Nokia: Das war es

Gerettete Ingenieure, enttäuschte Hoffnungen, schlechte Perspektiven für 2000 Beschäftigte, 200 Millionen Kosten für Nokia und ein schlechtes Image für den Handyhersteller – die Nokia-Story geht ihrem Ende entgegen.

Die ganze Geschichte fing 1989 an. Damals begann Nokia in Bochum mit der Entwicklung und Produktion von Mobiltelefonen. Ingenieure aus Bochum hatten in den Jahren zuvor, von der Geschäftsleitung in Finnland eher geduldet als unterstützt, angefangen, sich mit dem Thema Mobilfunkgeräte zu beschäftigen. Ende 1994 war bei Nokia in Bochum die Belegschaft in diesem Bereich schon von 200 auf 650 Mitarbeiter gewachsen. Der Spiegel beendete 1995 einen überaus kritischen Artikel über die verpassten Chancen deutscher Unternehmen im wachsenden Mobilfunkbereich euphorisch:  „An Interessenten für den Job mit der Sechs-Tage-Woche, die von den Gewerkschaften zunächst heftig bekämpft wurde, mangelte es nicht: Auf die erste Anzeige meldeten sich in Bochum 4500 Bewerber. Auch der Standort Deutschland profitiert vom Erfolg der Finnen.“

Das ist nun vorbei. Zum 1.  Mai werden alle Nokia-Mitarbeiter freigestellt. Ausnahme sind die 300 Ingenieure der Automotivsparte. Sie werden von einem anderen Unternehmen übernommen und auch für die über 100 Entwickler der Multimediaabteilung, die bislang an den Telefonen der N-Serie arbeiteten, gibt es eine Perspektive: Der Blackberry-Hersteller RIM wird sie wohl übernehmen und in Bochum sein europäisches Entwicklungszentrum aufbauen. Ein Facilitie-Manger wird jedenflass schon einmal gesucht. Sie können sich neben den neuen Jobs auch über eine Abfindung freuen, die zwar alles andere als rekordverdächtig ist, aber wohl wirklich ganz in Ordnung: 185 Millionen Euro wird Nokia für Abfindungen bereiststellen. Das verbesserte Angebot von Nokia lag der Gewerkschaft allerdings schon vor den gestrigen Protesten in Form  eines Briefes von Nokias Deutschland-Chef Klaus Goll vor– die Fahr nach Düsseldorf war also nichts als reine Folklore, aber ein guter Rahmen zur medialen Präsentation der dann geschlossenen Vereinbahrung.

BAQ
Der Anwalt des Nokia-Betriebsrates, Horst Welkoborsky, mag solche Gesellschaften: Immerhin besitzt er eine eigene. Sie heißt Beschäftigungs und Qualifizierungsgesellschaft (BAQ) und residiert im Jahrhunderthaus am Bochumer Westpark, dem Sitz der örtlichen IG Metall. Die BAQ war auch für die entlassenen Opelaner zuständig. Der Erfolg im Fall Opel hielt sich in Grenzen: Die offizielle Zahl der vermittelten Opelaner liegt bei 40 %. Eigentlich, so die BAQ auf Anfrage, seien es aber nur 25 Prozent. Man müsse, so das Unternehmen, fairerweise bei so einer Berechnung diejenigen herausrechnen, die Aufgrund von Krankheiten und dem Alter sehr schwer vermittelbar seien. Nokia stellt für die BAQ 15 Millionen Euro zur Verfügung – gut 600 Euro pro Mitarbeiter und Monat für den Zeitraum eines Jahres. Den Rest zahlen die Steuerzahler – über EU-Mittel. Erst nach dem Ende der Beschäftigungsgesellschaft erhalten die Nokia-Mitarbeiter Arbeitslosengeld – sie gewinnen also ein Jahr. Für viele, deren Perspektive bittererweise Hartz IV heißen wird, eine lange, eine wichtige Zeit.

Imageproblem bleibt
Nokia hat durch die Schließung ein Imageproblem bekommen. Schlecht für ein Unternehmen das Produkte herstellt, die kaum ein Laie von denen der Konkurrenz unterscheiden kann. Fast alle Handys können alles und das immer billiger. Image ist ein Verkaufsfaktor. Vom 15. Januar, dem Tag der Bekanntgabe der Werksschließung, bis zum 23. Januar sank der allgemeine Imagewert Nokias von plus 41 auf minus 14 Prozent. Die Verbraucher schätzten sogar die Qualität der Produkte schlechter als zuvor ein. Für Bettina Willmann vom Marktforschungsinstitut Psychonomics, das einen wöchentlichen Markenindex erstellt, keine kurzfristige Erscheinung: „Noch Mitte Februar hatte Nokia sehr schlechte Imagewerte. Sie haben sich auf niedrigem Niveau stabilisiert.“ Daran, sp Psychonomics heute auf Nachfrage, hat sich  nichts geändert. Die Marke Nokia glänzt nicht mehr. Es ist eine unter vielen.

Neue Märkte
Aber Nokia sieht sich künftig ohnehin eher als Internetcompany. Mittelfristig wird das Handygeschäft nicht mehr wachsen – das wissen die Finnen.  Handys werden bald nur noch die Dinger sein, mit denen man von Unterwegs aus ins Internet geht. Telefonieren über Voice over IP, E-Mails, Digitale Karten, Musik, Filme – alles online. Nokia hat bislang nur die Handys. Endgeräte. Langweilig. Keines ist so cool wie das iPhone. Als Nokia gestern seinen „iPhone Killer“ vorstellre, erntete das Unternehmen Gelächter in der Mac-Gemeinde. Es ist aber auch peinlich, wenn der Weltmarktführer 15 Monate benötigt um auf Apple zu reagieren und dann  noch nicht einmal ein fertiges Produkt vorweisen kann, ist peinlich.
In Zukunft wollen die Finnen aber ohnehin ihr Geld lieber mit Inhalten verdienen und die Handynutzer an ihr eigenes Webportal binden, Dienste vermarkte: Navigation zum Beispiel. Nokia baut eine Community auf, die auch für die Inhalte sorgt. Und verkauft Musik. Ovi heißt das Portal der Hoffnung. Ovi ist finnisch und heißt Tür. Da gibt es alles, was es schon anderswo gibt: Musik, Filme und Videos. Sogar die Pornos, die auf der Ovi-Vorgängerseite Twango zusehen waren, sind verschwunden. Nur alles anderswo ist bekannter: YouTube, Flickr, iTunes beherrschen den Markt souverän. T-Mobile jedenfalls ist sauer über Nokias neues Geschäftsfmodell – das Geld wollen  Telekoms selbst verdienen. Auch Unternehmen wie Google, Amazon oder eBay werden Nokia kein Stück vom Kuchen freiwillig geben. Noch nicht einmal einen Krümmel. Im Vergleich zu den kampferprobten Magnaten des Internets sind die Finnen kleine Lichter. Ihr Vorteil beim Handyboom war: Sie konnten liefern. Pünktlich und preiswert. Gegen Siemens hat das gereicht. Reicht es gegen Google?

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3 Kommentare

  1. #1 | Arnold Voß sagt am 9. April 2008 um 12:28 Uhr

    Wenn sich weltweit (z.B. auch in Afrika, Indien, Russland, Mexico usw.) alle Großunternehmen auf die Weise von ihren Standorten verabschieden bzw. neue suchen würden, dann wäre das schon ein gewaltiger sozialer Fortschritt, oder?

  2. #2 | Marcus Meier sagt am 9. April 2008 um 13:53 Uhr

    @Arnold Voß: Nee, das wäre natürlich kein Fortschritt. Das Problem ist: mit links(-)liberaler Argumentation stößt Du schnell an Grenzen. Unternehmen treffen ihre Entscheidungen nun mal nach (mehr oder minder gut berechneten) Rentabilitätskriterien. Eine Marktwirtschaft, in der diese liberale Grund-„Freiheit“ aufgehoben wird, hört auf, eine Marktwirtschaft zu sein. Der smarte Dr. Marktwirtschaft und der grobschlächtige Mister Kapitalismus sind ein und die selbe Person. Man muss sich schon entscheiden, ob man den Kerl mit all seinen dunklen Seiten mag. Oder nicht.

    Jedenfalls: Schön, dass Du auch kein Anhänger des Wir-retten-unseren-Standort-Chauvinismus bist. Wer, weil Selbiger ihm auf Grundeis geht, nur den eigenen Arsch retten will, wird vielleicht zum ganz kleinen Arschloch, erreicht aber ansonsten gar nix.

  3. #3 | Arnold Voß sagt am 10. April 2008 um 07:12 Uhr

    Vielleicht hätte ich korrekter schreiben sollen: wenn alle Großunternehmen weltweit auf diese Weise von den jeweiligen Regionen/Organisationen/Menschen gezwungen werden könnten sich auf diese Weise von ihnen zu verabschieden um sich einen neuen Standort zu suchen, dann wäre das schon ein großer sozialer Fortschritt.

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