Panscherjäger – Der Dortmunder „Verein Deutsche Sprache“ dreht durch

kraemerDer „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) will auffallen. Leider wird er auffällig, und er wird ausfallend. Eigentlich ist der Club zum Kotzen. Seine Deutschtümelei mag ja bei manchem behagliche Gefühle auslösen. Aber SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles vorzuwerfen, sie lasse „keine Gelegenheit vergehen, die Sprache ihres Herrenvolkes auch in Deutschland zu verbreiten“, geht nun mal gar nicht. Nicht mal im verunglückten Scherz. Nicht mal, wenn es sich um das vereinsintern verpönte Englisch, besser: Denglisch, also das eingewanderte oder eingeschleppte Englisch handelt, beim vermeintlichen Herrenvolk von Andrea Nahles in diesem Universum also um die US-Amerikaner.
Nun aber mal schrittweise. Der VDS sitzt in Dortmund, wird angetrieben von Walter Krämer, einem Statistikprofessor der dortigen TU. Bekannt wurde der als Co-Autor des „Lexikons der Populären Irrtümer“. Das erschien vor 17 Jahren, war damals ganz amüsant, sehr erfolgreich und gehört unbedingt in die Kategorie der Verschenkbücher, die direkt nach dem Kauf 90 Prozent ihres Wertes einbüßen, also nach Aufreißen des Geschenkpapiers mit ihm quasi schon Müll sind..

Einmal im Populären angekommen, wollte Krämer vom Medienrummel wohl nicht mehr lassen und gründete seinen Sprachverein. Der kommt heute in der Öffentlichkeit nicht immer gut davon, mal googele ihn mal kurz oder treibe direkt Tiefenrecherche via Wikipedia. Nun sucht der Verein jedes Jahr den „Sprachpanscher des Jahres“, eine in sich extrem blöde Beschäftigung, geht es doch ausschließlich darum, einen möglichst prominenten Protagonisten an den Pranger zu stellen, weil dieser vom „Service Point“ seiner Firma spricht statt vom äh.. Hilfsschalter, Dienst-am-Kunden-Punkt?

Mit solcher Aktion kommt man treffsicher einmal jährlich bundesweit vor, kann Presseausschnitte sammeln und sich mit jeder weiteren kopierten dpa-Meldung in einem Wochenwerbeblatt toll und toller finden.

Hilfreich sind die Panscherjäger indes nicht, wenn sie sich auf das manchmal überraschende, oft witzige, häufig dämliche Englisch der deutschen Öffentlichkeit beschränken. Denn darin liegt nicht das Problem. Ein „Salad plus“ würde auch als deutscher „Salat und“ nicht genießbar.

„Fuck Chirac!“ ist zweifremdsprachig im deutschen Drittstaat weit lustiger und irgendwie auch treffender als ein heimisches „Fick Chiric!“ und beileibe nicht so preußisch schnarrend wie ein „Zack, zack, Herr Schirack!“

Komischerweise gäbe es durchaus aufs Widerlichste verschleiernde Wörter in Politik und Wirtschaft zu prämieren. Die tauchen aber in den Siegerlisten des Vereins nicht auf. „Job Center“ wäre so ein Begriff. Da suchen Leute eine Arbeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können, und landen im Job Center, das auch „McJob“ heißen könnte und damit eigentlich unfreiwillig der Wahrheit schon wieder näher käme, als es den Arbeitsagenten lieb sein dürfte.

Es ist halt kompliziert und spannungsreich, vielleicht auch friktionsanfällig, mit der deutschen Sprache und ihren Neozoen. Reines Deutsch, weitestgehend frei von fiesen Denglizismen, dürfte dieser Professor aus Dortmund am ehesten übrigens in den verpönten Vereinigten Staaten von Amerika finden, bei den Amischen, die wir armen Sprachverseuchten eher als Amish People kennen. Gut, aber bei denen gehen Sprache und Wirklichkeit Hand in Hand durch die Welt. Wer nur mit Papier und Bleistift unterwegs ist, braucht auch keine Wörter für strombetriebene Rechengeräte und ihr Zubehör.

Die Kürung eines Sprachpanschers ist die eine Sache. Die kann mir auf den Keks gehen, also auf die Cakes, um korrekt zu panschen oder zu punchen. Das übergriffige Ranwanzen an Prominente aber, um diesen „Sprachpanscher“-Doofpreis zu pushen und zu promoten, geht mal gar nicht.

Nun komme ich von der Recherche und will nicht mehr dahin zurück. Trotzdem machte ich mir gestern kurz den Spaß, erst das Büro von Andrea Nahles, dann die Sprachrassisten in Dortmund anzurufen.  In beiden Fällen war relative Spracharmut das Ergebnis. Dem Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus entfuhr lediglich ein von Schweigen umrahmtes: „Oh Gott!“. Ich musste ihm das vermeintliche Vergehen seiner Chefin erst vorlesen. (Der weit verbreitete dpa-Text enthält uns die Begründung vor.)

Nahles habe, so der Verein des Sprach-Krämers, das „Obama-Headquarter“ besucht und stellte, man tobe sich bitte jetzt warm vor Wut, „Give-Aways“ für die Wahl vor, die „Campaigner“ verteilen sollten.

Man kann Andrea Nahles vieles vorwerfen. Sie könnte zum Beispiel manchmal einfach die Klappe halten, selbst wenn da ein Mikrofon rumsteht. Etwa, wenn ich auf dem Vorwärtsfest in Berlin einfach den schönen Abend genießen will. Man kann  ihr, was fies und verständlich wäre, ein Sprechtraining empfehlen oder spendieren. Sie könnte auch das gängige Blödwort „Give Away“ ersetzen durch „Wahlkampfnippes“ oder „Plastikdreck“ – geschenkt und okay. Als das Schweigen in der SPD-Zentrale vorbei war, grübelte der Vorstandsreferent dann, noch hörbar: „Wann war die Andrea denn überhaupt in Chicago?“

Um das zu prüfen, kann man mal auf Linie, also: online „Nahles“ und „Chicago“ in eine Suchmaschine eingeben und sehr schnell bei der SPD im stromgesteuerten Archiv auf ein SMS-Interview (Eine KMD-Befragung (KMD = Kurzmitteilungsdienst)) stoßen, in dem Nahles sehr deutsch schreibt: „Gleich geht es nach Chicago in die Wahlkampfzentrale von Obama. Oder wie einige es hier nennen: the mashine.“

Wahlkampfzentrale, mashine. Nix Headquarter, lieber Verein. 24. Februar 2012. Bald anderthalb Jahre her. Was die Amis zum Herrenvolk der vermeintlichen Vaterlandsverräterin Nahles machen könnte, bleibt Geheimnis

Man kann dann aber auch den Verein Deutsche Sprache anrufen und rasch dessen Geschäftsführer Dr. Holger Klatte an der Strippe haben. (Ein schönes altes Bild, wo ich doch seit Jahren schnurlos telefoniere.) Der ist plötzlich spracharm und wortkarg. Diesen Zustand zu erreichen, reicht die simple Bitte, doch einmal zu erläutern, was denn mit dem Begriff von Andrea Nahles´ Herrenvolk so gemeint und gleichzeitig wohl angerichtet worden sei.

Wo ich das denn her habe, fragt Geschäftsführer Klatte nach einer Kurzvorführung des 4:33-Werkes von John Cage gleichermaßen unverblümt und –informiert. Mit Hilfe findet er die Stelle, das vereinseigene PDF-Dokument also, und eine Formulierung, dazu übers Stammeln zur Sprache zurück. Er verlautet offiziell, die von mir unterstellte Nähe zu einem gewissen politischen Parteienspektrum sei zwar nachvollziehbar, aber keineswegs beabsichtigt.

Da Sprachlosigkeit mich schon in langjährigen Beziehungen immens deprimiert, ich Holger Klatte aber erst seit Minuten und nur telefonisch kenne, lege ich ohne weiteres Fragen auf. Das heißt, mir bleiben schon noch Fragen. Da ich Vollpfostenhaftigkeit aus- und Mediengeilheit einschließe, bleibt doch die Frage, ob man mit ekelhaft chauvinistischen (alle Nazivergleiche spare ich mir einfach mal) Stereotypen einen Sprachpreis bewerben darf. Man darf, weil man ja in diesem Land ungestraft und öffentlich nicht alle auf der Latte haben darf und unter Logorrhoe leiden (lassen) kann. Aber muss man die Ergüsse solcher unkritisch in seiner Zeitung abdrucken? Muss man diesen Sprachspinnern recht geben, indem man ihnen nicht grundsätzlich widerspricht? Darf man diejenigen, die rassistischen Dreck verbreiten, im Gegenzug einfach mal dumm und ekelhaft finden?

Soll ich mir die anderen Sprachpanscher-Kandidaten für das Jahr 2013 noch kurz anschauen? Warum nicht?

Nominiert ist Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nikolaus Schneider wird eine originelle Aktion der Kirche Hessen und Nassau vorgeworden. Die hatte, in protestantisch kaum vorstellbarer Ironie, zur „Merry Christmas“ eine „Merry Birthday“-Girlande verteilt.

Dazu drei Punkte: 1. Diesem Typen, der damals das mit dem Evangelischen angefangen hat, diesem Martin Luther, verdanken wir rein deutschsprachlich eine Menge. 2. Evangelisch ist etwas anders als katholisch. Man hat da keinen Papst. Einem EKD-Boss kann man nicht die Taten irgendeiner Landeskirche zurechnen. Auch nicht, wenn Nikolaus Schneider PR-technisch besser kommt als Kirchenpräsident Volker Jung, der die Kirche in Hessen-Nassau leitet. 3. Nikolaus Schneider war Pfarrer in Rheinhausen. Der kann kaum anders als Klartext. Fail, VDS.

Nominiert ist der Duden, weil er Begriffe wie „Eyecatcher“ und „Public Viewing“ aufführt. Da stehen die Dortmunder Sprachwärter allein im Wortwald. Allen anderen gefiel, dass die Dudenredaktion irgendwann vom Normativen zum Deskriptiven umschwenkte, also nicht mehr vorschreibt, sondern beschreibt, was da an deutscher Sprache kreucht und fleucht.

Nächster Kandidat ist die Firma Playmobil, nicht wegen des Namens. Dem Sprachverein ist offensichtlich entgangen, dass man seit Jahrzehnten schon nicht „Spielbeweglich“ heißt. Der fränkische Verstoß gegen das Dortmunder Sprachgesetzbuch: Rennwagen heißen „Heat Racer“ und das Haarschneidegeschäft „Beauty Salon“.  Schließlich ist noch Wolfgang Schäuble Kandidat, weil… das verstehe ich selbst nach dem dritten Lesen nicht. Weil irgendwie sein Englisch schlecht ist. Liebe zum amerikanischen Herrenvolk wirft man ihm nicht vor. Soweit geht die Blödheit nicht, oder die Unverfrorenheit. 

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9 Kommentare

  1. #1 | Nansy sagt am 11. Juni 2013 um 09:32 Uhr

    Irgendwie fing der Beitrag ja ganz spannend an – dann wartet man Zeile auf Zeile auf den Aufreger und arbeitet sich durch das „Geschwurbel“ durch – ehrlich, ich habe nach der Hälfte aufgegeben….
    Kann mir jetzt einmal jemand verraten, was die Quintessenz sein soll? Ist Denglisch nun gut oder nicht?

  2. #2 | Klaus Lohmann sagt am 11. Juni 2013 um 10:28 Uhr

    Oh ja, der „wie-komme-ich-denn-jetzt-wieder-auf-die-Titelseiten?“-Krämer, ja er lebt noch…

    Vor fast einem Jahr war es der nationalistische „Ökonomenaufruf“ gegen der EU-Rettungsschirm, der eigentlich seine Idee war, aber Hans-Werner Sinn medial untergeschoben wurde. Da faselt er (im später teilweise wieder zurückgezogenen Interview mit der Studentenzeitung “Pflichtlektüre”: https://de.scribd.com/doc/101014934/TU-Professor-kritisiert-EU-Beschlusse) von „Denn bisher haben immer die Südländer mit ihrer Mehrheit in allen Gremien der EU gesiegt“ und „eine akademische Nullnummer“ (Krämer über Bofinger) oder als mögliche Erklärung für seinen jetzigen Auswurf:

    „Speziell die üblen Kommentare aus London und New York zeigen: Die Verantwortlichen haben gemerkt, dass sie durchschaut worden sind. Denn sie sind die großen Profiteure. Die amerikanischen und englischen Großbanken werden riesig davon profitieren, und deswegen sind sie stinksauer auf Krämer und Sinn, dass die das mal deutlich gemacht haben“

    Der Typ ist für einen geordneten Lehrbetrieb an der TU DO eigentlich über…

  3. #3 | Roger sagt am 11. Juni 2013 um 11:01 Uhr

    In der Sache mag der Autor ja vielleicht sogar Recht haben (konnte mir den Text leider auch nicht komplett geben, sorry).

    Was mich aber einfach mal interessieren würde: Ist es eigentlich auch verwerflich, wenn sich Chinesen für die Pflege ihrer Sprache und Kultur einsetzen, sich also gewissermaßen ihrer „Chinesentümelei“ hingeben? Oder wenn Türken „Türkentümelei“ betreiben oder Russen „Russentümelei“ oder Thais „Thaitümelei“?

    Für mich ist „Deutschtümelei“ jedenfalls das (deutsche) Unwort des Jahrzehnts. VDS, bitte hier mal was unternehmen!

  4. #4 | Klaus Lohmann sagt am 11. Juni 2013 um 11:25 Uhr

    @#3 | Roger: Es ist sogar sehr wünschenswert, wenn sich Bürger um das Wohl ihrer Muttersprache kümmern, keine Frage, habe ich absolut nichts gegen.

    Ich kriege nur das Kotzen, wenn Typen wie Krämer solche ernsthaften Bemühungen – die übrigens auch fremdsprachliche Bereicherungen nicht per se ausschließen – durch ihren populistischen Nationalismus zwecks medialer Aufmerksamkeit verwässern und konterkarieren.

    Und wie Krämer mit deutschen Begriffen aus der „völkischen Bewegung“ des vorletzten Jahrhunderts – also der Brutstätte von „germanischer Herrenrasse“ und Hitler – moderne Phänomene erklären bzw. brandmarken zu wollen, hat auch nichts mit Sprach*wissenschaft* und Expertise zu tun, das ist einfach nur peinlich und höchstgradig dumpf.

  5. #5 | Klaus sagt am 11. Juni 2013 um 12:39 Uhr

    Dieser Text strotzt nur so von Gehässigkeiten, Unterstellungen und Projektionen. Damit sagt er mehr über den Charakter des Autors als über Herrn Krämer.

  6. #6 | Klaus Lohmann sagt am 11. Juni 2013 um 19:21 Uhr

    @#5 | Klaus: Oh, hat Krämer schon seine WauWaus losgelassen, um hier Stimmung zu machen? Oder kommt von Ihnen noch was Substantielles??

  7. #7 | Ralf Hendricks sagt am 11. Juni 2013 um 21:36 Uhr

    Ich bin ein Fan von alten Büchern, also wirklich alten Büchern. Deshalb kann ich sagen das so manche Englische Begriffe, wie Job oder Center, auch schon so in Büchern aus dem Dritten Reich zu finden sind. Ja und andere angefeindete Worte, sind eben inzwischen längst für den Größtenteils der Bevölkerung in Deutschland, normaler Sprachgebrauch. Früher war das Zeitweise auch schon mal so mit Französische, einige Überbleibsel wurden vor einiger Zeit ja der neuen Rechtschreibung dann geopfert. Etwas was auch so mit vielen Worten aus der Lateinischen Ära der Fall war. Aktuell ist nun mal eben Englisch angesagt. Weil sie eben die Weltsprache ist. Ja und 90% der Wirtschaftsunternehmen agieren eben auch nicht mehr nur in Deutschland, sondern eben auch Weltweit. Was ja zur Folge hatte, das es kein Raiders mehr gibt oder Treets, sowie noch so einige andere Artikel.

    Denglisch ist also gerade aktuell, das abzuschaffen wird auch ein Herr Krämer nicht schaffen. Den wie schon beim Latein oder Französisch, wird dies durch das Volk allenfalls mal abgeschafft, wenn sich der Sprach- und damit der Wörtergebrauch mal wieder ändert. Ja und mal ganz ehrlich so manche Deutsche Worte, wie Delfin statt Delphin, sehen für mich da eher zum Kotzen aus. Als wie eben Job Center oder Info Point.
    Wie schreiben bei solchen Problemen dann viele in Kommentaren, haben wir sonst keine Probleme oder geht wegen dieses einen Problems die Welt unter oder die Menschen in Deutschland vor die Hunde.

    Um noch eines drauf zu setzen, es gibt wirklich Deutschtümelde Seite im Internet, wo wirklich jeder begriff, welche aus dem Englischen entliehen wurde, in Deutsch umgesetzt wurde.
    Da kann ich nur sagen armes Deutschland, das wohl wegen der Sprache und den Umgang damit, soviel Angst hat wie Asterix und der Gallische Stamm, das ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. 🙂

  8. #8 | Links anne Ruhr (12.06.2013) » Pottblog sagt am 12. Juni 2013 um 07:01 Uhr

    […] Panscherjäger – Der Dortmunder „Verein Deutsche Sprache“ dreht durch (Ruhrbar… – Wunderbare […]

  9. #9 | cristy sagt am 13. Juni 2019 um 15:42 Uhr

    Ist noch jemandem aufgefallen, dass Herr Krämer "Director" ist und man auf seiner Seite an das "Executive office, management" verwiesen wird?
    https://www.statistik.tu-dortmund.de/kraemer.html

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