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Lisbon Stories

Der Reporter, Fotograf und Filmemacher Martin Zinggl wirft in seiner „Gebrauchsanweisung für Lissabon“ ungewöhnliche Schlaglichter auf die die im Wandel begriffene Metropole und singt ihr das Hohelied des Fado. Ein  Minnelied an die Stadt am Tejo in 36 zärtlichen Strophen.

Eine Gebrauchsanweisung ist als Sachtext eine Sammlung von Informationen für Benutzer zum sicheren und bestimmungsgemäßen Umgang mit einem Produkt. Im besten Fall ist sie sinnstiftend, logisch im Aufbau und zielführend. Bereits 1978 kam  Watzlawicks „Gebrauchsanweisung für Amerika“  als Pilot für die erfolgreiche „Gebrauchsanweisungen-Reihe im Piper-Verlag auf den Markt. Seither erscheinen jährlich neue Titel, in denen ortskundige Autoren ihre Eindrücke und Geschichten der jeweiligen Orte aufschreiben und sich mit subjektiv-persönlichem Blick den Regionen auf ungewöhnliche und literarische Weise annähern.

Also eben keine Gebrauchsanweisungen im gewöhnlichen Sinne des Reiseführers, sondern die besondere Sichtweise des jeweiligen Autors steht im Vordergrund und dafür ist Zinggls „Gebrauchsanweisung für Lissabon“ ein großartiges Paradebeispiel:

Behauptet er selbst noch im Vorwort kühn, er sei kein hoffnungslos Verlorener, der sich unsterblich in Lissabon verliebt habe und von seiner Angebeteten nicht mehr loskomme, rudert er direkt anschließend zurück und bekennt, dass er immer wieder gerne aus seiner Heimatstadt Wien zur Schönen am Tejo zurückkehrt. Und er stimmt den Leser auf seine besondere Perspektive ein:

„Seit einigen Jahren erfindet sich Lissabon neu, ziehen Moderne und Kreativität in die portugiesische Hauptstadt ein, klopfen den jahrzehntealten Staub der Paralyse ab.“

Das spannende Aufeinandertreffen von Neuen und Altem in dieser Renaissance ist dementsprechend der Ariadnefaden auf seinem  flaneurhaften Weg durch das metropolische Labyrinth am Tejo. Von der besten Art des Ankommens in der Stadt geht es in einer Tour  phantastique über die einzigartige Küche samt erklärungsbedürftigen Service der Restaurants, die weltberühmten Trams den elétricos zur Unterstadt Baixa, von dort geht es nach einem Exkurs über den Fado zum besonderen Stadtteil der Alfama, wo Zinggl eine total überteuerte Bruchbude anmietet: Die Beschreibung seiner Verhandlung mit dem schlitzohrigen Vermieter Senhor Graciano entwirft ein so scharfes Bild der besonderen Eigenarten der Lisboetas sowie auf die speziellen Gegebenheiten und den Umgang mit Improvisation (in diesem Fall der angemieteten Bruchbude), dass der Leser dem literarischen Stil des Autors spätestens jetzt verfallen ist.

Das einmonatige (!) Fest zu Ehren der Sardine im Juni beschreibt eine besondere Facette der Lisboetas, deren Grundstimmung man gemeinhin eher mit dem Gefühl der speziellen Melancholie der Saudade in Verbindung bringen würde. Von der Skizzierung der Lissabonner Logik geht es zum Surfen an die Strände der Stadt, von dort über die Miradouros, die Hügel der Stadt und die ewige Frage, wie viele es denn nun tatsächlich seien, zur Duellfrage, ob Fernando Pessoa oder Luis de Camões nun der würdigere Nationaldichter sei. Die Zubereitung der populären Süßspeise pastéis de nata geht nahtlos über zu den Fußball-Aficionados, den Märchenwald von Sintra, die Azulejo-Kultur bis hin zum Estoril. Damit sind hier nur einige der 36 Kapitel subjektiv ausgewählt, in denen sich der besonderen Blick des Flaneurs Martin Zinggl auf die Stadt in poetisch-detaillierten Beschreibungen spiegelt.

„Lissabon verfügt wie jede andere Hauptstadt der Welt über wundervolle wie unschöne Facetten, aber sie hat zudem etwas, das mir bisher nirgendwo sonst aufgefallen ist: Lissabon ist ein Chamäleon, das sich an den Seelenzustand der Menschen anpasst. In jeder Stimmung zeigt sie ein anderes Gesicht – es ist nichts Greifbares, man kann es nur selbst erleben. Fühlen Sie sich beklemmt, verstärkt die Stadt Ihre innere Enge. Fühlen Sie sich frei, eröffnet sie Ihnen neue Horizonte. Begegnen Sie ihr mit Freude, beschenkt Sie Lissabon mit strahlend blauem Himmel, mit freundlichen Bewohnern, flotten Kellnern und ansteckender Gelassenheit.“

„Gebrauchsanweisung für Lissabon“ zeichnet sich insbesondere durch drei Dinge aus; die ungewöhnliche Auswahl der beschriebenen Orte, Stimmungen, Menschen und Menschlichkeit der Lisboetas. So beschreibt er in einem kurzen Kapitel den Lissaboner Regen, nachdem er zu Beginn die 2799 Sonnenstunden pro Jahr als einen der maßgeblichen Besuchsgründe genannt hatte. Das ist kein Widerspruch, denn die Poesie seiner Beschreibung evoziert im Leser geradezu den Wunsch zumindest einen Regentag oder wenigstens einen kleinen, adretten Regenschauer in Lissabon zu erleben. Behandelt er gängige Lissabon-Themen wie beispielsweise den Fado, so vermittelt er dem Leser immer eine besondere und andere Perspektive auf das Phänomen, so dass selbst als Folklore abgestempelte Kultur und Sehenswürdigkeiten in anderen Nuancen schimmern, der Leser geneigt ist, die eigenen Klischees zu hinterfragen und das Beschriebene neu für sich zu entdecken. Die zahlreichen Beschreibungen Orte jenseits der gängigen Touristenpfade lassen Entdeckerrherzen höher schlagen. Spätestens bei der Darstellung der Charakteristika der Lisboetas läuft Zinggl in Beschreibung von Szenen und authentischen Dialogen dann zu  Höchstform auf, so dass man sofort einen Portugiesisch-Kurs belegen möchte, um sich vor Ort mit den Lisboetas unterhalten zu können.

Zweitens ist es die literarische Sprachlichkeit Zinggls als dem modernen philosophischen Flaneur durch die Stadt, welche die Lektüre selbst bei der Schilderung von Problemen und Ambivalenzen wie Verkehrsinfarkt oder Overtourism zu einem Genuss macht. Und drittens strotzt diese Gebrauchsanweisung nicht nur von locker eingefügtem Wissen zur Stadtkunde und Stadtgeschichte, sondern macht mit ihren Verweisen auf zahlreiche Werke bekannter und unbekannter portugiesischer Autoren Lust, sich mit der portugiesischen Literatur eingehender zu befassen. Das knackige Literaturverzeichnis im Anhang bietet hierfür die wichtigsten Titel an, um damit loszulegen. Damit man anschließend auch in der Pessoa-Camões-Diskussion mitreden kann.

Nach den Reisebeschränkungen der letzten Monate sind wir innerhalb Europas wieder reisefrei. Martin Zinggls „Gebrauchsanweisung für Lissabon“ macht auf seine literarisch einzigartige Art und Weise ganz besondere Lust darauf, die Schöne am Tejo im Jahr 2020 neu zu erkunden. Dafü ein herzliches Dankeschön an den Autor. Obrigado, Senhor Zinggl!

Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Martin Zinggl: Gebrauchsanweisung für Lissabon.
München, 2. Juni 2020
224 Seiten
ISBN- 13: 978-3492277419  – € 15,00

Kindle Ausgabe Piper ebooks, München 2. Juni 2020
ASIN B081B7N58S  – € 12,99

Informationen zu Martin Zinggl: https://martinzinggl.com/

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