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Den Online-Versandhandel für Medikamente beschränken? Ein Pro und Contra

Eine Apotheke am Rande des Ruhrgebiets. Wie lange wird es sie noch geben? Foto: Robin Patzwaldt

Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) verzichtet laut einer Meldung vom Dienstagnachmittag auf ein Verbot des Online-Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dies sei europarechtlich unsicher. Stattdessen will er deutsche Apotheken fördern.

Eine Meldung, die auch innerhalb der Ruhrbarone-Redaktion zu lebhaften Diskussionen führte. Unsere Autoren Robin Patzwaldt und Sebastian Schmalz haben deshalb heute mal ein paar Gedanken zum Thema zusammengetragen:

Robin Patzwaldt: Ich sehe grundsätzlich keine zwingende Notwendigkeit für eine Beschränkung des Onlinehandels bei Apotheken. Seit Jahren schon bin ich inzwischen in nahezu allen Lebensbereichen ein begeisterter Onlineshopper, habe dabei auch noch nie wirklich negative Erfahrungen gemacht. Es gibt außer frischen Lebensmitteln eigentlich nichts, was ich nicht schon überwiegend online kaufe. Na ja, und Medikamente eben nicht. Da bin ich aktuell auf die vom Arzt verordneten Hilfsmittel beschränkt. Die kommen in meinem Falle aus einem Lagerhaus irgendwo im Münsterland. Immer pünktlich und günstig. Die Medikamente muss ich unverändert vor Ort in der Apotheke kaufen. Und häufig sind sie nicht vorrätig, müssen erst bestellt werden. Wer sich einmal etwas näher mit der Kostenseite beschäftigt hat, der sieht bei den Hilfsmitteln eine Kostenersparnis von bis zu 50%. Kein Wunder also, dass meine Krankenkasse mich also sogar dazu ‚zwingt‘ meine Hilfsmittel online zu kaufen. Auch sie will nicht mehr Geld ausgeben als nötig. Selbst wenn mein Apotheker vor Ort kräftig darüber schimpft, dass er mir die Hilfsmittel seit Jahren nicht mehr aushändigen bzw. verkaufen darf, ich finde die Strategie meiner Krankenkasse völlig nachvollziehbar. Schließlich möchte ich als Beitragszahler auch, dass mit den eingenommenen Geldern von der Kasse gewissenhaft umgegangen wird. Und Beratung? So toll ist das damit vor Ort in der Provinz bislang auch nicht. Eine Öffnung des Versandhandels für Apotheken würde ja ohnehin nicht gleich das Ende aller Filial-Apotheke bedeuten, sondern in den nächsten Jahren erst einmal eine Art Gesundschrumpfung des Marktes, auch im Bereich der Notdienste. Könnte ich in Zukunft meine Medikamente online beziehen, ich wäre sofort dabei.

Sebastian Schmalz: 19.784 Apotheken für 82 Millionen Menschen. Das entspricht einer Apotheke, die – laut Gesetz – die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung für 4145 Personen sicherstellen muss. Damit erreicht die Apothekendichte, die bereits seit dem Jahr 2000 Rückläufig ist, ihren niedrigsten Stand seit 30 Jahren. [1]
Der Apothekenschwund hat einige Gründe, ist er doch z.B. ein Begleitsymptom der prekären Lager deutscher Land- und Hausärzte, deren Zahl ebenfalls seit Jahren sinkt. Wo kein Arzt da ist, um ein Rezept auszustellen, gibt es auch weniger Patienten, die Rezepte einlösen.
Ein weiterer Beschleunigungsfaktor des Apothekensterbens ist allerdings ein Urteil des europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2016, welches ausländischen Versandapotheken erlaubt, rezeptpflichtige Arzneimittel mit Rabatten an deutsche Kunden weiterzugeben. Ausländische Versandapotheken können hier also den Rabatt beim Einkauf der Medikamente direkt an die Kunden weitergeben; eine Praxis, die deutschen Apotheken per Gesetz untersagt ist. Dieser Wettbewerbsvorteil ist nur ein weiterer Punkt auf einer langen Liste von Annehmlichkeiten, die der Online-Versandhandel besitzt und die zu Lasten von Patienten gehen:

Da der Versandhandel weder Räumlichkeiten in der Innenstadt, noch studiertes bzw. ausgebildetes Fachpersonal beschäftigen muss, man also Arbeitsplätze spart und es keine Verpflichtung zum vorrätig halten bestimmter Medikamente gibt, entsteht hier eine enorme Kostenersparnis. Dementsprechend bietet sich für Kunden keinerlei Möglichkeit einer persönlichen Beratung oder gar einer Kontrolle des ärztlichen Rezepts im Hinblick auf die korrekte Verordnung bzw. Dosierung des Medikaments. Und wie umständlich es sein kann, sowas banales wie Nadeln für einen Insulin-Pen zu kaufen, kann man wunderbar hier betrachten. Auch fallen Patientendossiers weg, anhand derer in Apotheken eventuelle, bekannte Allergien gegen Medikamente abgeglichen werden können.
Versandhändler dürfen auch keine Medizinprodukte, wie Beispielsweise Inhalatoren oder Babywaagen vermieten – was auch keine teuren Zertifizierungen der Krankenkassen mit sich bringt. Patienten die auf starke Schmerzmittel (solche, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen) angewiesen sind, haben ebenfalls nicht die Möglichkeit, diese über den Versandhandel zu beziehen.
Versandhändler können auch keine individuellen Medikamente herstellen. Dies können Salben mit einem besonderen Wirkstoff sein, aber auch Tabletten, die identisch mit einem bereits existierenden Medikament sind, bei denen aber ein bestimmter Wirkstoff, der beim Patienten Allergien hervorruft, nicht verarbeitet wurde. Auch können Apotheken identische Medikamente mit geringerem Wirkstoff herstellen, wenn das Medikament beispielsweise nicht für einen Erwachsenen, sondern ein Kind gedacht ist. Selbst Medikamente die nicht mehr, oder aufgrund eines Engpasses gerade nicht auf dem Markt erhältlich sind, können unter bestimmten Bedingungen in der Apotheke hergestellt werden.
Und selbstverständlich übernehmen Versandhändler weder Nacht- noch Notdienste. Und mit Blick auf den letzten Sommer wird wohl bald ein Gericht die Frage klären, wer eigentlich dafür haftet, wenn ein Medikament während des Transports aufgrund der Temperatur verdorben ist. Die Versandhändler sehen hier die Transportunternehmen in der Verantwortung, während in Apotheken die Betreiber dafür verantwortlich sind, die Medikamente bei einer Lieferung ordnungsgemäß an den Kunden weiterzugeben.

Achso, und natürlich zahlen Versandhändler in Deutschland keine Sozialabgaben und der Staat kassiert vermutlich keine 19% Mehrwertsteuer, die auf Medikamente fällig werden.

Viele Menschen scheinen allerdings auf die Vorteile einer Apotheke verzichten zu können, zumindest steigt der Gewinn des Online-Handels seit Jahren. Aber wenn in unserer immer älter werdenden Gesellschaft die nächste Apotheke, die einen Notdienst anbietet, 30km entfernt ist (ein Zustand der in ländlichen Gebieten bereits gegeben ist), löst man das nächste Rezept vielleicht bei der Apotheke um die Ecke ein – denn dass hinter der ein Einzelhändler stehen muss, und kein riesiges Unternehmen, ist seit 1960 im sogenannten Fremdbesitzverbot gesetzlich geregelt.

Wie bereits gesagt, stellen Versandapotheken im Moment nicht den Hauptgrund des Apothekensterbens dar, sie sind allerdings –bedingt durch die deutsche Gesetzgebung – ein beschleunigender Faktor, der innerhalb der nächsten Jahre vermutlich dann so richtig zu spüren sein wird, wenn die Generation „Versandhandel“ in ein Alter kommt, in dem in der Küche neben der Kaffeemaschine auch die Pillendose liegt.

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3 Kommentare zu “Den Online-Versandhandel für Medikamente beschränken? Ein Pro und Contra

  • #1
    Apothekki

    Kann beide Seiten verstehen, aber… bei manchen apothekenpflichtigen Produkten kann ich nur mit den Ohren schlackern. Da gibt es im Vergleich zum Online-Handel gravierende Preisunterschiede. Eine bekannte Wundsalbe, 20 g, in meiner Apotheke 5 €. Online bereits für 1,80 € zu kaufen.
    Da ich nicht zu den Gut-Verdienern gehöre, ist wohl klar wofür ich mich entscheide.

  • #2
    ke

    "Apothekenpreis" ist ein bekanntes Wort, das nach meinen Erfahrungen auch berechtigt ist.
    Es soll den niedrigsten STand an Apotheken seit 30 Jahren geben? In meiner Jugend gab es im Dortmunder Norden gefühlt deutlich weniger Apotheken. Dann hatte fast jeder Arzt seinen Apotheker im Haus. Wer soll das finanzieren?
    Das ganze System wirkt sowieso wenig durchdacht. Wieso kann ich bspw. bei der Dienstleistung Arzt nicht den 08/15 Impfstoff direkt vom Arzt bekommen? Ich habe keine Lust extra zur Apotheke zu rennen.
    Dann das Thema Beratung. Da ist mir in meinem Leben etwas entfallen. Selbst zum Thema Blutzuckermessgeräte die permanent messen und nur selten gewechselt werden müssen, konnte mir die lokale Angestellt nichts sagen.

    Da schaue ich lieber ins Internet, vergleiche Wirkstoffe und bin erstaunt, wieso die Schmerzsalbe auf Privatrezept mit denselben Hauptwirkstoffen das doppelte kostet. Dann nehme ich die Generika und kann sparen.

    Natürlich gibt es keine Give-aways mehr, aber die müssen ja auch bezahlt werden und sind meistens sowieso Müll.

    Ich mag Versandapotheken. Das Thema MwSt und Notdienst ist zu lösen, es kann aber nicht darauf hinauslaufen, dass in einem gut regulierten Markt die Versicherten für jedes 08/15 Medikament Apothekenpreise zahlen müssen.

    Warum gibt es im Ausland viele Sachen mit höherer Dosierung im Supermarkt zu deutlich geringeren Preisen?

  • #3
    Jürgen

    Wird der Onlinehandel ausgeweitet, wird wahrscheinlich der selbe Effekt auftreten wie beim Carsharing. Aus Kostengründen werden die kostenlosen oder Lieferungen mit geringen Liefergebühren nur noch in Ballungsgebieten erfolgen. Die Fläche wird dann nicht mehr oder nur gegen Übernahme der Liefergebühren beliefert werden. Wenn dann in der Fläche keine Apotheken mehr vorhanden sind, sind die Patienten die angearschten.

    Wie auch Hr. Schmalz bereits angemerkt hat, die Zubereitung individueller Medikamente wird von den Online-Apotheken nicht übernommen. Ein solches Rosinenpicken sollte möglichst vermieden werden. Abgesehen davon sollte man die Beratungsmöglichkeiten durch die stationären Apotheken nicht unterschätzen. Auch ist zu berücksichtigen, dass eine Apotheke auch Rücksprache mit Ärzten halten, wenn verschreibungspflichtige Medikamente nicht ausgereicht werden können, weil diese einzelnen Rabattverträgen unterliegen. Da viele Apotheken mehr oder weniger über gute Kontakte zu einzelnen Ärzten oder Ärzten in ihrem Einzugsbereich verfügen, kommt es hier oftmals zu einer Problemlösung auf dem kurzen Weg. Das kann und wird eine Onlineapotheke nicht leisten, braucht man dafür ja informiertes Personal, das telefoniert oder E-Mails verschickt.

    Und zum Argument der nicht verfügbaren Medikamente in Apotheken. Diese sind so eng mit dem Großhandel verknüpft, dass ein Medikament in der Regel innerhalb eines Tages doch wieder vorrätig ist. Und es gibt ja durchaus auch Apotheken, die selber einen kleinen Lieferdienst anbieten. Ferner sind die Apotheken durchaus auch in der Lage, über den Import/Reimport von Medikamenten bestimmte Mittel in Abstimmung mit dem verschreibenden Arzt zu beschaffen. Ob das Onlienapotheken hinbekommen?

    Mein Fazit ist, dass der Onlinehandel von Medikamenten nicht wirklich zu einer Kostenreduktion und Serviceverbesserung bei der Versorgung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten führt. Mein Eindruck ist auch, dass die Diskussion zu sehr aus der Position des gesunden, flexiblen Menschen geführt wird.

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