Premiere in Dortmund: Don Giovanni

Copyright: Thomas Jauk / Stage Picture
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Don Giovanni von Mozart – Das ist so eine todsichere Angelegenheit. Jede Menge Opernhits, eine Story mit Sex (meist eher verklemmt), Gewalt, Mord, Grusel und Höllenfahrt. Null Risiko für ein Haus, immer ausverkauft. Ein paar hübsche Kostüme, schmuckes Bühnenbild, ein eindrucksvoller steinerner Gast, der vielleicht noch ein bisschen mit dem Arm wackelt, und Papierflammen, die dekorativ aus der Unterbühne hervorzüngeln, dann ist das Publikum glücklich. Dass Intendant Jens Daniel Herzog es sich in Dortmund nicht so leicht machen würde, war abzusehen. Dass er an nahezu allen Fronten auf volles Risiko geht, überrascht trotzdem. 

Wie schon seit Jahren baut Mathis Neidhardt auch für diese Inszenierung von Jens Daniel Herzog die Bühne. In das Portal stellt er eine schwarz gestrichene Wand mit zwei Türen an der Seite. Einige Ornamente deuten Rokoko an, zwei goldene Treppen führen in die Unterbühne. In einer raumgreifenden Aussparung in dieser Wand sitzt das Orchester. Das ist vor allem aus akustischen Gründen klug. Das Dortmunder Opernhaus verfügt leider über keine allzu gute Akustik und der Klang aus dem Orchestergraben geht direkt über das Parkett hinweg in den ersten Rang. Selbst bei großen Besetzungen ist das Orchester oft zu leise und auch zu undifferenziert hörbar. Durch die Platzierung auf der eigentlichen Bühne ist dieser Makel ausgeglichen, selbst wenn sich ein schwarzer Gaze-Vorhang vor das Orchester senkt. So ist auch bei der relativ kleinen klassischen Mozart-Besetzung ein guter, präsenter Klang gesichert, wenn es auch im Tutti gelegentlich etwas dumpf und undurchsichtig aus der Box schallt.

Die eigentliche Handlung spielt sich auf der Vorbühne und dem gedeckelten Orchestergraben sowie einem Steg, der weit in das Parkett hineingebaut ist, ab. Hier setzt Herzog seine Sängerinnen und Sänger brutal der Nähe zum Publikum aus. Das ist gesanglich durchaus eine Herausforderung, denn bei dieser Unmittelbarkeit ist wirklich alles zu hören. Kein Verstecken im Orchesterklang, unbarmherzig ist jede kleinste Ungenauigkeit zu hören. Um es vorweg zu nehmen: Insgesamt behaupten sich die Sängerinnen und Sänger recht gut in dieser schwierigen und ungewohnten Situation.

Das eigentliche Ziel dieser ungewöhnlichen Bühnensituation, die unterstützt wird indem über weite Strecken das Saallicht angeschaltet bleibt (schon im Schauspiel oft als Zumutung empfunden, für das Opernpublikum fast eine Frechheit), ist aber ein inszenatorisches. Jens Daniel Herzog holt damit die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes ganz nah an das Publikum heran. Und so einfach dieser Kunstgriff wirken mag, er funktioniert. Zu Beginn versammeln sich die acht Personen der Handlung nacheinander auf der Bühne und nehmen auf einer Reihe Stühle mit Blick in den Zuschauerraum Platz. Sie blättern in Programmheften und spiegeln so das Publikum. Die Ouverture setzt ein, der Komtur braucht nur wenige Takte, um einzunicken, ganz so wie die hochrangigen Vertreter der Dortmunder Stadtgesellschaft, die auch nur zu Opernpremieren gehen, weil man sich da halt blicken lassen muss. Dann klingelt Don Ottavios Handy und statt es unauffällig auszuschalten, geht er ran und verlässt erst nach mehrmaliger Aufforderung wenig dezent die Stuhlreihe. Als Masetto aufgrund eines nicht zu bändigenden Hustenanfalls seinen Platz räumen muss, scheint er fast erleichtert. Vermutlich ist er nur seiner Zukünftigen zuliebe mitgekommen. Die sitzt da, blickt Kuhäugig ins Publikum und genießt die Oper vor allem als ersten Ausflug in eine bessere Gesellschaft, die ihr bisher verwehrt war. Als sich die Reihe schon einigermaßen gelichtet hat, ergreift Don Giovanni zuerst Donna Annas Knie und dann die Gelegenheit sie gleich hinter der Stuhlreihe und dem Rücken von Leporello schnell mal durchzuvögeln. Bis auf Letzteres ist also auf der Bühne alles genau so wie im Zuschauerraum.

Da sitzt sie also, die etwas bessere Dortmunder Gesellschaft, die in die Oper geht, um etwas zu erleben, ein bisschen wilde Leidenschaft oder blutige Rache – auf jeden Fall genau das, was man in seinem echten Leben vermisst, weil man viel zu wohlerzogen ist. Und das ist die Geschichte, die Jens Daniel Herzog mit seiner Inszenierung erzählt. Auf eine sehr unangestrengte und schlüssige Art. Natürlich ist Don Giovanni ein skrupelloses Arschloch. Aber er ist auch eine Folie, auf die alle um ihn herum ihre unerfüllten Wünsche projizieren. Und genau das wird ihm letztlich zum Verhängnis. Die Frauen, die ihm verfallen sind, aber ihn nicht zähmen und in eine dauerhafte Beziehung zwingen können. Die Männer, die an Don Giovanni ihre eigene sexuelle Unzulänglichkeit erfahren. Beständig gibt sich diese Gesellschaft einem Exzess mit angezogener Handbremse hin. Da wird gerne mal ein Gläschen Champagner zu viel getrunken, da verliert Masetto mal kurz seine Contenance, wenn Zerlina ihm mit der Hand in die Hose geht, aber an die Zügellosigkeit von Don Giovanni, seinen unbedingten Freiheitswillen, reichen sie alle nicht heran. Zuletzt überspannt der Wüstling den Bogen, als Don Ottavio ihm eine Pistole vor das Gesicht hält. Und was ist Don Giovannis Reaktion? Er fasst ihn am Arm, zärtlich, nicht um die Pistole zur Seite zu schieben, sondern um ihn zu sich zu ziehen und lang und intensiv auf den Mund zu küssen. Dieses Verlassen des Heteronormativen ist letztlich der Auslöser, dass auch die brave bürgerliche Gesellschaft aus der Bahn gerät und ihre moralische Grenze überschreitet. Wenigstens ein einziges Mal, nicht in der Lust, sondern im Mord. In Dortmund fährt Don Giovanni nicht in eine flammende Hölle, sondern wird vom aufgebrachten Mob gelyncht. Seine Leiche liegt noch auf der Bühne, wenn sich alle wieder zusammenraufen und ihr braves moralinsaures Schlussensemble zum Besten geben. So zynisch kann ein Mozart sein.

Ein großes Lob gebührt Sibylle Gädeke, die mit ihren Kostümen das Konzept der Inszenierung perfekt stützt. Sie schneidert moderne Gesellschaft- und Abendgarderobe, die so zeitlos daherkommt, dass man sich nie fragen muss, in welcher Zeit die Handlung spielt.

Musikalisch bieten die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz einen flotten Mozart. Die Donna Anna von Eleonora Marguerre ist auch ein in den Koloraturen überaus sicherer durchsetzungskräftiger Sopran, der gelegentlich aber etwas zu metallisch klingt. Morgan Moodys kraftvoller Bass stattet den Leporello mit intensiver Charakterzeichnung aus. Bei Christian Sist als Komtur würde man sich gerade im zweiten Akt einen etwas sonoreren Klang wünschen. Emily Newtons Donna Elvira ist wieder einmal über jeden Zweifel erhaben. Und Tamara Weimerich bietet einen wunderbar jugendliche – gelegentlich vorwitzige – Zerlina. Sangkin Lees Masetto ist sowohl stimmlich wie spielerisch sehr präsent. Bei Lucian Krasznecs Don Ottavio entsteht allerdings gelegentlich der Eindruck, dass Mozart nicht sein Kerngebiet ist. Schwachpunkt ist Gerardo Garciacano in der Titelpartie. Zwar bringt er optisch alles mit, was ein überzeugender Verführer braucht, sein Bariton klingt aber besonders im ersten Akt stets leicht belegt und lässt Durchsetzungsvermögen und Stahlkraft vermissen. Das ist besonders deshalb problematisch, da er mit Masetto, Leporello und Komtur die Stimmlage teilt. Die überaus klangschöne Begleitung der Rezitative durch Cembalo und Cello am linken Bühnenrand gepaart mit der großen Lust aller Sänger an intensiver Rollenzeichnung sei hier besonders hervorgehoben, da so die zahlreichen bekannten Arien nicht zu einem zusammenhanglosen Hitpotpourrie verkommen, sondern ein echter dramatischer Fluss entsteht, der diesen Dortmunder Don Giovanni zu Musiktheater im besten Sinne macht. Jens Daniel Herzog ist hier eine originelle wie glaubwürdige Interpretation eines vielgespielten und vom Publikum totgeliebten Klassikers gelungen.

 

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[…] Ruhrbarone […]

Billy
Billy
9 Jahre zuvor

Ich habe weder ein ‚metallisches Klingen‘ bei Eleonore Marguerre gehört, noch war Gerardo ‚belegt‘. Ein Problem habe ich damit, dass Künstler schwierigste Arien mit ‚körperlichen Herausforderungen‘ verbinden müssen. Zudem haben eindeutige sexuelle Gesten auf einer Opernbühne nichts verloren. Die Inszenierung war weder originell noch glaubwürdig. Die Musiker waren allesamt spitze. Da sind sich die Profis alle einig.

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