„Nicht mehr das Argument entscheidet über den Wahrheitsgehalt des Gesagten, sondern die Identität der Sprecherposition“

Bernd Stegemann hat mit „Identitätspolitik“ nun schon das vierte Buch veröffentlicht, indem er sich mit dem Wokegrünen-Komplex auseinandersetzt. Auch wenn sich die Zeichen mehren, dass dieser dabei ist, seine Vormachtstellung einzubüßen, ist das Buch wichtig und lesenswert.

Die große Zeit der Wokegrünen-Ideologie scheint vorbei zu sein. Zu ernst sind die Zeiten, zu groß die wirtschaftlichen Probleme, die Sorgen um Jobs, Energiepreise und die eigene Wohnung, als dass die Menschen noch bereit sind zu ertragen, dass Teile der Politik, der Medien und eine selbst ernannte Elite Klimawandel und Minderheiten instrumentalisieren, um Wohlstand, Demokratie und Aufklärung zu zerstören. Doch es bleibt wichtig zu verstehen, wie die Ideologen denken, um ihnen entgegentreten zu können und ihre Taktik zu entlarven.

Hierbei hilft Bernd Stegemanns Buch gut 100 Seiten kurzes Buch „Identitätspolitik“. Stegemann ist ein klassischer Linker. Ihm geht es um soziale Gerechtigkeit, aber auch um Universalismus, Demokratie und Aufklärung: „Die zivilisierende Kraft der Demokratie besteht darin, dass alle Seiten ihre Interessen nach den gleichen Regeln beanspruchen dürfen. Identitätspolitik verletzt diese Gleichheit, indem sie verschiedene Regeln für die verschiedenen Gruppen fordert.“ Der Einzelne verschwindet in dem ideologischen Sperrfeuer, dass Menschen nach Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung einzuordnen versucht. Nichts daran ist nach Stegemanns Ansicht neu: „Identitätspolitik ist die älteste Form von Politik und zugleich die aktuell erfolgreichste. Sie ist die älteste Form von Politik, da sie das einzelne Interesse an eine Gruppenidentität bindet und daraus eine robuste Waffe formt. Von der Urhorde über den Clan bis zur neuzeitlichen Nation definiert sich die Stellung des Einzelnen über sein Verhältnis zu etwas Größerem.“

Eine gerechte Gesellschaft zeichne sich aber nicht dadurch aus, dass Gruppen besondere Rechte genießen, sondern, schreibt Stegemann, „dass vor dem Gesetz alle gleich sind und der rationale Gehalt eines Arguments gilt, unabhängig davon, wer es sagt und wann es gesagt wird.“ Solange die gleichen Regeln der Rationalität und intersubjektiven Plausibilität gelten, sei die zivilisatorische Basis für Gleichheit gegeben. „Das Ziel ist also nicht Ergebnisgleichheit, sondern Chancengleichheit.“

Die ist den Vertretern der Identitätspolitik allerdings ein Dorn im Auge: „Nicht mehr das Argument entscheidet über den Wahrheitsgehalt und die Relevanz des Gesagten, sondern die Identität der Sprecherposition. Und für die verschiedenen Identitäten sollen unterschiedliche Regeln gelten.“

Alles, was das die entsprechende Gruppe oder ihre selbst ernannten Vertreter für richtig halten und was seinen Zwecken hilft, sei gut. Nutz der politische Gegner die gleichen Mittel für seine Zwecke, dann sind diese Mittel auf einmal böse: „Linke Identitätspolitik ist gut, rechte Identitätspolitik ist schlecht, und umgekehrt.“ Erklärt sich ein Mann zur Frau, gilt das als wunderbarer Akt der Emanzipation. Verkleidet er sich im Karneval als Indianer, ist es eine zu verdammende kulturelle Aneignung.

Doch solche doppelte Standards schaffen Paradoxien. Sie nehmen den Menschen jede Möglichkeit, sich in den Augen der Identitätsradikalen richtig zu verhalten. Es geht nur um Macht: „Wer in dieser Verwirrung die Macht über die Entscheidung hat, die Konzepte Schwarz und Weiß mit den Farben Schwarz und Weiß zu kombinieren, hat die Macht über die doppelten Standards. Oder, um es allgemeiner zu formulieren, wer darüber entscheidet, wann die Partikularität (Hautfarbe) und wann der Universalismus (Konzept und Struktur) zählt, der hat die Macht. Und diese Macht liegt bei den Vertretern linker Identitätspolitik.“

Die Folgen im Alltag zeigt Stegemann auf: „Buntstifte, deren getönt-weiße Farbe manchmal mit »hautfarben« bezeichnet wird, sind rassistisch. Eine Waffel, die mit dunkler Schokolade ummantelt ist, heißt »Afrika«, was ein rassistischer Name ist. Clan-Kriminelle dürfen nicht so heißen und Schwarzfahrer sollen bei den Berliner Verkehrsbetrieben nicht mehr so genannt werden. Täglich kommen neue Skandale hinzu, deren Zweck darin besteht, ein Bild der Gesellschaft zu zeichnen, die in jeder Pore von weißer Überheblichkeit und Rassismus durchdrungen ist.“
Die Idee der Gleichberechtigung als Mittel gegen Rassismus wird allerdings verworfen.

Der woke US-Autor Ibrahim X. Kendi hält sie sogar für gefährlicher als Rechtsradikalismus:

„Die bedrohlichste rassistische Bewegung ist nicht die aussichtslose Kampagne der Alt-Right-Bewegung für einen unwahrscheinlichen White Ethnostate, sondern die Kampagne ganz normaler Amerikaner und Amerikanerinnen für einen ›Race-neutralen‹ Staat.«“

Wer in dieser Atmosphäre des Irrsinns gegen die sich ständig ändernden und willkürlichen Regeln verstößt, riskiert öffentlich bloßgestellt und angegriffen zu werden. Vor allem in Bereichen wie Medien, Wissenschaft und Kultur ist auch der Job gefährdet. Andere, klassische linke, Themen wie soziale Ungerechtigkeit kippen dabei schnell hinten rüber. Klassenzugehörigkeit wird so zu Klassizismus, einer Frage der Identität und nicht der sozialen und wirtschaftlichen Stellung in der Gesellschaft. Große Unternehmen nutzen die Identitätspolitik, um sich als modern und offen darzustellen: Auch wer wie viele US-Konzerne verbissen gegen die Schaffung von Betriebsräten kämpft, schmückt sich gerne mit einer Regenbogenfahne im Logo. Der Vorteil dieser Form des Engagements: Es geht nicht auf Kosten der Gewinne.

Wie also umgehen mit den Agitatoren der Identitätspolitik? Am Ende des Buches spricht sich Stegemann dagegen aus, ihnen nachzugeben: „Die endgültig falsche Antwort auf die falsche Methode der Identitätspolitik wäre aber, die Werte des Universalismus aufzugeben und dafür die Kriegslogik der doppelten Standards und paradoxen Machttricks zu übernehmen. Denn die Menschen, die mit den Ideen der Freiheit und Gleichheit zu leben gelernt haben, werden in einer solche Lebensweise nicht glücklich werden können.“

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Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
8 Monate zuvor

Rechts und links sind relative Koordinaten abhängig von der Perspektive. Schon der realexistierende Sozialismus zeigte wie sehr dies auch für politische Koordinaten gilt, dessen Soldaten in Reichswehruniform im Stechschritt als Volksbefreiungsarmee durchgingen. Antisemitismus und Nationalismen waren ebenfalls jeweils anschlussfähig. Die Liste rechter Attribute ist lang.

Nun also soll die Rückkehr zu einer Identitäten Ordnung, wie sie Deutschen bei der Ostsiedlung gewährt wurde, links/progressiv statt mittelalterliche sein.
Meines Erachtens lohnt ein Blick auf die Herkunft dieser Idee. Angelsächsische Hochschulen, bekannt als Orte sozialer Durchmischung (oder etwa nicht?), haben herausgefunden: die Herkunft entscheidet was einem zusteht.
Dööfchen Trump hat Anspruch auf das Präsidentenamt und schwarze Dööfchen haben verwandt oder verschwägert Anspruch auf Pöstchen im Stab der ewigen Diktatoren Afrikas.
Bei uns ist man mit Auslandsstudium zwar nicht unbedingt schlauer aber der Distinktionsgewinn (vgl. El-Mafaalani: Mythos Bildung) reicht z.B. schon mal dafür aus um als US-Anthropologie-Absolvent bei ZON einen Artikel zu veröffentlichten, in dem 1 zu 1 die Rassismusprobleme der USA auf Deutschland übertragen werden, „weil das sicher möglich ist“ und kein übler Fehler und ein völliges Missverständnis anthropologischer Grundsätze, wie man in D an jeder Wald- und Wiesenhochschule lernt.
Daß ein paar Habenichtse denken, auch sie könnten so ihre Ansprüche geltend machen, ist Teil des Geschäftsmodells. Nur haben die armen Schweine keine Chance publizistisch oder politisch durchzudringen. Sie sind das Kanonenfutter dieser altrechten, identitären Bewegung.
Identitäre Konzepte sind Selbstbedienungskonzepte der Rechten, auch wenn diese links schauspielern.

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