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letzte Woche / diese Woche (kw15)

„Sei billig und rede darüber!“ – neuer Slogan für Energiekonzerne und Telekommunikationsanbieter

Nachdem in letzter Zeit verstärkt zu beobachten war, welch eine merkwürdige Verbindung Journalismus und Politik eingegangen sind, habe ich einmal mehr mein Glück gepriesen, keinen dieser beiden Berufswege 100%ig eingeschlagen zu haben. Man wird ja auch so schon genug die Person, die man früher nie besonders mochte.

Ändern Politiker oder Parteien mal ihre Linie oder ist die Logik ihrer Verlautbarungen mal nicht stringent in ihrer Vereinfachung für die Schnellschuss-Meinungsbildner in der Bevölkerung, schreit der journalistische Schreibtischhengst „Verrrbottten!!!“ Erzählen aber alle immer denselben Quatsch und gibt es permanent – am besten täglich – eine wohl angemessene Dosis an Realitätsumdeutung für die vierte Macht im Staate in die Äther zu streuen, dann fühlt sich der Verlagscharge froh und sicher in seiner Rolle. Und: Die Blätter, die Volksparteien, bestimmten Traditionslinien etc. zugeneigt sind, haben das Recht der Unkritisierbarkeit einzelner Angestellter auf ihrer Seite. Kritisieren Sie mal z.B. Hans-Ulrich Jörges in einer dieser Talkshows! Das geht ja gar nicht, das ist ja als hätten Sie die Meinungsfreiheit an sich angegriffen! Dabei schreibt der doch auch nur so, wie es seinen Scheffen gefällt. Ich mein: Wenn Sie Bäcker sind oder Designer, dann setzen Sie doch auch um, was Ihnen mal in den Kopf getrichtert

worden ist und nennen das ehrliches Handwerk. Aber wenn Sie nicht nur ihre Fingerfertigkeit, ihre Erfahrung, etc. in die Arbeit einbringen, sondern auch noch ihr Gesicht, ihre Gedanken, ihre Glaubwürdigkeit als mündiger Bürger: Na, dann darf das doch nicht in Zweifel gezogen werden, dass sie aber sowas von total unabhängig sind von Prägungen, Geld und den eigenen image politics…

So wurde der Spiegel plötzlich toll, die WAZ gefällt manchen plötzlich immer besser und mit fortschreitendem Alter setzt man sich wieder verstärkt für harte Prostitution ein. Und die Familie zuhause freut sich darüber. Man weiß ja wo man hingehört als vollkritische Lobby-Dienstleister. Und man spielt das Spiel wie das mit dem Weihnachtsmann vor den Kindern: „Das ist doch meine Meinung! Ich mach das nicht nur für Geld! Ich bin so!“ Nee, mensch ist für Geld und Ruhm (und so) so geworden. Wer dann aber so ein Christen-Ex-Kommunist-Papatyp oder so ist, der ist natürlich jedem Weltlichen abhold oder einfach echt schizo genug für diese Anforderungen. Man gibt ja nur dem Kaiser, was des Kaisers ist. Oder wie Claudia Roth sagte: „Der Joschka hat mir so oft gesagt, dass er als Außenminister jetzt deutsche und keine grüne Politik mehr macht!“ Das muss die gute Frau damals schwer beeindruckt haben, dass das so läuft mit gewählten Ämtern, dem Glauben des (auch innerparteilichen) Wahlvolks und der realpolitik. Aber was hätte der Rio nicht auch alles gemacht, wenn der König von Deutschland geworden wäre! Und genau das sind unsere Vorbilder, nicht nur für Kinder, auch für den Rest der Welt? Da runzelt der Weihnachtsmann aber etwas die Stirn und sagt sich letztlich: Ist doch gut, wenn die Menschen noch an was glauben. Man muss nur immer was Neues zum Dran-glauben im Köfferchen haben.

Zudem strahlt so ein doch etwas dubioses Verhalten natürlich ab auf die Leute auf der anderen Seite der diversen Glotzen, Screens und aufgeschlagenen Zeitungen (wobei immer mehr von denen ja wissen wie das ist, weil sie mittlerweile fast alle ihre „eigenen“ Medien haben). Also verübelt man es den Politikern sehr, aber den Medienvertretern weniger, wenn man hie und da seine vorgestern veröffentlichte Meinung aufgrund der „Fakten von heute“ im Grunde revidieren müsste. Zum Glück aber haben das von vorgestern die meisten schon vergessen oder sehen es eh alles nur als Infotainment, als leicht intellektualisiertes Balzgehabe, als Platzhirsch-Standard, als Job, zwanghaftes Verhalten oder Hobby. Oder die MedienkonsumentInnen empören sich ganz dolle über irgendwelche (theoretischen bis virtuellen) Lieblingsgegner, die ja wieder mal an allem schuld sind. Das können Parteien, Länder, Religionen, Firmen sein, Hauptsache „ich hab das ja schon immer gesagt aber von allem nichts gewusst“. Dann fordert man Kriegsbeteiligung, will aber die Flüchtlinge nicht haben. Fordert Sofortausstieg, muss aber erstmal Frankreich erobern, damit man seiner Tochter sagen kann, dass Papi und Mami auch von dort keinen Atomstrom beziehen. Dann will man nur solange eine Volksabstimmung, wie man auf der gefühlten Mehrheitsseite ist. Und genau da gehen all die Leute immer wieder hin: In die gefühlte Masse, da wo „wir alle“ uns nach Faktenlage doch wohl befinden müssten. Aber dann sieht es morgen schon wieder etwas anders aus, und man muss seine Meinung wieder öffentlich revidieren. Wir alle sind die Profs, die ihre Doktorarbeit lebenslang umschreiben müssen.

Gar nicht auszudenken übrigens, wenn Deutschland mal wieder irgendwo „voranschreiten“ würde, gefühlt zumindest (aber das reicht ja). Dann müssten die anderen auf der Welt ja folgen, und wenn nicht, dann sind halt Japan und so rückständig. Man überlege mal, welche Last die Franzosen anscheinend zu schleppen haben, weil sie ja allüberall für die einzig wahre Demokratie zuständig sind. Gut dass sich über die Zuständigkeit für Freiheit noch gestritten wird. Aber in Bezug auf Emanzipation, Ökologie, Lehren aus dem Faschismus, ja wer soll denn da wohl voranschreiten wenn nicht die Deutschen, wa?

Ansonsten ist zu berichten, dass der Autor dieser Zeilen sich nach wie vor bemüht, „last years things“ weiterhin äh aktiv nach vorne zu bringen, ganz einfach weil er sich dafür zuständig fühlt und es mag. Weil so ein paar Dinge zum Glück auch existieren, wenn sie nicht gerade Top-Thema sind. Weil man nicht immer auf jeden erstbesten Zug springt. Weil man agieren muss und nicht nur reagieren darf. Da gibt es einige Fackeln weiterzutragen, eine Reise zu organisieren, hier und da im Einflussbereich was zu unterstützen. Seien Sie froh, dass ich nicht zu viel darüber schreibe – so wird vielleicht auch was draus. So, und jetzt spar ich mal Strom.

Fotoreihe „Sonntagmorgen, Fensterblick“: Jens Kobler

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