polizeibeamter verdient. Und:
Die Arbeitsplätze sind aufgrund des boomenden Luftverkehrs sicher. Außerdem werden
Arbeitnehmer mit dieser Qualifizierung händeringend in ganz Deutschland gesucht.
Eines ist ebenfalls sicher: Sollte Kötter den Auftrag in Düsseldorf verlieren, dann
wechseln die rd. 900 Mitarbeiter in Düsseldorf nur die Uniform. Für sie gibt es im Fall
eines Dienstleisterwechsels eine Übernahmegarantie.

Vor diesem Hintergrund werden die Medienattacken des Gewerkschaftlers in der
Belegschaft zunehmend mit Kopfschütteln verfolgt. Das böse Wort vom „Bonsai-
Erdogan“ machte an den Strecken die Runde als der eher kleinwüchsige Tarim die aus
der Not hohen Prämienregelungen des Sicherheitsunternehmens als „Bleib-gesund
Zulage“ verhöhnte. Kötter hatte zur Rettung des angeschlagenen Unternehmens-Image
kräftige Zulagen von bis zu 350 Euro monatlich ausgelobt, um ein Debakel um jeden
Preis zu vermeiden. Geld als Mittel der Anerkennung kam bei den Mitarbeitern offenbar
besser an als Klassenkampf auf Kosten der Passagiere. 40 Mitarbeiter meldeten sich
binnen zweier Tage als gesundet zurück zum Dienst. Die vorsorglich eingeplanten
Reserven von sogenannten Dritt-Dienstleistern oder Verwaltungsmitarbeitern blieben
in der Hinterhand.

Aber nicht nur in den Belegschaften wächst der Unmut über Özay Tarim. Auch in der
Verdi-Führung sieht man die fast tägliche Medien-Show des ehrgeizigen
Regionalsekretärs mittlerweile mit Sorge. Im Eifer des Interview-Gefechts legt sich auch
schon mal mit den Falschen an. Besonders seine Attacken gegen die Bundespolizei
werden mittlerweile kritisch gesehen. Ist es doch das Ver.di-Ziel, die Passagier-
Kontrollen wieder zu verstaatlichen. Dies geht nur mit dem Wohlwollen der
Verantwortlichen in den Sicherheitsbehörden des Bundes. Ein Vertreter der Berliner
Ver.di Zentrale, dass sich in der Sicherheitsbranche gut auskennt, bekannte anonym
gegenüber der Autorin: „Mit seiner Selbstdarstellung schießt er zu oft über das Ziel
hinaus. Mittlerweile ist die Luftsicherheit eine entwickelte Branche mit rd. 20.000
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Da müssen wir auch bei den Fakten sattelfest
bleiben, sonst glauben uns die Leute vor Ort nicht mehr.“

Tarims Glaubwürdigkeit wird auch von der Kötter Aviation Führung ausdauernd infrage
gestellt. Der neue Geschäftsführer Peter Lange, der nach den Skandalen in Köln das
Ruder übernahm, ist ein alter Hase mit viel Erfahrung in der Luftfahrt und Logistik-
Branche. Er gehörte selbst neun Jahre lang zur Gesamtgeschäftsführung des Flughafens
Düsseldorf. Auch er konnte das Chaos zu den Herbstferien nicht verhindern, aber er hat
in weniger als einem Jahr die wesentlichen Probleme endlich in den Griff bekommen.
Die Ausbildung wurde angekurbelt, ein Krankenrückkehr-Programm gestartet, die
Kommunikation offener gestaltet. In den Medien hält Lange bei Tarim-Attacken
dagegen, antwortet ehrlich und nicht ausweichend und stellt sich schützend vor seine
Leute, wenn – leider immer noch zu oft – etwas schief geht. Aber auch die größten
Skeptiker sagen: An diesem Oster-Wochenende hat Kötter endlich den Turnaround
geschafft. Das Chaos blieb aus. Das kommt auch bei den Verantwortlichen an. Bei einer
unangekündigten Terminal-Inspektion durch die Bundespolizei wurde die Kötter-Crew
ausdrücklich gelobt. Kann Kötter zum Sommerferienstart seine Leistung wiederholen,
dann fehlen Ver.di erst recht die Argumente.

Özay Tarim war ebenfalls Ostern am Flughafen. Immer auf der Suche nach seinen
angekündigten Schlangen und im engen Kontakt mit den Medien. Keine seiner
Horrorprognosen war eingetroffen: Keine Stau, keine Schlangen, mehr als ausreichend
Mitarbeiter. Er gab trotzdem Interviews und kritisierte den lang ersehnten Erfolg als
„Flickschusterei“. Übrigens war der Ver.di-Medienstar weit weg vom Sicherheitsbereich.
Er hat dort keinen Zutritt. Dort arbeitete auch Kötter-Geschäftsführer Peter Lange
ostentativ im Wannenrückführdienst, um Solidarität mit „seinen“ Mitarbeitern zu
demonstrieren. Kötter hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Das Unternehmen
zeigt Demut und signalisiert auch über die Medien: „Wir haben verstanden…“ Wenn man

den kritischen Stimmen aus der Berliner Ver.di Zentrale Glauben schenken kann, dann
steht Özay Tarim dieser Prozess noch bevor. Im Mai sind Betriebsratswahlen bei Kötter.
Den Ver.di-Kandidaten hat er mit seinen Egotrips keinen Gefallen getan.

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7 Kommentare zu “Lässig in die Ferien

  • #1
    ke

    Arbeitskämpfe sind immer auch Kämpfe um die Medien. Hier hilft aus meiner Sicht nur Transparenz.
    Ich hätte nicht erwartet, dass für den Job im Sicherheitsbereich diese Stundenlöhne gezahlt werden. Warum wird das bspw nur so selten kommuniziert? Verwenden auch viele Medien nur Daten, die das Bild vom ausgebeuteten Arbeitnehmer ohne eigenen Willen, der zu einem Hungerlohn schuften muss, prägen?

    Auch im aktuellen Tarifkampf im öffentlichen Dienst wird wieder auf die Krankenschwester verwiesen. Welche Gehälter für welche Tätigkeiten bezahlt werden ist kaum bekannt.

    Bei den Fluggastkontrollen gibt es dann auch immer wieder das Thema, ob dies eine hoheitliche Aufgabe ist. In Ländern, wo der Job durch Grenzschutz/Polizei etc. durchgeführt wird, wirken die Leute meistens auch nicht sonderlich motiviert.

    BTW: Wie lautet denn die Neu-Deutsche geschlechtsneutrale Formulierung für Krankenschwester? Ich wollte die Pfleger nicht diskriminieren. 🙂
    Aber wenn es um geringe Löhne geht, muss wahrscheinlich wieder das Bild der selbstlosen Frau, die sich für die Allgemeinheit opfert, präsentiert werden.

  • #2
    Klaus Lohmann

    Dass es dieses Jahr z.B. in Ddorf nicht ähnlich chaotische Zustände bei den LuSis gab, ist wohl weniger dem ach-so-dollen Kötter-Chef Lange zu verdanken, sondern der Pleite von AirBerlin, die Ddorf als großen Hub genutzt hatte und deren Flüge dieses Jahr halt entfallen. Cheffe Kötter hat sich das auch sofort zunutze gemacht und die hochgelobte Anzahl neuer Kötter-Mitarbeiter, die zu Ferienbeginn anfangen sollte, erstmal wieder kräftig reduziert und auch wieder die Fremdfirmen angebaggert (http://www.airliners.de/koetter-mitarbeiter/43924).

    Auch wenn dieser Tarim eine ziemlich peinliche Verdi-Figur abgibt, ist das noch lange kein Grund, hier Kötter über den grünen Klee zu loben. Die machen nichts, garnichts ohne eigenes Umsatzinteresse oder aus reinem Altruismus. Das hat sich seit meiner Studentenzeit mit Kötter-Hilfsjobs nicht geändert.

  • #3
    cs

    Komisch, den Namen Canan Gündem kennt niemand. In den Dienstplänen taucht sie auch nicht auf. Müsste sie aber doch, wenn sie hier berichtet, wie die Betriebsversammlungen ablaufen. Wenn sie doch aber soviele interne Dinge über das Verhältnis zu unserem Gewerkschaftssekretär weiß, müsste sie doch hier irgendwo herumlaufen? Oder hat hier unser lieber Arbeitgeber unter falschem Namen seine eigene Sicht der Dinge geschrieben, um ein wenig Werbung in eigener Sache zu machen? Einige Formulierungen sind jedenfalls 1:1 vom Arbeitgeber übernommen. Oder ist es wieder diese zweifelhafte Medienagentur von Thomas Hüser, die schon mal mit gefälschten Meldungen versucht hat, unseren Betriebsrat zu verunglimpfen?

  • #4
    Stefan Laurin

    @cs: wir haben den Artikel via Mail angeboten bekommen und genommen, weil er sich mit der Berichterstattung über den Start des Ferienwochenendes deckte.

  • #5
    W.K.

    Ich denke, dass der Artikel den Tatsachen entspricht.
    Vor Jahren, bevor ich meinen damaligen Job am Flughafen antrat, musste ich erst beim Betriebsrat antreten und mir wurde eine Mitgliedschaft in der ÖTV (heute Verdi) nahegelegt.
    Da ich schon Mitglied war, hatte der Betriebsrat wohl keine Einwendungen.
    Die Bezahlung für einen ungelernten Job ist wirklich gut. Beim check-in wird weniger bezahlt,
    obwohl dort z.B. gute Fremdsprachenkenntnisse erforderlich sind.

  • #6
    Tom

    Mich wundert es nicht, das der BDSW diesen Artikel für sich ausschlachtet. Dennoch, wer im Internet über Kötter recherchiert wird feststellen, dass es sich hierbei eben nicht(!) um ein Vorzeigeunternehmen handelt. So viele unterschiedliche Pressequellen, welche auch in der Vergangenheit über “Kötter-Skandale“ berichteten, können nicht ganz falsch liegen!

    Die Firma Kötter: Ein kritikwürdiges Unternehmen
    http://www.labournet.de/branchen/dienstleistungen/bewach/personalpolitik-der-sicherheitsfirma-koetter-flughafen-duesseldorf-der-kritik/

    Die private Stadtsicherheit…
    http://www.trend.infopartisan.net/trd0804/050804.html

  • #7
    ke

    Mal sehen, welche Strategie Verdi aktuell fährt:
    https://www.express.de/duesseldorf/verhandlung-gescheitert-es-drohen-streiks-an-flughaefen-in-duesseldorf-und-koeln-bonn-31705562

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