NPD: Wie geht man mit der extremen Rechten um?

Wie geht man mit Rechtsradikalen um? Es ist eine gute Tradition dieses Blogs, für einen robusten Umgang mit Nazis einzutreten. Unklar ist, ob dieses Vorgehen immer das erfolgsversprechendste ist. Unser Gastautor Andreas Molau plädiert dafür, Themen wie Heimat und Patriotismus nicht den Nazis zu überlassen. Molau kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter: Er war hoher NPD-Funktionär und wechselte später über die DVU zu Pro NRW. Im Sommer stieg er aus der Szene aus,  ist seitdem im Aussteigerprogramm des niedersächsischen Verfassungsschutzes  und spricht vor Schülern über seine Vergangenheit in der Nazi-Szene.  

Wie geht man mit der extremen Rechten um? Diese Frage ist seit dem wahrscheinlichen erneuten NPD-Verbotsverfahren erst einmal in den Hintergrund gerückt. Denn, so wie Stefan Laurin hier an dieser Stelle bereits geschrieben hat, gibt es neben der ohnehin schwindenden Partei ohnehin noch jede Menge Auffangbecken für jeden rechtsextremen Geschmack – vom Islam-Hasser, der sich bei der PRO-Bewegung oder der Freiheit zu Hause, bis zum klassischen NS-Freak, der sich zu Christian Worchs Die Rechte hingezogen fühlen könnte. Äußerer Druck, zumal wenn er dann auf europäischer Ebene auch wahrscheinlich wieder aufgehoben werden wird, schweißt das zusammen, was oft auch nicht zusammen gehört. Es gibt in allen extrem rechten Gruppierungen genügend Menschen, die sich vom Hass lieber verabschieden würden, deren laute Fragen aber keine Beantwortung finden: Wie steht es um die Themenkomplexe Heimat und Entfremdung, um Identität, um Integration, um soziale Ausweglosigkeit, um die Sehnsucht nach Werten etc.? Mir ist in der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Vergangenheit klar geworden, dass nicht alle Fragen falsch waren, die mich bewegt haben, aber viele, viele Antworten.

Wie geht man mit der extremen Rechten um – diese Frage müsste im Vordergrund der politischen Diskussion stehen und noch drastischer: Wie geht man mit den Menschen dahinter um? Und viel spannender als ein Verbotsverfahren erscheint mir da ein Aktion, auf die ich beim Stöbern im Internet aufmerksam geworden bin. Die Konrad Adenauer Stiftung beschäftigt sich aktuell mit dem Thema „Heimat heute – Annäherung an einen wichtigen Begriff“. Das ist (auch) eine Fragestellung für Menschen, die sich aus der rechten Szene verabschieden wollen, weil viele in der Szene schon jetzt ahnen, dass der Begriff Heimat und Identität weder von Pro NRW ausgefüllt wird, noch von der NPD. Die einen negieren vor allem das Andere (ohne zu sagen, wofür sie selbst stehen), die anderen tun dies ebenfalls, nur, dass sie damit auch noch eine extreme Überhöhung des Eigenen verbinden. Bei der Konrad Adenauer Stiftung werden Brücken gebaut und Fragestellungen aufgegriffen, die im gesellschaftlichen Kontext sonst gern ausgeklammert werden. „Können Migranten, die ihr Heimatland verlassen haben und unfreiwillig heimatlos geworden sind, überhaupt in einem fremden Land eine neue Heimat finden?“ In welchem Zusammenhang stehen Heimat und Ort, Heimat und Glauben etc. Das sind Fragen, auf die auch viele Menschen eine Antwort suchen, die sich jetzt noch in politischen Bereichen aufhalten, die eine schlüssige Antwort darauf nur vorgaukeln.

Diesen muss man vor Augen halten, dass es eben solche Antworten außerhalb der ideologisch geschlossenen Gesellschaften gibt. Diese Themen dürfen vom organisierten Rechtsextremismus nicht gepachtet werden. Dass sich Heimat und „weltbürgerlicher Gemeinsinn“, wie es auf der Seite der Stiftung heißt, nicht ausschließen und dass auch das Fremde Platz hat in der Heimat, ist eine wichtige Botschaft für solche, die sich um das Thema Integration Sorgen machen:

„Patrioten in diesem Sinn kümmern sich um ihre Heimat und sehen es gern, wenn sich auch andere um ihre Heimat kümmern. Vor allem aber verstehen sie, dass jedem seine eigene, individuelle Heimat am Herzen liegt – und trotzdem nie die eine Heimat wichtiger ist als die andere Heimat. Auf diese Weise ist Patriotismus eine schon im Ansatz pluralistische Haltung: So wie es im eigenen Vaterland viele Heimaten gibt, besitzt die Menschheit viele Vaterländer.“

Selbstverständlich wird man mit diesem Angebot nicht alle erreichen können. Aber viele. Und deren Abwendung würde die extrem rechte Szene vielmehr schwächen als ein isoliertes Parteiverbotsverfahren.

 

Andreas Molau

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Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor

Ich sehe das anders: Für mich ist das Problem, dass Menschen überhaupt in kollektiven Kategorien wie „Vaterland“ denken. Gut, dass werden viele sicher noch lange tun, aber es sind solche Begriffe, die mir nichts bedeuten. Genauso geht es mir mit dem Patriotismus: Ein fremder Gedanke, den ich nicht nachvollziehen kann.

Albrecht Kolthoff
Albrecht Kolthoff
11 Jahre zuvor

Man ist geneigt, auf das Repertoire von Heimat und Identität zu antworten mit: „Wer’s denn nötig hat“. Sicher, es gibt ein Bedürfnis nach dieser Art Folklore, die sowohl als Schlageter-Verehrung wie auch als Rosa-und Karl-Kult daherkommen kann. Es sind halt Versuche, die selbstverschuldete Unmündigkeit mit Fototapeten freundlich zu gestalten, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, einen Ausgang zu suchen.

Martin Niewendick
11 Jahre zuvor

Ich bin da Stefans Meinung: „Heimat“ ist ein Konstrukt, „Vaterland“ ist ein Territorium mit künstlich gezogenen Grenzen in das man ohne eigenes Zutun zufällig hineingeboren wird. Für mich ist dies daher zur Identitätsbildung völlig ungeeignet.

Axel
Axel
11 Jahre zuvor

Wie Stefan Laurin bei #1 sagt: diese Begrifflichkeiten wird es noch lange geben. Es geht allerdings darum, sie nicht den falschen Leuten zu überlassen. Ob ich, oder die drei Vorredner mit diesen derart vielschichtig, und oftmals verhängnisvoll aufgeladenen Begriffen etwas anfangen können, ist ja irrelevant. Es wäre in der Tat viel erreicht, wenn man jegliche negative, abgrenzende Komponente extrahieren könnte … wie das geht, und was dann übrig bleibt? Keine Ahnung. Nur: diese Begriffe auf breiter Basis mal eben abschaffen, sich kollektiv von ihnen zu verarbschieden: das ist naiv und wird kaum hinhauen.

Thema „Konstrukt“. Alles ist Konstrukt. Irgendwann kann jede Emotion, jedes Verhalten als ein „Konstrukt“ enttarnt werden. Fragt sich immer, wie weit man gehen möchte. Bei konsequenter Beibehaltung dieser Argumentation bleibt am Ende Zynismus in der rohesten Form übrig.

Albrecht Kolthoff
Albrecht Kolthoff
11 Jahre zuvor

Das Übel beginnt nicht erst bei Heimat, Volk und Vaterland, sondern liegt schon in der „Identität“, die ein Individuum mit einer Idee oder einem Kollektiv verspüren soll. Nichts für ungut, Herr Molau, aber Ihre Ablösung von Vergangenem ist offensichtlich ein Prozess, der noch einige Strecken vor sich sieht. Sie wollen dem Junkie eine Methadonkur bei der Adenauer-Stiftung anbieten – ein sozialarbeiterisch korrektes Vorgehen, dass freilich nichts an der Sucht nach Identität ändert. Möglicherweise müssen viele Menschen damit in etwa so zurecht kommen wie es bei den Anonymen Alkoholikern gehandhabt wird: Man kann und soll trocken sein, aber man ist und bleibt Alkoholiker. Bier statt Schnaps ist da auch keine Lösung.

Ulrike Märkel
Ulrike Märkel
11 Jahre zuvor

Konstrukte hin oder her: Molaus Gedanken kommen deutschtümelig daher und sein Hinweis auf unbeantwortete Fragen zu sozialer Ausweglosigkeit und die Sehnsucht nach Werten … das klingt etwas nach Heimatfilmromantisierung rechter Gesinnung. Das Zitieren der Konrad-Adenauer-Stiftung ändert an dem Eindruck auch nichts, denn die Fragestellung des Molau-Artikels ist schliesslich der Umgang mit Rechtsradikalen. Selbst wenn das eigentliche Problem fehlende Antworten wären – man muss deswegen nicht rechtsextremen Gruppierungen beitreten oder in ihnen verharren. Dieser Logik folgend müsste die Mehrheit der sozial Benachteiligten oder nach Werten und Identität suchenden Menschen irgendwelchen Nazi-Organisationen beitreten. Tun sie aber nicht.

Und dann diese wirklich tolle Idee: Die ganze Gesellschaft muss einfach nur ein deutliches Stück nach Rechts rücken, den Heimatbegriff neu definieren und kann dann in ihrer patriotisierten Mitte die abhanden gekommenen Rechtsextremen, die doch eigentlich nur brennende Fragen zum richtigen Heimatbegriff haben, wieder aufnehmen. Und solange das noch nicht der Fall ist, bedrohen sie eben anders denkende und anders aussehende Menschen und prügeln sie brutal zusammen.

Andreas
Andreas
11 Jahre zuvor

„Heimat“:

kann mich nicht erinnern, diesen Begriff schon einmal – ernsthaft – gebraucht zu haben.

Aber wenn ich denn sagen sollte, was für mich „Heimat“ bedeuten könnte:

„Heimat“ wäre dann der Ort, wo meine Muttersprache gesprochen wird, wo ich Schattierungen der Sprache selbstverständlich verstehe, weiss, was mein Gegenüber meint, auch wenn er es vielleicht gar nicht gesagt hat …

Das ist mir aufgefallen, als ich einmal durchspielte, was es bedeuten würde, zu emigrieren, in ein Land, dessen Sprache ich sehr gut spreche: es ist trotzdem nicht dasselbe.

Und deswegen sollten wir unsere Mitbürger mit ausländischen Wurzeln UMSO MEHR respektieren, und alles dafür tun, dass sie sich in Deutschland zumindest „zuhause“ fühlen.

Sören
Sören
11 Jahre zuvor

uh das spornt mich zur Polemik an.

Was kommt als nächstes?
„Rassimus gegen Rechts“

Ullrike hat schon völlig recht, es klingt danach einfach ein bsichen nach zugeben damit die rechten zu frieden sind. Das bieten sie ja auch selber an. Ich erinnere an ihr Motto:
„Nie wieder Krieg, nach unserem Sieg“

Das Angebot können wir ja dann auch mal diskutieren.

Aber Mal im ernst. Völkisches denken, Rassismus und Nationalismus sind zentrale elemente faschistischer Ideologie. Ja, nicht jeder Nationalist muß ein Nazi sein, dennoch ist es eine grundsätzlich antiemanzipatorische ideologische Basis. Zu versuchen nationalismus affirmativ aufzunehemen um rechte zu integrieren… Das erinnert mich eher an Querfront strategien der Rechten als an Aussteigerprogramme.

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Ulrike Märkel. Was an dem Begriff Hemat deutschtümelnd ist, müssen Sie schon einmal erklären. Wenn Sie keine Fragen zum Thema Werte oder sozialer Ausweglosigkeit kennen, dann wundert mich das. Unterhalten Sie sich mal mit Jugendlichen in prekären Situationen. Unredlich ist es, mir zu unterstellen, ich wolle eine Logik herstellen, soziale Benachteiligte müssten sich Nazi-Organisationen anschließen, oder gar, die Gesellschaft müsse nach rechts rücken. Ich habe genau das Gegenteil geschrieben: Nämlich dass man Rassisten diese Themen nicht überlassen sollte. Und dass man Leute herauslösen kann aus der extremen Rechten, die Heimatliebe nicht mit Menschenhass verwechseln. Stellen Sie sich vor: Ich habe es niemals gut geheißen, dass man anders denkende Menschen oder anders aussehende Menschen zusammen prügelt, wie Sie das schreiben. Genau das könnte man aber annehmen, wenn man liest, was Sie schreiben.
@ Albrecht Kolthoff. Kein Mensch kann ohne Identität leben. Auch hier wundere ich mich über die Unterstellung. Die Zitate, die Sie polemisch als Drogenersatz bezeichnen, erklären ja gerade, dass Identitäten gebrochen sein oder sich auf verschiedene Felder beziehen können. Ich kann mich mit einem Fußballclub identifizieren und glechzeitig mit einer Idee, einer Religon und einem kulturellen Bezugsfeld. Ich wundere mich wirklich auch hier über die Unterstellungen. Gerade weil ich mental kein Alkoholiker bin, kann ich mich mit diesen Themen unverkrampft auseinandersetzen. Ihre pädagogische Attitüde, wie ich mich wovon abzulösen habe, empfinde ich als absolut bevormundend. Vielleicht können Sie einfach akzeptieren, dass wir unterschiedliche Positionen haben. Oder ist Ausstieg nur dann möglich für Sie, wenn man anschließend ganz auf die linke Seite übergeht?
@ Stefan Laurin. Ich glaube auch, dass die Kategorie Vaterland überholt ist. Ich denke, dass Identität heute viel variabler ist, sich auf Regionen, soziale und kulturelle Umfelder bezieht. Ich bin auch nicht der Typ, der sich bei der WM das Fähnchen ans Auto klemmt. Reinhard Mey hat, wie so oft, für mich ganz persönlich die Dinge in Worte gefasst https://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/mein-land Entscheidend ist für mich, dass man die Debatte über Beheimatung als ein Thema auffasst, das viele Menschen bewegt und sich nicht mit dieser überheblichen Attitüde derer darüber hinwegsetzt, die meinen, derlei bräuchten sie nicht. Exemplarisch waren für mich immer die Toskana-Linken (ich liebe die Toskana), die sich hier als Weltbürger geben und in Italien als Freund ländlicher Traditionen. Imgrunde zeigt das nur eine verklemmte Haltung ur eigenen Identität.

theo
theo
11 Jahre zuvor

Man sollte auch Begriffe wie „Heimat“ nicht den Nazis überlassen. Man muss aber deswegen nicht versuchen, sich ihren Begriffsauslegungen anzuschmiegen. Man sollte unbedingt katastrophale Situationen wie die Unterbringung von Roma in einem üblen Haus einer Duisburger Unterweltgröße angehen, da muss dringend etwas geschehen, wegschauen hilft niemandem. Die Leute müssen anders untergebracht werden. Behörden, die nichts tun, schaden der Gesellschaft.

Wenn ein Staat und dessen Politiker erst die Probleme eskalieren lassen und dann die Worte, dann entsteht wieder so etwas wie Anfang der 90er Jahre. Deswegen bin ich dagegen, dass Demokraten Begriffe der Nazis übernehmen und meinen, damit könnten sie denen das Wasser abgraben. Die „Asylanten“-Sprache der CDU/CSU hat doch seinerzeit die Brandanschläge nicht verhindert, im Gegenteil: die Nazis und ihnen nahestehende Personen konnten ja gut das Gefühl haben, sie würden ja nur das tun, was „die da oben“ auch dachten.

Wolfgang Wendland
11 Jahre zuvor

Naja, wenn ich das Wort Vaterland höre fällt mir immer diese Filmszene ein:

Jan
Jan
11 Jahre zuvor

Also ich finde es persönlich angenehm, dass sich Andreas Molau bemüht, nach seinem Ausstieg weiter politisch zu wirken. Finde ich weitaus ehrlicher, als sich danach komplett unpolitisch zu geben. Da bleiben dann doch immer berechtigte Zweifel, ob der Ausstieg aus der Nazi-Szene nicht rein „pragmatischer“ Natur war.

Ich teile Molaus Ausführungen (bzw. Ihre Ausführungen, ich möchte natürlich durchaus auch mit Ihnen diskutieren, nicht bloß über Sie, auch wenn mir das als jemand, der auch häufig auf Antifa-Demos ist, noch etwas surreal vorkommt) so nicht, aber kann schon anerkennen, dass diese sich weit außerhalb von Nazi-Argumentationen befinden. Sicherlich sind diese trotzdem konservativ, rechts oder wie man das auch immer nennen möchte. Aber durchaus auf einer solchen Basis, dass ich sagen kann: Ja, darüber können wir diskutieren.

Den Begriff Vaterland finde ich dagegen auch doof. Heimat ist da schon ein komplexerer Begriff, mit dem ich mich aber auch schwer tue. Aber ich kann durchaus für mich sagen, dass ich mich in Bochum „zuhause“ fühle. Geboren und aufgewachsen bin ich allerdings woanders. Der Begriff „Heimat“ lässt sich natürlich auch auf diese Art und Weise benutzen.

Jan
Jan
11 Jahre zuvor

@ Wölfi: Sehr passend. 🙂

Albrecht Kolthoff
Albrecht Kolthoff
11 Jahre zuvor

Molau: Verlust und Entfremdung ist conditio humana, so wie die daraus resultierende Suche nach der verlorenen Harmonie, die als Identität verklärt wird. Es ist die Suche nach etwas Externem, das einem die Richtung weist und damit im Endeffekt die eigene Entscheidung und Verantwortung abnimmt; etwas, das größer ist als man selbst, im erweiterten Sinne also Religion, ob nun metaphysisch oder säkular. In den Mutterleib zurück können wir nicht mehr, also wird Ersatz gesucht. Im besseren Fall bringt diese Suche Literatur und Kunst hervor, im schlechteren Mord und Totschlag, und zwar deshalb, weil der Suchende sich einbildet, er könne in absehbarer Zeit tatsächlich an ein Ziel kommen und müsse dazu nur die Widerstände auf dem Weg beseitigen. Man kann aber auch ganz realistisch mit diesem nicht zu lösenden und nicht endenden Spannungsverhältnis umgehen, so wie es der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann getan hatte, als er (noch als Präsidenten-Kandidat) auf die Frage nach seinem Patriotismus antwortete: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig“. „Just do it“, wie die Turnschuhwerbung sagt; home is where the heart is. Und jetzt empfehle ich als maximalpädagogische Maßnahme, mal eine Stunde lang Johnny Cash zu hören, dann sollte sich das mit der Identitäts-Sucht ein wenig abmildern.

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Jan. Ich bevorzuge auch den Begriff Heimat. Vaterland sagt mir wenig, noch weniger der Staat. Region, Umfeld kulturell oder soziologisch sind mir wichtiger.

@ Albrecht Kolthoff. Mord und Totschlag gibt’s in der Weltgeschichte aus allen möglichen Gründen. Aus Chauvinismus, politisch oder religiös. Daraus abzuleiten, das kulturelle oder religiöse Identität per se verwerflich sein müssen, halte ich für sehr gewagt. Das Dritte Reich war nach meiner Auffassung übrigens deshalb vor allem so verbrecherisch, weil die menschenverachtende Ideoligie eben gerade keine ethische Instanz akzeptiert hat. Also auch keine göttliche Instanz. Widerstandskämpfern wie Rupert Mayer, der übrigens auch Patriot war, hat diese Kraft, die Sie so verwerflich finden, standhaft gegen den Terror gemacht.

Ich liebe auch keine Staaten, aber ich möchte gern in einem Gemeinwesen leben, indem sich’s leben lässt. Ich höre jetzt Puccini. Das ist meine maximalpädagogische Maßnahme. Allerdings gräme ich mich nicht, dass zum menschlichen Wesen Irrationales hinzugehört.

der, der auszog
der, der auszog
11 Jahre zuvor

Wieso muss man in den Begriff Heimat überhaupt irgendetwas hinein interpretieren? Im Endeffekt beschreibt er lediglich den Ort, in dem das Heim steht, also wo jemand zuhause ist bzw. wo jemand aufgewachsen ist. Da gibt es nichts zu deuten. Das kann man, wenn man den wollte, eigentlich recht nüchtern betrachten.

Patriotismus brauchen wir eigentlich auch nicht mehr. Patriotismus war im 19. Jahrhundert in Deutschland der Schrei nach Nationaler Einheit und wahrscheinlich nötig, um die Kleinstaaterei zu überwinden und das Deutsche Reich, den politischen Vorläufer der heutigen Bundesrepublik, zu gründen. Alles, was danach kam, besonders der ab der Wihelminischen Ära mit dem Patriotismusbegriff einhergehende und völlig überzogene Nationalismusbegriff, also der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Nation und die damit stattfindende Abwertung anderer Nationen, sollte Grund genug sein, dem Wort „Patriotismus“ nicht zu viele Interpretationsmöglichkeiten zu geben.

Patriotismus leitet sich vom Lateinischen Wort Patria ab. Patria bedeutet übersetzt Vaterland. Der Begriff Vaterland ist, zumindest wenn man dem Grimmschen Wörterbuch der deutschen Sprache glauben darf, ein für die deutschen Dialekte völlig unüblicher Begriff für Heimat; bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts quasi ein Fremdwort. Der Begriff kommt aus der Antike, aus einer Zeit, als es üblich war den Machtbereich des Staates oder der Mutterstadt durch Kolonialisierung auszudehnen. Colonia, zu deutsch Kolonie, leitet sich ab von dem Verb „colere“ – „besiedeln“, (Neu-)“Land bestellen“. Während Colonia das Land beschreibt, welches neu bestellt wird, ist „Patria“ das Land, welches von den Vätern bestellt wird. Die Begriffe Vaterland und Kolonie gehören zusammen gedacht.

Der Begriff Vaterland gewann erst weit nach der Reichsgründung 1871 in Deutschland an Bedeutung, nämlich als man versuchte durch Kolonialerwerb im Reigen der anderen europäischen Länder um die Vormachtstellung in der Welt mitmischen zu müssen. Die Folge waren zwei Weltkriege, in denen Deutschland die Hauptverantwortung trägt.

Statt irgendwelche durch die deutsche Geschichte verklärten Begriffe krampfhaft neu zu definieren, würde es in vielen Fällen reichen, sich der Ursprünge von Worten und Floskeln bewusst zu werden. Das ist ernüchternd, führt aber vielleicht zu der Erkenntnis, dass man gewisse Worte gar nicht braucht um sich oder seine Herkunft zu beschreiben.

Hutze
Hutze
11 Jahre zuvor

Ein großes Danke an Frau Märkel für ihren Beitrag!!

Nein, ich glaube nicht, dass wir mehr Patriotismus und Heimatgefühl in diesem Land brauchen. Man darf hier das ganze Jahr mit den Autoaußenspiegelschwarzrotgoldhussen rumfahren, ohne irgendwie blöd angeguckt werden, man darf lustig unter der Dusche „Am Brunnen vor dem Tore“ singen, ohne dass der Nachbar klagt, nahezu jeder Mensch, den ich kenne, hat einen Bezug zu seinem Heimatlandstrich und sagt das ganz offen und ehrlich und auch mit Stolz in vielerlei Hinsicht – und wer da mehr braucht, und wer denkt, dass ihn Zuwanderung entfremdet und wer meint, blödsinnige Deutschtümelei müsste mehr Platz bekommen, wer meint, er braucht ein Vaterland, um eine Identität zu haben, der ist in meinen Augen ganz weit rechts draußen in einer Idiotengruppe schon sehr gut aufgehoben.

Ich mag solche Leute in der „Mitte“ eigentlich nicht haben.

Ulrike Märkel
Ulrike Märkel
11 Jahre zuvor

Ich unterstelle Ihnen nicht, persönlich gegen Menschen gewalttätig gewesen zu – das kann ich nicht beurteilen. Aber ich beziehe mich auf das Thema, das Sie für Ihren Artikel gewählt haben, den „Umgang mit Rechtsextremen“ und daher reden wir zwangsläufig auch über massiv gewalttätige Rechte, die von der Partei, für die Sie als führender Funktionär tätig waren, unterstützt werden. Ich muss doch keine Eulen nach Athen tragen!

Wenn Sie schreiben: „Es gibt in allen extrem rechten Gruppierungen genügend Menschen, die sich vom Hass lieber verabschieden würden, deren laute Fragen aber keine Beantwortung finden“ stellen sie damit die Behauptung auf „fehlende Beantwortung von Fragen = Rechtfertigung der Mitgliedschaft in rechtsextremen Gruppen“. Mit dieser Theorie wälzen Sie die Verantwortung auf die Gesellschaft ab, die nach dieser Argumentation selbst am Rechtsextremismus schuld ist, weil sie keine ausreichenden Antworten auf persönliche Identitätsfragen Rechtsextremer bietet und Fragen nach „Heimat und Entfremdung“ und „Sehnsucht nach Werten“ unzulänglich beantwortet. Überlässt man Rechte denn tatsächlich hilflos dem Unvermögen sich vom „Hass zu verabschieden“?

Ich glaube kaum. Man wird das Problem Rechtsextremismus nicht dadurch lösen, dass man soziale Fragen klärt und den Heimatbegriff neu definiert. Wenn es stimmen sollte, dass die Austiegswilligen vor allem die Sorge um den Heimatbegriff umtreibt und Heimat auch „…eine wichtige Fragestellung für Menschen, die sich aus der rechten Szene verabschieden wollen“ ist – wie Sie schreiben – dann müssten sich viele aus der rechten Szene verabschieden. Denn der Begriff Heimatliebe ist gesellschaftlich lange schon enttabuisiert. Nach ihrer These könnten also all die Ausstiegswilligen problemlos zu Aussteigern werden.

trackback
11 Jahre zuvor

Links anne Ruhr (07.12.2012)…

Bochum: Affäre um den Atrium-Talk: Aufsichtsrat befragt Hellen – Neuer Wirbel um Beratervertrag (Ruhr Nachrichten) – Dortmund: Realisierung des "Radschnellwegs Ruhr" in weite Ferne gerückt (WR.de) – Duisburg: A 524…

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Ulrike Märkel. Dass Sie offenbar nur wenig Ahnung über das haben, was Menschen bewegt nach rechts zu gehen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Sie ununterbrochen apodiktische Urteile darüber fällen. Wen kennen Sie denn als Ausstiegswilligen?? Tatsächlich gibt es viele, die die Szene verlassen würden. Gewalttätigkeit ist ein Problem aller extremen Haltungen, ob sie nun politisch links, rechts oder religiös motiviert sind. Ich bin weit davon entfernt anzunehmen, dass allein das „Sein das Bewusstsein“ prägt. Aber Ihre Auffassung, die gesellschaftlichen Verhältnisse hätten nichts mit der Entstehung von Extremismus zu tun, ist gelinde gesagt naiv. Es geht auch nicht um eine Enttabuisierung des Heimatbegriffes. Es geht um die durch und durch verkrampfte Haltung, die insbesondere die den Diskurs weitgehend bestimmende Linke zu dem Thema hat. Die extreme Rechte ist übrigens genauso verkrampft, weil hier ein geschlossenes, aggressives Weltbild entsteht.
@ der, der auszog. Sie fragen, warum man in den Begriff Heimat überhaupt etwas hereininterpretieren müsse. Ich frage Sie: warum nicht? Das klingt so wie, „das kann man aber nicht so sagen.“ Sie sehen doch, dass es Menschen gibt, die das bewegt. Das allein ist in einer Demokratie Rechtfertigung genug, darüber sprechen zu dürfen. Und am besten läßt’s sich’s reden, wenn man sich gegenseitig nichts unterstellt. Zum Beispiel, ich würde fordern, einer „blödsinnigen Deutschtümelei“ mehr Platz zu verschaffen. Davon steht nichts in dem Beitrag. Und das denke ich auch nicht.

Kaugummimaus
Kaugummimaus
11 Jahre zuvor

Bäh, jetzt darf also der Molau auf den Ruhrbaronen über Heimat schwadronieren. Ausgerechnet der angebliche Aussteiger-Nazi, der meines Wissens bis heute noch nicht dafür gesorgt hat, dass eine beträchtliche Anzahl seiner Nazi-Kameraden im Knast gelandet sind, soll jetzt hier erzählen, wie man mit Nazis umgehen soll.

Und, welch Wunder, er probiert, rechte Begriffe wie „Heimat“ positiv zu besetzen, und bittet darum, dass wir doch „den Menschen“ im Nazi wahrnehmen sollen. Auf wen bitte wirkt das nicht wie billige Lobby-Arbeit in eigener Sache?

Sorry, aber dass dieser persönliche Geschichtsrevisionismus des Nazi-Funktionärs („dass nicht alle Fragen falsch waren, die mich bewegt haben“) hier so eine Plattform bekommt, das geht mir echt eine ganze Nummer zu weit.

Der Typ testet offensichtlich gerade aus, mit wie viel von dem extrem rechten Gerede über Patriotismus, Heimat, Identität er wohl in der angeblichen „Mitte der Gesellschaft“ durchkommt.

Dass die Ruhrbarone sich für dieses Spielchen hergeben, halte ich für einen ziemlichen Maga-Fail.

Jan
Jan
11 Jahre zuvor

Also Herr Molau, jetzt stellen Sie sich aber ein bisschen naiv. Selbst wenn Sie nie selbst ein Befürworter von Gewalt waren, so können Sie doch nicht ernsthaft übersehen, dass es nicht „der Extremismus“ ist, der zwangsläufig zu Gewalt führt, sondern Gewalt ein notwendiger Faktor rechter Ideologien ist. Selbst der sich pazifistisch gebende Ethnopluralismus hat doch letztlich keinen „Platz“ für Juden, Amerikaner, Sinti und Roma etc. Religiösen Extremismus würde ich da durchaus als ähnlich charakterisieren. Die Pro-Bewegung ist ja z.B. sowohl religiös fundamentalistisch als auch rechtsextrem. Die Zusammenarbeit von Nazis und Islamisten wird Ihnen auch bekannt sein.

Mit dieser Extremismusvereinfachung läuft man doch nur vor der Problematik davon, dass Zwangskollektivismus immer zu Ausgrenzung und letztlich Gewalt führt.

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

Ich finde auch, den Molau hier schreiben zu lassen, das geht echt zu weit, und stimme „Kaugummimaus“ zu:

Jemand, der über so viele Jahre hinweg als Nazi-Funktionär so viel krassen Scheiß gemacht hat, der sollte nicht weiter in der Öffentlichkeit rumprollen, sondern einfach mal den Mund halten und hinter den Kulissen dabei helfen, die Mitglieder des Nazi-Sumpfs hinter Schloss und Riegel zu bringen. Welche Erfolge hat die so groß angekündigte Zusammenarbeit von Molau mit den Ermittlungsbehörden denn bisher gehabt? Welche Nazis sind durch das ach so tolle Insider-Wissen Molaus inzwischen verhaftet worden? In welchen Prozessen hat Molau bisher gegen Nazis ausgesagt und das entscheidende Belastungsmaterial geliefert? Auf mich wirkt das alles wie Augenwischerei.

Was für ein toller Ausstieg, wenn der angebliche Aussteiger nun mit einem Loblied auf die Konrad-Adenauer-Stiftung nun quasi kontinuierlich weiter macht: Am äußersten rechten Rand dessen, was bei vielen vielleicht noch als bürgerlich-demokratisch durchgehen könnte, geht es ihm weiter um „Heimat“, „Patriotismus“ und „Identität“.

Sorry, aber auf Veröffentlichungen von solchen „Aussteigern“ kann ich wirklich verzichten, und ich hoffe inständig, dass es ein Ausrutscher war, dass sich die Ruhrbarone mit so jemandem gemein machen.

Nansy
Nansy
11 Jahre zuvor

#21 und #23

solange hier auch „Aussteiger“ zu Wort kommen dürfen, sind die Ruhrbarone für mich weiterhin interessant. Ich habe kein Interesse daran, hier nur „ideologisch reinen“ mainstream Journalismus vorgesetzt zu bekommen.

Walter Stach
Walter Stach
11 Jahre zuvor

Ich meine, nach allem, was ich vorstehend lesen durfte:

Ich akzeptiere, wenn einige der Diskutanten meinen, eine Causalität begründen zu können zwischen Heimat-“ gefühl“, Vaterlands-„liebe“, Patriotismus und dem sog. Neo-Nationalsozialismus.

Ich habe das Gefühl, Waltrop sei meine Heimatstadt. Ich denke manchmal darüber nach, wo dieses Gefühl seine Gründe haben könnte. Eine Antwort darauf will ich aber letztendlich gar nicht finden ,und vermutlich gibt es die auch nicht, eben so wenig, wie ich meinem Gefühl der LIebe „auf den Grund“ gehen will.

Ich sage gelegentlich, ich sei ein Verfassungspatriot, weil ich der Auffassung bin, daß unsere Verfassung zu den besten der Welt zählt mit ihren Staatszielbestimmungen Demokratie,Rechtsstaat und Sozialsstaat, und zu diesen Prinzipien und damit zu „meiner“ Verfassung bekenne ich mich und für diese Verfassungsprinzipien bin ich jederzeit zu streiten bereit.

Sind damit bei mir Grundvoraussetzungen gegeben, um auf die Abwege zu einem Neo-Nazi zu geraten?

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

: Die Frage ist ja nur, bei was ist der Molau eigentlich „ausgestiegen“? Erst schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei der NPD. Dann schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei der DVU. Dann schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei Pro-NRW. Jetzt schwodroniert er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei den Ruhrbaronen. Dass das den Ruhrbaronen nicht unangenehm ist, sich in diese Reihe zu stellen, das wundert mich schon sehr.

Was mich dagegen überhaupt nicht wundert: Dass Molau jetzt, wie „Jan“ in #22 richtig bemerkt, zum Extremismustheoretiker geworden ist. Wer nun sein politisches Leben am äußersten rechten Rand dessen fortsetzen will, was gerade nicht als „extremistisch“ gilt, braucht diese von sehr vielen Fachleuten als unwissenschaftlich abgelehnte Theorie.

Denn eine differenzierte Betrachtungsweise, die nationalkollektivistische Ideologien als Problem ausmacht und feststellt, dass z.B. Rassismus keineswegs ein Problem des politischen Randes ist, sondern sich vor allem in der angeblichen „Mitte der Gesellschaft“ abspielt, die würde ja den Blackwashing-Versuchen von Molau zuwider laufen.

Molau will offensichtlich nicht mehr als „Brauner“ gelten, sondern viel lieber als rechtskonservativer im Geiste der Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit Ausstieg hat das wenig zu tun, wenn man betrachtet, dass sich Referenten der Konrad-Adenauer-Stiftung durchaus zum Beispiel bei rechten Burschenschaften der Nazi-affinen „Burschenschaftlichen Gemeinsachaft“ rumtreiben.

Von einem „Aussteiger“ würde ich erwarten, dass er mit rechtem Gedankengut bricht anstatt mit Grauzonen-Politik im rechtskonservativen Lager weiter zu machen – also woanders über Heimat, Patriotismus und Vaterland zu schwadronieren. Und ich erwarte, dass er alles ihm menschenmögliche dazu beiträgt, die rechten Strukturen auszuheben.

So lange Molau aber so weiter macht wie bisher, und sich dabei nur gerne auf der anderen Seite einer von ihm selbst mit postulierten Extremismusgrenze zu positionieren, hat er überhaupt keine Unterstützung wie diese Veröffentlichung verdient. Denn was Molau macht, ist aktuell nichts anderes als Grauzonen-Politik. Und die machen bekanntlich viele Rechte.

Nansy
Nansy
11 Jahre zuvor

@Hans
ich kann deinen Ausführungen weitgehend folgen. Und weiterhin möchte ich behaupten, dass es doch positiv ist, wenn man hier darüber streiten kann. Die Ruhrbarone stellen sich ja nicht automatisch „in eine Reihe“ mit den Ansichten eines Gastautors.

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

@Walter Stach:

Ob bei Ihnen „Grundvoraussetzungen gegeben“ sind, „um auf die Abwege zu einem Neo-Nazi zu geraten“?

Ich würde sagen, die wären nur dann gegeben, wenn Sie meinen würden, das Problem würde erst bei denen beginnen, die Neo-Nazis werden – und nicht bei allen Formen von Nationalchauvinismus und Rassismus, die sich in weiten Teilen eben nicht in der Neonazi-Szene abspielen, sondern in der Mainstream-Gesellschaft. Und sie wären dann gegeben, wenn Sie ihr gerade sehr persönlich-emotional (und sympathisch) geäußerten Verhältnis zu ihrer Heimatstadt politisieren und kollektivistisch umdeuten würden. Der Heimatbegriff, von dem Rechte wie Molau reden, ist nämlich nicht nur etwas persönliches, sondern es ist etwas politisch-kollektives. Da geht es nicht um persönliche emotionale Bindungen an eine Heimatstadt, sondern um ein kollektives Wir-Gefühl auf nationaler Ebene.

Also: So lange

– Ihr Heimatstadt-Begriff persönlich bleibt und Sie sich nicht auf einen kollektivistischen (evtl. gar national definierten) Heimatbegriff beziehen,
– und so lange Sie nicht anfangen, mit „Heimat“ Politik machen zu wollen, so wie Molau das nach wie vor will
– und so lange Ihnen auch bewusst ist, dass Rassismus und Nationalchauvinismus keine exklusiven Probleme der organisierten Neonazi-Szene sind, sondern leider vor allem mitten unter uns im Alltag ihren Platz haben

so lange würde ich Ihre Frage mit „Nein“ beantworten.

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

: Was ich ja nur meine: Es gibt nun wirklich genug Leute, die sehr fundiert über die militante Rechte schreiben können. Und auch über den Teil der Rechten, an den sich Molau gerade offensichtlich anbiedert.

Das wären sinnvolle Veröffentlichungen, über die wir auch gerne streiten können. Es gibt überhaupt keine Notwendigkeit, den Bock zum Gärtner zu machen, und Molau, der nach wie vor rechte Politikansätze vertritt, auch noch als Experten seiner selbst anzukündigen („kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter“), und ihn bei seiner Grauzonen-Politik zu unterstützen, mit der er jetzt an jenen Teil des rechten Lagers andocken will, das gerade eben nicht als „extremistisch“ gilt.

Nansy
Nansy
11 Jahre zuvor

@Hans: Wir wollen Aussteiger? Natürlich! Wir hoffen auf Einsicht und Umdenken? Aber ja, doch erwarten wir auch, dass jemand im klassischen Sinne abschwört?

„Ich, Galileo, Sohn des Vincenco Galilei aus Florenz, fast 70 Jahre alt, stand persönlich vor Gericht und ich knie vor Euch Eminenzen, die Ihr in der ganzen Christenheit die Inquisitoren gegen die ketzerische Verworfenheit seid. Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt …“

Man verzeihe mir meinen Ausflug in die Geschichte, aber mir ist jeder recht, der sich aus den Fängen der rechtsradikalen Szene lösen kann. Ob er nun „an jenen Teil des rechten Lagers andocken will, das gerade eben nicht als “extremistisch” gilt“ ist ja eine Frage, die Diskutiert werden kann. Aber die Formulierung „gerade nicht als extremistisch gilt“ impliziert ja schon, dass dieses Lager in Wirklichkeit extremistisch ist. Dafür fehlen mir dann aber die Beweise.

Was ich ja nur meine: man darf „Aussteiger“ nicht nur unter dem Gesichtpunkt der „richtigen politischen Gesinnung“ beurteilen, sonst kommt man nicht zum Ziel. Die Einleitung (“kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter”)hätte ich mir allerdings auch anders vorstellen können.

Arnold Voss
11 Jahre zuvor

Ich empfehle zwischen einem territorialen und und einem funktionalen Heimatbegriff zu unterscheiden. Der funktionale Heimatbegriff geht von einem Grundbedürfnis nach Heimat aus, das sich jedoch überall realisieren lässt, wo der Mensch sich auf längere Zeit niederlässt bzw. ihm die Möglichkeit gegeben wird, sich mit einem Ort bzw. mit den dort lebenden Menschen zu identifizieren.

Heimatbildung ist dann ein Prozess der Aneignung eines Ortes, der auch einem Zugezogenen/gewanderten, gelingen kann, wenn sich die schon am Ort Lebenden auf den Zugezogenen/gewanderten nachbarschaftlich einzulassen bereit sind. Die gemeinsame Zukunfstperspektive, also das was „der, der auszog“ (#16) als Zuhausesein bzw. Sich-Zuhause-Fühlen beschreibt macht dann im Kern Heimat aus.

Damit lösst sich der Heimatbegriff von einem bestimmten und dauerhaft angrenzbaren Territorium und einer damit verbundenen zwanghaften kollektiv-räumlichen Identitätsbildung. Heimatbildung ist dann freiwillig, immer auf Zeit und damit mehrfach im Leben an verschiedenen Orten, ja sogar in verschiedenen Ländern möglich.Der Heimatbegriff ist in diesem funktionalen Sinne dann auch nicht mehr für Nationalismus und Rassismus geschweige denn für jede Art von Naziideologie vereinnahmbar.

Mensch verschiedener Herkunft können nämlich sehr wohl ein gemeinsames Heimat- und Identifikationsgefühl entwickeln. Das ist, wie Einwandererstädte wie z.B. New York City oder Buenos Aires in großem Maßstab aufzeigen zwar nicht konfliktfrei möglich, aber es ist in einer Weise möglich wie es sich selbst ein großer Teil der Deutschen die aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft stammen, bislang nicht vorstellen können.

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

Klar wollen wir Aussteiger. Die können sich dann aber doch, wenn sie es ernst meinen, erstmal mit Weisheiten über Heimat und Patriotismus bedeckt halten, und stattdessen im Hintergrund in Zusammenarbeit mit der Polizei und meinetwegen auch mit antifaschistischen Organisationen dabei helfen, den braunen Sumpf trocken zu legen.

Sie können Insider-Infos verraten, Leute vor Gericht bringen und auch sonst dazu beitragen, zumindest ein klein wenig von dem ganzen Übel wieder gut zu machen, dass sie über Jahrzehnte hinweg mit angerichtet haben.

Worauf wir verzichten können: Angebliche Aussteiger, die genau das nicht tun, sondern die weiter in der Öffentlichkeit über Heimat und Patriotismus schwadronieren wollen. Ein bisschen Demut wäre angebracht, wenn man selbst , jahrelang politische Verbrecherorganisationen unterstützt hat. Klappe halten, Strukturen zerschlagen wäre da angebracht. Was Molau macht, ist genau das Gegenteil. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Unwissender
Unwissender
11 Jahre zuvor

@#21 | Kaugummimaus: „rechte Begriffe wie “Heimat”“

Heimat ist immer noch Sehnsucht nach der Kindheit. – Heinrich Böll

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Jan. Ich habe gesagt, dass extremistische Gedanken zur Gewalt führen können. Nicht jeder rechte Ideologe muss gewalttätig sein. Aber Ausgrenzung, da gebe ich Ihnen recht, ist strukturelle Gewalt.
@ Hans. Bei allem Respekt. Aber das, was Sie da schreiben ist für mich totalitären Geistes und aggressiv bis in die kleinste Formulierung. Ausgrenzung ist strukturelle Gewalt. Wer gibt Ihnen eigentlich das Recht bestimmen zu wollen, wer etwas wozu sagt? Sie tauschen Argumente mit Beleidigungen aus. „Klappe halten, Strukturen zerschlagen,…“ Warum nicht gleich Biografien zerschlagen oder internieren?! Solch verbale Gewalt empfinde ich als unerträglich. Was ist das für eine tolle Erkenntnis, dass ich mit mit den Themen Heimat während meiner Biografie in den verschiedenen Phasen auseinandergesetzt habe?! Wäre ja auch komisch, wenn nicht. Im Studium bei der Beschäftigung mit der Romantik hab ich das übrigens auch getan. Und stellen Sie sich vor, man kann sich mit einem Thema beschäftigen und neue Antworten finden.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor

Molau: ich weiß nicht, wie Hans das sieht, aber das Recht, Nazi Strukturen zu zerschlagen, leite ich aus der Geschichte ab.
Ich glaube auch nicht an den Dialog. Ich glaube an Druck. Wenn der groß genug ist, springen ein paar Leute ab, andere radikalisieren sich. Im Idealfall erledigt den Rest dann die Polizei.

Walter Stach
Walter Stach
11 Jahre zuvor

-28-Hans und -31-Arnold:

Das Gefühl eines Menschen, beh e i m a t e t zu sein und das öffentliche Äußern dieses menschlichen Gefühles von H e i m a t sind also nach den Beiträgen -28- und -31- nicht „a priori was Schlechtes für den Betreffenden selbst und auch nicht für Andere oder „a priori was Gefährliches für eine freiheitliche Gesellschaft“;und auf diese simple Erkenntnis zielte meine rhetorischen Frage -25-.

(Im übrigen teile ich weitgehend die unter -28- und -31-geäußerten Auffassungen bzw. Meinungen.)

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Stefan Laurin. Vokabeln wie zerschlagen klingen für mich nach Krieg. Ich denke, ohne Dialog geht es nicht. Sie sehen das anders. Das kann man ja auch ohne Schaum vor dem Mund diskutieren und notfalls stehen zwei Meinungen einfach gegeneinander. Das ist Pluralismus. Ich frage mich eben nur, warum das, wie etwa bei Hans, nur mit Unterstellungen und Beleidigungen gehen muss.

Hans
Hans
11 Jahre zuvor

Bei allem Respekt – aber die Postings von Andreal Molau zeigen für mich schon deutlich, wes Geistes Kind er ist. Da nennt er sich einen „Aussteiger“ und nennt es gleichzeitig „totalitär“, wenn Leute Nazistrukturen zerschlagen wollen. Solche „verbale Gewalt“ sei ihm zuwider. Quod demonstrandum erat.

Ich bleibe dabei: Wer jahrelang die Strukturen von rechten Gewaltverbrechern gestärkt hat, sollte ein bisschen Demut zeigen, wenn er den Ausstieg ernst meint.

Er sollte im Hintergrund an der Zerschlagung der neofaschistischen Strukturen mitarbeiten, um zumindest ein klein bisschen wieder von dem Schaden gut zu machen, den er angerichtet hat.

Was er nicht tun sollte ist zu versuchen, möglichst viel vom eigenen rechten Weltbild in die angebliche „Mitte der Gesellschaft“ zu retten, zu der er doch so gerne dazugehören würde.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor
Reply to  Andreas Molau

Molau: Auseinandersetzungen mit Menschen, die den Mord an 6 Millionen Juden gut finden und andere mit dem Tod bedrohen, in Deutschland in den vergangenen Jahren für 181 Tote verantwortlich waren und nach Meinung der Innenminister Waffen horten, haben zwangsläufig immer auch einen militärischen Charakter. Der Staat scheint das nach den NSU Morden begriffen zu haben und tritt entsprechend härter auf. Wer nicht in diese Auseinandersetzung geraten will, kann ja aussteigen. Wenn nicht geht es in den Knast.

Arnold Voss
11 Jahre zuvor

@ Andreas Molau
Zwei Meinungen, bei denen eine von beiden sowohl auf das Gewaltmonpol des Staates pfeift als auch selber systematische Gewaltanwendung zu ihrem Durchsetzungsmittel erklärt, und beides tun die Neonazis, hat rein garnichts mit Pluralismus zu tun, Herr Molau. Das ist einfach nur Straßenterror.

Kaugummimaus
Kaugummimaus
11 Jahre zuvor

So lange Andreas Molau es als Beleidigung empfindet, wenn jemand benennt, dass er jahrzehntelang gewalttätige Fascho-Strukturen gestärkt und unterstützt hat, und dass er jetzt – wenn er es mit dem Ausstieg ernst meint – die Pflicht hat, zu ihrer Zerschlagung beizutragen, so lange kann Andreas Molau von seiner Gesinnung her meiner Meinung nach nicht als Aussteiger gelten.

Auf mich wirkt das so:

Da hat sich wer von bestimmten Organisationsstrukturen getrennt. Zuerst ist er von einer Fascho-Partei (NPD) zur nächsten (DVU) gewechselt, dann weiter zur extrem rechten Partei Pro-NRW. Jetzt will er gerne ins nationalkonservative Lager wechseln und nennt das einen „Ausstieg“ aus der rechten Szene.

Tatsächliche Aussteiger fühlen sich nicht beleidigt, wenn sie mit klaren und deutlichen Aussagen über ihre Fascho-Vergangenheit konfrontiert werden. Sie versuchen auch nicht abzuwigeln, zu relativieren und den anderen Leuten zu erzählen, dass man mit Nazis doch eigentlich reden müsste, anstatt ihre Strukturen zu zerschlagen.

Das alles zeigt alles klar und deutlich, was für einen redaktionellen Fehlgriff die Ruhrbarone sich mit der Entscheidung erlaubt haben, ausgerechnet Molau zum „Gastautor“ werden zu lassen.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor
Reply to  Kaugummimaus

@Kaugummimaus: Ich kenne ausser Andreas Molau nur einen anderen Nazi-Aussteiger, wäre aber bei denen, die sich so verhalten, wie ich es mir wünsche besonders mißtrauisch.

Gregor
Gregor
11 Jahre zuvor

Hier scheint mir aber vieles durcheinandergeraten zu sein. Worüber reden wir hier eigentlich? Meines Erachtens hat Herr Molau die These aufgestellt, dass wir die Begriffe Patriotismus und Heimat nicht den Rechtsextremisten überlassen dürfen. Wollen wir den die Lufthoheit über diese Begriffe am Ende wirklich nur den Neonationalsozialisten überlassen? Ist Heimat wirklich etwas perse verachtenswertes? Müssen wir hinter dem Begriff Patriot wirklich immer gleich die kalte Fratze des Nationalismus vermuten? Ein solches Weltbild erscheint mir dann doch etwas eingeengt.

Heimat ist mehr als nur der Ort in dem ich geboren bin. Heimat prägt und ist daher auch Teil der eigenen Identität. Ob es uns nun passt oder nicht: Wir sind mehr oder weniger durch unser Land geprägt. Seine Geschichte ist auch Teil unserer Indentität. Wäre das nicht so, dann könnten wir die Geschichte einfach ablegen, weil sie uns ja garnichts angeht. Das kann aber gerade hier niemand ernsthaft vertreten wollen, oder doch?

Warum übernehmen manche Disskutanten hier so unrflektiert das nationalistische Gedankengebäude zu eigen, dass Heimat und Patriotismus Begriffe sind, die grundsätzlich den Anderen augrenzen. Denn nur in diesem nationalistischen Sinne wären Begriffe wie Heimat und Patriotismus etwas Verwerfliches und dementsprechend zu kritisieren. Das kann ich aber bei den Ausführungen von Andreas Molau nicht entdecken. Heimat und Herkunft, ist nach meiner Ansicht eben nur ein Teil meiner Identität. Darüber hinaus gibt es viele andere Dinge, die mich prägen. Sonderrechte, wie Rassisten behaupten, kann ich davon überhaupt nicht ableiten. Ich muss daher Heimat auch nicht überbewerten, nationalistisch aufladen und völlig überhöhen!!!! Ich muss diesen Begriff aber ebensowenig bekämpfen. Beide Dinge nehmen den Begriff Heimat und Patriotismus wichtiger als er für den Menschen im Grunde genommen ist. Man kann Deutscher, Euröpäer und Mensch sein, ohne dass das eine das andere ausschließt. Bleibt also bitte auf dem Teppich.

Andreas Molau
Andreas Molau
11 Jahre zuvor

@ Hans. Ich finde es totalitär, wenn Sie mir sagen, dass ich die Klappe halten soll.
@ Kaugummimaus. Ich finde es auch nicht als beleidigend, wenn man mich darauf hinweist, dass ich rechtsextreme Strukturen gestärkt und entwickelt habe. Ich empfinde es als beleidigend, wenn mir jemand vorschreibt, worüber ich heute zu reflektieren habe und worüber nicht.
Das mit solchen Argumenten einem repressiven Polizeistaat das Wort geredet wird, das finde ich schon skurril.
Nochmals, ich ziehe Dialog der Gewalt vor. Das ist meine Schlussfolgerung aus den Erfahrungen, die ich gemacht habe.
@ Arnold Voss. Wie wäre es einfach einmal mit etwas Differenzierung. Jemand der Gewalt anwendet, ist ein Fall für die Justiz. Ich habe nicht gesagt, dass solche Leute zum pluralen Diskurs gehören. Lesen Sie doch einfach mal, was ich geschrieben habe. Resozialisierung würde zwar auch Dialog voraussetzen, aber ich denke, dass eine inhaltlche Auseinandersetzung mit jenen zuerst stattfinden muss, die nicht Gewalt ausüben.

Kaugummimaus
Kaugummimaus
11 Jahre zuvor

@Stefan Laurin: Misstrauisch bleiben sollte man bei Leuten, die jahrelang in solch menschenverachtenden Strukturen gearbeitet haben, immer.

Aber wichtig ist halt, was hinten raus kommt – also wie viel der angebliche oder tatsächliche Aussteiger dazu beiträgt, die menschenverachtenden Nazi-Strukturen zu zerschlagen. Relativierende Statements z.B. über die rechte Junge Freiheit (Molau tut so, als ob sein Einstieg in die Szene nicht bereits mit der Autorschaft und führende Mitarbeit der Zeitung schon längst unerträgliche Formen angenommen hätte, sondern erst danach schlimm geworden sei) oder die Forderung, dass man mit den Nazis doch lieber reden sollte, das kann jedenfalls nicht als praktische Widergutmachung angesehen werden. Stattdessen ausgerechnet als Ex-Fascho zu versuchen, Begriffe wir „Heimat“ und „Patriotismus“ reinwaschen zu wollen, das gehört nun wirklich auch nicht dazu.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor
Reply to  Kaugummimaus

@Kaugummimaus: Mal ganz im ernst und unabhängig vom Thema: Ich war noch nie besonders mißtrauisch.

der, der auszog
der, der auszog
11 Jahre zuvor

@Hans
Mit Heimat machen alle Politik, Parteien, Städte, Wirtschaftsverbände; die CDU mit „Wir in NRW“, die SPD mit „NRW im Herzen“ eine Stadt wie Gelsenkirchen mit „Gelsenkirchen, Herz im Revier voll Kraft und Zauber“, eine Wirtschaftsregion mit „Das Ruhrgebiet – ein starkes Stück Deutschland“
Mir persönlich geben solche Sprüche nichts. Ich finde sie absolut lächerlich, weil sie keine rational fassbaren Inhalte transportieren, teilweise sogar verklären. Aber sie funktionieren und zwar auf einer Emotionalen Ebene. Und weil sie funktionieren wird „Heimat“ immer auch ein Thema in der Politik sein.

@Kaugummimaus
Man kann vor Stefan Laurin eigentlich nur den Hut ziehen, dass er auch Beiträge, wie diesen hier veröffentlicht. Die Diskussion in den Kommentaren zeigen, wie kritisch über das Thema diskutiert wird und dass sich niemand – mit wem auch immer – auf eine Stufe stellt. Ich würde im Übrigen nie auf die Idee kommen, eine Veranstaltung von Andreas Molau zu besuchen. Trotzdem hätte ich ein paar Fragen an ihn. Hier kann ich sie stellen.

Molau.
Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen über ihre Heimat sprechen. Ich habe ein Problem, wenn sie etwas in ihre Heimat hinein interpretieren. Lassen wir uns über ein Beispiel reden. Ich bin an der Lippe aufgewachsen und sag jetzt einfach mal, die Gegend zwischen dem Römerlager Haltern und der Stadt Xanten ist meine Heimat. Wieso ich ausgerechnet diese beiden Städte auswähle, hängt mit einem Ereignis zusammen, welches vor drei Jahren in Form dreier großartiger Ausstellungen und vieler kleiner Events gedacht wurde. 2000 Jahre Varusschlacht. Diesem Thema kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Rational und emotional.

Rational wäre beispielsweise unter Berücksichtigung der historischen Ereignisse: Da scharrt ein Germanenhäuptling, nennen wir ihn der Korrektheit halber Arminius, der in Rom erzogen wurde und in Syrien die römische Kampfkunst erlernte, einen Haufen Germanenstämme um sich, lockt 18.000 römische Soldaten in einen Hinterhalt, vernichtet sie und sorgt so dafür, dass sich die Römer in Zukunft wieder bis hinter den Rhein zurückziehen. Irgendwann, Jahre später, bekommt dieser Germanenhäuptling dann von seinen eigenen Verbündeten einen über die Rübe und ist Geschichte. Rechtsrheinisch bleibt alles beim alten, während sich auf der linken Seite des Rheins unter dem Einfluss Roms die Zivilisasation weiterentwickelt.

Und jetzt gehen wir mal emotional an die Geschichte heran und interpretieren ein wenig hinein: Wir vergessen Arminius und entdecken ihn dann plötzlich 1800 Jahre später wieder, geben ihm einen deutschen Namen, nämlich Hermann und stilisieren ihn zum Urvater der Germanen, schließlich war er es ja, der die Germanen von den Römern befreit hat. Zum krönenden Abschluss setzen wir ihm im deutschesten aller Wälder das größte Denkmal der Welt. Finanziert wird die Kiste mit Geld aus Frankreich, welches kurz zuvor zwei Kriege gegen das neu gegründete Reich verloren hatte. Als Dankeschön für die Niederlage lässt man dann noch den deutschen Urvater erhobenen Schwertes nach Westen, Richtung Frankreich blicken.

Eventuell lässt sich der Hermannhype des 19. Jahrhunderts noch mit der Sehnsucht nach Nationaler Einheit gepaart mit der Unkenntnis über die eigene Geschichte erklären. Heines „Deutschland ein Wintermärchen“ sticht da erfrischend aus der damaligen Schar der Künstler heraus, aber das ist eine andere Geschichte. Fakt ist aber, dass die Mär um Hermann bis heute Bestand hat und im Zusammenhang mit dem, was man irgendwie als Heimat-geschichte bezeichnen könnte, weiterlebt. Meine Schulzeit in den 80er Jahren war unter anderem dadurch geprägt, dass man wenigstens einmal einen Klassenausflug nach Detmold zum Hermannsdenkmal unternommen hat. Die 90er Jahre waren dadurch geprägt, dass sich Historiker, Heimatvereine und Burschenschaften bei der Frage nach dem wahren Ort der Varusschlacht Schlammschlachten lieferten. Die Funde in Kalkriese bei Osnabrück brachten den Detmolder Hermann und seinen Mythos ganz schön ins Wanken. Aber so richtig losslassen an der Mär des Urdeutschen wollen immer noch viele nicht. Warum nicht? Hermann, oder nennen wir ihn der Korrektheit halber wieder Arminius, ist für mich das beste Beispiel für Schwachsinn, der automatisch entsteht, wenn man in seine Heimat und ihre Geschichte irgendetwas hinein interpretiert.

Aber ich wollte auch Fragen stellen. Wie sieht ihrer Meinung nach Heimat aus, und was soll Heimat, wo sind die Grenzen sein?

Im Moment leben wir in einem Europa der Regionen. Deutschland gleichberechtigt neben anderen Nationen, der Westfale auf Augenhöhe mit dem Basken oder dem Südtiroler. Es gibt aber auch andere Modelle, zum Beispiel Deutschland ohne Europa, möglicherweise in den Grenzen vor 1945. Sie haben die CDU nahe Konrad Adenauer Stiftung erwähnt, die sich ja auch um den Heimatbegriff bemüht. Bei Adenauer muss ich irgendwie auch hin und wieder an Vertriebenenverbände denken. Schlesier, Ostpreußen, Oder-Neiße Linie…

Britta W.
Britta W.
11 Jahre zuvor

Molau: Wenn Sie wirklich Angst davor haben sollten, einem „repressiven Polizeitaat“ zu dienen, wenn sie zur Zerschlagung von extrem rechten Strukturen beitragen, wenn Sie der Polizei dabeibhelfen, ihre alten Kameraden zu verhaften, dann gehen Sie doch meinetwegen zur Antifa Ihres vertrauens und erzählen Sie alles, was sie über die rechten Strukturen und Protagonisten wissen. Möglichkeiten gibt es genug, wenn Sie wollen. Ich habe den Eindruck, Sie wollen lieber rumrelativieren, und irgendwie vielleicht sogar verhindern, dass Nazistrukturen zerschlagen werden. Ein fkaubhafter Aussieg aus extrem rechten Welterklärungsmustern (Menschen, die keine Nazistrukturen dulden, seien deswegen selber titalitär etc.) ist das nicht. Eher das Gegenteil.

Unwissender
Unwissender
11 Jahre zuvor

@#48 | Britta W.: Die Antifa ist in dem Fall sicher der falsche Ansprechpartner, sinnvollerweise sollte man mit dem Staatsschutz zusammenarbeiten, wenn man es ernstmeint.

Arnold Voß
Arnold Voß
11 Jahre zuvor

@ Andreas Molau #37 + #44

„Das kann man ja auch ohne Schaum vor dem Mund diskutieren und notfalls stehen zwei Meinungen einfach gegeneinander. Das ist Pluralismus.“

Es gibt Meinungen die eben nicht einfach gegeneinander stehen bleiben können. Wenn z.B. Jemand den Holocaust leugnet, kann man diese Meinung nicht einfach so stehen lassen bzw. sich damit zufrieden zu geben, dass man eine gegenteilige hat. Das gleiche gilt für antidemokratische oder rassistische Äußerungen. Solche Meinungen sind nämlich entweder keine Meinungen sondern Lügen oder aber sie hebeln den von ihnen so gelobten Pluralismus als solchen aus.

Aber wo sie Differenzierung einklagen: Was halten sie von meiner Differenzierung des Heimatbegriffes in # 31 bzw.könnten sie sich meinem funktionalen Heimatbegriff anschließen?

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