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Mal verhasst, mal geliebt – Kraftwerk ist offenbar längst nicht gleich Kraftwerk

Das Kraftwerk Knepper kurz vor der Sprengung. Foto(s): Jürgen Steinfelder

Heute Mittag war es dann endlich soweit. Mit rund 200 Kilo Sprengstoff wurde das alte Kraftwerk ‚Knepper‘, gut vier Jahre nach seiner Stilllegung, dem Erdboden gleich gemacht.

Zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel gelegen, prägte das Bauwerk über Jahrzehnte hinweg die Skyline längs des Autobahnkreuzes von A45 und A42, war im östlichen Ruhrgebiet von Millionen Menschen tagtäglich zu sehen.

Jeder, der im Ruhrgebiet beheimatet ist, dürfte mit dem Meiler, auf die eine oder andere Weise, mehr oder weniger vertraut gewesen sein.

Seit heute Mittag fehlt da offenkundig ein Stück Industriegeschichte des Ruhrgebiets am Horizont. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne. Überraschender Weise, und ganz im Gegensatz zu den unmittelbaren Anwohnern rund um den juristisch umstrittenen Meiler ‚Datteln 4‘ nur wenige Kilometer weiter, äußerten sich die Nachbarn des alten Kraftwerks hier überwiegend traurig und sentimental, ob des nahenden Endes der riesigen ‚Dreckschleuder‘ in ihrer Nachbarschaft.

Teilweise hatten die Anwohner kurz vor der Sprengung sogar Tränen in den Augen, waren gerührt von dem angekündigten Ende des riesigen Baus in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Wohnhäuser. Statt sich über die ‚Befreiung‘ von der erdrückenden Wirkung zu freuen, waren hier viele wehmütig, redeten gar von einem Stück Heimat und Vertrautheit, das nun verloren gehen würde, Teile ihres Lebens geprägt hätte.

Wie solche Worte wohl in der Meistersiedlung von Datteln ankommen, wo man sich seit über einem Jahrzehnt gegen die Inbetriebnahme des neu errichteten Kraftwerks ‚Datteln 4‘ wehrt, mit mahnenden Worten genau von der Wirkung spricht, die die Bürger in Castrop-Rauxel nun offenbar in der Zukunft vermissen werden?

Die Welt ist manchmal schon kurios!

Das ehemals von E.On betriebene Kraftwerk an der Stadtgrenze von Dortmund und Castrop-Rauxel war 2014 übrigens wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt worden. Eine Eigenschaft, die auch für den Bau in Datteln schon vor einer Inbetriebnahme vorhergesagt wird, den Bauträger Uniper bislang aber nicht von seinen Plänen abbringen konnte.

Das Kraftwerk ‚Knepper‘ war ursprünglich übrigens im Jahre 1971 in Betrieb gegangen. Auf der insgesamt 59 Hektar großen Fläche soll in den nächsten Jahren ein Gewerbegebiet entstehen.

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2 Kommentare zu “Mal verhasst, mal geliebt – Kraftwerk ist offenbar längst nicht gleich Kraftwerk

  • #1
    ke

    Klasse Fotos, insbesondere das Titelfoto.

    Bisher wusste ich immer, dass ich leicht rechts neben dem Kraftwerk wohne, wenn ich bspw. auf Halden, Gasometern etc. war. Das entfällt jetzt. Ebenso fehlt eine Orientierung bei Radtouren etc.

    Irgendwie ist es wahrscheinlich wie mit einer ungewollten Schwangerschaft. Wenn es dann da ist, liebt man seine Umgebung/Familie, was auch immer andere dazu sagen.

  • #2
    Robert Müser

    Nun der Kasten liegt in Trümmern, bleibt zu hoffen, dass der Namensgeber des Kraftwerkes "Gustav Knepper" damit auch der Geschichte angehören wird. Die Person Kneppers als Großindustrieller ist wg. seiner politischen Einstellungen in der Weimarer Republik wie in Zeiten des Nationalsozialismus kritisch zu hinterfragen. Nachgewiesen ist seine Teilnahme an der Tagung der Harzburger Front, weiterhin hatte er durch seine Tätigkeit in diversen Gremien der Ruhrindustrie enge Kontakte zu führenden Industriellen wie Albert Vögler oder Fritz Springorum, die nach heutigem Stand der Dinge eine Nähe zum Nationalnationalismus gehabt haben.

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