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Metropole Ruhr – „A hot place to pee”

Das Ruhrgebiet leuchtet, so stark, dass man es aus dem Weltall sehen kann, neben Paris und London. Ansonsten wird Europa seinem Ruf als der dunkle Kontinent gerecht.

Das soll uns ein vermeintliches Satellitenbild weismachen, eine eigentlich lustige Grafik der Agentur cp/compartner, die immer wieder verbreitet wird von Ruhrgebietsliebhabern, denen dabei Freudentränen und Lobeshymnen aus dem Kopf quellen. Vor ein paar Tagen noch druckte die WAZ die Grafik als „Foto“ ab und verlieh damit dem PR-Gag einen Echtheitsbonus, der eines endlich erklärte: Warum Außerirdische gerne mal im Schrebergarten von Bottroper Hausfrauen gesichtet werden, aber nie bei Frau Merkel im Bundeskanzleramt. Ließ das bislang an der Intelligenz des Lebens im Weltall zweifeln, wird nun klar: Die sind gar nicht doof, die sehen Berlin da oben einfach nicht, weil die Hauptstadt die Lampen nicht an hat. Vielleicht sollen Außerirdische mit dem Leuchtbild auch nur eingeladen werden, ihren nächsten Betriebsausflug auf Zeche Zollverein zu verbringen statt schon wieder auf Alpha Centauri.

Drei heftige Lichtdetonationen sehen wir, so als feierten zeitgleich Paris den Nationalfeiertag, London das Thronjubiläum und das Ruhrgebiet Cranger Kirmes mit Höhenfeuerwerk. Schon ein Blick in den Kalender hätte genügt, den Schwindel zu entlarven. Die drei feiern nämlich nie zusammen an einem Tag. Aber der Wunsch nach Bedeutung ist größer als ein Restbezug zur Wirklichkeit.

Dass Oliver Scheytt lächelnd diesen Drei-Metropolen-Unfug verbreitete auf seiner von Dinslaken bis Unna führenden Roadshow für die Ruhr.2010, dass eine stolze Regionalzeitung den Quatsch wiederholt druckt – geschenkt. Aber als der Rektor der Ruhruni Bochum, Professor Dr. Elmar Weiler, immerhin ein Naturwissenschaftler, diese Lüge Kollegen in den USA auftischte und anschließend in der reflexstolzen Regionalzeitung davon berichtete, kamen mir zwei Gedanken: Amerikaner sind doch sehr höfliche Menschen und es gibt doch Gründe dafür, dass es Bochum nie zur Elite-Universität geschafft hat.

Ein Anruf beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, und ein freundlicher Physiker schickt dir ein hochaufgelöstes Nachtbild von Europa, auf dem selbst die Metropole Ballermann mit der Metropole Ruhr mithalten kann.

Wirklichkeit passt den Pott-Metropoliten nicht ins Konzept. Einrichtungen wie die Ruhr Tourismus GmbH setzen lieber auf die These, nicht mehr Paris, London oder Barcelona, das Ruhrgebiet sei nun „a hot place to be“. Wo doch jeder weiß, „a hot place to pee“ käme der Sache näher. Ernst nehmen kann ich die Ruhrtouristen nicht mehr, seit sie damit begannen, Gewinnern von Preisausschreiben Reisegutscheine in die Hand zu drücken – für ein Musical in Hamburg. Andererseits lassen die sich manchmal auch pragmatische Sprüche einfallen, etwa um holländische Touristen anzulocken. Dann leuchtet auf dem Weltall-Bild der Broschüre der gesamte Benelux-Raum kaum dunkler als das Ruhrgebiet, begleitet von dem Satz: „Het Ruhrgebied – geen kust, geen bergen, geen problem!“

Nein, das Ruhrgebiet ist keine Metropole. Das Ruhrgebiet gibt es gar nicht. Wir bleiben zersplittert: Wir haben zwei Landschaftsverbände, drei Regierungspräsidenten, vier katholische Bistümer, fünf Universitäten, sechs Profifußball-Mannschaften (wenn man Ahlen mitzählt), 13 Großstädte und 40 weitere Gemeinden, macht 53 Städte. Demnächst haben wir 178 citynahe Shopping Malls und müssen feststellen, dass es auf der ganzen Welt nicht genügend Holländer gibt, die auch mit Kunden zu versorgen. Selbst die Grenze zwischen Aldi-Nord und Aldi-Süd geht mitten durchs Revier, wobei Aldi-Süd bei uns im Westen und Aldi-Nord im Osten liegt. Wahrscheinlich verläuft auch irgendwo zwischen Dortmund und Bochum die Datumsgrenze, und demnächst führt Gelsenkirchen den Linksverkehr ein.

Immerhin: Die Lichtverschmutzung ist selbst im Ruhrgebiet schon heute so stark, dass man den Sternenhimmel von hier aus nur höchst selten beobachten kann.

RuhrBarone-Logo

22 Kommentare zu “Metropole Ruhr – „A hot place to pee”

  • #1
  • #2
    Perik Hillenbach

    Steiger, du sachst et! Mir hat übrigens nie eingeleuchtet (!), warum der Ruhrgebietsleuchtfleck in Nord-Süd-Richtung verläuft. Da leuchten also nicht Lünen und Hamm, sondern Düsseldorf und Köln. Was waren doch die Grundschulzeiten schön, als es im Atlas noch hieß: „Rheinisch-Westfälisches Industriegebiet“.

  • #3
    SETI

    „I think the surest sign that intelligent life exists elsewhere in the universe is that none of it has tried to contact us.“

    Calvin & Hobbes

  • #4
    Florian Freistetter

    „Immerhin: Die Lichtverschmutzung ist selbst im Ruhrgebiet schon heute so stark, dass man Alpha Centauri von hier aus nur höchst selten beobachten kann.“

    Muss mal kurz pedantisch sein: Alpha Centauri kann man sowieso nur von der Südhalbkugel sehen 😉 Was aber nichts an der fiesen Lichtverschmutzung im Ruhrgebiet ändert. Da sollten die Leute lieber mal was dagegen tun anstatt sich drüber zu freuen. Immerhin werden „Sternenlichtreservate“ nun sogar von der UNO als Welterbe anerkannt (http://www.kosmologs.de/kosmo/blog/himmelslichter/lichtverschmutzung/2010-08-09/der-sternenhimmel-als-welterbe)

  • #5
    Matzor

    Zum Thema gibt’s ein fettes Video unter:
    http://www.do1-tv.de/2010/01/22/die-zerstorung-der-nacht-das-wissenschaftsspezial/

  • #6
    christian

    Das Orginalbild „Europa bei Nacht“ findet man im übrigen bei der DLR

    http://www.dlr.de/rd/DesktopDefault.aspx/tabid-2105/8347_read-14198/gallery-1/gallery_read-Image.28.7006/

  • #7
    Arnold Voss

    Bildwerbung basiert nun mal zur Hälfte auf Fotoshop. Betrachten wir die Sache einfach als Lichtkunst auf niedrigstem Niveau.

  • #8
    crex

    durchaus amüsant der text bzw. die piss_stelle. warum der ruhrpott aus genannten piss_gründen aber partout keine metropole sein soll, leuchtet letztlich doch nicht ein. und hängt stark an der definition einer metropole. darf‘ ausser stahl und glass und leuchtreklame noch ein bißchen mehr sein? warum übernimmt der autor, die volkstümlich propagierte definition von marketing agenturen?

    solange der kleinste gemeinsame nenner einer metropoldefinition eine „agglomeration/ ballung von menschen auf begrenztem raum“ ist, trifft der begriff zu (und wie dicht der dann ist, steht auf einem weiteren blatt).
    und ja, es kommt darauf an, was man für ein interesse am gebrauch des begriffs hat? hier sehe ich den unterschied zur ruhr.2010 gmbh, die den laden (am besten global) vermarkten will und anderen, die hier schlicht + lokal + lustig leben wollen.

    http://rechtaufstadt.bundschuhfanzine.de/

    …dass einem hier schnell der spass vergeht bzw. nur mäßig aufkommt, ist mir zwar auch klar, deshalb lass ich ihn mir aber trotzdem nicht immer wieder durch solche beiträge vermiesen. spass ist nicht das problem, sondern sein ökonomisches potential.

    klar sind wie metropole, und was für eine!

  • #9
    Stefan Laurin

    @Crex: Eine Metropole hat zentrale Funktionen für ein ganzes Land, das Ruhrgebiet hat noch nicht einmal zentrale Funktionen für sein direktes Umland. Eine Metropole regiert sich selbst und wird nicht teilweise aus einem Kaff wie Arnsberg regiert. Eine Metropole hat einen funktionierenden Nahverkehr, Strahlkraft und zieht die Menschen an.

  • #10
    crex

    das ruhrgebiet hat für sein umland durchaus oberzentrumsfunktion, selbst wenn man es auf die polyzentralität festnagelt, und die pole duisburg – essen – dortmund heissen… und man nie weiss, wohin zuerst hinfahren… apropos polyzentrisch oder dezentral, emfinde ich dezentrale, lokale regierungsmodelle in städten oder sogar stadtteilen unter sozio-kulturellen gesichtspunkten durchaus progressiv. das kommt der selbstregierung doch erst nahe. und nicht wie in new york von einem milliardär, oder hamburg adeligen, oder sozen_grösse etc. regiert zu werden.

    arnsberg ist freilich dennoch regressiv und der nahverkehr beschissen. geschenkt:)

  • #11
    Martin Kaysh Beitragsautor

    @Florian. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe aus Alpha Centauri jetzt den Sternenhimmel gemacht. Wenn man keine Ahnung hat wie ich, einfach mal… vorher nachschlagen. Auch Dank @Christian für den Link zum DLR-Satellitenbild. Schließlich @Arnold Voss: Ich habe früher auch gerne bewegte Bilder gefälscht, um eine satirische Wahrheit zu erzählen. Wenn jetzt aber von verschiedenen Seiten eine bearbeitete Satellitengrafik als echt auszugeben wird, dann ist das so, als würde sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen in Sachen Nachhaltigkeit auf Meister Proper berufen. Also tendenziell sehr lustig.

  • Pingback: Links anne Ruhr (11.08.2010) » Pottblog

  • #13
    Tim

    zwischen ernst und witzig, sarkastisch. – kluger beitrag

    ich weine um den myhtos ruhrpott

  • #14
    hans kollekta

    dieses ewige wir-sind-keine-metropole-rumgeheule geht aufn sack.

    der begriff metropole kann doch gar nicht eindeutig definiert werden.

    und Unserm revier die bezeichnung fußball-, currywurst-, theater-, kunst- METROPOLE abzusprechen halte ich für gewagt.

    den werbe-gag mit dem satelitenbild finde ich super.
    wo das geht, geht alles.

  • #15
  • #16
    Arnold Voss

    Lieber Hans Kollekta, Metropole ist man erst dann, wenn einen die anderen so nennen. Und zwar freiwillig, ungefragt und ohne Anführungsstriche.

  • #17
    hans kollekta

    lieber arnold voss, deine definition ist unerbittlich und ein bisschen lustig.

    dann warten Wir also mal ab wie die anderen Uns irgendwann nennen werden.
    danach überprüfen Wir noch rasch die freiwilligkeit, radieren die anführungsstriche und stellen sicher das auch niemand gefragt hat.

    inzwischen freuen Wir Uns aber so gut es geht am aufregenden leben in einer fünf-millionen-nicht-metropole dessen wahrzeichen ein fördergerüst und dessen flaniermeile eine autobahn ist.

    nach dekaden der fremdbestimmung und ausbeutung (unter anderem durch düsseldorfer bonzen und berliner schlaumeier) stehen Wir hier in einem einzigartigen kulturraum der nicht mehr nur industriegebiet ist. der so anders ist als die coolen metropolen.
    der mehr ist als die summe seiner städte.
    der mehr ist als seine rheinisch-westfälisch-polnisch-südeuropäischen ingredienzien.
    nenn es wie Du willst – es ist da.
    es muß dringend und ständig verbessert werden.
    aber es ist genügsam und wird am begriff nicht scheitern.

    glückauf.

    @stefan laurin: gut das keiner heult!

  • #18
    Stefan Laurin

    @Hans: Verstehe ich das richtig: Als professionelle Subventionsschnorrer hat das Ruhrgebiet Düsseldorfer Bonzen und Berliner Schlaumeier seit Dekaden ausgebeutet? Oder werde ich gerade Zeuge eines vulgärmarxistischen Anfalls? 🙂

  • #19
    crex

    @ arnold voss… deine metropolen_definition klingt nach einer adelung… und geht an der sache vorbei. ohne not drängst du (und andere) den begriff in eine ecke und verheizt ihn (ob widerstreitender interessen; z.b. marketing). meinetwegen ist das ok, aber die kritik is krude, uninspiriert und uninformiert. und nein, das ist kein vulgärmarxistischer anfall, sondern nüchterne einschätzung sozio-räumlicher verhältnisse. metropole (ballung) ist, was du draus machst: in amerika, asien, afirka, europa… der rest ist marketing.

  • #20
    Arnold Voss

    @ crex
    Crex, verheizt wird der Metropolenbegriff, wenn sich ihn jeder Ballungsraum anklebt, der meint, das viele Menschen zusammen schon eine Metropole bilden. Es gibt ein paar Kriterien für eine Metropole die darüber hinaus erfüllt sein müssen:

    1. Eine über die eigene Nation hinausreichende räumliche Führungsrolle im ökonomischen und/oder kulturellen Bereich.

    2. Eine innere ökonomische Dynamik und kulturelle Kreativität die dauerhaft Menschen von außerhalb anzieht.

    3. Eine soziokulturelle räumliche Dichte die diese kollektive Dynamik und Kreativität auch städtebaulich auf den Punkt bringt und so für jeden Besucher erfahrbar macht.

    Ich könnte ihnen noch ein paar mehr nennen. Aber lassen wir es erstmal dabei. Stattdessen etwas zu ihrer Inspiration:
    http://www.ruhrbarone.de/die-andere-urbanitat-der-ruhrstadt/

    @ Hans Kollekta

    Lustig, und das nicht nur ein bisschen, machen sich Leute, die aus einem solchen Ballungsraum kommen, nach einem Besuch im Ruhrgebiet, wenn sie hören, dass das auch eine Metropole sein soll.

  • #21
    hanskollekta

    ok ich kicke ein.

    sorry crex.

    ich will das m-wort nie wieder benutzen – denn es hat die verantwortungsträger erblinden lassen vor den gefahren von großveranstaltungen.

    ich will dem vulgärmarxismus abschwören – er führt doch zu nix. mein weg soll neoliberal sein von nun an. ohne poesie auf direktem wege zum nüchternen erfolg.

    ich will öfter mal meine eigenen artikel verlinken und nichts mehr unkommentiert lassen.

    und irgendwann bekomme ich dann zutritt in diese weltstädtischen-zirkel die den kohlentopf verlachen ob seiner hybris.

    es lebe unsere hässliche kleinteilige heimat.
    es lebe die ruhrprovinz.

  • #22
    Arnold Voss

    Warum immer gleich das Kind (namens Größenwahn) mit dem Bade (des Minderwertigkeitskomplexes) ausschütten, Hans Kollekta. Von hässlich hat hier niemand etwas geschrieben. Wie wärs mit der folgenden Parole. Das Ruhrgebiet: Die spannendste Provinz der Welt.

    Wenn sie sich vorher die Mühe gemacht hätten, die Metropolendiskussion hier zu verfolgen hätte ich mir nicht die Mühe machen müssen, ihnen meine Position per Link näher zu bringen.

    Ansonsten geben sie einfach meinen oder irgendeinen anderen Namen der Ruhrbarone oder einen Begriff in die Suchzeile am oberen Ende unserer Seite rechts ein. Dafür ist sie da. Dann werden sie feststellen dass wir hier mitnichten eine neoliberaler Blog sind.

    Was mich betrifft, werden sie dann festellen, dass ich meine Heimat noch nie verlacht, geschweige mich ihrer geschämt habe. Ganz im Gegenteil. Einschließlich Poesie.

    Ich fand es übrigens gut, dass sie sich eingemischt haben. Ich hoffe sie tun es weiterhin. Sie dürfen sich allerdings dabei nicht wundern, dass ihre Kommentare hier beantwortet werden. Das ist die Idee (nicht nur) dieses Blogs. Wir diskutieren hier gerne. Auch und gerade die Meinungen die nicht die unseren sind. Wir bleiben dabei auch nicht immer unserer eigenen Meinung. Wir wollen echte Debatten und nicht das im Ruhrgebiet übliche Sich-gegenseitig-auf-die-Schulter-klopfen.

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