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phil.COLOGNE sagt Auftritt von Peter Singer in Köln ab

Peter Singer 2009 beim  Veritas Forum auf dem  MIT Campus Foto: Sagescape~commonswiki Lizenz: CC BY 3.0

Peter Singer 2009 beim Veritas Forum auf dem MIT Campus Foto: Sagescape~commonswiki Lizenz: CC BY 3.0


Die Kampagne gegen den Philosophen Peter Singer zeigt Wirkung. Zunächst sagte der atheistische Philosoph Michael Schmidt-Salomon seine Laudatio auf Peter Singer anlässlich der Verleihung des »Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidminderung« ab.

Dieser Entscheidung haftet der Makel des Opportunismus an: Noch am 3.6.2011 hatte Schmidt-Salomon für die Giordano-Bruno-Stiftung in der Nationalbibliothek in Frankfurt eine Laudatio auf Singer gehalten.

Nun erklären auch die Veranstalter der phil.COLOGNE den umstrittenen Philosophen Peter Singer zur persona non grata. Im Gegensatz zu Schmidt-Salomon verzichten die Verantwortlichen der phil.COLOGNE weitestgehend auf Argumente.

Sie erklärten wörtlich:

»Köln, den 27.05.2015 – Die Verantwortlichen des Internationalen Philosophiefestes phil.COLOGNE bedauern, die Veranstaltung mit Peter Singer in Köln kurzfristig absagen zu müssen.

Der australische Philosoph war eingeladen worden zu der Veranstaltung „Retten Veganer die Welt?“. Die Minderung des Tierleids war und ist für Singer ein wichtiges Ziel einer zeitgemäßen Ethik. Die Debatte über die Grundrechte auch für nichtmenschliche Wesen erschien hochaktuell und spannend, so dass mit Singer einer der einflussreichsten Philosophen zu diesem Thema eingeladen wurde.

Festival- und Programmleitung wussten von früheren Veröffentlichungen und Aussagen Singers im Hinblick auf Pränataldiagnostik und Behinderung. Nicht vorhergesehen werden konnte, dass Peter Singer seine fragwürdigen Thesen im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 26.5.2015 aktuell derart in den Mittelpunkt rücken würde. Peter Singer hat Standpunkte geäußert, die im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis stehen, das die phil.COLOGNE leitet.

Abzuwägen war der Konflikt zwischen dem hohen Gut der freien Rede – ein Wesen der Philosophie – und der inhaltlichen Positionierung von Peter Singer.

Eine sachorientierte Diskussion zu der von der phil.COLOGNE angestrebten Thematik scheint vor diesem Hintergrund nicht mehr möglich.

Daher ist eine Absage der Veranstaltung aus Sicht der Verantwortlichen unausweichlich.

Die Karten können dort zurückgegeben werden, wo sie erworben wurden.«

Singer und die Euthanasie

Anlass war ein Interview Singers mit der NZZ mit dem Titel »Ein Embryo hat kein Recht auf Leben«, in dem er seine Ansichten zu Euthanasie und Tierrechten erläuterte. Darin hieß es unter anderem:

»Das Leid der Tiere wird irgendwann so gross, dass man sich entscheiden sollte, die Tiere zu befreien und nicht das Kind. Ob dieser Punkt bei 200 oder bei zwei Millionen Tieren erreicht ist, weiss ich nicht. Aber man darf nicht unendlich viele Tiere verbrennen lassen, um das Leben eines Kindes zu retten.«

Und weiter:

»Die meisten Frauen beenden eine Schwangerschaft, wenn das Kind eine schwere Behinderung hat. Schwangere vermeiden, mit Röteln in Kontakt zu kommen. Arbeitgeber schaffen sichere Arbeitsplätze, damit ihre Angestellten sich nicht verletzen und eine Behinderung davontragen. In diesem Sinne denkt jeder, dass die Welt besser wäre, wenn wir Behinderungen verhindern.«

Und auch:

»Ich halte es für vernünftig, PID zu erlauben. Ein Embryo hat kein Recht auf Leben. Es ist nicht falsch, ihn zu verwerfen, wenn man ein Kind mit Genen, die zu einer Behinderung führen, nicht will.«

Singers Ansichten waren den Beteiligten schon lange bekannt

Dabei sind die Thesen Singers nicht neu. Schon in dem 1985 erschienenen Buch »Should the Baby live?« hinterfragte Singer das Lebensrecht von behinderten Neugeborenen. Darin vertrat er die Ansicht, es sei legitim, Neugeborene wegen einer schweren Behinderung bis zum 28. Tag ihres Lebens zu töten. Singers Ansichten fußen dabei auf dem sog. Präferenzutilitarismus, den er in seinem Buch »Praktische Ethik« entwickelte.

Die Reaktion ist insofern nicht neuen Ansichten Singers geschuldet. Die Veranstalter der phil.COLOGNE beugen sich vielmehr den Protesten verschiedener Interessengruppen, darunter christliche Abtreibungsgegner, Behindertenverbände und Teile der radikalen Linken, die Einwände unterschiedlicher Qualität gegen Singer erheben. Es bleibt dabei fraglich, wie hoch der Anteil der lautstarken Kritiker ist, die sich mit Singers Werk tatsächlich auseinandergesetzt haben.

Immerhin kommt Familie Precht…

Die phil.COLOGNE stellt mit ihrer Entscheidung ihren eigenen Anspruch in Frage. Inhalte zeitgenössischer Philosophie sollten ursprünglich einem Laienpublikum zugänglich gemacht und in die öffentliche Diskussion getragen werden.

Nunmehr bestimmen ein Laienpublikum und Interessenvertreter, welche philosophischen Gedanken öffentlich diskutiert werden sollen. Anstatt eine Kontroverse zu moderieren, beugen sich die Veranstalter dem Versuch, das Denken eines einflussreichen, hochumstrittenen (und aus gerade diesem Grund interessanten) Philosophen der Gegenwart zu tabuisieren.

Die phil.COLOGNE setzt damit ein gefährliches Signal. Man muss Singer nicht zustimmen, um sein konsequentes Denken wertzuschätzen. Gegen Singers Utilitarismus bestehen gewichtige Einwände. Für Singer spricht jedoch, dass er die Folgen seiner Ethik aufzeigt, anstatt sie zu verschleiern.

Die Entscheidung der phil.COLOGNE zeigt, wie verführerisch leicht es ist, sich der instrumentalisierten Empörung über verkürzt dargestellte Werke der Philosophie zu fügen, anstatt zu kritischem Denken anzuregen und Singer die Macht des besseren Arguments entgegenzusetzen.

Im Studium wurde ich zum leidenschaftlichen Gegner Singers. Aber ich habe viel von ihm gelernt.

Literatur:

Schmidt-Salomon, Michael: Manifest des evolutionären Humanismus : Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 2. korr. u. erw. Aufl.. Aschaffenburg: Alibri-Verlag, 2006.

Singer, Peter ; Bischoff, Oscar ; Wolf, Jean-Claude ; Klose, Dietrich ; Lenz, Susanne: Praktische Ethik. revid. und erw.. Stuttgart: Reclam, 2013.

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12 Kommentare zu “phil.COLOGNE sagt Auftritt von Peter Singer in Köln ab

  • #1
    C.R.

    Danke für den kritischen Beitrag! Das Problem der instrumentalisierten Empörung habe ich versucht im Vorfeld an einer interessengeleiteten Stellungnahme zu explizieren:

    https://unzeitgemaess.wordpress.com/2015/05/28/kritik-des-protests-gegen-peter-singer-anlasslich-der-phil-cologne-2015/

  • #2
    Helmut Junge

    Leute, die sich sonst in politischen lethargisch sind, lassen sich oft gemeinsam mit anderen Menschen, die ebenfalls an chronischer Lethargie leiden, zu größter Empörung instrumentalisieren. Daß das immer nur in der Masse geschieht, hat den Vorteil, zu wissen, daß man im Recht ist. Und das, ohne jemals zum Thema etwas gelesen zu haben. Schön zu beobachten beim derzeitigen Fifa-Skandal. Niemand weiß wirklich etwas genaues, aber alle wissen genau, worum es geht und wer Schuld hat. Ich weiß aber, daß sich kaum jemand für die Wettskandale beim Fußball interessiert hatte. Wenn ich mal nachgefragt hatte kam meist langes Gähnen. Auch hier im Bloq.
    Dafür, daß die Wettskandale aufgedeckt wurden, hat niemand die Fans instrumentalisiert. Auch jetzt nicht. Jetzt geht es um andere Dinge, nicht um die manipulierten Spiele,
    Bei Peter Singer liegt der Fall etwas anders. Seine Thesen sind zwar bekannt, aber nur Leuten mit interesse an Philosophie. Das ist aber nur eine winzige Minderheit. Durch sein Interview erreichte seine Botschaft einen größeren Kreis. Auch von Leuten, die noch nie in ein Buch geblickt haben, um darin zu lesen. Und die finden jetzt, daß Singer nicht sprechen sollte. Die Veranstalter des Philosophiefestes, beugten sich der Forderung der Gegner Singers und luden ihn wieder aus. M.E. hätten sie ihn reden lassen sollen, und ihm ihre Position zum Thema entgegnen. So muß eine Auseinandersetzung laufen. Es kann nicht sein, daß Leute, die nicht diskutieren können und nicht wollen, anderen Leuten vorschreiben, was die sich anhören sollen und was nicht. Wo soll das denn hinführen?
    zum Kalifat? Und wenn man findet, daß Herr Singer eine unmoralische Position vertritt, kann man doch auch vor Publikum sagen, daß das eine unmoralische Position ist. So würde ich das machen.
    Aber ich beherrsche auch die Sprache wenigstens soweit, daß ich so einen Satz einigermaßen hinkriege. Das reicht dann schon oft. Aussprechen lassen und dann sagen, daß man das nicht für gut hält.
    Ich habe mittlerweile eine Abneigung gegen Personen, die wie in der Diktatur, Diskussionen verbieten wollen.

  • #3
    Manfred Michael Schwirske

    Wer Vernunft und Moral hochhalten will, der muss sich jedem ernsthaften kritischen Argument stellen. Singer ist einer, der nicht Vorurteile bietet, sondern ernsthafte Argumente.
    Insofern muss man Julius Hagen zustimmen, und auch Helmut Junge. Peter Singer sollte reden. Man darf uns sollte vielleicht anderer Meinung sein, aber diese Meinung kann nur in und nach kritischer Auseinandersetzung das Prädikat vernünftig und moralisch für sich beanspruchen.

  • #4
    thomas weigle

    Nein, seine Thesen sind nicht neu und im Gegensatz zu Wein werden sie auch nicht durch Altern besser. Ich weiß nicht, ob man ihn unbedingt reden lassen muss in einem Land, dass in Sachen Tötung von behinderten Menschen jeden Alters eine solch schwarze Vergangenheit hat wie Deutschland. 89 oder 90 wurde er an oder von der Uni Do ebenfalls wieder ausgeladen. Ich fand diese Entscheidung, der eine intensive und auch emotionale Diskussion vorausging, durchaus vertretbar.

  • #5
    Sigrid Herrmann-Marschall

    "Es kann nicht sein, daß Leute, die nicht diskutieren können und nicht wollen, anderen Leuten vorschreiben, was die sich anhören sollen und was nicht. Wo soll das denn hinführen?
    zum Kalifat? Und wenn man findet, daß Herr Singer eine unmoralische Position vertritt, kann man doch auch vor Publikum sagen, daß das eine unmoralische Position ist. So würde ich das machen."

    So läuft das idealerweise.
    Und da gibt es genug, was man kontrovers diskutieren kann mit ihm.
    Mir scheint auch, dass da man sich irrtümlich an den weniger problematischen Punkten wie der PID hochzieht. Die im Übrigen auch von manchen Menschen gezielt benutzt wird, um ein Kind mit gleicher Behinderung wie sie selber auszulesen (Taubheit). In den USA ist das wohl möglich. Das wirft erst recht Fragen auf.

    Vieles von dieser Irritation und Aufregung wäre vermeidbar, wenn die Normalbevölkerung wahrnähme, dass es sich bei den in der PID verworfenen Embryonen um ~8-Zeller handelt und nicht um die kleinen "Paddelheimer", die immer abgebildet werden, wenn von Embryonen die Rede ist. Viele dieser frühen Stadien gehen auch natürlicherweise zugrunde, das merkt eine Frau gar nicht.

  • #6
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, Moral ist hier UND heute anders definiert, als früher hier, UND woanders.
    Die Europäer haben sich, seit sie über die entsprechende waffentechnische Überlegenheit verfügten, das Recht für sich in Anspruch genommen, andere Völker darüber zu belehren, was "Gut" und was "Böse" ist. Um ihre Ansicht durchzusetzen, haben sie fast immer rohe Gewalt angewandt. Später, in den sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts, begannen sie untereinander zu diskutieren. Bevor das aber allgemein anerkannt war, hat es auch hier Beschimpfungen Andersdenkender gegeben. So ganz raus aus diesem Stadium sind wir nie gekommen. Aber es gab immerhin eine hohe Diskussionskultur unter jungen Leuten. Das gibt es heute nicht mehr, oder kaum noch. Heute wird nicht mehr viel gesprochen. Man ist heute selbst unter den Akademikern schneller mit dem Knüppel bei der Sache, als das früher die bildungsfernen Schichten waren. Und man hat das Monopol über das Wissen darüber, was moralisch ist, eindeutig gepachtet. Insofern sehe ich Parallelen zu den Europäern der Neuzeit. Das ist eine schlimme Entwicklung, die wir erleben.

  • #7
    thomas weigle

    @Helmut Junge Ich argumentiere da weniger moralisch, sondern eher aus meiner lebenslangen Arbeit in Bethel. Mir liegt auch fern jemanden in dieser Diskussion zu beschimpfen. Noch mal in die Vergangenheit. Da gab es ein Rechenbuch, in dem die Kids ausrechnen mussten, wie viele Häuschen man mit dem Geld bauen kann, dass ein Behinderter kostet. Nicht alles, was gesagt werden kann, muss auch gesagt werden. Ich möchte keine Diskussion über "lebensunwertes Leben" führen wollen oder müssen. Mein Einwurf bezieht sich allein auf Deutschland und seine Vergangenheit. Was andere Länder in dieser Hinsicht für opportun halten, entzieht sich weitgehend meiner Kenntnis und auch meiner Beurteilung.

  • #8
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, soweit ich das verstanden habe, geht es bei Singer nicht um"lebensunwertes Leben", sondern um PID (Präimplantationsdiagnostik).
    Dabei können, wie @Sigrid Herrmann-Marschall schon kommentierte, Zellhaufen bis zu 8 Zellen untersucht, und fehlerhafte Zellen könnten verworfen werden. Diese Technologie ist seit längerem bekannt, und wird in europäischen Ländern unterschiedlich gesetzlich geregelt. In Deutschland ist sie lt. Wikipedia ausschließlich zur Vermeidung von schweren Erbkrankheiten, Tot- oder Fehlgeburten zulässig.
    Wenn das bereits gesetzlich geregelt ist, kommt die von Dir befürchtete Diskussion nicht, sondern ist längst gelaufen. Irgendwie unbemerkt.
    Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was Singer sonst noch so äußern könnte, wenn man ihn denn ließe.
    Ich weiß auch nicht, wie ich dazu stehen würde, wenn ich es wüßte.
    Aber ich bin sicher, daß ich kein selbsternanntes Kommitee benötige, das sich anmaßt, diese Entscheidung für mich zu treffen, ohne mich zu fragen. Meine ethischen Gefühle funktionieren durchaus genauso gut, wie die bei den Kommiteemitgliedern. Allerdings habe ich keine religiös gefärbte Brille und sehe in einem Zellhaufen von 8 Zellen noch keinen Menschen, wie die oben erwähnten christlichen Abtreibungsgegner, auf deren Konto wohl diese Anti-Singer-Kampagne wohl zu rechnen ist. Was ist eigentlich über die Motive dieser Leute bekannt? Hier, wo sie ihre Meinung äußern dürften, meldet sich von denen niemand.

  • #9
    C.R.

    Zu den "radikalen Linken" gehört dann wohl jetzt auch der kölner Kreisverband der Grünen:

    http://www.gruenekoeln.de/kreisverband/letzte-meldung-auftritt-von-peter-singer-abgesagt-protest-gegen-auftritt-von-peter-singer-in-koeln.html

    Besonders ironisch ist dabei der Slogan: "Kommen Sie vorbei und zeigen Sie, dass Köln bunt und vielfältig ist!"

  • #10
  • #11
    Martina

    Wenn man Menschen, die für die Ermordung von Kindern eintreten, die behindert und jünger als 28 Tage alt sind, eine öffentliche Plattform bietet, dann müsste man konsequenterweise auch Menschen, die für die Ermordung von Homosexuellen, Juden, Ausländern, Schwarzen, Ehebrechern, Kommunisten, Armeniern, weiblichen Säuglingen ect. pp. erlauben, öffentlich aufzutreten. Bei aller Wertschätzung der freien Rede, möchte ich das ehrlich gesagt nicht erleben müssen.

  • #12
    abraxasrgb

    Hören wir doch mal Peter Singer zu, was er über effektiven Altruismus zu sagen hat:

    https://www.ted.com/talks/peter_singer_the_why_and_how_of_effective_altruism?language=de

    Wer danach Utilitarismus "unethisch" findet, dem kann Vernunft auch nicht mehr helfen 😉

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