„Ob unter oder über Tage: Dortmund – Schalke: Niemals Kumpels“

Ist es realistisch, dass BVB- und S04-Kicker ein gemeinsames ‚Revier‘-Team bilden? Foto: Robin Patzwaldt

Klingt zunächst ja schon einmal recht unglaubwürdig, ist aber wohl doch Realität: Zum Abschied von der deutschen Steinkohleförderung im Jahre 2018 treten die erbitterten Revier-Rivalen Schalke 04 und Borussia Dortmund gemeinsam zu einem Freundschaftsspiel gegen die polnische Nationalmannschaft an. Das zumindest kündigte am Dienstag noch der Chef der RAG-Kohlestiftung, Werner Müller, in Essen an.

Das angedachte Freundschaftsspiel im Frühsommer oder Herbst 2018 sei dabei nur eines von insgesamt rund 100 Projekten zum Abschluss der jahrhundertealten Steinkohleförderung, erläuterte Müller. Klar, dass ein solch ungewöhnliches Fußballspiel viel Aufmerksamkeit generieren würde.

Müller kritisierte am Dienstag bei seiner Ankündigung des PR-Spektakels zudem den Deutschen Fußball-Bund (DFB) offen, der eine Anfrage an die deutsche Nationalmannschaft als Gegner für das Freundschaftsspiel offenbar zuvor abgelehnt hatte.

Doch die Idee Müllers traf ohnehin direkt auf den entschlossenen Widerstand vieler BVB-Fans gestern im Stadion beim UCL-Spiel zwischen dem BVB und Real Madrid.

„Ob unter oder über Tage: Dortmund – Schalke: Niemals Kumpels“, stand beispielsweise am Dienstagabend auf einem Banner der BVB-Ultras. „Sagt das Freundschaftsspiel ab, sonst ist hier Schicht im Schacht“ hieß es von diesen weiter.

Die Bekanntgabe dieses Kicks am Dienstag war durch die RAG-Repräsentanten offensichtlich ohnehin noch etwas voreilig. Denn laut übereinstimmender Medienberichte vom heutigen Mittwoch hat zumindest der Club aus Schalke bisher auch noch gar keine feste Zusage zu diesem arg ungewöhnlich klingenden Termin gegeben.

Und die Dortmunder Fanszene ist aktuell diesbezüglich doch sehr in Aufruhr über die Pläne. Wird es am Ende so wirklich zu diesem Spiel kommen, jetzt wo die ‚Katze‘ schon aus dem spürichwörtlichen Sack ist, der Widerstand gegen diew Pläne aber noch immer an Fahrt aufzunehmen scheint, die Verträge womöglich auch noch gar nicht wirklich fix sind?

Keine glückliche Aktion der RAG also, welche offenbar ohne das geringste Gespür für die Gefühle der engagierten Fans gemacht wurde, die sich zwar längst nicht mehr so unversöhnlich gegenüberstehen wie noch vor Jahrzehnten, von einem gemeinsamen Auftritt ihrer Lieblinge innerhalb einer gemischten ‚Ruhrgebiets-Elf‘ allerdings doch noch ein gutes Stück entfernt zu sein scheinen.

Man darf somit aktuell gespannt sein, wie sich Müller & Co. nun aus dem drohenden PR-Desaster noch einmal möglichst schadlos herauswinden wollen ohne am Ende selber als die großen Verlierer des doch eigentlich selbstinszenierten und gut gemeinten Abschieds des Bergbaus aus dem Revier dastehen zu wollen…

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12 Kommentare

  1. #1 | Walter Stach sagt am 27. September 2017 um 16:52 Uhr

    Robin,
    als ich davon hörte, habe ich mir gedacht:
    a.) kreativ, nachdenkenswert,
    b.)positiv für's Revier,
    c.)Werbung für den BVB und für S04,
    d.)das Projekt würde beweisen, daß es für uns Fans zwar beiderseitig/gegenseitig keinen gewichtigeren Gegner gibt, daß wir aber keine Todfeinde sind und
    e.) könnte in ganz besonderer Weise die Verbindung von Bergbau, Dortmund, Gelsenkirchen, Ruhrgebiet und Polen darstellen, nicht zuletzt gegenüber den Menschen außerhalb des Ruhrgebietes bis hin nach Polen.

    Was ich mittlerweile aus den beiden "Fan-Lagern" zu hören bekomme und was Du in Deinem Kommentar dazu anmerkst , zeigt mir "überdeutlich", daß meine Gedanken zum Projekt wegen des Widerstandes in beiden Vereinen, vor allem in beiden Fan-Lagern "in den Papier-korb" gehören.

    Schade, meine ich.

    Müller und Co. wissen aufgrund langjähriger beruflicher Erfahrungen, daß sich nicht jede gute Idee realisieren läßt, dh., um sie muß Du Dich nicht sorgen -" PR-Desaster….große Verlierer"-. Sie können gut damit leben, daß es mit diesem einen Projekt unter mehr als 100 "zum Abschied vom Bergbau im Revier" nichts zu werden scheint.

  2. #2 | b sagt am 27. September 2017 um 17:11 Uhr

    Wie albern, sich darüber aufzuregen. Als Schalke und die Borussia noch Arbeitervereine waren, war man freundschaftlich und auch familiär miteinander verbunden. Wer nich weiß, wo man herkommt, sollte nicht mitbestimmen, wo es langgeht.

  3. #3 | Sebastian sagt am 27. September 2017 um 17:18 Uhr

    Da hat sich der Hauptaktionär des BVB-Hauptsponsors nicht mit Ruhm bekleckert.

  4. #4 | thomas weigle sagt am 27. September 2017 um 17:20 Uhr

    @ Walter Stach Ich sehe das ähnlich wie Du. Die Überschrift ist offenbar mit heißer Nadel und noch heißerem BVB-Herz gestrickt, denn unter Tage sind nämlich ALLE Kumpel. Anders geht es ja auch gar nicht.
    Und vor Jahrzehnten war das Verhältnis der Fans m.E. ebenfalls besser als heute, wie sonst hätte im April 62 S.04 sein "Heimspiel" gg. Neunkirchen in der Roten Erde austragen können?

  5. #5 | Robin Patzwaldt sagt am 27. September 2017 um 17:24 Uhr

    @Thomas: Die Überschrift ist nicht 'gestrickt', das ist das auch im Text erwähnte Zitat vom Banner der BVB-Ultras vom gestrigen Abend. Daher auch die Anführungsstriche…

  6. #6 | ke sagt am 27. September 2017 um 18:35 Uhr

    Eine Gänsehaut Idee. Insbesondere gegen eine polnische Auswahl.
    Vermutlich ist sie wirklich aus einer anderen Zeit.
    Auf die mangelnde öffentliche Solidarität mit den Stahlarbeitern wurde vor Tagen hingewiesen.

    Schicht im Schacht in der H4 und Ruhrstandsregion.

    Schade.

    P.S.: Dass bei mir ein Gefühl Revierromantik aufkommt, hätte ich nicht erwartet.

  7. #7 | John Matrix sagt am 27. September 2017 um 21:45 Uhr

    Komischerweise kam aus Schalker Richtung noch kein großer Protest. Kann natürlich noch kommen. Aber die Dortmunder Szene hat einfach ein Problem mit Extremen in vielen Hinsichten. Vielleicht ist sowas aber dann auch einer der Negativauswüchse der Ultra-Kultur. So einen Hass gab es vor 20 Jahren noch nicht (die Rivalität S04 – BVB ist ohnehin gar nicht mal so alt, was gern vergessen wird).

    So oder so, wenn es hier ein PR-Desaster gibt, dann eher einmal mehr für den BVB. Zumal alle Ruhrgebietsvereine Spieler stellen sollen. Natürlich aber dumm gelaufen, dass RAG es zu früh verlauten lässt. Übrigens, wenn ich es richtig verstanden habe, sollte Deutschland erst gegen Polen antreten, nicht eine Ruhrgebietsauswahl gegen Deutschland.

  8. #8 | Klaus Lohmann sagt am 27. September 2017 um 23:53 Uhr

    Dass ausgerechnet BvB-Ultras merken, dass die "gute, alte Zeit" nun mal lange vorbei ist und hier kein Hahn mehr nach "Unter-Tage-Solidarität" kräht (auch deswegen, weil da unten nicht nur eitel Freundschaft, sondern ebenso knallharte Ellenbogen-Mentalität vorherrschte), hätte ich nicht drauf gewettet.

    Für so kleine, medial eher unterbewertete Marketing-Spielchen haben Profi-Ultras nun mal keine Zeit, wenn der Kampf um die Meisterschaft alles Denken beherrscht;-))

  9. #9 | Robin Patzwaldt sagt am 28. September 2017 um 07:54 Uhr

    @John Matrix: "So einen Hass gab es vor 20 Jahren noch nicht (die Rivalität S04 – BVB ist ohnehin gar nicht mal so alt, was gern vergessen wird)"

    Im Jahre 1997, nachdem der BVB die Chamions League und S04 den UEFA Cup gewonnen hatte, war es allerdings auch extrem freundschaftlich. Da gab es sogar Schals und Shirts mit 'Ruhrpott', welche die Erfolge der Teams auf einem Artikel feierten. Ich erinnere mich noch gut, weil ich das damals auch schon sehr merkwürdig fand. In den 1980er-Jahren, da ging es deutlich aggressiver zu. Da habe ich bei zwei Derbys selber mal direkten Kontakt mit Gewalt gehabt. In Dortmund gab es regelrechte Verfolgungsjagden vor dem Stadion, in Schalke wollte man einem Kumpel von mir, der da gerade ein Gipsbein hatte, mal mit einem Messer verletzen, wo wir uns damals nur knapp entziehen konnten als BVB-Fans. Das war knapp damals. Seither habe ich soetwas aber zum Glück nie wieder miterleben müssen. Im Vergleich dazu geht es heute noch immer sehr harmonisch zu, wie ich finde.

  10. #10 | Klaus Lohmann sagt am 28. September 2017 um 09:13 Uhr

    Robin, das entspricht auch eher meinen Erinnerungen an die späten 70er/frühen 80er, als erste Stars beider Mannschaften "die Fronten wechselten" und einige "Fanclubs" deshalb begannen, eine künstliche Feindschaft zu zementieren, was leider ab und an mit Gewaltexzessen endete – die aber in Anzahl, Intensität und medialem Ballyhoo nicht vergleichbar sind mit den Derby-Krawallen ca. der letzten 10 Jahre.

  11. #11 | Kees Jaratz sagt am 2. Oktober 2017 um 10:42 Uhr

    Für mich offenbart sich im Umgang mit diesem Spiel ein Denken und Handeln im Ruhrgebiet, mit dem sich diese Region immer wieder selbst Knüppel zwischen die Beine wirft. Als tiefere Ursache für die Verwirrung steht für mich diese Mischung aus Sehnsucht nach Größe und Minderwertigkeitskomplex im Raum.

    Wer es genauer will:
    http://zebrastreifenblog.wordpress.com/2017/10/01/was-offenbart-die-rag-fantasie-eines-jahrhundertheimspiels-ueber-das-ruhrgebiet/

  12. #12 | thomas weigle sagt am 2. Oktober 2017 um 18:03 Uhr

    Selbst das Offenbacher Fußball-Idol Hermann Nuber erinnerte sich in HÖLLENGLUT AN HIMMELFAHRT aus dem rührigen Essener Klartext-Verlag daran, dass "die im Westen zusammenhielten, wenn sie einem der ihren helfen konnten."

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