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Mutmaßlicher Mörder im Fall Lübcke mit Verbindungen in Dortmunds Naziszene

Im roten Shirt, mit blauer Kappe „Combat 18“ Mann Marko Gottschalk. Bild: Sören Kohlhuber


Der Tatverdächtige im Mordfall Lübke ist ein Neonazi. Seine Beteiligung am Überfall von Neonazis auf die DGB-Demo zum 1. Mai 2009 und seine Verbindungen zur rechtsterroristischen Gruppierung Combat 18 stellen einen Bezug zur Dortmunder Naziszene her, schreibt die Autonome Antifa 170 in einer Pressemeldung. 

Wie die Tagesschau und andere Medien berichten, soll der Neonazi Stephan E. den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke begangen haben. Der Täter ist kein Unbekannter: Bereits vor 10 Jahren wurde er beim Überfall mehrerer hundert Nazis auf die Demo des Dortmunder DGB zum 1. Mai festgenommen. 400 Neonazis zogen damals – organisiert vom „Nationalen Widerstand Dortmund“ (NWDO) – ohne Anmeldung durch die Dortmunder Innenstadt und griffen Teilnehmende der DGB-Demo an. Der NWDO wurde schließlich im August 2012 verboten, nachdem seine Mitglieder in den Folgejahren zahlreiche weitere schwere Gewalttaten begangen hatten. Verschwunden sind die Neonazis in Dortmund deswegen jedoch nicht. Unter neuem Namen machen dieselben Kader in der Partei „Die Rechte“ bis heute regelmäßig wegen Übergriffen auf Menschen, die nicht in ihre Ideologie passen, Schlagzeilen.

Wesentlich brisanter sind die Verbindungen zur rechten Terrorgruppe „Combat 18“, über die E. verfügen soll. Combat 18 (auch: C18) versteht sich als bewaffneter Arm der verbotenen Rechtsrock-Vereinigung „Blood and Honour“ und verfolgt die Strategie des „führerlosen Widerstands“.

Sie propagieren Mordanschläge auf politische Gegner – der Mord an Walter Lübke würde durchaus in dieses Konzept passen. Dortmund hat sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot im Netzwerk der Rechtsterroristen entwickelt.

Mehrere Mitglieder von C18 wohnen in Dortmund und sind hier politisch aktiv. Robin Schmiemann, der länger inhaftiert war, weil er bei einem Überfall auf einen Supermarkt auf einen Kunden schoss und ihn schwer verletzte, lebt in Dortmund. Schmiemann war Teil einer C18-Zelle, die Mitte der 2000er Jahre in Dortmund aktiv war, und bekennt sich bis heute mit T-Shirts und Tattoos zu der Gruppierung. Er nimmt regelmäßig an den Demonstrationen der Partei „Die Rechte“ teil – die Leute, mit denen zusammen E. die Dortmunder DGB-Demo angriff. Beim letzten Dortmunder Aufmarsch am 25. Mai hatte er die zweifelhafte „Ehre“, vor Beginn des Marsches eine EU-Fahne auf der Straße auszubreiten, über die die Teilnehmer dann hinüberliefen. Schmiemann wurde überregional als Brieffreund des NSU-Mitglieds Beate Zschäpe bekannt. Er gilt als rechte Hand des britischen „Blood and Honour/Combat 18“-Anführers William Browning, der 2016 bei einem Großaufmarsch der Naziszene in Dortmund zu Gast war und mit Schmiemann zusammen an der Demonstration teilnahm.

Eng verbunden mit Combat 18 ist die Dortmunder Band „Oidoxie“, die den Soundtrack für Rechtsterrorist und solche, die es gerne wären, schreibt. Sänger Marco Gottschalk, der in dem Song „Terrormachine Combat 18“ davon singt, dass sie „für die Nation kämpfen“ und die „Städte sauberhalten“ wollen, ist ebenfalls eine wichtige Figur in der Dortmunder Naziszene. Aus den Fans seiner Band rekrutierte sich die Dortmunder C18-Zelle um Schmiemann. Bei Demonstrationen unterstützt er „Die Rechte“, zuletzt fuhr er am 25. Mai den Lautsprecherwagen.

Innerhalb von C18 hat er – ähnlich wie Schmiemann – eine hervorgehobene Rolle inne. Seine Band gilt als Sprachrohr der rechtsterroristischen Organisation, (inter-)nationale Konzertauftritte dienen der Vernetzung der Neonazis und gehen nicht selten mit internen Treffen einher. Die Neustrukturierung von C18 wurde im Jahr 2012 in Schweden im Rahmen eines Konzerts beschlossen, bei dem folgerichtig auch Gottschalk und seine Band auf der Bühne standen. Bereits in der Vergangenheit wurden über das Umfeld von „Oidoxie“ nach Informationen der Rechercheplattform EXIF auch Waffen in die deutsche C18-Szene geschleust. Auch die Verstrickungen von Gottschalk, „Oidoxie“ und ihrem Umfeld in Dortmund und Kassel in die dortigen Morde des NSU sind bis heute nicht abschließend geklärt.

Kim Schmidt von der Autonomen Antifa 170 resümiert: „Es wird sich zeigen, ob E. tatsächlich der Mörder von Walter Lübke ist. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, muss geprüft werden, ob Dortmunder C18-Mitglieder am Mord praktischen Anteil hatten. Ideologisch ist die Tat genau das, was Schmiemann und Gottschalk seit bald über zwei Jahrzehnten propagieren. Nicht zuletzt muss auch erneut die Frage gestellt werden, warum dieses Netzwerk bewaffneter, gewalttätiger Neonazis weiterhin weitestgehend unbehelligt agieren kann.“

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6 Kommentare zu “Mutmaßlicher Mörder im Fall Lübcke mit Verbindungen in Dortmunds Naziszene

  • #1
    Thommy

    Ein sehr guter und wichtiger Beitrag.

    So langsam müssten sich auch die Sicherheitsbehörden fragen, ob die politischen, oft auf Provokation ausgerichteten Aktivitäten wie Stände und Demonstrationen oder Gremienarbeit in BVs und Stadtrat der aus dem verbotenen NWDO und seiner Vorgängerorganisation FAP hervorgegangenen "Partei" Die Rechte nicht letztlich nur der Tarnung ganz anderer Aktivitäten dienen.

    Nicht nur die Polizistenmorde des Dortmunder Neonazis Berger zeigen deutlich, dass Terror eine lange Tradition innerhalb der Dortmunder Neonaziszene hat.

    Auch der Mord an Herrn Kubasik in der Dortmunder Mallinkrodtstraße durch den NSU nährte den -bisher nicht bewiesenen – Verdacht von direkten Verbindungen der Dortmunder Neonazis zum NSU – zumal der Mord nicht weit von der damaligen Wohnung eines stadtbekannten und zigfach einschlägig vorbestraften Dortmunder Neonazis verübt wurde.

    Und nun gab und gibt es nachweislich Verbindungen des Lübkemörders zur Dortmunder Neonaziszene und Combat 18.

    Es scheint die Zeit für die Sicherheitsbehörden gekommen, den Herrschaften in Dortmund -Dorstfeld , die dem Grunde nach und im Ergebnis weitgehende, extrem gefährliche Narrenfreiheit genießen, noch etwas gehöriger auf den Pelz zu rücken.

    Möglicherweise würde dann doch noch ganz anderes zu Tage gefördert.

  • #2
  • #3
    Emscher-Lippizianer

    Schaun mer mal, wie wehrhaft unser Rechtsstaat so ist. Oder ob Konsequenz nur bei Menschen angewendet wird, die etwas zu verlieren habet. Dem Sauhaufen Justiz traue ich in dieser Hinsicht alles Schlechte zu.

  • #4
    Nina

    "Sauhaufen"? Gehts noch?
    Die Gedanken sind frei, aber sowas öffentlich äußern… komplett daneben.

  • #5
    UIrich

    Die Frage nach dem NSU ist in der Tat berechtigt. Für mich ist vermutlich nur die sprichwörtliche "Spitze des Eisbergs" bekannt. Es fällt mir beispielsweise schwer zu glauben, dass man überall in Deutschland morden konnte, ohne Helfer vor Ort zu haben.

    Und gemordet hat der NSU nicht nur in Dortmund, sondern auch in Kassel.

    Und zu guter Letzt stellt sich die Frage nach der Rolle des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Beim Mord an Halit Yozgat war der "kleine Adolf" vom Dienst anwesend, es ist klar dass er gelogen hat. Und der Name des jetzigen Tatverdächtigen war wohl Thema im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags.

  • #6
    UIrich

    @Nina:
    Bezüglich des "Sauhaufens" empfehle ich, im Archiv dieses Blogs nach Artikeln über den NSU-Untersuchungsausschusses des Düsseldorfer Landtags, das Verhalten der Dortmunder Polizei und der Dortmunder Staatsanwaltschaft nach dem Überfall auf die DGB-Kundgebung vor zehn Jahren oder dem Sturm von Nazis auf das Dortmunder Rathaus nach den letzten Kommunalwahlen zu suchen.

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