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Loveparade: Duisburgs OB Sauerland steht in Nibelungentreue zum eigenen Versagen

Pressekonferenz auf der Medienbrücke, kurz vor der Liveschalte zum BILD-Stream um 17.31 Uhr: Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nimmt in Gegenwart von Kreativitätschef Gorny und Spaßmaxe Pocher eine Prioritäts-SMS entgegen. Bild Meiser

Vielleicht verstehen wir den Mann einfach nicht. Vielleicht will Adolf Sauerland nur nicht so ein Weichei sein wie all die anderen, die sich vom Acker gemacht haben in den letzten Monaten.

Die zurückgetreten sind wegen lächerlicher Sachen, wegen mangelnden Respekts (Köhler), anderer Lebensplanung (Koch), lockender Sandstrände (von Beust), besoffenen Autofahrens (Käßmann) und geschwundener Lieblichkeit (Jepsen). Die beiden Letztgenannten dürften für Sauerland kein Maßstab sein. Sie sind Frauen, noch dazu evangelisch, naja. Wegen Suffs am Steuer hätte sich jeder katholische Bischof rausgeredet mit dem Argument, da müsse etwas schief gegangen sein mit dem Messwein bei der Wandlung.

Sauerland ist der letzte Kerl in der CDU, der sich seiner Verantwortung stellt, der Kohls Aussitzen neu interpretiert als Festkrallen notfalls mit Gewalt, der in Nibelungentreue zum eigenen Versagen steht, als handele es sich dabei um ein Projekt der Kulturhauptstadt. Wahrscheinlich verbringt er die nächsten Nächte schlaflos, weil er auf den Anruf der Kanzlerin wartet, die ihn gefälligst mal mit Lob überschüttet für sein Durchhalten. Das ist sauerländische Starrköpfigkeit, wie man sie am Niederrhein nie vermutet hätte.

Von atemberaubender Schönheit ist Sauerlands Argument, nur durch sein Verweilen im Amt könne er zur Aufklärung beitragen. Dass sich auch Verbrechen besser aufklären lassen, wenn die Hauptakteure im Knast kunstvoll befragt werden, hat ihm nur noch keiner gesagt.

Es geht ihm doch nur um die Stadt, die sich für den Tatort-Kommissar Schimanski erst schämte, ihn dann an die Brust drückte und schließlich beweinte, als er 1991 am Drachen entschwebte. Vorbei war es mit dem Alleinstellungsmerkmal des quotenbringenden Tötens, unterbrochen nur von den seltenen Schimmi-Comebacks und den Mafiamorden 2007.

Jetzt ist die Stadt endlich wieder in den Schlagzeilen, wird sich Sauerland bis Samstagabend gedacht haben und danach, dass schlechte Schlagzeilen immer noch besser sind als gar keine Presse. Dafür geht er durch die Hölle und über 20 Leichen, bis zur Selbstverleugnung und darüber hinaus. Schuld hat er nicht, vorläufig, vielleicht ist alles eine Täuschung, die Toten gab es gar nicht, die Loveparade hat nie stattgefunden, jedenfalls nicht in dieser Stadt, deren Namen ihm gerade entfällt. Nur Oberbürgermeister ist er noch. Das zählt.

Nicht zählen kann er auf alte Kumpels. Widerlich muss ihm ein Panikforscher mit dem klingenden Namen Schreckenberg sein, der erst das Sicherheitskonzept auf absurde Art lobt, um wenig später die Wende zum einzig kundigen Kritiker hinzulegen. Zufrieden kann er sein, dass er nicht so ist wie das Kulturdreigestirn Pleitgen, Scheytt und Gorny, das erst die Loveparade knutschte, als sei es komplett auf Ecstasy, um nach der Flucht durch luxuriös ausgelegte Notausgänge darauf hinzuweisen, nur rein zufällig von diesem Event in der Zeitung gelesen zu haben. Noch vor Wochenfrist sabberten die Offiziellen auf der gesperrten A40 vom emotionalen Gründungsmoment der Metropole Ruhr. Die Toten gab es dann sechs Tage später woanders, in dieser Schmuddelstadt kurz vor Holland, irgendwo an der Rheinschiene, in äh… Duisburg.

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10 Kommentare zu “Loveparade: Duisburgs OB Sauerland steht in Nibelungentreue zum eigenen Versagen

  • #1
    Ex-Linker

    Danke für diesen Text. Er ist so nötig. Doch die Beteiligten wird auch dieser Beitrag nicht erreichen. Denn sie sind zu sehr in Ihrer Selbtsverliebtheit, Großmannssucht und Chrakterlosigkeit mit sich selbst beschäftigt, als dass sie einsehen könnten, dass sie politisch und moralisch Verantwortung zu übrnehmen haben.

    Schlimmer noch. Ausgerechnet jener TV-Journalist, der von solchen uneinsichtigen Gestalten als Kommentator früher den Rücktritt gefordert hätte, ausgerechnet dieser ehemalige Medienschaffende, der sich selbst zu einer Moralinstanz machte, reagiert der Kultur-Pilatus aus Essen nun mit plumpen Worthülsen, wie dieser: Er fühle sich “moralisch mitverantwortlich” an der Tragödie. Eine persönliche Konsequenz aus dieser Phrase folgt indes nicht. Pleitgen tritt weder zurück, noch erklärt er das Ende der “Kulturhauptstadt”. Vielmehr bekundet er mit Pathos, “die Kulturhauptstadt zu einem e r f o l g r e i c h e n Ende” führen zu wollen.

    E r fo l g r e i c h ? Mein Gott, Pleitgen, wie verblendet sind Sie eigentlich in Ihrem Kultur-Wahn: Das ist n i c h t mehr möglich! Oder wie wollen Sie 20 Tote, und mehr als 500 Verletzte, die auch Sie moralisch zu verantworten haben, ungeschehen machen ? Die Schlagzeilen ausradieren, Zeitungen verbrennen, Bildmaterial löschen, so wie es die Bundespolizei bereits getan haben soll ?

    Was für ein Hohn, was für ein Spott steckt inder Absichtserklärung dieses selbtgefälligen, großmannssüchtigen, eitlen und charakterlosen ehemaligen TV-Journalisten, der unbedingt an dem Rest-Programm der “Kulturhauptstadt” festhalten will. So wie schon zuvor an der Loveparade. Koste es was es wolle – un wenn es Menschenleben ist.

    Scheytt, sein Komplize, ist auch nicht besser: Nie habe die “Ruhr 2010” in Duisburg gesagt “Ihr müßt”, rechtfertigt er sich.

    Was ist dieser Mann nur widerwärtig verlogen! Natürlich hat die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Druck ausgeübt. Natürlich hat Kulturdirektor Gorny von den Duisburgern Kommunalpolitikern im Einklang mit den beiden Geschäftsführern der “Ruhr 2010” gefordert: “Ihr müßt”! War es doch Gorny selbst, als die “Loveparade” fast schon abgeblasen war, der kaltschnäuzig die Stadt wissen ließ, dies sei dann “eine Ohrfeige für das ganze Ruhrgebiet”. Und es war Gorny, der im Einklang mit seinem Geschäftsführer, Politiker auf lokaler und Landesebene wissen ließ: Die Loveparde ist Bestandteil der “Kulturhauptstadt”. Das ist kein Druck ? Das ist kein “Ihr müßt” ?

    Nein. Pleitgen und Scheytt geht es längst nicht mehr um das Ansehen des Ruhrreviers. Es geht beiden ausnahmlos nur noch um sich selbst. Pleitgen, Scheytt und die gesamte “Ruhr 2010”-Korona haben das Image des Ruhrgebietes w e l t w e i t mit ihrer Mediengeilheit, ihrem Wahn nach “starken Bildern” auf Jahrzehnte ramponiert. Und zerstören das so schon zerkratzte Image mit ihrem “The Show must go on” munter weiter. Niemand mehr will sich weiter von diesen beiden “Bessenenen” besoffen reden lassen. Denn längst haben die Menschen hierzulande, aber auch beispielsweise in Spanien, Australien, China – weitere Heimatländer der Opfer – erkannt, dass im Ruhrgebiet charakterlose, selbstssüchtige Politiker und Funktionäre Profitgier und Geltungssucht leichtfertig über die Sicherheit von Menschenleben gestellt haben. Und sich nun auch noch vor dieser Verantwortung drücken!

    Pleitgen ist da nicht besser als Sauerland, der lange Fritz duckt sich ebenso weg. Und er mag, wie Sauerland, persönliche briefe, in denen nach der persönlichen moralischen Verantwortung gefragt wird, ebenso wenig beantworten. Verantwortung zu beantworten. Ich schäme mich für diese Ignoranten, die immer noch nicht begriffen haben, was Sie den Toten, ihren Angehörigen und der trauernden Gesellschaft schuldig sind: ihren Abgang!

    Deshalb fordere ich nun die Ministerpräsidentin dieses Landes auf, Kraft ihres Amtes das Ende des “Kulturhauptstadtjahres” unverzüglich zu erklären. Das verbleibende Budget sollte einem Fond zugunsten der Opfer und deren Angehörigen der Duisburger Todesparade zugeführt werden. Das wäre die einzige noch verbleibende angemessene Reaktion, nachdem nun keiner dieser widerwärtigen Kulturkraten von sich aus bereit ist, Verantwortung zu nehmen. Frau Kraft: Handeln Sie wenigstens – jetzt!

  • #2
    crusius

    http://www.derwesten.de/kultur/musik-und-konzerte/loveparade/Sauerland-kannte-Details-der-Sicherheitsbedenken-id3291912.html

    Kein weiterer Kommentar nötig…

  • #3
    Hans Czinzoll

    Auch diese erregten Sätze erklären sich dadurch, dass der Status der Banananen Republik Deutschland teilweise noch immer nicht realisiert wurde.

  • #4
  • #5
    Dirk Schmidt

    Ex-Linker hat wohl keinen Plan. Kraft könnte das Kulturhauptstadtjahr nicht einfach absagen, selbst wenn sie wollte. Da gibt es mehrere Beteiligte und Entscheidungsgremien. So ist das in einer nicht nur nominellen Demokratie.

  • #6
    Ex-Linker

    #5

    Nein ? Wenn politischer Druck dazu führte, dass die Loveparade unter den widrigen Umständen stattfinden konnte, dann ist es wohl auch möglich, mit politischem Druck das Ende der Kulturhauptstadt herbeizuführen!

    Oder wollen Sie wirklich demnächst in der Mercatorhalle von Duisburg internationale W i e g e n l i e d e r hören, wie es von der Kulturdirektorin Asli Sevindim – sie ist übrigens immer noch Moderatorin der Aktuellen Stunde – nach wie vor geplant ist ? Wie geschmacklos darf die Fortführung der “Kulturhauptstadt” denn nun noch werden ?

    Wie kann bitteschön bei der Zahl der Toten diese “Kulturhauptstadt” noch e r f o l g r e i ch beendet werden ? (wie der Kultur-Pilatus aus Essen jetzt kaltschnäuzig erklärte) Wieviel Heuchelei müssen wir eigentlich noch von diesen kulturbesoffenen, selbstverliebten und großmannssüchtigen Ignoranten wie Pleitgen und Co ertragen ?

    Reicht die dargebotene Schmierenkomödie immer noch nicht ? Ist der angerichtete Schaden noch nicht groß genug ?

    Natürlich ist diese Ministerpräsidentin, die ebenfalls diese Loveparade unbedingt wollte, nun gefordert, sich dafür einzusetzen, dass der Wahnsinn “Kulturhauptstadt” beendet wird. Es kann nicht mehr gescheytt sein, wenn das Pleit(g)en-Drama theatralisch fortgesetzt wird.

    Es wäre aber eine – wohl die einzig noch verbleibende – Geste des Anstandes, wenn das noch vorhandene Rest-Budget der “Ruhr 2010” in eine “Stiftung für die Opfer der Kulturhauptstadt 2010” geführt würde, damit wenigstens die Angehörigen der Opfer und die vielen traumatisierten Verletzten eine unbürokratische erste finanzielle Hilfe erhalten. Oder wollen diese Kulturkraten mit dem fehlenden Verantwortungsbewußtsein auch noch die Opfer nötigen, jahrelange Prozesse führen zu müssen ?

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  • #8
    Herjeh2010

    Schon Anfang 2009 sind Kritiker gnadenlos kaltgestellt worden.
    So auch Rolf Cebin, der frühere Polizeipräsident.

    http://www.rp-online.de/niederrheinnord/duisburg/nachrichten/duisburg/Polizeichef-muss-weg_aid_671613.html

  • #9
    Arnold Voss

    Interessant ist auch wie die Hauptmatadoren mit den Zahlenschätzungen der Besucher umgehen. Noch bis kurz vor der Katastrophe wurde die Millionen immer locker überschritten und euphorisch begrüßt. Jetzt werden es von Tag zu Tag weniger und die Polizei spricht neuerdings “nur” noch von 400.000.

    Bei den anderen beiden Loveparades in Essen und Dortmund haben sich die Sicherheitskräfte immer gerne und immer weiter, zu liebe der Veranstalter, nach oben korrigiert, obwohl dabei Zahlen herauskamen, die jeden Experten in Anbetracht der realen baulichen und räumlichen Verhältnisse in diese beiden Städte in absolutes Erstaunen versetzten.

    Aber es ging den Veranstaltern und Promotoren ja nicht um die Wahrheit sondern um den unbedingten “Beweis”, dass das Ruhrgebiet die Berliner Zahlen noch übetrumpfen kann. So war die Überschreitung der Millionengrenze, schon bevor überhaupt jemand in Duisburg angekommen war, mediale Pflicht.

    Und mittlerweile glaubten sich die Großsprecher der Kulturhauptstadt, besoffen vom Erfolg des Stillebens A 40, dessen Zahlen auch niemand ernsthaft überprüft hat, in ihrer Hybris sowieso alles, was sie von sich geben, und niemand hatte noch die Traute ihnen zu widersprechen.

    Die Wahrheit der Zahlen liegt auch dieses fürchterliche Mal in Duisburg irgendwo zwischen 1,4 Millionen und 400.000. Aller Wahrscheinlichkeit sogar viel näher an der untere als der oberen Grenze, denn die früheren Zahlen waren nach meiner Einschätzung allesamt viel zu hoch über der Realität angesiedelt.

    Was diese mediale Zahleneuphorie betrifft, zeigt sie aber mehr als deutlich, dass den Veranstaltern die Zahl als solche viel mehr Wert war als das, was sie für die real damit verbunden Menschemassen in Echzeit und Echtraum bedeutet, wenn die Sache nicht reibungslos läuft.

    Ihnen konnte das auch egal sein, weil sie selbst diese Dichte und die damit verbundenen Ängste auf Grund ihrer VIP-Privilegien in der Regel nie oder nur sehr begrenzt ertragen müssen und mussten. Sie müssen auch nicht die unglaubliche psychische und arbeitsmäßige Belastung derer tragen, die bei “ihren” Mega-Events für die Sicherheit und Ordnung zuständig sind. Stattdessen wird diesen Frauen und Männern von ihnen gerne Mal menschliches Versagen vorgworfen, wenn es vor Ort schief geht.

    Insgesamt , und das ist die grausame und zugleich traurige Wahrheit von Duisburg, hätten unter den nun bekannten Bedingungen die von den Veranstaltern gewünschten Zahlen, wenn sie denn wirklich erreicht oder zu ihrer medialen Freude noch überschritten worden wären, noch zu weit mehr Toten und Verletzten führen können.

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