Nur noch ein Schatten früherer Jahre – Warum die Tour de France ihre Strahlkraft verloren hat

Die Tour 2005. Quelle: Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Die Tour de France 2025 biegt auf die Zielgrade ein. Am Sonntag kürt sie in Paris ihre Besten. Wie jedes Jahr im Juli bahnt sich das Peloton gerade seinen Weg durch Frankreichs Städte, Alpenpässe und Lavendelfelder. Und wie jedes Jahr liefern ARD und Eurosport mit ihren Übertragungen solide Einschaltquoten.

Doch bei all der Bewegung bleibt eines unverkennbar: Die Strahlkraft, die Faszination, das Staunen früherer Tage sind, trotz des überraschend erfolgreichen Auftretens von Florian Lipowitz in der jüngsten Auflage, längst verblasst. Die Tour läuft – aber sie berührt Deutschland nicht mehr.

Früher war die Tour de France ein Mythos. Namen wie Jan Ullrich, Marco Pantani oder Lance Armstrong sorgten für elektrisierende Momente, für Gesprächsthemen in Schulhöfen und Kantinen. Millionen Deutsche saßen gebannt vor dem Fernseher, fieberten mit, litten mit, hofften mit. Ich auch.

Und heute? Ein Achtungserfolg für einen deutschen Fahrer wird in der Tagesschau mit einem Halbsatz erwähnt, die ganz großen Schlagzeilen aber gehören längst anderen Sportarten. Die Tour findet statt – aber oft nur nebenbei.

Ein Grund ist ohne Zweifel der dunkle Schatten des Dopings. Die 2000er-Jahre haben das Rennen in seinen Grundfesten erschüttert. Die Erkenntnis, dass ganze Generationen von Radprofis unter systematischem Betrug unterwegs waren, hat Vertrauen zerstört – nachhaltig. Zwar bemüht sich die heutige Tour um ein sauberes Image, doch das Misstrauen sitzt tief. Wenn heute ein Fahrer auf einer Bergetappe scheinbar mühelos allen enteilt, bleibt stets ein Restzweifel: Ist das wirklich nur die Kraft der Beine?

Doch es geht um mehr als Doping. Die Tour ist ein Opfer ihrer eigenen Mechanismen geworden. Sie ist durchkommerzialisierter denn je. Zwischen Helikopterbildern, Werbekarawanen und Teamstrategien verliert sich oft das Ursprüngliche, das Abenteuer, der Mythos. Statt epischer Duelle auf Augenhöhe dominieren monotone Tempoetappen, kontrollierte Ausreißversuche, berechnete Wattzahlen. Spannung? Oft Fehlanzeige.

Hinzu kommt: Die Tour hat den Anschluss an eine jüngere Generation verpasst. In Zeiten von TikTok und Netflix wirken Liveübertragungen aus dem Zentralmassiv wie ein Anachronismus. Die Erzählweise bleibt altmodisch, die Helden schwer greifbar. Es fehlt an echten Charakteren, an Geschichten, die über das Sportliche hinausgehen. Der Radsport lebt – aber er erzählt zu wenig, was ihn lebendig macht.

Und dennoch: Ganz abschreiben sollte man die Tour nicht. Die Bilder aus den Pyrenäen, das Leiden im Anstieg, der Triumph auf den Champs-Élysées – all das birgt noch immer Poesie. Doch damit diese Poesie wieder die Herzen der Menschen erreicht, braucht es mehr als gute Quoten. Es braucht Authentizität. Es braucht neue Erzählungen, echte Helden. Und es braucht vor allem eines: das Vertrauen, dass das, was wir sehen, auch wirklich echt und ehrlich ist.

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Werbung