Niemand will die Komfortzone verlassen

Freibad in Bonn 1991 Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F088833-0025 / Faßbender, Julia Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Nur wer nicht weiß, wie das Leben jenseits der viel geschmähten Komfortzone aussieht, ist begierig darauf, sie zu verlassen.

Menschen leben in Armut. Der Satz galt, seit unsere direkten Vorfahren sich in Ostafrika vor weit über 100.000 Jahren auf die große Wanderschaft begaben. Die meisten Zeit und in allen Kulturen und Gesellschaften waren Hunger und Krankheiten die verlässlichsten Wegbegleiter der Menschen. Die Kindersterblichkeit war hoch, die der Mütter auch. Gegen Krankheiten gab es so gut wie keinen Schutz. Seuchen sorgten für Todesraten jenseits der 50 Prozent. Es gab nur mangelnden Schutz vor Hitze und Kälte. Die Jahreszeiten und der Stand der Sonne bestimmten den Verlauf des Lebens. Noch heute ist es so, dass in Entwicklungsländern ohne Stromversorgung Kinder nach Sonnenuntergang kein Buch mehr lesen können. Für viele Menschen gibt es keine oder nur eine schlechte medizinische Versorgung. Fehlende Straßen sorgen dafür, dass die Auswahl an Nahrungsmitteln begrenzt ist und Ernten nicht gewinnbringend auf Märkten verkauft werden können. Ohne den Zugang zu modernen Kommunikationsmedien grassieren Aberglaube und Religionen in einem Maße, dass jede Querdenker-Telegramgruppe einem dagegen wie ein philosophisches Hauptseminar vorkommt.

Erst vor 200 Jahren mit dem Aufkommen der Industrialisierung, als wissenschaftliche Erkenntnis praktisch immer besser umzusetzen war, verließen die Menschen in großer Zahl dieses elende Leben: Chemie sorgte dafür, dass die Ernten sicherer wurden und größer ausfielen. Durch den Bau von Kraftwerken massiv sinkende Energiepreise brachten Licht und Wärme in die Häuser und Wohnungen. Die Pharmaindustrie gelang es, Medikamente und Impfstoffe herzustellen, die das Leben verlängerten und die Menschen von Krankheiten heilten. Naturwissenschaft und Ingenieurskunst befreiten die Menschheit aus dem Elend, dass sie bis dahin begleitete. Sie betrat, erst wenige, dann immer mehr, etwas, was Jahrtausende lange für die meisten unvorstellbar war: Die Komfortzone.

Nur in der Komfortzone kann es Bildung für alle geben, nur in ihr können Menschen Philosophie betreiben, Kunst schaffen oder einfach ihren Spaß haben. Und das Beste an der Komfortzone: Sie erreicht immer mehr Menschen.

Wer nun angesichts der Herausforderungen des Klimawandels und der Energiewende davon schwärmt, dass wir „unsere Komfortzone verlassen“ müssen zeigt damit nur dass er keine Ahnung von dem Leben hat, das jenseits von ihr liegt. So ein Denken, ja hoffen, ist dekadent. Es ist geprägt von Geschichtslosigkeit und Ignoranz. Das Ziel jeder Politik muss es sein, die Komfortzone auf möglichst viele Menschen auszudehnen. Und dass bitte schön so schnell wie es geht. Die Komfortzone muss größer werden.

Nur wer in einer ökobourgeoisen Blase lebt kann sich erlauben, vom Puritanismus zu träumen wie der Masochist von der Peitsche der Domina. Kaum jemand will die Komfortzone verlassen, Milliarden im globalen Süden wünschen sich, sie endlich zu betreten. Wer versucht die Menschen aus ihr zu vertreiben oder ihnen den Zugang zu ihr zu verwehren, wird schnell merken, dass nichts Aufstände so flott antreibt Armut und die mangelnde Aussicht, sich aus ihr befreien zu können. Zum Beispiel, weil man keine Chance auf einen Job hat. Einen längeren Blackout kann sich nur entspannt sehen, wer dumm, WDR-Mitarbeiter oder beides ist. Jeder denkende Mensch kann sich gut vorstellen, wie schnell Kälte, Dunkelheit und der Mangel an Lebensmitteln zu Verzweiflung und Wut führen.

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8 Kommentare

  1. #1 | paule t. sagt am 12. Januar 2022 um 12:44 Uhr

    Okay, man nehme _ein_ Wort aus einem Artikel, "über" den und dessen Thema man schreiben will, fülle es mit einem gänzlich anderen Inhalt, als er dort verwendet wird, und benutze diesen, um darauf eine Polemik aufzubauen.

    Welchen argumentativen Wert soll dieses Strohmannabfackeln haben?

  2. #2 | Angelika, die usw. sagt am 12. Januar 2022 um 13:14 Uhr

    "…wer in einer ökobourgeoisen Blase lebt…"

    Ja nun mal ganz ruhig …

    Alle leben in Blasen.
    Wenn alle, dann Journalisten auch.
    Einige Journalisten tragen Brillen als Sehhilfe, aber alle, alle, alle tragen Blasenbrillen, mit unterschiedliche Stärke, getönt, entspiegelt, klassisch, modisch etc.. Journalisten koppeln sich nicht mal so einfach ab und berichten dann reflektiert, distanziert aus der Ferne. Geht nicht! Sie stecken mittendrin in ihrem jeweiligen Blasengeblubber und hauen auf die Tasten.

  3. #3 | Georg Hofrichter sagt am 12. Januar 2022 um 13:37 Uhr

    Komfortzone hin oder her: Es steht doch ausser Frage, dass wier uns ernsthafte Gedanken dazu machen müsen, ob und wie wir unsere unterschiedlichsten Standards ökologisieren können.

    Ganz bewusst wähle ich ein Beispiel aus dem Freizeitbereich. Rodel- und Bobsport.
    Eine Randsportart, betrieben nur von wenigen Nationen. In Deutschland gibt es elf Rodel- und Bobbahnen, von denen sechs für Trainig und Wettbewerbe, fünf weitere nur für Trainingszwecike betrieben werden. Das sind offen stehende, nicht isolierte Tiefkühlschränke mit einer Streckenlänge von + / + 2.000 Metern, in denen eine Temperatur von minimal 12 Grad minus vorherrscht. Dass natürlich unabhängig von der Umgebungstemperartur, die häufig im Bereich der Plusgrade liegt. Der Hackl Schorch sei mir gnädig, ob meiner Ausführungen.

    Es ist nicht möglich an Zahlen zum Enerige- und Wasservrbrauch dieser Strecken zu kommen. Die sind im Internet, zumindest für mich, nicht auffindbar. Anrufe beim Betreiber in Winterberg haben mich auch nicht weiter geführt – es wurde deutlich geblockt. Für mich eine Sportart, die im Zeichen des Klimawandels nicht mehr tragbar ist. Im Mindesten sollte Rodel- und Bobnsport aus jeder Förderung genommen werden. Im Bereich Sport nur ein Beispiel von vielen. Die Ökobilanz dieser Anlagen muss verheerend sein. Und wofür? Für ein paar lächerliche Medaillen?

    Das Freizeitvehikel Pferd
    Laut einer Schweizer Studie ist der ökologische Fußabdruck eines Pferdes mit dem eines Mittelklassewagens durchaus vergleichbar. Hab gerade zu diesem Thema einige Interessante Gespräche mit jungen Menschen geführt, die ich auf Fridays-for-future Demos getroffen habe und die selber Pferde halten. Das ist der Punkt, an dem für viele Menschen das Bewusstsein der notwendigen Veränderung aufhört, weil da aus deren Wahrnehmung ein Eingriff in die ganz persönliche "Komfortzone" erfolgt. Ausgerechnet die Vertreter der jungen Generation, die vom Rest der Gesellschaft Einschränkungen und ein neues Bewusstsein fordern, sind zumindest in Teilen selber nicht zu diesem Schritt bereit. In dem Fall mag ich den Begriff "Ökobourgeoise" als treffend hinnehmen. Nur ist das eben ein Blasengeschehen. während der anstehende Wandel uns ausnahmslos alle betrifft.

    Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Wer nicht verstehen oder akzeptieren mag, dass wir manche Zöpfe unserer luxoriösen Lebensart einschränken oder abschaffen müssen, lässt mich eher mit einem Fragezeichen zurück. Was an der Erkenntnis bourgeoise oder sadistisch / masoschistisch sein soll, mag mir ebenfalls nicht einleuchten. Es sollte klar sein, dass wir einen Wandel hin zur globalen Kreislaufwirtschaft brauchen. Denn unabhänging von der klimatischen Entwicklung gehen uns langsam aber sicher die Ressourcen aus. Unsere generationsübergreifende Verantwortung und die Nnachhaltige Umgang mit Ressourcen und Habitaten sollten dabei die Triebkraft sein, mit der wir nach einem gesunden Gleichgewicht suchen. Dass es dabei im hedonistischen Schweinsgalopp nicht mehr weiter gehen kann, ist aus meiner Sicht unvermeidbar.

    Weniger ist machmal eben mehr.

  4. #4 | Walter Stach sagt am 12. Januar 2022 um 14:39 Uhr

    -2-
    Angelika, die usw.
    So ist es!
    Niemand (!!) will……
    Warum nicht..? Unter angenehmer Umständen ist das Leben erträglicher als unter unangenehmen.
    .
    Welche " Annehmlichkeiten " als verzichtbar klassifiziert werden, erklärt in aller Regel derjenige derjenige, der sie nicht genießt.
    In einem demokratischen Gemeinwesen, konkret in einer repräsentativen Parteiendemokratie ist letztendlich der Mehrheitsentscheid das Instrument, das 'mal für mehr, 'mal für weniger Annehmlichkeiten sorgt, 'mal mehr für die Einen, 'mal mehr für die Anderen und das u.a. je nachdem, welche (partei-) politische Grundeinstellung der mitentscheidende Mandatsträger hat, ob es ihm z.B. darum geht, soweit möglich auch den sozial Schwachen eine Basis zu schaffen für angenehme Lebensumständen -zu Lasten übermäßigen Komfort einiger Weniger? oder wenn es darum geht, bereit heutzutage Bedingungen zu schaffen, damit auch für die Kindern und Kindeskindern die Möglichkeit eines "angenehmen Lebens" besteht bzw. damit ihnen diesen nicht restlos genommen wird -zu Lasten des Komforts heutzutage.

    "Gut so" finde ich, daß , wenn überhaupt notwendig und gesellschaftspolitisch gewollt, über Komfort, über mehr oder weniger davon und über dessen "gerechter Zuordnung bzw. über dessen "gerechter Reduzierung " demokratisch-parlamentarisch entschieden wird und daß stets auf der Grundlage eines s o z i a l e n Rechtstaates und nicht auf der Basis einer libertären-kapitalistischen Gesellschafts- und Staatsverfassung.

  5. #5 | Stefan sagt am 12. Januar 2022 um 15:24 Uhr

    Vor 200 Jahren betrat die Menschheit die „komfortzone“ und erst dadurch wurden Philosophie, kultur, Bildung und Kunst möglich. Aha! Irgendwie die klassische Antike (römische wie griechische), die ägyptische wie chinesische Hochkultur usw. usw. Übersehen? Herrn Laurins Geschichtsbild besteht aus Steinzeit (auch nicht gerade kunstfrei), Mittelalter und dem Segen der Industrialisierung. Der Rest ist offensichtlich pillepalle.

  6. #6 | Stefan Laurin sagt am 12. Januar 2022 um 15:29 Uhr

    @Stefan: Alles in der Antike waren Minderheitenprojekte. Massenhafte Bildung und die damit verbundene Wissensexplosion gab es erst in den vergangenen 200 Jahren. BTW: In prekären Gegenden wie Mitteleuropa gab es zurzeit der Antike kaum etwas, was man ernsthaft als großartige Zivilisation bezeichnen kann: Halb verhungerte Analphabeten hausten mit Schweinen und Kühen unter einem Dach. Die Wilden nannten die Römer dann "Germanen".

  7. #7 | Nansy sagt am 12. Januar 2022 um 17:25 Uhr

    Alles richtig – nur haben eine gesicherte und bezahlbare Energieversorgung, Heizung im Winter und bezahlbare Nahrungsmittel für mich nichts mit "Komfortzone" zu tun. Für mich ist das Grundversorgung. Und gerade hier will man uns auf Verzicht und Mangelwirtschaft langsam vorbereiten.
    Ein anderer Kniff der Gesellschaftsumformer ist der Verkauf der geplanten "neuen" Technologien als Fortschritt.
    Fortschritt kann nur sein, wenn eine Technologie oder ein Produkt bei besserer Umweltverträglichkeit mindestens die gleichen Leistungen wie die "alte" Technologie bietet, wenn nicht sogar noch bessere. Bei erneuerbaren Energien, Stromversorgung, E-Autos usw. kann davon noch keine Rede sein – von den erhöhten Kosten einmal abgesehen. Trotzdem versucht man uns diese Technologien als Fortschritt zu verkaufen!
    "Das Ziel jeder Politik muss es sein, die Komfortzone auf möglichst viele Menschen auszudehnen. Und dass bitte schön so schnell wie es geht. Die Komfortzone muss größer werden." Aber ja, nur geht es den Umfomern inzwischen schon längst um Verzicht bei den Grundbedürfnissen der Bürger, anders können sie offenbar ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen.
    Die "Komfortzone verlassen" ist ein Framing um ihre Politik des Mangels und des Verzichts besser verkaufen zu können.

  8. #8 | Stefan sagt am 12. Januar 2022 um 19:01 Uhr

    #6: Ja, so kann man es sich natürlich zurechtschwurbeln, allerdings sind Kunst und Philosophie bis heute Minderheitenprobleme. Wurden aber halt auch schon 3000 Jahre vor dem Eintritt in die industrielle „kompfortzone“ ziemlich intensiv und weltweit betrieben. Und ob der Imbiss, das Aquädukt und die öffentliche Toilette wirklich Minderheitenprojekte sind, bliebe noch zu überprüfen.

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