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Postindustrielle Landschaften: „Das Chaos lässt sich nicht ordnen. Nur in der Abstraktion lässt es sich begreifen“

 

Panoramablick über die wichtigsten Elemente des Landschaftsparks Duisburg-Nord Foto: kaʁstn Disk/Cat Lizenz: CC BY-SA 3.0 de


Ein großartiges Text- und Bilderbuch ist zu annoncieren: „ROST ROT“ des Münchner Landschaftsarchitekten Peter Latz über den Landschaftspark Duisburg-Nord, erschienen Ende 2016 im Hirmer Verlag München. Eine englischsprachige Version gerade für den angelsächsische Markt gibt es ebenfalls. Von unserem Gastautor Dieter Nellen.

In diese Publikation persönlicher Erinnerung, projektbezogener Dokumentation und planerischer Reflexion sind viel gestalterische Liebe und inhaltliche Sorgfalt geflossen. Man mag sie deshalb auch als ein Geschenk des Autors an sich selbst und sein grandioses Landschaftswerk verstehen.

In fünf Kapiteln über „Annäherung, Strukturen, Methoden, Orte, Visionen“ wird die behutsame Umcodierung der ehemaligen Meidericher Eisenhütte in eine bisher dahin nicht vertrautes Palimpsest von Park und Landschaft mit unverändert prägender Industriearchitektur dargestellt. Thematisch weiterführende Exkurse zu Ökologie, Vegetation, zur Pflege des Parks und seiner industriellen Denkmäler schließen sich an. Es gibt zahlreiche – bestens aufbereitete – Pläne und Bilder, so dass der gesamte Arbeitsprozess sicht- und lesbar wird. Es ist eine Lust darin zu blättern.

Was in der opulenten Darstellung des Jahres 2016 leider fehlt, sind allerdings die kulturellen Interventionen: Sie waren bereits mit dem Finale der IBA 1999 über Konzerte, Installationen und Aufführungen eingezogen und liefern dem Ensemble mittlerweile Jahr für Jahr ganz unabhängig vom Reiz der Landschaft starke Bilder und Formate.

Vor fünfundzwanzig Jahren hatte bekanntlich alles mit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark begonnen: Das Duisburger Areal, das in seiner ökonomischen Blüte materiell und visuell das gerade Gegenteil landschaftlicher Schönheit und Unversehrtheit bot, erhielt die Gestalt eines industriell belassenen Parks. Die IBA hatte sich dabei methodisch zum Ziel gesetzt: Wettbewerbskultur und Verfahrensschutz sollen die originellsten Ergebnisse im Umgang mit dem räumlichen und baulichen Erbe der Industrie an Ruhr und Emscher bescheren.

Der Entwurf von Peter Latz hatte sich in einem zweijährigen kooperativen Wettbewerbsverfahren herausgebildet. Er wurde nun das Paradigma einer anderen, auf Authentizität und Kontinuität bezogenen Konversion. Neben dem Park Zollverein ist deshalb der Landschaftspark Duisburg-Nord bis heute die städtebaulich-ästhetische Figur einer für die eigene weitere Entwicklung offenen Naturformation postindustrieller Prägung.

Latz agierte nicht – ähnlich wie weniger Jahre vorher schon bei der Hafeninsel Saarbrücken – als beflissener Abräumer oder grüner Dekorateur industrieller Relikte. Und in Europa gab es nur ein postmodernes Vorbild vergleichbarer Größenordnung: So hatte der französische Architekt Bernard Tschumi auf dem Gelände der ehemaligen Pariser Schlachthöfe den „Parc de la Vilette“ Anfang der achtziger Jahre geschaffen, eine dekonstruktive Parkskulptur völlig neuen Typs.

Dank der IBA gewannen also Erhalt und behutsame Weiterentwicklung Vorrang gegenüber Abriss und schneller Wiederverwertung mit serieller Landschafts- und Gebrauchsarchitektur: „Das Belassen ist die Voraussetzung dafür, dass die Landschaft Geschichte speichert und nicht die Chance verbaut wird, immer noch und immer wieder Veränderungen vorzunehmen“, resümiert rückblickend Karl Ganser, der seinerzeitige IBA-Chef und begabte Agent eines identitätsstarken Wandels.

Den Paradigmenwechsel zugunsten der sensiblen Bewahrung des montanen Erbes musste man in einer Region, für die sich Geschichte eigentlich nur mit idealisierter Sehnsucht nach der vorindustriellen Vergangenheit verband, erst einmal lernen.

Für die Planer bot sich im Duisburger Norden eine „Folgelandschaft von Industrie“. Deren multikosmisches System galt es mit den richtigen Interventionen erfahrbar, erhaltenswürdig und nach deren eigenen Gesetzen für die Zukunft entwicklungsfähig zu machen: „Das Chaos lässt sich nicht ordnen. Nur in der Abstraktion lässt es sich begreifen“, resümiert(e) Peter Latz.

Die Arbeit von Peter Latz hat dem Ruhrgebiet ein starkes Stück Landschaft gerade durch Zurücknahme, Bedachtsamkeit und den Verzicht auf eigene demonstrative Setzungen (zurück)gegeben. Zu wünschen ist, dass die inzwischen reichen Alimentationen der Region und des Landes NRW nicht in teuren Trägerstrukturen versickern, sondern Tag für Tag dieses alte neue Erbe mit der notwendigen qualitativen Nachhaltigkeit versehen. Denn nur dann hat sich die spektakuläre Leistung der IBA und ihrer einfallsreichen Landschaftsarchitekten wirklich gelohnt.

Peter Latz. Rost. Rot, Der Landschaftspark Duisburg-Nord, 288 S., Hirmer Verlag München 2016, 49,90 €

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Ein Kommentar zu “Postindustrielle Landschaften: „Das Chaos lässt sich nicht ordnen. Nur in der Abstraktion lässt es sich begreifen“

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    Bochumer

    Toller Artikel. Im letzten Jahr gab es auch einige gute Projekte der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur zu diesem Thema!

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