7

Mafia: „Weggucken kostet nichts“

mafia

Sie ist bei jedem größerem Bauprojekt dabei, ihre Bosse machen gute Geschäfte und schätzen, dass man sie in Ruhe lässt: Die Mafia ist in Deutschland präsent, aber Politik und Polizei ignorieren die Gefahr. Das ist das Ergebnis einer gemeinsame Recherche der Funke-Mediengruppe (WAZ), Spiegel-Online und des WDRs.    Heute wurde eine umfangreiche Internetseite mit den Rechercheergebnissen freigeschaltet, die ARD zeigt heute um 20.15 Uhr die Dokumentation “Vorsicht Mafia-Wie kriminelle Banden Deutschland bedrohen” und WAZ, Der Westen und Spiegel-Online berichten ausführlich über die Mafia. Auf Seiten der WAZ hat David Schraven an diesem Projekt mitgearbeitet.   

Ruhrbarone: Du hast für das gemeinsame Projekt von WAZ, Spiegel und WDR den Mafia-Killer Giovanni Rossi interviewt, dem Deutschland den Einstieg in das Zeugenschutzprogramm verweigert hat. Wie geht es Rosse heute?

David Schraven: Er ist untergetaucht. Ich hoffe ihm geht es gut, nachdem er nicht in den Zeugenschutz gekommen ist.

David Schraven

David Schraven

Ruhrbarone: Ist der Umgang mit Rossi ein Beispiel dafür, wie die Mafia in Deutschland unterschätzt wird?

Schraven: Ja, ich denke schon. Er konnte Aussagen zur Struktur der Mafia in Deutschland machen. Doch das reichte den Staatsanwälten nicht, ihn in den Zeugenschutz zu nehmen. Weil es in Deutschland – anders als in Italien – keinen Straftatbestand Mafioso gibt. Das macht die Verfolgung sehr schwer. Denn erst, wenn man hart und mit großem Besteck gegen die Mafia ermittelt, mit Abhörmaßnahmen und Finanzermittlungen, kann man erkennen, was sie wirklich tut.

Ruhrbarone: Welche Rolle spielt Deutschland für die Mafia?

Schraven: Eine große in meinen Augen. Wir haben Verbindungen in die Rockerszene gefunden. Wir haben Kontakte in die Politik gefunden. Wir wissen, dass sie Schwarzgeld produziert und weiterreicht. Was wir nicht wissen, wer wird damit bestochen? Wer kassiert mit? Hier beginnt das große Graufeld. Wenn wir ehrlich sind, sehen wir nur ein ganz kleines Stück des Problems. Die Kriminalpolizei legt es in der Regel nicht drauf an, die Strukturen der Mafia mit allen Mitteln zu durchleuchten. Es ist billiger und leichter das Phänomen klein zu reden. Alleine die Übersetzer für eine Abhöraktion von wenigen Tagen kosten schnell über 100.000 Euro. Weggucken kostet nichts.

Ruhrbarone: Ein Versagen auch der Politik, die sich ja in ihrer Sicherheitsrhetorik ansonsten überschlägt?

Schraven: Ich denke ja. Die Politik müsste sich viel intensiver mit den Verbrecherbanden beschäftigen, die strukturell den Staat schädigen. Rocker sind böse; aber sie bescheissen die Sozialkassen nicht um Milliarden Euro. Das macht aber die Mafia auf lange Sicht, wenn sie die Schwarzarbeit auf den Baustellen der Republik organisiert. Die Rocker stehen am Ende der Drogenkette, sie nehmen und verkaufen die Drogen im kleinem Provinzkino. Im großen Kino als Hollywood importiert die Mafia das Zeug aus Lateinamerika. Das System der Mafia muss durch Aufklärung und Angriffe auf ihre Strukturen lahm gelegt werden. Da steht Deutschland in der Pflicht, weil sich hier die Mafia breit macht.

Ruhrbarone: Das Mafia-Projekt ist das Ergebnis einen Zusammenarbeit von Spiegel-Online, dem WDR und der WAZ. Warum hat nicht einer dieser drei das alleine gemacht? Immerhin seit ihr ja ansonsten Konkurrenten?

Schraven: Ich denke, es gibt Projekte, die von ihrer Größe her zu groß sind für einen alleine. Diese Mafia-Geschichte hätte keiner alleine gepackt. Wir von der Funke Mediengruppe aus können keinen Film machen. Spiegel Online hat eigene Kompetenzen eingebracht, die wir hier einfach nicht haben. Alle zusammen konnte wir das beste aus der Story herausholen. Ich finde, das ist uns ganz gut gelungen. Konkurrenz ist prinzipiell gut – aber manchmal kommt man mit Kooperationen weiter.

Ruhrbarone: Sind weitere Projekte in dieser Dreierkonstellation geplant?

Schraven: Erstmal haben wir nichts auf dem Tisch. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass man ähnlich große Geschichten in Kooperationen verschiedener Medien anschiebt. Mal sehen, was wird. Ich denke, da kommen schon noch ein paar dicke Dinger.

RuhrBarone-Logo

7 Kommentare zu “Mafia: „Weggucken kostet nichts“

  • #1
    keineEigenverantwortung

    Weggucken kostet.
    – Schwarzarbeit bedroht viele Arbeitsplätze und gefährdet die Sozialsysteme.
    – Warum haben wir immer noch manipulierbare Kassensysteme?
    – Warum stehen bspw. in Dortmund immer noch viele Menschen am Strassenrand und warten auf Arbeit?

    Weggucken ist einfacher für die Behörden und für die Politiker. Langfristig wird aber der Staat zerstört. Mexiko lässt grüßen.

    Dass Behörden große Ressourcen zur Verfügung stellen können, zeigt unsere Polizei doch morgen wieder beim großen Blitzen.
    Man muss halt Prioritäten setzen. Das gilt auch für die Medien, die diese Show wieder seit Tagen verfolgen.

    Wie sieht es doch gleich noch mit den Einbruchszahlen aus?

  • #2
    KClemens

    Das ist ja schön, daß noch einmal recherchiert wurde, aber das hat Jürgen Roth schon vor Jahren mit „Deutschland Clan“ getan.

    http://www.mafialand.de/

    Und es gibt etliche Bücher, die sich mit dem Thema Europa Mafia befassen.

  • #3
    Hank

    Das Problem mit verschiedenen Verbrecherbanden ist in der Tat länger bekannt, spätestens aber nach den Morden von Duisburg ins Bewußtsein gerückt.
    Es ist kein Rückzugs- oder Ruheland wie es oft dargestellt wird sondern ein aktiver Raum der organisierten Klans.
    Wieso die Politik nicht handelt ist mir ein Rätsel. Ich will hier nicht zu weit gehen und nehme einfach mal Ignoranz oder Bequemlichkeit an.
    Wenn in den Klans “ Deutschland das Land der Idioten“ ein gängiger Begriff ist besteht dringender Handlungsbedarf.

  • #4
    Frank

    @#3 Hank:
    Warum die Politik nicht handelt, hat David Schraven doch beantwortet..

  • #5
    KClemens

    @#4 | Frank

    Das ist aber nicht der einzige Grund. Was in dem Zusammenhang nicht berücksichtigt ist, ist die Tatsache, daß seit 2001 alle nur noch im „War on Terror“ sind, und alles andere dabei hinten ‚runterfällt.

  • #6
    Hubi

    Sehr gute und mutige Recherche.

    Hoffentlich wird David Schraven dafür nicht irgendwo einbetoniert.

    🙁

  • #7
    Puck

    Das Problem ist nicht neu – daß es von Polizei und Politik weitgehend ignoriert wird leider auch.
    Wird gerne verharmlost mit den „üblichen Durchstechereien“ auf dem Bau – als wenn die nicht schlimm genug wären.
    Das Wegsehen fällt natürlich auch leicht, weil sich die Mafia im Gegensatz zu (Süd)Italien mit spektakulären Aktionen zurück hält. Ich bin mir gar nicht mal sicher, ob die 5 Toten von Duisburg der „Ehrwerten Gesellschaft“ gefallen haben. Nicht aus moralischen Grünen, Moral kennen die nur in einschlägigen Filmen…
    Die meisten Zeitgenossen denken bei „Mafia“ ja immer noch an Herren in Nadelstreifen und Borsalino, die mit Thompson-Submashine-Guns herumballern oder (wie in Neapel passiert) der Witwe ihres letzten Mordopfers den abgeschnittenen Kopf des Gatten auf den Beifahrersitz des Wagens legen.
    Man hält sich mit Gewaltaktionen tunlichst zurück.
    Diese irrige Sichtweise kommt der Mafia sehr gelegen. 5 Tote vor einer Pizzeria stören da durchaus den Betrieb. Das könnte schlafende Hunde wecken.

    Jeder, der schonmal mit der Bauwirtschaft zu tun hatte, weiß warum grundsätzlich jeder Bau erheblich teurer wird als vorher geplant – in einer Höhe, die mit der üblichen Verzögerung zwischen Planung und Baubeginn und unverhersehbaren Gegebeneiten, die auf jeder Baustelle mal zu finden sind, nicht zu erklären ist.

    Außerdem ist in Fachkreisen seit längerem bekannt, daß die Mafia einen Großteil ihres Gewinnes mit erschlichenen Agrarsubventionen bestreitet, auch eine Sache, die enormen Schaden anrichtet, aber nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit ist.

    Nein, neu ist das alles nicht.
    Das beschrieb schon Dagobert Lindlau in seinem Buch „Der Mob“ – im Jahre des Herrn eintausenneunhundertsiebenundachtzig…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.