Neue Chance für öde Innenstädte

Noch ein öder Ort: Bottrops Innenstadt Foto: Laurin


Mit 70 Millionen Euro will die Landesregierung Städten dabei helfen, neue Ideen für die Innenstädte zu entwickeln.

Seit über einem Jahr sind die Innenstädte, von kurzen Pausen abgesehen, verwaist. Immer neue und längere Lockdowns zwangen die Händler, ihre Geschäfte zu schließen. Niemand sitzt mehr in den Cafés, flaniert durch die Fußgängerzonen und Boulevards oder geht nach einem Theater- oder Kinobesuch noch essen oder mit Freunden ein Bier trinken. Die Mitte, das Herz jeder Stadt, hat aufgehört zu schlagen. Mit den 70 Millionen Euro aus „Sofortprogramm Innenstadt“ will die Landesregierung die Innenstädte stützen. Über 100 Städte machen bei dem Programm mit. Kommunalministerin Ina Scharrenbach will mit der Initiative den Städten nicht nur helfen, die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Die Innenstädte, sagte die Ministerin auf einer Pressekonferenz, sollen „Experimentierfelder für Handel, wohnen, Produktion und Gastronomie werden.“ Denn Corona war für sie nur ein Brandbeschleuniger. Die Zeiten, in denen die Warenhäuser von Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten früher einmal Kaufkraftmagnete waren, sind lange her. Der Online-Handel wächst seit 20 Jahren und überzeugt die Kunden mit einer nahezu unendlichen Auswahl, oft günstigen Preisen und Bequemlichkeit. Die Pandemie verlieh ihm einen zusätzlichen Wachstumsschub. Viele Ketten ziehen sich aus den Städten zurück.

In Bottrop kann man eine Stadt ohne Douglas, Christ und bald auch H&M besichtigen. Auch vor Corona hatte sie große Probleme. In der früher einmal eine belebten Fußgängerzone reiht sich Leerstand an Leerstand. Nun, in Pandemiezeiten, sind die Straße auch an einem sonnigen Samstagnachmittag wie ausgestorben. Hier soll das Programm des Landes helfen: Wer eine gute Idee hat, kann ein verwaistes Ladenlokal durch Zuschüsse günstiger mieten . Auch der Vermieter muss die Preise senken.

Moderne Innenrichtung und Wein Foto: Privat

Das Interesse ist groß, elf Unternehmen wurden von einer Jury ausgewählt. Eins davon ist die Albrecht Creative Concepts. Kürschnermeister Thomas Albrecht stellt in seiner Manufaktur aus Pelzen Objekte her, die zur modernen Innenrichtung passen. Seine Kunden sind Innenarchitekten und Möbelhändler auf der ganzen Welt, seine Erzeugnisse finden ihre Käufer in China, den USA und Japan. In Bottrop hat er jetzt einen Laden für Interieur eröffnet. Albrecht ist Bottroper und Lokalpatriot: „Ich habe ja gesehen, dass die Stadt vor die Hunde geht und da wollte ich was machen.“ Sein Freund, der Karl Reckman hätte ihm ein Ladenlokal angeboten, mit dem Zuschuss vom Land und dem Verzicht Reckmanns auf die volle Miete hat er jetzt den Sprung in den Einzelhandel gewagt. Billigware wird er nicht anbieten: „Ein-Euro-Läden gibt es an jeder Ecke, die sind ja eines der Probleme der Innenstädte.“ Albrecht setzt auf Bottroper, die Geschmack und das nötige Geld haben: „Davon gibt es genug. Ich treffe die Leute ja jeden Sonntag auf dem Markt.“ Einkaufen, sagt Albrecht, müsse wieder spannend werden. Auch Wein gibt es in seinem Geschäft gegen, man wird ihn nach dem Lockdown draußen trinken können. Die ganz große Eröffnung wird er nachholen: „Das geht erst nach Corona, aber dann feiern wir richtig .“

Doch auch unabhängig von der Initiative des Landes sind Bottroper Unternehmer aktiv geworden. Ein Zusammenschluss von Interessensgemeinschaften will bei der Gestaltung der zukünftigen Innenstadt an alte Bottroper Traditionen anknüpfen.

David Schraven vor Marktviertel-Kiosk Foto: Laurin

„Bottrop“, sagt David Schraven, „war früher eine Stadt der Märkte und das muss Bottrop auch in Zukunft sein.“ Auch der Journalist und Unternehmer will die Menschen mit einer Mischung aus kulinarischen und kulturellen Angeboten in der Stadt locken. Auf dem Mensingplatz an der Hansastraße will er gemeinsam mit Partnern den „Schwarzmarkt“ etablieren. „Bottrop hat eine lange Bergbautradition, wir hatten hier die letzte Zeche Deutschlands. Auf dem Platz könnten neben Zechen-Seife und Bergarbeiter-Handtücher vielleicht auch Grubenlampen und Kohlestücke verkauft. Dazu guten Kaffee, das neue Bottroper Bier und Leckereien.“ Der Schwarzmarkt soll am Samstag, dem traditionell beliebtesten Einkaufstag Käufer in die noch tote Ecke der Innenstadt locken. „Und wenn hier erst einmal wieder Käufer sind, werden auch in die leerstehenden Ladenlokale wieder neue Unternehmen ziehen.“

Ein Unternehmen, das Schraven mit Freunden und seiner Frau betreibt, ist der Marktviertel-Kiosk neben St. Cyriakus-Kirche. Ende vergangenen Jahres Mitten in der Corona-Krise gestartet, ist der Kiosk geöffnet: „Unseren Kaffeewagen, mit dem wir immer auf dem Markt standen, dürfen wir zwar im Moment nicht nutzen, aber der Kiosk ist Lebensmitteleinzelhandel“, sagt Mitinhaberin Denise Franke. Neben Kaffee bietet das 17 Quadratmeter große Ladenlokal, das zurzeit von nur einem Kunden betreten werden darf, auch Lebensmittel aus der Region wie selbstgemachte Tomatensaucen an. Franke und ihren Mitstreitern geht es jedoch um mehr als den Verkauf von Spezialitäten: „In erster Linie wollen wir die Innenstadt wieder beleben. Die Zeit der Ketten ist vorbei, es braucht neue Ideen und andere Konzepte.“ Die Innenstadt soll wieder ein Ort der Begegnung werden, nicht nur einer des Handels. Vieles wird durch Corona blockiert, die Auflagen schränken die Umsetzung von Ideen ein, aber es gibt sie: Open-Air Kino, Konzerte von Bands auf dem Schwarzmarkt, eine bessere Kinderbetreuung.

Nicht nur Bottrop setzt auf das Programm des Landes. Auch Düsseldorf, eine der stärkstes Einkaufsstädte des Landes, hat Probleme mit Leerständen. Nicht auf der mondänen Königsallee, aber nicht weit entfernt auf der Graf-Adolf Straße. Sie ist neben der Gumbertstraße und der Heyestraße eines von drei Quartieren, die nach Ansicht der Stadt gestützt werden müssen. 250.000 Euro dafür kommen vom Land, Düsseldorf legt noch einmal 277.000 Euro obendrauf. „Die drei Einkaufsstraßen“, teilt die Stadt auf Anfrage der WELT AM SONNTAG mit „wurden aufgrund der dort ersichtlichen Leerstandszunahme und des drohenden Trading Downs ausgewählt.“ Durch die Möglichkeit, leerstehende Ladenlokale anzumieten und zu erheblich vergünstigten Mietpreisen weiterzuvermieten, verspricht sich die Stadt innovative Ideen aus den Bereichen Handel, Handwerk, Dienstleistung und Kultur, die das Potential haben, sich über eine Zwischennutzung hinaus weiterzuentwickeln, in den Zentren anzusiedeln und sie so dauerhaft nachhaltig zu beleben. Die Stadt wünscht sich, dass die neuen Mieter nach Ende der Förderung bleiben und die jetzigen Leerstände mit neuen Angeboten langfristig füllen. Auch Ministerin Scharrenbach denkt langfristig und will das Programm in den kommenden Jahren weiterführen.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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8 Kommentare

  1. #1 | Angelika, die usw. sagt am 15. April 2021 um 11:07 Uhr

    Ein Gespräch lange vor Corona.
    Stattgefunden hat es in Bottrop.

    Eine Mitarbeiterin in einem Geschäft zu einer Kundin (ich): "Es gibt in Bottrop schon lange kein gutes Schuhgeschäft mehr. Keins. Aber es gibt Bäcker. Einen nach dem anderen. Bäcker." (man kann das Wort Bäcker sehr missgelaunt aussprechen …)
    Also schon lange vor Corona gab es das und das und das nicht mehr.

    Wat soll man machen …
    Schuhe bestellen. Hab ich kürzlich weder gemacht. In Österreich. Firma Soundso. Sehr zu empfehlen. Dunkelblau, Velourleder, Ballerina. Die Schuhe durften reisen (ich nicht …). Von Österreich nach Regensburg, von dort ins Ruhrgebiet.

    Wenn ich mal wieder in BOT bin, dann kucke ich mir den Laden des Kürschnermeisters mal an. So was in Stadtmitte, nicht im Dorf (Kirchhellen)! E r s t a u n l i c h!

    "…Zechen-Seife…vielleicht auch Grubenlampen und Kohlestücke.."
    Wat soll dat?!
    Ich brauche keine Kohlestücke, ich mag italienische Seife.
    Und die Grubenlampen erinnern mich nur an der Witz mit den zwei Rosinen: "Hömma! Kommse mit inn Stollen?"

  2. #2 | Wolfram Obermanns sagt am 15. April 2021 um 12:03 Uhr

    Aber Angelika, die usw. was soll die Frage was das soll? Steht doch im Artikel.
    Der jedermann, jedefrau-Laden ist im Internet, aber der Laden für Kohlenpott-Nostalgiker, der ist in Bottrop.
    Diese Verschränkung mit der Nostalgie ist es, die meiner Meinung nach dem Laden Chancen eröffnet, nicht bei mir, aber bei Kunden denen das gefällt. Und scheinen mir gar nicht so wenige zu sein.

  3. #3 | Angelika, die usw. sagt am 15. April 2021 um 12:51 Uhr

    #2 @Wolfram Obermanns
    "…Und scheinen mir gar nicht so wenige zu sein."

    Erstaunlich.
    Aber ob das langfristig eine Perspektive ist? Grubenlampen in allen Räumen? Grubenlampen in Reihe? Kohlenstück Nr. 8 auf dem Bücherregal?

    Und warum diese Nostalgie?
    Was war am Bergbau eigentlich so schön?

    Geblieben sind die sog. Ewigkeitslasten. Die Pumpen.

  4. #4 | DAVBUB sagt am 15. April 2021 um 13:27 Uhr

    @#3, Angelika, die usw.
    "Was war am Bergbau eigentlich so schön?"
    Die Staublunge; der Wirbelsäulenschaden; der Lohntütenball am Freitag mit der direkten Folge der Sonnenbrillen tragenden Frauen am Samstag; die feuchten Werkshäuser (immerhin weiß ich noch, was Eisblumen sind), die gnädig zugeteilten Gärten, in denen Gemüse und Obst gezogen wurde, das man sich sonst von seinem Lohn nicht hätte leisten können; die in winzigen Ställen gehaltenen Schweine und Karnickel. Stundenlanges Unkraut jäten für uns Kinder, abgelöst vom Löwenzahnstechen und Klee bei den Bauern klauen. Mit sechs Personen auf 70m² leben und einer Mutter, die von morgens bis nachts malocht, damit die Kinder nicht mit 14 /15 in die Lehre oder die Fabrik müssen.
    War schon schön. Glückauf, der Steiger kommt.

  5. #5 | Suwarin sagt am 15. April 2021 um 14:03 Uhr

    @#3 @#4 "Was war am Bergbau eigentlich so schön?"

    Ohne Bergbau kein Ruhrgebiet.

  6. #6 | Wolfram Obermanns sagt am 15. April 2021 um 15:58 Uhr

    "Und warum diese Nostalgie?
    Was war am Bergbau eigentlich so schön?"
    Einer meiner Opas war Bergmann. Die Familie tat alles dafür, daß keins der Kinder untertage ging. Hat geklappt.
    Ich verstehe diese Nostalgie auch nicht. Das muß ich aber auch gar nicht. Als Realist muß ich aber die Existenz dieser Nostalgie akzeptieren und kann die Marktchancen erkennen.

  7. #7 | Angelika, die usw. sagt am 15. April 2021 um 16:38 Uhr

    #5 @Suwarin
    "Ohne Bergbau kein Ruhrgebiet."

    Stimmt.
    Aber warum Bergbau als hauptsächliche (regionale) Identifikation? Und das auf Dauer?

    Ich hab keinen Bock mehr auf "Glück auf, der Steiger kommt!" Als Liedtext (hist. Quelle) ok, für Gedenkfeiern ok, aber nicht als Rundum-Identifikation mit der Region heute. Ein Lied aus der Boom-Zeit als kulturelle Identifikation mit einer Region im Niedergang? Zeche Zollverein ankucken und staunen: Hier war mal?! Wenn Neues entstanden wäre, auf das man stolz sein könnte, dann gern. Auf begrünte Halden, Shopping-Malls, herunter gekommene Revier-Parks, ein Tetraeder zum Herumklettern bin ich nur begrenzt stolz.

  8. #8 | Gerd sagt am 1. August 2021 um 08:00 Uhr

    Oje. Pelze (auch Nerz?), Kohle und Bier. Mit diesen Altlasten wollen die Leute das Ruhrgebiet nach vorne bringen? Nicht mit mir, das ist – wie immer – nur etwas für Langweiler und Männer im Bergmannskostüm und deren Ehefrauen, die selbstgebackenen Kuchen zum Fest beisteuern.

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