Mehr Tränen, weniger Taktik? – Wie emotionalisierende Berichterstattung dem Frauenfußball schadet

Foto: Robin Patzwaldt

Im modernen Fußball sind Emotionen allgegenwärtig – bei Männern wie bei Frauen. Doch ein Blick auf die mediale Berichterstattung offenbart, insbesondere auch wieder heute, am Tag nach dem Aus der DFB-Auswahl im EM-Halbfinale gegen Spanien, ein auffälliges Ungleichgewicht: Während im Männerfußball Taktik, Spielsysteme, Transfersummen und Trainerdiskussionen dominieren, konzentriert sich die Berichterstattung über Frauenfußball überdurchschnittlich häufig auf Emotionen – und insbesondere auf Tränen.

Warum weinen die Spielerinnen? Wer weint mit? Wie emotional war die Niederlage oder der Sieg? Fragen wie diese prägen zu oft die Schlagzeilen, während sportliche Analyse und strategische Tiefe in den Hintergrund rücken.

Diese Tendenz ist problematisch – nicht etwa, weil Emotionen im Sport keinen Platz hätten, sondern weil sie im Falle des Frauenfußballs allzu oft zur redaktionellen Hauptsache gemacht werden. Wer regelmäßig Spielberichte oder Turniernachbetrachtungen liest, wird feststellen, dass Frauenfußball häufiger mit Begriffen wie „Kämpferherz“, „Mut“, „Zusammenhalt“ oder eben „Tränen“ beschrieben wird, während beim Männerfußball Begriffe wie „Pressinglinie“, „xG-Wert“ oder „Ballzirkulation“ dominieren. Die emotionale Aufladung der Berichterstattung reduziert Spielerinnen oft auf ihre Rolle als „leidende Heldinnen“ – auf Kosten ihrer sportlichen Professionalität.

Diese Form der Darstellung ist kein Zufall, sondern Ausdruck tiefer verankerter Stereotype. Frauen gelten in weiten Teilen der Öffentlichkeit nach wie vor als emotionaler, verletzlicher und weniger rational – auch wenn sich die Realität auf dem Platz längst anders zeigt. Dennoch scheint es für viele Redaktionen naheliegender, eine weinende Verteidigerin nach dem Abpfiff ins Bild zu setzen als eine brillante taktische Umstellung während des Spiels zu analysieren.

Dabei schadet diese Art der Berichterstattung nicht nur dem Ansehen der Spielerinnen, sondern auch der Entwicklung des Frauenfußballs insgesamt. Denn wer sportliche Leistungen stets hinter emotionalen Erzählmustern versteckt, verhindert, dass Frauenfußball als ernstzunehmender Teil des Leistungssports wahrgenommen wird – mit all der analytischen Tiefe, die ihm gebührt.

Es braucht also dringend ein Umdenken: Medien sollten den Frauenfußball, bei allen bestehenden Unterschieden zu dem ihrer männlichen Kollegen, nicht mit einer anderen Brille betrachten als den Männerfußball. Emotionen gehören dazu – aber sie dürfen nicht das Leitmotiv der Berichterstattung sein. Spielerinnen sind keine „anderen“ Sportlerinnen, sondern einfach nur: Sportlerinnen. Punkt.

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